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AFFÄREN / PANORAMA Um Knopf und Kragen

aus DER SPIEGEL 43/1963

Der Abgeordnete des Deutschen Bundestages Dr. Konrad Adenauer, 87, teilt seine Bank in der ersten Reihe des Plenarsaales seit letztem Dienstag mit dem Flensburger CDU-Abgeordneten und Fraktionsgeschäftsführer Will Rasner, 43.

Rasner, so beschrieb der Starporträtist »Bonner Köpfe«, Walter Henkels, im vergangenen Jahr das Verhältnis des einen zum anderen, hat »die Angewohnheit auf eine verwirrende Weise unentwegt mit dem Kopf zu nicken, wenn der Bundeskanzler etwas sagt; und er schaut dann in die Runde, ob man auch bemerkt hat, daß er mit dem Kopf nickte«.

Er ist der einzige führende Christdemokrat, der nach dem Kriege jahrelang ein konfessionsloses Dasein führte; erst 1952, im Jahr seines Parteieintritts in die CDU, kehrte er auch in den Schoß der protestantischen Kirche zurück.

Mit schwarz-gewelltem Haar und unsteten Augen hinter dunkler Brille hat sich der junge Christdemokrat in einem Dezennium durch Fleiß und Beflissenheit,

Intelligenz und Intoleranz als Fraktionseinpeitscher ins vorderste Glied der Staatspartei gezwängt. Den ersehnten Sprung ins Kabinett jedoch hat der ehrgeizige Vorderbankler trotz allen Ruderns auch diesmal nicht geschafft.

Rasner ist der Barsig der CDU. Beide - der eine als Sprecher des SPD -Vorstandes, der andere als Geschäftsführer seiner Fraktion - sind mit dem verletzenden Wort flink zur Hand, wenn es gilt, im Namen ihrer Partei Gift zu träufeln.

Rasners Nebenmann Adenauer hat sich als Bundeskanzler »um das Vaterland verdient gemacht« (Eugen Gerstenmaier). Von Will Rasner konnte das noch niemand sagen. Aber um das Wohl der Partei hat er sich in den vergangenen vier Wochen verdient gemacht wie kaum ein anderer Abgeordneter in so kurzer Zeit.

In »Schlachterlaune« (so der SPD -Abgeordnete und Fraktionsgeschäftsführer Karl Mommer) hat der ehemalige Journalist (beim »Flensburger Tageblatt") Rasner die Pannen anderer deutscher Journalisten ausgeschlachtet, um in der kurzen Frist zwischen dem Ausbruch des letzten großen politischen Skandals der Ära Adenauer und dem Amtsantritt Erhards eine Affäre hochzuspielen und dadurch die Verfehlungen der abtretenden Regierung zu übertünchen. Der Abhör-Skandal ging vorübergehend in der Panorama-Affäre unter.

Anfang September hatten deutsche Reporter berichtet: Im Verfassungsschutzamt helfen ehemalige SS- und SD -Männer mit, auftragsgemäß das demokratische Grundgesetz zu schützen, indem sie unter anderem mit Hilfe alliierter Sicherheitsdienste das im Grundgesetz verankerte Post- und Fernmeldegeheimnis durchlöchern.

Am zweiten Sonntag jenes Monats, »zehn Minuten vor dem Kirchgang« im heimatlichen Brennberg, war daraufhin dem deutschen Verfassungsminister Hermann Höcherl am Telephon der Ausruf entschlüpft, die ihm unterstellten staatlichen Verfassungshüter könnten »nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen«.

Es war die Sprache eines Bayern, der das erhellende Wort »etwas außerhalb der Legalität« gefunden hatte.

Die Opposition forderte eine Untersuchung. Der Justizminister bezeichnete die von den Verfassungshütern geübte Praxis als verfassungswidrig. Der Kanzler schwieg. Das Regime Adenauer, dessen Niedergang durch die Staatskrisen der vergangenen Jahre eingeleitet worden war, drohte in einem Skandal zu verenden.

