Zur Ausgabe
Artikel 25 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Um die Schach-Weltmeisterschaft

aus DER SPIEGEL 40/1981

werden von Donnerstag dieser Woche an im Südtiroler Kurort Meran ein Sowjet- und ein Exilrusse kämpfen: der 30jährige Titelverteidiger Anatolij Karpow aus Moskau und sein 20 Jahre älterer Herausforderer Wiktor Kortschnoi aus der Schweiz.

Das Recht auf diesen Titelkampf erwarb Kortschnoi um die Jahreswende 1980/81, als er ebenfalls in Meran das Kandidatenfinale gegen den Deutschen Robert Hübner gewann. Der Kölner Großmeister hatte das Match nach acht beendeten und zwei abgebrochenen Partien beim Stand von 4 1/2 zu 3 1/2 Punkten für Kortschnoi aufgegeben.

Der linientreue Karpow und der antisowjetische Kortschnoi kämpfen zum zweiten Male um die Weltmeisterschaft. 1978 konnte sich der Sowjet-Profi in Baguio City auf den Philippinen in einem dreimonatigen Match gegen seinen Ex-Landsmann nur knapp durchsetzen.

Die beiden Schachgenies lieferten sich auf den Philippinen psychologische Kämpfe, über die mehr geschrieben wurde als über ihre Partien. Schimpfkanonaden und Streit um Fahnen, Sessel und Figuren gehörten ebenso dazu wie Ablenkungs- und Hypnoseversuche.

Das Psycho-Duell der beiden Russen ähnelte dem bis heute spektakulärsten Titelkampf der Schachgeschichte, den 1972 der damalige sowjetische Weltmeister Boris Spasski gegen den US-amerikanischen Herausforderer Bobby Fischer im isländischen Reykjavik verlor (SPIEGEL-Titel 32/1972).

Nach dem Triumph, der Beste der Welt zu sein, scheint Fischers Leben in einer Tragödie zu enden. Als Weltmeister hat der Amerikaner keine einzige Partie mehr gespielt. Wie vom Schachsport hat er sich auch aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Selbst früheren Freunden ist unbekannt, wo und wie er lebt.

Seit Fischers Sturz vom Schachgipfel ins Nirgendwo wird spekuliert, ob sein Verhalten auf eine geistige Erkrankung zurückzuführen ist.

Mehrere berühmte Schachspieler starben in geistiger Umnachtung, darunter auch zwei Weltmeister: der Amerikaner Paul Morphy (1884) und der Österreicher Wilhelm Steinitz (1900).

Das Thema Schach, Genie und Wahn erörtern:

Robert Hübner, 32, Altphilologe und seit 1970 Schachgroßmeister. Hübner hat nach dem Reglement des Weltschachbundes das Recht, sich in der nächsten WM-Runde 1983/84 als einer von acht Kandidaten an den Endkämpfen zu beteiligen.

Paul Matussek, 62, leitet in München die Forschungsstelle für Psychopathologie und Psychotherapie in der Max-Planck-Gesellschaft und ist Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität München. Er schrieb unter anderem Bücher über »Endogene Depression« und »Kreativität als Chance« und gab das Buch »Psychotherapie schizophrener Psychosen« heraus.

Dietrich Dörner, 43, ist Professor für Psychologie an der Universität Bamberg und schrieb unter anderem das Buch »Problemlösen als Informationsverarbeitung«.

Hans Eberspächer, 38, ist Professor für Sportwissenschaft an der Universität Heidelberg, Mitherausgeber eines Handbuches zur »Praxis der Psychologie im Leistungssport« und Autor eines 1982 erscheinenden Buches über »Sportpsychologie«.

Adriaan de Groot, 67, war Professor für Psychologie an der Universität Amsterdam und ist als Emeritus nun Extraordinarius an der Universität Groningen. Er schrieb unter anderem das Standardwerk »Thought and Choice in Chess«.

Helmut Pfleger, 38, ist Arzt für Innere Medizin und Psychotherapeut und arbeitet als wissenschaftlicher Assistent an der Medizinischen Universitäts-Poliklinik in München. Er ist Schachgroßmeister und Schach-Mitarbeiter des Fernsehens.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 25 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.