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»Um sich ein Grab zu kaufen«

Ein halbes Jahrhundert nach dem Überfall auf Polen warten viele Zwangsarbeiter noch immer auf einen Ausgleich für ihre Leidenszeit im Dritten Reich. Regierungen und Behörden entziehen sich mit Spitzfindigkeiten ihrer Verantwortung. Ein Berliner Anwalt will nun zumindest einigen Zwangsarbeitern zu ihrem Recht verhelfen.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Die Amerikanerin Eugenia Korolenko, 53, ist von Kind auf gehbehindert. Am 7. Juli 1944 wurde der damals Achtjährigen im ostfriesischen Krankenhaus Papenburg der linke Fuß zur Hälfte amputiert.

Die Invalidin stammt aus der Ukraine. Von dort waren ihre Eltern samt Tochter während des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland verschleppt worden, zum Torfstechen, zur Zwangsarbeit im Moor.

Während eines Fliegeralarms suchte Eugenia Schutz unter einem Kleinbahnzug. Dabei zerquetschte das Rad einer Lore den Fuß des Kindes, der deswegen abgenommen werden mußte.

Vor fast 25 Jahren haben Eugenias Eltern deutsche Stellen erstmals um Entschädigung für die lebenslange Behinderung ihrer Tochter ersucht - erfolglos. Im Jahre 1979 schrieb die Verletzte selber an den damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel, sie sei »nicht imstande zu arbeiten und das Brot für mich zu verdienen«; daher sehe sie sich gezwungen, »um Ihre Gnade zu bitten, in einem Ausnahmewege mir eine Invalidenrente oder andere Unterstützung zu gewähren« - vergebens.

Seither kämpft Frau Korolenko mit juristischen Argumenten vor behördlichen wie gerichtlichen Instanzen. Das Ergebnis ist für die Bundesrepublik beschämend.

Lediglich Kosten für »Heilbehandlung« könnten erstattet werden, beschied das Versorgungsamt der Freien Hansestadt Bremen die Antragstellerin. Und das Bremer Sozialgericht bestätigte diese Rechtsauffassung: Der Anspruch auf Rente ruhe, »da sie weder Deutsche noch deutsche Volkszugehörige sei«.

Dazu erklärte Frau Korolenkos Rechtsvertreter, der Berliner Rechtsanwalt Bernhard Blankenhorn, 44, in seiner Berufungsschrift: Mit der Verschleppung nach Deutschland sei seine Mandantin vom damaligen Deutschen Reich einer »erhöhten Gefahr für Leib und Leben« ausgesetzt worden. Dafür habe »die Bundesrepublik Deutschland einzustehen« - gleichgültig, ob Frau Korolenko »Inländerin« sei oder nicht.

Mit dieser Grundeinstellung betreut Blankenhorn Hunderte von jenen abertausend ehemaligen Zwangsarbeitern, deren Schicksal seit bald fünf Jahrzehnten übergangen wird. Der Fachanwalt für Sozialrecht vermag nicht einzusehen, daß sogar einst hochgestellte NS-Schergen satte Pensionen einstreichen, während unter der Willkürherrschaft Entrechtete ihr Dasein noch im Alter am Rand der Existenz einrichten müssen.

Gleich nach seiner Anwaltszulassung in Berlin 1976 kniete sich Blankenhorn, der 1963 - als Sohn des damaligen bundesdeutschen Botschafters und Adenauer-Beraters Herbert Blankenhorn - in Frankreich Abitur gemacht hatte, ins Dickicht des Wiedergutmachungsrechts. Seither lichtet der Anwalt für seine Mandanten immer wieder ein Paragraphen-Gewirr, in dem sich nur wenige Spezialisten auskennen: ausländisches Rentenrecht im Verbund mit deutschen Klauseln.

Selbst das Wall Street Journal würdigte dieses Engagement, das durch mühseliges Rekonstruieren einzelner Geschehnisse vor 1945 und eine weltweit verstreute Klientel zusätzlich erschwert wird - beispielsweise im Fall des 1913 in Polen geborenen Installateurs Albin Slowik. Im Januar 1940 war Slowik vom Volksgerichtshof zu vier Jahren Freiheitsstrafe wegen Aufforderung zum Landesverrat verurteilt worden. Er saß in mehreren Zuchthäusern und wurde 1943 dem Konzentrationslager Neuengamme überstellt. Nach dem Kriege emigrierte er in die USA.