Am Montag, dem 23. September, beschäftigte sich die Fernsehsendung »Panorama« im Ersten Programm mit dem Abhör-Krach in Bonn. Dort hieß es wörtlich:

»Den geradezu unverantwortlichen Leichtsinn, mit dem solche Kontrollpraktiken ausgeübt worden sind, zeigt der folgende Fall, der der Öffentlichkeit bislang verborgen ist. Im Jahre 1952 wurde der fraktionslose Abgeordnete Franz Ott gefaßt. Er hatte aus dem Bundestag ständig und ohne seinen Namen zu nennen, Frauen in Bonn und Umgebung angerufen und ihnen ziemlich eindeutige Vorschläge für eine gemeinsame Freizeitgestaltung gemacht. Um diesem Anonymus, der das Ansehen des Bundestages ramponierte, auf die Schliche zu kommen, ließ die Ermittlungsbehörde in der Telephonzentrale des Bundestages mit Billigung des Präsidiums eine Abhöranlage einbauen, die es erlaubte, durch Knopfdruck

sämtliche Gespräche des hohen Hauses zu überwachen. Ott wurde gestellt und legte später sein Mandat nieder. So weit, so gut.

»Dann aber geschah etwas Unbegreifliches. Man vergaß, die Abhöranlage wieder auszubauen. Sie blieb ganz einfach dort, wo sie einmal war. Sicher wüßte mancher deutsche Abgeordnete gern, wer in den folgenden Jahren diese Anlage bedient hat. Denn es vergingen zehn Jahre, ehe der SPD-Abgeordnete Dr. Friedrich Schäfer von der skandalösen Tatsache erfuhr. Er wandte sich sofort an die Direktion des Bundeshauses, und dann erst, im Sommer 1962, wurde das Gerät entfernt. Dr. Schäfer hat uns am Wochenende diesen Tatbestand auf Anfrage bestätigt.

»Hier, in der Telephonzentrale des Bundestages, sind die Schildchen 'überwachen' noch heute zu lesen. Der dazugehörige Knopf ist jetzt entfernt. Wer hat ihn zehn Jahre hindurch bedient?«

Diese »Panorama«-Darstellung nahm nur den 13. Teil der Abhör-Sendung ein. Aber sie war unkorrekt. Obgleich in ihrer Bedeutung mit dem Verfassungsbruch der Verfassungsschützer nicht zu vergleichen, wurde sie zum Feigenblatt der Regierung.

»Hysterie und Heuchelei laufen jetzt in der Abhör-Affäre ein halsbrecherisches Wettrennen«, schrieb »Politiken« in Kopenhagen, »heute hat die CDU/ CSU endlich einen Sündenbock gefunden, der mit der Affäre nicht das geringste zu tun hat, jedoch als Blitzableiter verwendet werden kann - die 'Panorama'-Sendung.«

»Panorama«, seit langem gegenüber dem Adenauer-Regime die am kritischsten eingestellte Fernseh-Sendung, wurde so zum unfreiwilligen Retter des abtretenden Gegners.

Die vierzehntägliche Sendung »Panorama« ist die gemeinsame Schöpfung zweier Journalisten:

- des pummeligen Rüdiger Proske, einst Redakteur der »Frankfurter Hefte«, der 1952 zum Funk überwechselte;

- des spitzbärtigen Gert Franz-Joseph von Paczensky und Tenczin,

einst Außenpolitiker der »Welt«, der 1960 in das Fernsehen einstieg.

Damals übernahm Paczensky die Sendereihe »Spiegel der Zeit«. Zusammen mit seinem Hauptabteilungsleiter für Politik und Zeitgeschehen beim NDR-Fernsehen, Rüdiger Proske, entwickelte er im Laufe der Zeit daraus »Panorama - Berichte, Analysen, Meinungen« und stieß damit 1962 bis ins Abendprogramm des Ersten Programms vor.

