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»Um mich herum war nur Blut«

Erlebnisse eines gefolterten Häftlings aus Isfahan im Iran Tausende Iraner, als Sympathisanten der linken Opposition, der Mudschahidin, verdächtigt, werden grausam gefoltert. Mehr als hunderttausend Regimegegner will Ajatollah Chomeini demnächst auf eine kahle Insel im Persischen Golf verbannen. Von dem Leidensweg seiner Familie berichtet der nach Paris geflüchtete Händler Hadsch Hassan Ibare Sare dem SPIEGEL. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Ich heiße Hadsch Hassan Ibare Sare. Ich habe eine Frau und fünf Kinder, die in Isfahan wohnten. Nach 45 Jahren intensiver Arbeit war es mir gelungen, dort eine Tankstelle und einen kleinen Ölhandel aufzubauen. Heute bin ich 58 Jahre alt.

Als Chomeini an die Macht kam, glaubten wir alle an ihn. Später merkten wir aber, daß er ein Verräter war. Als erster empfand mein Sohn Ali, 17 Jahre alt, Sympathien für die Mudschahidin. Nachmittags, auf dem Heimweg von der Schule, verkaufte er die Zeitung der Mudschahidin. Er hatte diesen Weg gefunden, seine Ideale auszudrücken, von denen auch ich mich angezogen fühlte.

Nachdem sich meine Einstellung zu Chomeini geändert hatte, vermachte ich der Mudschahidin-Organisation ein Gebäude von sechs Etagen, das mir gehörte und das einen Wert von ungefähr zwei Millionen Franc hatte. Ich gab ihnen auch Geld, stets über meinen Sohn Ali. So machten es auch viele andere Händler des Basars von Isfahan.

Deshalb wohl drangen in der Nacht zum 2. Juli 1981 sogenannte Revolutionswächter (Pasdaran), Anhänger Chomeinis und Todfeinde der Mudschahidin, in unser Haus ein. Ich wachte durch einen Kolbenschlag in die Rippen auf und hörte, daß meine Frau schrie, sah, daß sie Blut auf Schläfen und Wangen hatte. Auch das Gesicht meines Sohnes war voller Blut, man hatte ihm Handschellen angelegt und schlug ihn immerzu. »Wer hat das getan?« rief ich und wurde dafür mit Schlägen auf den Kopf eingedeckt.

Meine drei anderen Söhne, sechs, acht und 15 Jahre alt, wurden von den Agenten des Regimes ebenfalls geschlagen. Sie bluteten aus dem Mund.

Ich kannte die Revolutionswächter, die uns mißhandelten: Mansur Achawan, Ahmed Sare, der Sohn des Ahmed Sanatkar und der Sohn des Resa Taschajot. Nachdem sie uns brutal geprügelt hatten, begannen sie, unsere Wohnung zu plündern und die Einrichtung auf die Straße zu werfen. Sie behielten alle Wertsachen, vor allem Geld. Dieselben Männer sind jetzt als Folterer in Chomeinis Gefängnissen tätig.

Sofort nach unserer Verhaftung wurden uns die Augen verbunden, meinem Sohn Ali, meiner Tochter Aasam und mir. Man brachte uns zum Sitz der Pasdaran, einem Gebäude, in dem früher der Schah-Geheimdienst Savak untergebracht war. Schon bei meiner Ankunft hörte ich die Schreie von Frauen, die gefoltert wurden.

Auf dem Rasen vor diesem Gebäude wurden wir zu Boden geworfen. Am

Morgen konnte ich trotz Augenbinde feststellen, daß auf dieser Wiese 300 bis 400 Menschen gefangen waren, unter ihnen Jugendliche von 13 bis 20 Jahren. Ihre Kleidung war voller Blut. Wir blieben acht bis zehn Tage lang im Freien. Das Essen bestand aus Brot und warmem Wasser.

Schließlich waren wir an der Reihe, verhört zu werden. Mehrere Tage lang schlug man uns mit Kabeln, die einen Durchmesser von ungefähr drei Zentimetern hatten. Sie fingen immer mit den Füßen an und schlugen uns dann den Rücken hinauf bis zum Hals. So brachen sie mir beide Schultern und zwei Wirbel. Das Verhör dauerte zehn bis 15 Tage, regelmäßig wurden wir während dieser Zeit geschlagen, immer im Freien.