Im Ruhestand beantragte Slowik bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) in Berlin, rund sechs Haft- und KZ-Jahre als »Ersatzzeit« auf seine Rente anzurechnen. Der Antrag wurde abgelehnt.

Das schleswig-holsteinische Sozialministerium, von der BfA zwecks »gutachterlicher Stellungnahme« in den Fall eingeschaltet, hatte nicht feststellen können, »daß der Versicherte aus Gründen politischer Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus . . . verfolgt und deshalb . . . seiner Freiheit beraubt« worden sei. Die BfA machte sich das Votum zu eigen.

Durch Akteneinsicht bei der Versicherungsanstalt fand Rechtsanwalt Blankenhorn allerdings heraus, daß die BfA selber über einen Vermerk verfügte, der das Urteil des Volksgerichtshofs belegte. Dennoch lenkte die BfA erst ein, nachdem die Angelegenheit rechtsanhängig geworden war: »Nach erneuter Prüfung« gestand sie Slowik 74 Monate »Ersatzzeit« wegen »NS-Verfolgung« zu.

Ähnlich der Fall Jan Izykowski. Im Oktober 1942 war der damals 19jährige polnische Bauernsohn nach Brakel, Kreis Höxter, gebracht worden. Dort mußte er bis Kriegsende für die Firma Ruhenstroth als Grubenholzarbeiter schuften - sechseinhalb Tagesschichten wöchentlich, jeweils 12 bis 14 Stunden. Der gebürtige Pole, ebenfalls in die Vereinigten Staaten ausgewandert, verlangte von seiner früheren Firma Schadensersatz. Im vergangenen Jahr wies das Unternehmen, jetzt »Wirus-Werke W. Ruhenstroth GmbH«, die Forderung zurück: »Entschädigung für Zwangsarbeit« könne nach »völkerrechtlichen Grundsätzen nur von Staat zu Staat, aber nicht von betroffenen Einzelpersonen geltend gemacht werden«. Im übrigen »stünde möglichen Ansprüchen die Einrede der Verjährung entgegen«.

Auch Izykowskis Antrag auf Härteausgleich von Staats wegen beim Kölner Regierungspräsidenten wurde abgelehnt: Zwar habe die »zwangsweise Verbringung zum Arbeitseinsatz gegen die Menschenrechte und gegen das geltende Völkerrecht« verstoßen. Trotzdem habe der Zwangseinsatz laut Bundesentschädigungsgesetz nichts mit NS-Verfolgung zu tun gehabt, sondern sei »eine Maßnahme zur Beseitigung des kriegsbedingten Mangels an Arbeitskräften« gewesen.

Die Fälle Korolenko, Slowik und Izykowski sind Musterbeispiele für die Grundeinstellung, mit der in der Bundesrepublik, Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches, bis heute menschliche Altlast weggeschoben wird.

Abenteuerlich muten bisweilen die Spitzfindigkeiten an, mit denen sich Politiker, Beamte, Justitiare und Richter über Jahrzehnte aus der Verantwortung für nationalsozialistisches Unrecht schleichen. Selbst für Experten kaum noch überschaubar sind die einschlägigen Artikel in internationalen Abkommen und innerstaatlichen Gesetzen.

Vor gut drei Jahren, Anfang 1986, nahm sich sogar das Europäische Parlament dieses trüben Kapitels deutscher Nachkriegsgeschichte an. Die Entschließung der Europa-Abgeordneten »zu Entschädigungsleistungen für ehemalige Sklavenarbeiter der deutschen Industrie« zielte vor allem auf die einstigen Profiteure billiger Arbeitskraft, auf die deutsche Wirtschaft: *___Weil »Vernichtung durch Arbeit« ein »erklärtes Ziel des ____Nazi-Programms« gewesen sei, bestehe eine »klare ____moralische und rechtliche Verpflichtung der Firmen, die ____Sklavenarbeiter beschäftigt haben, ____Entschädigungsleistungen zu bezahlen«; *___alle betroffenen deutschen Unternehmen seien ____aufgefordert, endlich einen »Fonds« zugunsten »der ____Opfer der Zwangsarbeit einzurichten«.