Die »Panorama«-Redaktion - Proske und Paczensky wirkten gemeinsam als Herausgeber; Paczensky hatte die eigentliche Redaktionsleitung - war hochmütig; vor dem ausgehängten Schild »Hier schneidet Panorama« strichen alle Fernseh-Kollegen im Studio Hamburg-Lokstedt die Segel. Alle Sendungen waren unverhüllt voreingenommen; obwohl Proske und Paczensky nicht SPD-Mitglieder sind, attackierten sie kaum jemals SPD oder Gewerkschaften. Und »Panorama« war erfolgreich:

»Panorama« von Proske und Paczensky wurde die meistgesehene und meistbeachtete

politische Sendung des Deutschen Fernsehens; auf der Infratest -Bewertungstabelle von minus 10 bis plus 10 erreichte sie plus 6.

Parallel dazu schuf sich die »P. und P.«-Produktion die meisten und mächtigsten Gegner. Der französische Botschafter protestierte in Bonn gegen eine Algerien-Sendung, der belgische Botschafter gegen eine Kongo-Reportage von Paczensky.

Der Geschäftsführende CDU-Bundesvorsitzende und Verwaltungsratsvorsitzende des Westdeutschen Rundfunks, Joseph-Hermann Dufhues, klagte, »Panorama« verstoße laufend gegen die Prinzipien von Wahrhaftigkeit und Objektivität. Bundesverteidigungsminister von Hassel machte sich laut Sorgen, »welche Leute bei den Rundfunkanstalten beschäftigt sind«. Und als »Panorama« in einem Bericht über die Fibag -Spezis den Rücktritt des damaligen Bundesverteidigungsministers Strauß forderte, stellte der Programmbeirat

des Deutschen Fernsehens in Köln »übereinstimmend« fest, das sei »unmöglich«.

Von den »beiden linksintellektuellen Autoren« (so die der CDU nahestehende »Politisch-Soziale Korrespondenz") Proske und Paczensky wurde vor allem der angriffslustige Offizierssohn aus schlesischem Uradel als Exponent jener Clique von Links-Intellektuellen (siehe Seite 44) angeprangert, die nach Ansicht der CDU-Staatspartei die politische Unschuld des bundesdeutschen Fernsehens zu vergiften drohte.

»Christ und Welt« jammerte über den »kinnbärtigen Fernseh-Mephisto«, der während der SPIEGEL-Krise die Regierung schonungslos angegriffen hatte. Und »Bild«, von »Panorama« miesgemacht, forderte in einer Anti-Panorama-Kampagne: »Der Spitzbart muß weg.«

Der Spitzbart mußte weg. Obgleich NDR-Intendant Schröder noch im März dieses Jahres versicherte, »Herr von Paczensky wird aus »Panorama« nicht entfernt«, wurde im Mai vom NDR -Verwaltungsrat (je vier SPD- und CDU -Räte) sein Vertrag nicht verlängert; die CDU-Räte hatten ihre SPD-Kollegen mit der Drohung zur Kapitulation gezwungen, durch Auszug das Gremium beschlußunfähig zu machen. Die Sozialdemokraten wollten die traute Proporzgemeinschaft im Norddeutschen Rundfunk nicht gefährden und ließen Paczensky fallen.

Rotbart Paczensky trat am 1. August dieses Jahres als stellvertretender Chefredakteur in den »Stern« ein. Sein Partner Proske blieb Leiter der für »Panorama« verantwortlichen Hauptabteilung Politik und Zeitgeschehen beim NDR -Fernsehen und »Panorama«-Herausgeber: Er fand - für sechs Monate auf Probe - einen neuen »Panorama« -Redakteur in dem Londoner NDR-Korrespondenten Dr. Karl-Heinz Wocker, 35, einem gediegenen politischen Journalisten ohne Fernseh-Erfahrung.

In der alten »Panorama«-Crew, der Paczensky den Glauben eingepflanzt hatte, »Panorama« sei die wichtigste Opposition der deutschen Publizistik, und die auch nach seinem Fortgang

ständig Rat in seiner Privatwohnung im Hamburger Licentiatenweg suchte, stieß Wocker zunächst auf Ablehnung.

