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MODERNES LEBEN Umweltphobie als neue Krankheit

aus DER SPIEGEL 32/1990

Die immer bedrohlicher werdende Umweltverschmutzung verursacht bei vielen Menschen Angstzustände und Neurosen. Die Holländerin Marina de Wolf, Gründerin und Direktorin der Selbsthilfeorganisation »Stichting Fobieclub Nederland« in Driebergen, schätzt, daß rund sechs Prozent ihrer Landsleute an sogenannten Umweltphobien leiden. Wolf berichtet etwa von einer Hausfrau, die zwanghaft das Geschirr ihrer achtköpfigen Familie spült, jedes Teil bis zu 40mal am Tag. Selbst Ärzte entwickeln zuweilen einen krankhaften Hygienefimmel: Manche verlangen alle drei Stunden nach frisch gereinigter Kleidung. Besonders anfällig für Umweltängste sind Kinder und Jugendliche. Monatelang wies ein Achtjähriger Obst und Gemüse zurück, weil er fürchtete, sich zu vergiften. Eine Gymnasiastin weigerte sich seit der Atomverseuchung von Tschernobyl, ihr Elternhaus zu verlassen, und hüllte sich zum Schutz gegen Radioaktivität von Kopf bis Fuß in Plastik ein. Manche Patienten, so Wolf, seien wegen ihrer Umweltängste unfähig, ihr Leben zu meistern, einige Klienten unternahmen sogar Selbstmordversuche.

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