Wenig später brachten die Grünen im Bundestag ihren ersten Antrag zur »Entschädigung für Zwangsarbeit« ein, der sich auch auf rentenrechtliche Regelungen erstreckte. Doch der parlamentarische Vorstoß wurde in den Ausschüssen so lange hin- und hergeschoben, bis die 10. Legislaturperiode Anfang 1987 beendet war.

Zu Beginn der gegenwärtigen Wahlperiode, im April 1987, stellten die Grünen den Antrag abermals. Danach kam es zu dem üblichen Sachverständigen-Hearing, doch, wie ebenfalls Usus, ohne praktische Konsequenzen.

Die Bonner Koalitionsfraktionen sperrten sich selbst gegen ein Minimalmodell der SPD-Opposition, nach dem wenigstens die nicht oder unzulänglich entschädigten deutschen und in der Bundesrepublik lebenden ausländischen ehemaligen Zwangsarbeiter bedacht werden sollten. Anfang Juni haben die Grünen eine dritte, diesmal dreigegliederte Initiative ergriffen: *___Abschluß eines Globalabkommens zwischen der ____Bundesrepublik und der Volksrepublik Polen zur ____Individualentschädigung polnischer Zwangsarbeiter; *___Einrichtung einer noch in diesem Jahr vom Bund mit 250 ____Millionen Mark auszustattenden und später ____fortzufinanzierenden Stiftung, aus der alle nicht ____entschädigten Zwangsarbeiter eine einmalige Zahlung von ____mindestens 2000 Mark erhalten; *___Aufforderung an die Bundesregierung, die »Nutznießer« ____der NS-Zwangsarbeit und deren Rechtsnachfolger auf ____politischem und rechtlichem Wege zu veranlassen, ____Zwangsarbeiter direkt zu entschädigen oder Mittel dafür ____in die Stiftung einzubringen.

Geld genug müßte leicht zusammenkommen - nach dem moralischen Maßstab des Europa-Parlaments jedenfalls. Denn im Dritten Reich hat die gesamte Creme der deutschen Industrie an billiger Zwangsmaloche verdient.

So wurden im August 1944 nahezu auf jedem dritten Arbeitsplatz in Deutschland ausländische Männer, Frauen und selbst Kinder ausgebeutet, bei BMW, bei Ford und Daimler-Benz, bei Rheinmetall und Siemens, bei AEG und der I. G. Farben.

Quer durch die Branchen, von der Wehr- bis zur Landwirtschaft, machte sich Nazi-Deutschland fremdländische Arbeitskraft zunutze. Mehr als zehn Millionen Ausländer lebten oder vegetierten noch 1945 im Reich. Die allermeisten von ihnen waren gewaltsam aus ihren Heimatländern abtransportiert worden - »Displaced Persons«, wie die Alliierten sie damals nannten.

Das Gros der Deportierten, etwa sechs Millionen, überwiegend Polen und Russen, bildeten die sogenannten ausländischen Zivilarbeiter, die seit Ende 1939 zum »Ausländereinsatz« gezwungen worden waren. Daneben leisteten ungefähr zwei Millionen Kriegsgefangene, vornehmlich aus Frankreich und der UdSSR, Frondienst in Deutschland. Und auch rund 750 000 KZ-Häftlinge, durchweg am übelsten geschunden, mußten für den Endsieg und ums eigene Überleben rackern.

Von ihnen waren 200 000 bis 300 000 Juden, die übrigen fast durchweg »nichtjüdische« Ausländer, zumeist wiederum aus Polen und der Sowjetunion.

All diesen Menschen hätte als denkbar geringe Genugtuung zumindest Geld gebührt. Doch statt wenigstens dieses Zeichen zu setzen, war die Bundesrepublik von vornherein auf eine möglichst billige Wiedergutmachung aus. Politische Richtschnur von Anbeginn: nur soviel wie unbedingt nötig, um international Ansehen zu wahren, und keine Individualentschädigung für ausländische Nazi-Opfer.

Entsprechend baute das Bundesentschädigungsgesetz vor, das 1953 in Kraft trat: staatliche Entschädigung für alle, die von den Nationalsozialisten aus Gründen »politischer Gegnerschaft« oder »der Rasse, des Glaubens oder Weltanschauung« verfolgt und geschädigt worden seien - Ausländer jedoch ausgenommen. Die Mehrzahl aller NS-Verfolgten aber stammte gerade nicht aus deutschen Landen und wurde ausgegrenzt.