Auch mit dem verantwortlichen Hauptabteilungsleiter Proske, der seine Rede gern mit englischen Worten und zackigen Ausdrücken wie »Ende der Durchsage« schmückt, gab es Schwierigkeiten. Proske

- Unterschriften nur morgens zwischen

neun und zehn - legte Wert darauf, daß sein Name bei »Panorama«-Sendungen im größtmöglichen Schriftgrad erschien.

So bat Wocker, nach London zurückkehren zu dürfen, noch ehe seine letzte »Panorama«-Sendung über Millionen Bildschirme flimmerte: der Abhör -Skandal in Bonn.

Dr. Wocker, der für seine Sendung verschiedene Bundespolitiker - darunter Innenminister Höcherl, Justizminister Bucher und Bundestagsvizepräsident Carlo Schmid - interviewte, saß am Dienstag, dem 17. September, vormittags um zehn im Großen Sitzungssaal der SPD-Baracke dem Sprecher des SPD-Parteivorstandes, Franz Barsig, gegenüber.

Barsig gab vor Mikrophonen und Kameras eine nur von ihm ernstgenommene Episode zum besten: In einem Telephongespräch, das er mit einem höheren Bundesbeamten führte, habe plötzlich eine Stimme getönt: »Das brauchen wir nicht mitzuschneiden.«

Nach der Aufnahme bemerkte Wocker, daß sie 23 Sekunden zu lang geraten war. Sie mußte wiederholt werden. Sprecher Barsig wurde neu ausgeleuchtet. Das dauerte etwa drei Minuten. In dieser Frist berichtete Barsig, er habe von »einem Abgeordneten einer anderen Partei« von einer wegen MdB Ott installierten und wegen MdB Schäfer demontierten Abhör-Vorrichtung in der Bundeshaus-Telephonzentrale erfahren. Wocker müsse unbedingt den Abgeordneten Schäfer darüber befragen.

»Panorama«-Wocker tat wie ihm geheißen. Zwei Tage später, am Donnerstag, dem 19. September, nachmittags um fünf Uhr, telephonierte er vom Bonner Büro der »Stuttgarter Zeitung« aus mit dem Geschäftsführer der SPD-Fraktion Friedrich Schäfer in der Polizei-Schule Freiburg im Breisgau, wo der Abgeordnete einen Vortrag hielt.

Wocker konnte in diesem Telephongespräch nicht nur mitteilen, was der SPD-Sprecher Barsig beim Ausleuchten ausgeplaudert hatte, sondern auch, was sein eigenes Kamera-Team wenige Stunden zuvor gefilmt und gesehen hatte:

Mit ausdrücklicher Genehmigung der Bundestagsverwaltung, Aufnahmen für eine Sendung über die Abhör-Affäre im Bundeshaus zu machen, hatte das Kamera-Team ohne Wocker in der Telephonzentrale gedreht und dabei auf entsprechenden Hinweis eines Bundestagsangestellten auch eine Taste mit der Aufschrift »überwachen, so groß auf Zelluloid gebannt, daß deutlich das Fehlen des dazugehörigen Bedienungsknopfes sichtbar wurde.

Für Wocker erschien der fehlende »überwachen«-Knopf als Bestätigung der Barsig-Information. Und dem SPD -Abgeordneten Schäfer, mit dem er am Nachmittag des gleichen Tages telephonierte, erging es nicht anders. Schäfer zu Wocker: »Da sind Sie aber gut informiert.«

In Wahrheit war SPD-Fraktionsgeschäftsführer Schäfer selber schlecht informiert. Er, der erst seit 1957 dem Bundestag angehört, hatte genau wie Barsig nur durch Gerüchte vom angeblichen Einbau einer Abhöranlage im Fall des Bundestagsabgeordneten Ott erfahren. Und nur einem Gespräch, das er im Sommer 1962 mit dem Stellvertretenden Bundestagsdirektor Kalveram über Abhör-Möglichkeiten im Parlamentsgebäude deshalb geführt hatte, glaubte er indirekt entnehmen zu können, daß entsprechende Vorrichtungen im Bundeshaus bestanden hätten.