Wenn irgendwelche Pasdaran vorbeikamen, traten sie immer auf uns herum. Ich protestierte, als Antwort erhielt ich einen Kolbenschlag, der mir alle Zähne ausschlug, ein anderer spaltete mir die Nase. Danach packten sie mich mit einem Fleischerhaken an der Kehle, die Narben sind noch deutlich zu sehen. Die Schmerzen waren so groß, daß ich ohnmächtig wurde. Als ich wieder zu mir kam, war um mich herum nur Blut. Ich wunderte mich, noch am Leben zu sein.

Ein paar Tage später, immer noch auf dem Rasen vor dem Gebäude der Pasdaran, wurde ich mit verbundenen Augen an einen Baum gebunden, mein Sohn Ali an einen anderen Baum, ebenfalls mit verbundenen Augen. Man sagte mir: »Verrate die Namen der Basar-Händler, die den Mudschahidin helfen. Tust du das nicht, zwingen wir deinen Sohn, dich zu erschießen.« Ich verweigerte die Antwort. Daraufhin taten sie so, als ob ich erschossen würde. Ich hörte die Kugeln, die an meinem Kopf vorbeipfiffen. Sie sagten mir, daß mein Sohn auf mich schieße.

Von Ali verlangten sie, daß er die Namen der Mudschahidin-Führer und ihre Verstecke preisgebe, andernfalls werde er von seinem Vater erschossen. Aber Ali vertraute mir, er wußte, daß ich nie auf ihn schießen würde. Auch ich vertraute meinem Sohn. Die Scheinhinrichtung wiederholte sich an drei aufeinanderfolgenden Tagen, für mich wie für meinen Sohn.

Da sie mit dieser Methode nichts aus mir herausbringen konnten, schleppten sie mich in eine Zelle von ungefähr zwölf Quadratmetern Fläche, ohne Licht. Wir waren 25 Leute. Ali wurde in eine Einzelzelle gebracht. Nach drei Tagen führten sie mich mit verbundenen Augen auf die Wiese zurück. Ich hörte einen ganz schwachen Schrei.

Als ich etwas sehen konnte, erkannte ich meinen Sohn, der durch die vielen Schläge völlig entstellt war. Seine Hände waren an den Ast eines Baumes gefesselt. Er sagte mir, daß der Boden seiner Zelle voller Glasscherben liege und daß seine Füße deshalb bluteten. Sie hatten Ali in diesem Zustand aus der Zelle geholt, an den Baum gebunden und fünf Tage so stehen lassen.

Als ich den Zustand meines Sohnes sah, spürte ich, daß ihn die Agenten Chomeinis nicht lebend hier herauslassen würden. Ich sagte zu ihm: »Sei nicht traurig!« Er gab mir zur Antwort, er sei sehr stark, aber er wolle so bald wie möglich hingerichtet werden. Je länger er noch lebe, desto schlimmer würden sie ihn foltern. Er bat mich, den Mudschahidin-Chef Radschawi im Exil zu grüßen, falls ich aus dem Land herauskäme, was ich ihm versprach. Ich sah Ali nicht wieder.

Etwas später wurde ich ins Gefängnis von Dastgerd verlegt, eines der rund 60 Gefängnisse von Isfahan und Umgebung. Dort erfuhr ich am 29. September 1981, daß mein Sohn mit 54 anderen Gefangenen hingerichtet worden war.

Unter den Opfern waren 17 Kameraden Alis im Alter von 12 bis 17 Jahren. Der Prozeß gegen die 55 Angeklagten hatte nur eine Stunde gedauert, eine Minute für jeden. Um der Bevölkerung Angst zu machen, legten sie die Leichen in Krankenwagen und ließen sie in der Stadt herumfahren. Heute werden Erschießungen nicht mehr angekündigt. Sie finden vielmehr seit einiger Zeit heimlich statt.

Sogar diese Hinrichtungen sind eine Folter, eine barbarische Praxis. Sie feuern zunächst drei Schüsse in die Höhe des Gürtels, um Schmerzen zu bereiten. Nach einiger Zeit schießen sie in den Brustkorb und ins Ohr. Nach etwa neun Schüssen ist das Opfer tot.

Im Gefängnis von Dastgerd gibt es acht Sektionen mit insgesamt 1400 männlichen und 400 weiblichen Häftlingen. Die meisten von ihnen sind Mudschahidin, alle eng zusammengepfercht. Selbst das Atmen wird mühsam. Ich kenne diese Zahlen, weil ich von Sektion zu Sektion verlegt wurde und so zählen konnte.