Deren individuelle Rechte stufte die Bundesregierung schlicht als Reparationsansprüche der ehemaligen Feindmächte ein. Denn Zwangsarbeit sei kein NS-Unrecht, sondern Kriegshandlung gewesen - Kampfmaßnahme von Großunternehmen sozusagen, an der Heimatfront. Für Kriegshandlungen aber gelte Reparationsrecht. Und Reparationen könnten, so die letzte Folgerung aus dieser Logik, nicht gegenüber Individuen, sondern nur von Staat zu Staat geleistet werden.

Die Konstruktion schien möglich dank eines längst in Vergessenheit geratenen Abkommens, das die Bundesrepublik am 27. Februar 1953 in London mit den USA, Frankreich, Großbritannien sowie 17 weiteren Staaten getroffen hatte. In diesem sogenannten Londoner Schuldenabkommen wurde der Bundesrepublik eingeräumt, zunächst lediglich 7,3 Milliarden Mark Kriegsschulden in Raten zu tilgen.

Doch noch während diese Übereinkunft ausgehandelt wurde, konferierte die Bundesregierung zugleich mit Israel und der »Jewish Claims Conference« im niederländischen Wassenaar über eine Entschädigung von 3,5 Milliarden Mark, die für Nazi-Verbrechen speziell an Juden zu erbringen sei. Die Verhandlungsführung bestimmte hier wie da der deutsche Delegationsleiter in London, der Bankier und Adenauer-Vertraute Hermann Josef Abs.

Dieser Unterhändler hatte laut Konrad Adenauers »Erinnerungen« offenbar die Stirn zu schnöder Taktik: Den Israelis habe Abs die Belastungen vorgehalten, die durch die Londoner Vereinbarung auf die Bundesrepublik zukämen; die Amerikaner habe er andererseits mit dem Argument gedrückt, »Zahlungen an Israel würden nur dann möglich sein«, wenn die USA zurücksteckten.

Mit dieser Masche gelang es, in das Londoner Vertragswerk einen Passus einzuspeisen, der aus Sicht der Bundesregierung Individualentschädigungen für ausländische Zwangsarbeiter vermutlich auf ewig ausschließt.

»Eine Prüfung der aus dem Zweiten Weltkriege herrührenden Forderungen von Staaten« und »von Staatsangehörigen dieser Staaten«, heißt es im Artikel 5 Absatz 2 des Londoner Abkommens, »wird bis zur endgültigen Regelung der Reparationsfrage zurückgestellt«.

Damit, so die Lesart der Bundesregierung, sei auch der Ausgleich für Zwangsarbeit vertagt, weil die ja, als Kriegshandlung definiert, reparationspflichtig bleibe bis zur endgültigen Bereinigung der Reparationsfrage, also bis zum Abschluß eines Friedensvertrages - mithin bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.

Auf diesem Standpunkt beharrte die Bundesregierung selbst gegenüber den Westmächten, als die, noch in den fünfziger Jahren und trotz des Londoner Abkommens, auf Entschädigung ihrer KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter drängten.

Zwar vereinbarte die Regierung in bilateralen Verträgen mit den drei westlichen Sieger- sowie fünf anderen Staaten Zahlungen über insgesamt 876 Millionen Mark, davon 400 Millionen Mark an Frankreich. Doch diese Globalabfindungen sollten gerade belegen, daß die Bundesregierung Schuld und Schulden nur gegenüber den Staaten anerkennt, nicht aber gegenüber den verfolgten Angehörigen dieser Staaten.

Noch tiefer in die gleiche Kerbe schlug der Bundesgerichtshof (BGH), der ausdrücklich auch zugunsten der Privatwirtschaft Stellung nahm. 1963 scheiterte beim BGH die Klage eines polnischen KZ-Häftlings, der Lohnnachzahlung für seine Zwangsarbeit verlangte. In diesem Prozeß befanden die Bundesrichter, Artikel 5 des Londoner Abkommens schütze »nicht nur die Bundesrepublik als Staat, sondern auch Wirtschaft und Währung der Bundesrepublik«.

Leer ausgehen sollten nach deutschem Entschädigungsrecht ursprünglich auch jene 1945 noch etwa 50 000 Menschen, die ins KZ gesperrt oder zur Zwangsarbeit gebracht worden und die nach Kriegsende weder nach Hause zurückgekehrt noch aus Deutschland abgewandert waren.