Kalveram, der heute beteuert, der Abgeordnete Schäfer müsse ihn mißverstanden haben, räumt ein, daß er in dem damaligen Gespräch von dem SPD-Abgeordneten auf angebliche Abhör-Vorrichtungen angesprochen worden sei.

Trotz dieser nur vagen Kenntnisse soll Schäfer laut Wocker in dem Telephonat am Donnerstag, dem 19. September, dem »Panorama«-Mann erklärt haben: »Da Sie es ja alle schon wissen, kann ich es Ihnen ja, bestätigen. Ich muß Sie allerdings darauf hinweisen, daß ich erst seit 1957 dem Bundestag angehöre.«

Am nächsten Tag, Freitag den 20. September, sollte ein Telephongespräch zwischen Wocker und Schäfer in Bild und Ton aufgenommen werden, in dem der Bundestagsabgeordnete die Angaben noch einmal bestätigen würde.

Doch am Vormittag jenes Tages beriet sich Schäfer mit seinem Parlamentskollegen Karl Mommer. Der riet von einer Mitwirkung in der »Panorama«-Sendung ab.

Während ein von Wocker für diesen Anlaß ausgeborgtes Kamera-Team des Süddeutschen Rundfunks bereits in Schäfers Wohnung, Tübingen-Lustnau, Eduard-Haber-Straße 12, hockte und sich ein norddeutsches Team in Wockers Arbeitszimmer im Fernseh-Studio Lokstedt aufnahmebereit machte, kam es an jenem Freitag gegen drei Uhr nachmittags zum letzten Telephongespräch zwischen dem Reporter und dem Abgeordneten.

MdB Schäfer, der Wocker schon durch Barsig hatte bestellen lassen, daß er nicht in der Sendung auftreten wolle, wiederholte seine Absage. Wocker ("Ich kann mir doch einen solchen Knüller nicht entgehen lassen") erwiderte, dann werde er ein Photo von Schäfer zeigen und dazu sagen: »Herr Schäfer hat uns am Wochenende diesen Tatbestand (der zeitweiligen Abhöranlage im Bundeshaus) bestätigt.«

Nach einem geruhsamen Wochenende für alle Beteiligten trieben am Montag, dem 23. September, die Ereignisse mit ständig zunehmendem Tempo der Entscheidung entgegen.

Schäfer, von Gewissensbissen geplagt, ruft um zwölf Uhr mittags Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier in dessen Hause an, um ihn zu einer Intervention beim Fernsehen zu bewegen. Im Detail schildert er dem Präsidenten die Abhör-Version, wie sie ihm und dem Fernsehen bekanntgeworden ist. Bundestagspräsident Gerstenmaier nimmt den Vorfall nicht zu tragisch. »Ich bin keine Zensur-Stelle«. Um Zeit zu gewinnen, prüfen zu können und sich zu erkundigen, ob irgendwelche Anfragen des Fernsehens vorliegen, beruhigt er den Abgeordneten: »Laufen Sie den Kerlen doch nicht nach. Wir können hinterher immer noch ein Kommuniqué machen.«

Im Hamburger Fernseh-Studio hat unterdessen die Abnahme der für den Abend angekündigten »Panorama«-Sendung begonnen. Seit der Sendung über die SPIEGEL-Affäre ist angeordnet, daß entweder Intendant Schröder (SPD) oder sein Stellvertreter Ludwig von Hammerstein (CDU) das Programm anschauen müssen, bevor es ausgestrahlt wird. Hammerstein: »Wir wollen wenigstens vorher sehen, wofür wir hinterher geradestehen müssen.«

Einstweilen wird als heikler Punkt der Abhör-Affäre allerdings keineswegs die Bundestagspassage betrachtet, sondern

vielmehr das Interview eines »Panorama«-Mitarbeiters mit dem damals flüchtigen Verfassungsschützer Patsch. Kurz nach dem Mittagessen treffen Meldungen ein, daß der Generalbundesanwalt den Fall Patsch an sich gezogen habe; das Verfassungsschutzamt warnt Hammerstein davor, den Fall Patsch aufzugreifen. Hammerstein verfügt: Die Patsch-Sendung muß entfallen. Intendant Schröder stimmt zu und befiehlt, alle Filme einschließlich der Schnittreste sollen in seinen Safe gebracht werden: »Da kommt keiner 'ran.«

Gegen 16 Uhr wird in Anwesenheit von Wocker, Schröder und Hammerstein auch der Abhör-Streifen aus Bonn vorgeführt. Proske und Wocker versichern, es sei alles in Ordnung; Beanstandungen gibt es nicht.

