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FRANKREICH / TOURISMUS Ums nackte Leben

aus DER SPIEGEL 23/1955

Als ein Garten Eden ist in der ganzen Welt die östlich von Hyères der französischen Riviera vorgelagerte Ile du Levant oder »Titanen-Insel« bekannt. Das Eiland war bis vor kurzem eine der Hauptattraktionen der französischen Fremdenindustrie: Sogar aus New York kamen über das Wochenende Gäste per Flugzeug auf die kleine Insel, um dort den Badefreuden wie in »Abessinien« auf Sylt zu huldigen (siehe Kasten, Seite 29).

Der größte Teil der Insel gehört allerdings der französischen Marine. Eigner der restlichen 150 Hektar sind die Brüder Durville, zwei Pariser Ärzte, die in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg zu den Aposteln der Naturheilkunde und der Sonnenbäder-Therapie gehörten. Die geschäftstüchtigen Brüder verwandelten damals das felsige Ödland der Insel in einen farbenfrohen exotischen Garten. Sie stellten auf ihrem Besitztum einige hundert Bungalows auf und vermieteten sie an ihre Kranken.

Die Kranken gewöhnten sich erstaunlich gut an den ihnen ärztlich verordneten paradiesischen Zustand und behielten ihn auch während der meist recht langen Zeit ihrer Rekonvaleszenz bei. Den Kranken folgten die weniger Kranken, und schließlich war das Kranksein auf der Insel ganz und gar verpönt.

Seit etwa drei Jahren wird allerdings das antike Idyll auf der »Titanen-Insel« empfindlich durch militärischen Radau gestört. Die Marine besann sich darauf, daß die Insel, auf der vor einigen Jahrzehnten außer zwei Leuchtturmwächtern nur Seemöwen, Sumpfschnepfen und Reiher hausten, zu 90 Prozent ihr Eigentum ist. Sie schickte Baukolonnen des Marinearsenals Toulon in das Inselstädtchen Heliopolis, ließ den Hafen ausbauen, beschlagnahmte einen Küstenstreifen und installierte dort Abschußbasen für V-2-Raketen.

Doch die »Abessinier« aus aller Welt und die französischen Marine-Soldaten vertrugen sich zunächst ganz gut miteinander. Die Admiralität nahm an den sonnensüchtigen Neptunen und Nixen keinerlei Anstoß.

Die Bungalows der Gebrüder Durville hatten sich mittlerweile zum Teil in Hotels verwandelt; »Abessinier« mit kommerzieller Witterung waren als Geschäftsleute auf dem Eiland seßhaft geworden, und die bei Regenwetter um ihr Seelenheil besorgten Gäste von Heliopolis begannen sogar mit dem Bau einer Kirche. In einer atavistischen Anwandlung von Puritanismus errichteten sie vor der Inselstadt ein Schild, das mit riesigen Lettern Badegäste

männlichen und weiblichen Geschlechts ermahnt, nicht ohne Lendenschurz durch die Stadt zu bummeln.

Heliopolis allerdings beruft sich darauf, daß in seinen Mauern die Sünde ein ebenso abstrakter Begriff sei wie die Tugend. Ein Gericht in Toulon bestätigte die im Paradies herrschende Sittenauffassung, indem es eine junge Dame, die ein Gendarm splitternackt in der City von Heliopolis erwischt hatte, mit einer sehr einleuchtenden Begründung freisprach: Auf einer »Insel der Nacktkultur« könne »Nacktheit nicht gut als ein Verstoß gegen die öffentlichen Sitten« angesehen werden.

Seit einigen Wochen ist nun aber die Marinepräfektur in Toulon dazu übergegangen, das militärische Gelände der Insel mit Stacheldrahtverhauen abzusperren. Tafeln mit suggestiven Totenschädeln warnen vor geheimnisvollen Gefahrenzonen. Der Marine-Präfekt, Admiral Lambert, hat strikte befohlen, die »Abessinier« aus aller Welt auf dem 150 Hektar großen Gelände der Gebrüder Durville zusammenzupferchen.