Diesen »heimatlosen Ausländern«, auch »Nationalverfolgte« oder »-geschädigte« betitelt, billigte der Bundesgesetzgeber schließlich doch noch Entschädigungsansprüche zu - allerdings erst nach einer Demarche des Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen und auf Druck der britischen Regierung.

Die ausnahmsweise zugestandene »Härteregelung« schuf freilich mehr neue Härten als Recht. Denn sie griff nur unter einer Vielzahl von Kautelen - wenn die Betroffenen »aus Gründen der Nationalität« und »unter Mißachtung der Menschenrechte« verfolgt, als politische Flüchtlinge anerkannt und zudem mindestens zu 50 (später 25) Prozent gesundheitlich geschädigt worden waren. Diese Einschränkungen führten dazu, daß im Schnitt 85 von 100 Entschädigungsanträgen abgelehnt wurden.

Einen Beurteilungsmaßstab setzte bereits 1960 der BGH: Weniger das Schicksal der Opfer, vielmehr das Motiv der nationalsozialistischen Machthaber sei erheblich für solche Entscheidungen. Und den NS-Größen sei es eben primär darum gegangen, »neue Arbeitskräfte zur Stärkung der deutschen Volkswirtschaft, insbesondere der Rüstungsindustrie« zu rekrutieren.

Nach dieser Devise urteilten die Bundesrichter zu Lasten eines Polen, der zunächst bei einem deutschen Bauern Zwangsarbeit geleistet hatte und danach in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald und die Außenstelle »Dora« eingeliefert worden war. Dort hatte er für die Rüstungsproduktion knechten müssen.

Diesem Mann, so der BGH, komme keine Entschädigung zu, da er offenkundig nicht aus »nationalen« Gründen verfolgt worden sei. Vielmehr spreche »alles dafür, daß der Kläger deshalb als Zwangsarbeiter in einem dem KZ Dachau angegliederten Rüstungsbetrieb und später im V-Waffenwerk ,Dora' bei Nordhausen bei der Montage der V 1-Waffe eingesetzt worden sei«, weil »die Rüstung« den Schlosser als wertvollen Facharbeiter einfach »benötigt« habe.

Noch deutlicher bewiesen westdeutsche Nachkriegsrichter, wie ungebrochen sie der Vergangenheit verhaftet waren, wenn fremdländische Widerstandskämpfer wagten, um Entschädigung einzukommen.

Die seien, so lautete dann die höchstrichterliche Erkenntnis, nun wahrlich nicht aus »nationaler« Animosität verfolgt worden, »sondern - wie von jeder Besatzungsmacht - wegen ihres Angriffs auf die militärische Sicherheit der Besatzungsmacht«.

Eine polnische Frau, die während des Krieges einen Juden versteckt hatte und deswegen ins KZ eingeliefert worden war, schmetterte das Oberlandesgericht (OLG) Köln mangels »nationaler« Betroffenheit so ab: »Wer Juden versteckt hielt und damit der Ausrottungspolitik gegen die Juden entgegentrat«, sei während der NS-Zeit auf jeden Fall besonders rücksichtslos, folglich auch »ohne Rücksicht auf seine Staats- und Volkszugehörigkeit verfolgt worden«.

Eine andere Polin war von der deutschen Besatzung verfolgt worden, weil sie der Polnischen Sozialistischen Partei angehört hatte. Auch ihr versagte das Kölner OLG Entschädigung. Zur Begründung gab ihr das Gericht - im Jahr 1966 - die Nazi-Lehre vom Untermenschen schriftlich: »Als ideologischer Gegner« sei »im allgemeinen nur ein Deutscher ernst genommen worden . . . nicht dagegen ein Ausländer«. Dies gelte »im besonderen Maße für Polen, die vom Nationalsozialismus als minderrassiges Volk angesehen« worden seien.

»Einzelurteile«, weiß der Historiker Ulrich Herbert, Autor einer grundlegenden Studie mit dem Titel »Fremdarbeiter«, »sind durchaus geeignet, Rückschlüsse auf das dahinter stehende Geschichtsverständnis zuzulassen«. In manchen staatlichen Organen war es offenbar mit der ideologischen Läuterung nicht weit her. Das dürfte auch der Grund dafür sein, daß von den 77 Milliarden Mark, die der Bonner Staat bis Ende 1985 insgesamt für Wiedergutmachung aufgewendet hatte, lediglich sechs Milliarden Mark ins Ausland geflossen sind.