Wocker selbst führt eine Stunde später ein Telephongespräch mit einem Kollegen, das ihn in der Annahme bestärkt, richtigzuliegen. Der Kollege, der Bonner Korrespondent der »Stuttgarter Zeitung« Carl-Christian Kaiser, hat zu jener Zeit bereits über eine von der Nachrichtenagentur dpa mit Sperrfrist verbreitete Meldung, die den Inhalt der bevorstehenden »Panorama« -Sendung wiedergibt, mit dem Abgeordneten Schäfer telephoniert. Schäfer bestätigte noch einmal die in der Fernseh -Sendung gemachten Angaben »ohne Einschränkung«.-Und dies erzählt jetzt Kaiser dem Wocker.

Die Abendsendungen des Ersten Programms beginnen wie stets um 20 Uhr mit der Tagesschau. Hauptabteilungsleiter

Proske schaut einige Minuten lang auf den Nachrichtensprecher. Dann steht

er auf, um sich für die anschließende »Panorama«-Sendung schminken zu lassen. Da klingelt das Telephon. Proske kehrt noch einmal in sein Zimmer zurück. Am Telephon ist Bundestagsdirektor Troßmann. Es ist 20.04 Uhr.

Proske, der den Namen nicht richtig versteht, hört, daß es sich um Beanstandungen wegen der Abhöranlage im Bundeshaus handelt und sagt: »Ich muß schnell zur Sendung. Ich hole Herrn Wocker.«

Wocker kommt an den Apparat. Troßmann bezieht sich auf die von der Nachrichtenagentur dpa verbreitete Meldung und erklärt, die Angaben seien unrichtig.

Wocker erscheint es zu spät, etwas zu unternehmen, und auch nicht erforderlich. Er schickt dem vor den Kameras sitzenden Proske keine Nachricht ins Studio, sondern teilt ihm erst nach der Sendung mit: »Troßmann hat behauptet, es sei alles falsch, aber haben Sie keine Sorge, es ist alles richtig.«

Nichts war richtig. Der Abgeordnete Ott, der fremde Damen durchs Telephon belästigte, war 1952 nicht durch eine Abhöranlage im Bundeshaus überführt worden. Die Gespräche wurden auf Antrag eines Bonner Bürgers außerhalb des Bundeshauses festgehalten. Im Parlament blieb nur zu ermitteln, von welcher Nebenstelle aus das laufende Gespräch geführt wurde.

Da keine Abhöranlage eingebaut war, ist auch keine ausgebaut worden. Der fehlende »überwachen«-Knopf gehörte zu einer 1957 eingebauten serienmäßigen Fernsprechzentrale. Er dient normalerweise zur technischen Kontrolle hergestellter Verbindungen und ist Im Bundeshaus auf Anweisung des Parlamentspräsidenten vor Inbetriebnahme der Anlage entfernt worden, eben um jedes Mithören auszuschließen.

Präzise und energisch rückte Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier »die bewußten Fälschungen' zurecht.

Der CDU-Fraktionsgeschäftsführer Will Rasner aber erkannte die Gunst der Stunde. Auf dem Höhepunkt des Abhör-Skandals hatten die Kritiker der CDU ihm unbezahlbaren Sprengstoff zugespielt.