In meiner Zelle war ein gewisser Nadschaf Bani Mehdi, Kandidat der Mudschahidin bei den Gemeindewahlen der Stadt Schahr-e-Kord, nahe Isfahan. Nadschaf wurde 17 Tage lang brutal gefoltert und starb am 17. Tag. Mit eigenen Augen sah ich seine von Peitschen zerrissenen und mit Blut getränkten Kleider.

Das Regime verkündete im Fernsehen, Nadschaf Bani Mehdi habe Selbstmord begangen. Seine Frau, im Gefängnis Abbas Abad in Isfahan eingesperrt, protestierte gegen die Behauptung, Nadschaf habe sich selbst umgebracht. Die Folterknechte erschossen sie, um sie zum Schweigen zu bringen.

In den beiden erwähnten Gefängnissen verbrachte ich insgesamt 27 Monate. Wegen der Unterstützung der Mudschahidin wurde ich zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Von einem regelrechten Prozeß konnte man indes nicht sprechen. Es gab lediglich einen Mullah, der alles zu entscheiden hatte. In meinem Fall war es der Mullah Masaheri. Er fragte mich: »Kennst du Namen?« Ich antwortete:

»Nein, ich kenne keine.« Und schon war der Prozeß zu Ende.

Da ich alt und sterbenskrank war und ein Fluchtversuch damit ausgeschlossen schien, einigten sie sich darauf, mich ins Krankenhaus zu schicken. Dennoch wurde ich dort von sechs Pasdaran unablässig bewacht. Trotzdem plante ich ständig meine Flucht.

Diesen Plan konnte ich nur mit Hilfe eines Freundes verwirklichen, den ich im Gefängnis kennengelernt hatte: Asis Nasr, selbst eineinhalb Jahre inhaftiert und schließlich mein Begleiter auf der Flucht.

Bevor ich aus dem Krankenhaus verschwand, sah ich meine Frau zum letzten Mal. Aufgrund der Schläge auf den Kopf und des Schicksals ihres Sohnes war sie wahnsinnig geworden. Meine Tochter Aasam, die überhaupt nichts getan hatte und von nichts wußte, erhielt lebenslange Haft, später wurde die Strafe auf fünf Jahre reduziert.

Meine Tochter ist immer noch im Gefängnis. Sie ist schwer krank, ihre Nieren sind durch Schläge geschädigt. Sie erhält keinerlei Pflege. Mein jüngerer Sohn ist nach neunmonatiger Folter ebenfalls leidend und uriniert Blut. Der Rest meiner Familie lebt nach wie vor in Isfahan.

Nachdem ich meinen Bewachern entkommen war, las ich überall an den Mauern Isfahans die Parole: »Nieder mit Chomeini!« Ich erfuhr auch, daß die Bevölkerung sich weigerte, ihre Söhne an die Front zu schicken, obwohl Isfahan einst als Hochburg des Regimes galt, in der auch der Krieg gegen den Irak sehr populär war.

Jetzt schickten die Familien ihre Söhne aufs Land, um sie vor den Pasdaran in Sicherheit zu bringen. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie die Polizei die Ausgänge von Kinos blockierte, um junge Männer für die Front zu fangen. Sie wurden mit Gewalt festgehalten, in Jugendlager gesteckt, ohne daß man ihnen Gelegenheit bot, ihre Familien ein letztes Mal zu sehen.

Während meiner Flucht war ich zwei Tage lang in Teheran, um das Weitere zu organisieren. Vor der großen Moschee, der früheren »Königsmoschee«, sah ich Jugendliche illegale Flugblätter mit dem Photo Radschawis verteilen. Die Bevölkerung half ihnen zu verschwinden, als Chomeinis Revolutionswächter auftauchten.

Mit Freunden machte ich mich auf den Weg zur pakistanischen Grenze. In Pakistan nahmen wir dann Kontakt zum Uno-Büro in Karatschi auf. Von dort aus telephonierten wir mit Freunden im Iran und erfuhren, daß unsere Flucht im Gefängnis Begeisterung ausgelöst hatte.

Nach einiger Zeit im Krankenhaus erhielt ich ein offizielles Dokument und ein Flugticket nach Paris, beides von der Uno.

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