Den überwiegenden Teil des Geldes dagegen hat die Republik auf die eigenen Landsleute verteilt, obgleich die - weltweit und rein zahlenmäßig gesehen - am wenigsten betroffen waren.

Über ein Vierteljahrhundert wurde das Konzept der Bundesregierung, Individualansprüche ausländischer NS-Opfer abzublocken, nahezu lückenlos durchgesetzt. Vor zehn Jahren aber entdeckte der Berliner Anwalt Blankenhorn eine Chance, auch in Einzelfällen wenigstens ein bißchen Gerechtigkeit herzustellen - gleichsam durch die Hintertür: mit Hilfe eines deutsch-amerikanischen Abkommens über soziale Sicherheit, das seit 1979 gilt.

Auf den ersten Blick hat die vertragliche Regelung zwischen den USA und der Bundesrepublik mit nationalsozialistischem Terror nichts zu schaffen. Sie besagt im wesentlichen lediglich, daß Bundesdeutsche und Amerikaner, die in beiden Staaten gearbeitet haben und sozialversichert worden sind, ihre Rentenansprüche von hüben und drüben addieren dürfen.

Nun sind aber, Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre, namentlich Polen und unter ihnen wiederum viele Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in die Vereinigten Staaten emigriert. Die meisten von ihnen, mittlerweile durchweg im Rentenalter, haben die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben.

Diese breitgestreute Klientel, formal Amerikaner, doch faktisch zugleich NS-Opfer, betreut Blankenhorn in versicherungsrechtlich ausgerichteten, nicht auf Entschädigung abzielenden Verfahren vor Behörden wie Gerichten. Denn - schwer zu glauben, gleichwohl amtlich - vor allem zivile Zwangsarbeiter sind nach NS-Vorschrift tatsächlich überwiegend von ihren Ausbeutern sozial- und krankenversichert worden.

Um die Anrechnung dieser Versicherungszeiten sowie um Anerkennung von KZ-Haft als »Ersatzzeit« streitet Blankenhorn in oft mühseligen und langwierigen, doch meist erfolgreichen Rechtsgängen. Der Anwalt: »Meine Erfolgsquote liegt bei 85 Prozent.«

Hilfreich sind dabei auf das Sozialversicherungsrecht zugeschnittene Spezialvorschriften, nach denen Antragsteller ihr Recht nicht, wie sonst üblich, zweifelsfrei beweisen müssen, sondern nur »glaubhaft« zu machen brauchen. Diese Erleichterung greift vornehmlich dann, wenn, wie bei Zwangsarbeitern beinahe regelmäßig, Versicherungsunterlagen durch Kriegs- oder Nachkriegswirren verschwunden sind.

Auf diesem Wege wird immerhin einigen hundert NS-Opfern wenigstens ein Stückchen Renten-Recht zuteil. Von wirklich nennenswertem Ausgleich oder angemessener Genugtuung kann allerdings nicht die Rede sein.

»Zweieinhalb Jahre Versicherungszeit«, sagt Blankenhorn, »bringen durchschnittlich 80 bis 120 Mark Monatsrente.«

Auch die von der Bonner Grünen-Fraktion neuerdings anvisierte Pauschalabgeltung mit 2000 Mark pro Zwangsarbeiter hätte vornehmlich moralisch-symbolischen Wert. Dessen ist sich die Fraktion auch durchaus bewußt: »Diese Summe wurde gewählt«, heißt es in der Begründung zur Initiative, »um eine Verabschiedung des Gesetzes durch den Deutschen Bundestag realistischer zu machen.«

In den 50 Jahren seit dem deutschen Überfall auf Polen und damit dem Beginn der Deportationen zu KZ-Haft und Zwangsarbeit hat sich offenbar allenthalben Empörung zu Fatalismus verformt - selbst bei den Opfern, die nun schon Greise sind.

»Es sind zum Beispiel Leute dabei«, sagte bereits vor zwei Jahren der Sprecher der auch von den Nazis drangsalierten Sinti und Roma bei einem Hearing im Bundestag, »die nur deswegen noch etwas wollen, um sich ein Grab kaufen zu können.« f

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