Während CDU-Fraktionschef und Edelmann Heinrich von Brentano den »Panorama«-Informanten gesellschaftlich zu strafen drohte: »Ich werde dem Herrn Schäfer nicht mehr den Gruß bieten, bis der Fall aufgeklärt ist«, ließ sein Einpeitscher Rasner die Peitsche knallen: »Daß 'Panorama' und sein verantwortlicher Leiter, Herr Proske, in oft liederlichem Umgang mit der Wahrheit das Ziel verfolgen, die öffentliche Meinung zu vergiften ... ist nachgerade bekannt.«

In dem drei Tage nach der Sendung tagenden Ältestenrat des Bundestages forderte Rasner die strafrechtliche Verfolgung des NDR-Intendanten Schröder, Proskes und Wockers.

Rasner anschließend vor der Presse: »Es ist von seiten der CDU das Wort 'Ganovenmoral' gefallen.« Dieses Wort hatte der christlich-ehrsame Bundestagsabgeordnete Bausch benutzt.

Rasner erklärte weiter, Bundestagspräsident Gerstenmaier habe gesagt: »Panorama ist der Berufungstitel für alle Feinde Deutschlands.« Dazu Gerstenmaier zum SPIEGEL: »Ich habe in Wirklichkeit gesagt, daß sich alle Feinde Deutschlands darauf hätten berufen können, wenn es tatsächlich im Bundeshaus eine Abhöranlage gegeben hätte.«

Minister Höcherl und seine schnüffelnden Verfassungsschützer waren über Nacht aus den Schlagzeilen verdrängt. Der Krach um »Panorama« beherrschte die Szene. Und kaum war er im Abklingen - zwei Wochen nach der Sendung nahm Präsident Gerstenmaier einen demütigen Brief des NDR-Intendanten Schröder als faire Entschuldigung an und bescheinigte dem Abgeordneten

Schäfer, ihn treffe kein Vorwurf -, da lieferte ein zweiter journalistischer Rohrkrepierer der CDU den Vorwand zu neuem Spektakel.

Diesmal hielt der Krach vor, bis in der vergangenen Woche im Plenarsaal die Laudatio Gerstenmaiers auf den scheidenden Kanzler erklang.

Der ehemalige »Panorama«-Chef Paczensky hatte im »Stern« seinen bedrängten »Panorama«-Helden zu Hilfe eilen wollen und statt dessen den Karren weiter in den Schlamm gefahren.

Der »Stern« enthüllte Anfang Oktober, daß nicht Schäfer, sondern SPD -Pressechef Barsig Erstinformant von »Panorama« gewesen sei. In einem anderen Artikel zur »Panorama«-Affäre in der gleichen Ausgabe behauptete Paczensky in einem Nebenabsatz, die immunen Bundestagsabgeordneten könnten »sogar betrunken Autounfälle verursachen

und straflos ausgehen«. In der Praxis allerdings wird bei Verkehrsunfällen von Bundestagsabgeordneten die Immunität automatisch aufgehoben.

»Was für Brüder, was für Kappen, was für Kumpanei«, höhnte der unermüdliche CDU-Kämpfer Will Rasner. Rachsüchtig, als gehöre er wieder einmal keiner christlichen Konfession an, war es wieder Rasner, der sich am lautstärksten gebärdete und nach dem Kar rief. Er forderte Strafanträge gegen Barsig und Paczensky, der seine falschen Angaben »wider besseres Wissen« gemacht habe.

»Herr Rasner war in einer wahren Schlachterlaune«, entsetzte sich SPD -Abgeordneter Karl Mommer später über die Ältestenratssitzung des Bundestages: »Rasner wollte einfach schlachten.« Geschlachtet wurde allerdings nicht Gert von Paczensky, sondern Rüdiger Proske.

Proske, der seinen Aufstieg im Funk und Fernsehen nicht nur seiner Tüchtigkeit verdankt, sondern auch, daß die höheren Instanzen ihn für einen Sozialdemokraten hielten (obgleich er kein

Parteimitglied ist), hatte sich im Funkhaus in den vergangenen Jahren zu viele Gegner geschaffen.

Ämterfülle und Arbeitsweise des vielbeschäftigten Hauptabteilungsleiters, der von sich selbst sagt, cr habe in den letzten Jahren mehr produziert »als die Sender Frankfurt und Baden -Baden zusammen«, wurden vor allen Dingen vom Intendanten Schröder mit zunehmendem Mißtrauen beobachtet.

