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Briefe

Umgekehrter Fundamentalismus
aus DER SPIEGEL 29/2001

Umgekehrter Fundamentalismus

Nr. 27/2001, Muslime: Der Streit ums Kopftuch erreicht die Krankenhäuser

Man stelle sich mal vor, ein gläubiger Jude wolle in Deutschland als Lehrer arbeiten. Was für ein Aufschrei ginge wohl durch den aufgeklärten Teil der Nation, wenn man ihn vor die Alternative Mütze oder Job stellen würde! Wie verfährt man eigentlich mit Lehrerinnen, die ihren Hals mit goldenen Kreuzen schmücken? Nach den Urteilen würden diese Damen sich zwischen Kreuz und Arbeit entscheiden müssen. Das wäre dann Gerechtigkeit, allerdings auf ziemlich engstirnigem Niveau.

TORNESCH (SCHLESW.-HOLST.) CHRISTA HOPFF

Der Artikel ist genau so, wie wir uns einen fairen sachlichen Journalismus vorstellen - wir möchten nicht gelobt werden, aber wir wehren uns auch dagegen, ständig als »das Böse« per se dargestellt zu werden. Es ist Ihnen in dem Artikel hervorragend gelungen, die Sachlage so zu schildern, dass auch Außenstehende sich ein Bild machen können, ohne Wertung, Verurteilung irgendeiner Seite und ohne plumpe Pauschalisierung - wie sie uns leider ständig begegnet.

FRANKFURT AM MAIN KAROLA KHAN

Erlaubt man das Tragen von Kopftüchern im Dienst, müssen demnächst auch Schleier oder Schador hingenommen werden.

EHINGEN (BAD.-WÜRTT.) DR. RALPH DETZEL

Auch ich bin der Auffassung, dass die verordnete Verschleierung ein Zeichen der Unterdrückung von Frauen ist. Wenn ich aber für mich das Recht in Anspruch nehme zu entscheiden, in welcher Aufmachung ich in der Öffentlichkeit erscheine, so muss ich dies auch allen anderen zugestehen. Deshalb: Solange eine Frau sich ohne Kopftuch nicht angemessen gekleidet fühlt, hat sie das Recht, dieses zu tragen, wann und wo immer sie will. Ich schäme mich für die Berufsverbote, weil ich viele Kopftuch tragende muslimische Frauen kenne, deren Toleranz gegenüber unseren Religionen und Traditionen beispielhaft ist, und für eine Gesellschaft, die den Wert eines Menschen nach einem Stück Stoff bemisst.

GLEICHEN (NIEDERS.) SILKE KOBOLD

Dass das Kopftuchverbot nun auch Krankenschwestern ereilt, zeigt den ganzen Schwachsinn der Diskussion. Warum soll an Orten, wo bis vor kurzem noch Nonnenschleier und Schwesternhäubchen das Bild bestimmten, plötzlich ein Kopftuch nicht tolerabel sein? Man kann nur den Kopf schütteln über diesen umgekehrten Fundamentalismus, der durchaus der Einschätzung des Europarates hinsichtlich der Leitkultur-gestützten Fremdenfeindlichkeit der Bundesrepublik entspricht. Man nehme sich ein Beispiel an Londons Metropolitan Police, die demnächst Kopftücher für »Muslim-Policewomen« bereitstellt.

HEIDELBERG HANS GERCKEs

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