Die Weisungen des Admirals fußen auf einer in Paris von ernsthaften Leuten getroffenen Entscheidung, an der die Sachbearbeiter des Ministerpräsidenten, der Marine, des Verteidigungsministers und des Innenministers beteiligt waren. Die in Paris versammelten Experten ließen sich von militärischen Erwägungen leiten:

▷ Die Marine-Versuchsstation auf der Ile du Levant erprobt zur Zeit neue und ultrageheime Torpedos, die den Arsenalen der Luftwaffenfabriken entstammen.

▷ V-2-Raketen werden zu Übungszwecken verschossen, um die Bedienungsmannschaften mit dem Starten, der Steuerung und der Standortbestimmung ferngelenkter

Geschosse vertraut zu machen. An diesen Übungen nehmen auch Torpedoboote, größere Kriegsschiffe und Luftwaffeneinheiten aller Art teil. Die Levante-Insel ist als Versuchsbasis besonders geeignet, weil in der Nähe ihrer Küste das Meer genügend tief ist und weil sie in der Nachbarschaft eines großen Seeflughafens und eines Waffenarsenals liegt.

▷ Einschläge von Übungsgeschossen auf der gesamten Fläche der Insel sind jederzeit möglich. Besonders sorgfältige Sicherungsvorkehrungen sind daher erforderlich.

▷ Die Spionage-Gefahr auf der Insel ist besonders groß, weil der mit der Kontrolle der ausländischen Touristen beauftragte Feldhüter seiner Aufgabe nicht gewachsen ist.

An die in der Luft herumschwirrenden V-2-Geschosse, die den Radarbefehlen nicht immer zuverlässig Folge leisten und zuweilen mit dem Getöse eines in voller Fahrt befindlichen Schnellzuges über die Inseln sausen, haben sich die »Abessinier« mit dem charakteristischen Stoizismus, den sie allen Zivilisations-Phänomenen gegenüber an den Tag legen, bereits gewöhnt. Ein Lufttorpedo, das auf der Insel niederging, verursachte einen Buschbrand; ein zweites störte in Heliopolis einige Hotelgäste beim Sonnenbaden und verschaffte ihnen einen Nervenschock. Ein drittes landete auf dem Besitztum des früheren Staatspräsidenten Vincent Auriol bei Cap Bénat; allerdings ohne den Hausherrn anzutreffen.

Begegnungen mit vagabundierenden V-2-Raketen hatten nicht allein die »Abessinier«, sondern zu wiederholten Malen auch

Jachten, Fischerboote, Fährdampfer und Segelboote, die in der Bucht von Hyères zu Hunderten verkehren. Eine Geheimhaltung ist auf der Paradiesinsel ohnehin illusorisch, weil man von Heliopolis aus die Abschußbasen der Marine einsehen und den Flug der Raketen mit dem Fernglas verfolgen kann.

Die Stacheldraht-Verhaue sind daher nach Ansicht der »Abessinier« nur eine Demonstration der Ohnmacht, die nicht aus patriotischem Übereifer, sondern aus vulgären Rachemotiven inszeniert wurde: Die Frauen der Marineoffiziere, die höflich zum Ablegen ihrer Kleider aufgefordert worden und deswegen mit den »Abessiniern« in Streit geraten seien, hätten den Nudisten den Genuß ihrer Paradiesfreuden verleiden wollen.

Nun sind allerdings Kräfte am Werk, die den Freunden der Insel wieder zu ihrem verlorenen Paradies verhelfen wollen. Die Marine kann die Brüder Durville nicht zwingen, ihr auch noch die restlichen zehn Prozent des Insellandes abzutreten; sie ist deshalb darauf angewiesen, sich mit den internationalen Abessiniern von Heliopolis auf einen Status der Koexistenz zu einigen.

Jean Médecin, Bürgermeister von Nizza und Protektor der französischen Fremdenindustrie, der zweifellos mächtigste Mann an der Cête d'Azur, hat bereits mit seinem Kollegen, dem Bürgermeister von Hyères, die Deputierten der Küste mobilisiert. Abgeordnete aller Parteien wollen so bald wie möglich einen Parlamentsbeschluß durchsetzen, der den Stacheldraht aus dem Paradies wieder verbannt und dessen Bewohnern das von V-2-Geschossen bedrohte nackte Leben rettet.

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