Als sich schließlich herausstellte, daß in der umstrittenen Panorama-Sendung nicht nur der Wocker-Streifen über die Abhöranlage im Bundeshaus anfechtbar war, sondern auch ein Beitrag über den ehemaligen Minister Oberländer Anlaß zu massiven Berichtigungsbegehren bot, stellte der unter CDU-Druck stehende Intendant den ,Panorama«-Herausgeber Proske vor die Alternative, entweder selbst um Beurlaubung zu bitten oder beurlaubt zu werden. Dazu Schröder: »Die letzte Panorama-Sendung war nur noch der letzte Tropfen.«

Proske bat um Beurlaubung und wurde kurzerhand abgesetzt. Seine Abteilung wurde zerschlagen: Das politische Programm übernahm Joachim Fest, Sohn eines Zentrum-Politikers aus Berlin, früher selbst CDU-Parlamentarier, aber inzwischen aus der Partei ausgetreten und zuletzt stellvertretender Leiter der Fernsehspiel-Abteilung im NDR. Das Regionalprogramm geht in die Hände von Erhard Herzig, bisher Pressechef der von der SPD geführten niedersächsischen Landesregierung. Proske selbst wird weiterhin als Autor im NDR-Fernsehen arbeiten.

Obwohl die Teilung von Proskes Hauptabteilung administrative und programmliche Vorteile hat, zeigt sie, auf welchen Weg das Fernsehen gedrängt wird, sobald den Parteien ein Anlaß zum Eingreifen geboten wird: auf das Gleis der Partei-Proporzes. So wie Fest der CDU und Herzig der SPD zugeschrieben wird, so teilen sich die Parteien im NDR nicht nur bereits die Intendanten-Posten, sondern auch die Chefredakteurs-Posten im Hörfunk (v. Wrangel für die CDU; Klaus Böling für die SPD).

Da jede der beiden großen Parteien erkennt, daß es ihr unmöglich ist, allein die Macht in Funk und Fernsehen zu übernehmen, finden sie sich in dem gemeinsamen Bestreben, die Massenmedien zu neutralisieren.

Trotz aller Scherereien wollen NDR -Intendant Schröder und Stellvertreter Hammerstein versuchen, »Panorama« zu retten. Schröder: »Dies ist nicht nur eine Prestigefrage für den NDR. Wir müssen auch zeigen, daß es möglich

bleibt, scharfe zeitkritische Sendungen im Deutschen Fernsehen zu zeigen.« Ein neuer »Panorama«-Chef ist noch nicht gefunden.

Außer Ex-Chef Proske gibt es noch einen Leidtragenden der »Panorama« -Affäre: Ludwig Erhard. Durch Will Rasners Eingreifen ist es der CDU gelungen, den Abhör-Skandal bis zum Rücktritt Adenauers durch die Fernseh-Affäre weitgehend zuzudecken. Nun tickt die Zeitbombe, deren Zünder nur verstellt, aber nicht entschärft wurde, unter dem Sessel des neuen Regierungschefs - üble Erbschaft einer Ära, für deren politische Mißstände er nicht verantwortlich ist.

Panorama-Vorspann im Ersten Programm

Um 20.04 Uhr...

Abhör-Taste im Panorama

... ein Anruf aus dem Bundestag

Panorama-Feind Rasner, Nebenmann im Plenarsaal: Wer geht mit der Wahrheit so liederlich um?

Ehemaliger Panorama-Chef Proske

»Was für Brüder...

NDR-Intendant Schröder

... was für Kappen...

Ehemaliger Panorama-Chef von Paczensky

... was für Kumpanei«

Wocker-Informant Barsig

Beim Ausleuchten in der Baracke...

Wocker-Informant Schäfer

... Gerüchte vom fehlenden Knopf...

Panorama-Redakteur Wocker

... der meistgesehenen Sendung zugespielt

Simplicissimus

»Glaubt's mir, Leiteln, i kenn nur oan oanzigen, der wo uns die Panorama-Sendung zünfti machen tat - den Kapfinger von Passau druntn«

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