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Umworbene Braut

aus DER SPIEGEL 32/1996

SPIEGEL: Herr Genscher, Hallenser haben gedroht, sie wollten Sachsen-Anhalt den Rücken kehren und Sachsen werden. Was steckt dahinter?

Genscher: Wie zwischen anderen benachbarten Städten gibt es auch eine alte Rivalität zwischen Halle und Magdeburg, der heutigen Hauptstadt des Landes ...

SPIEGEL: ... und die Entscheidung für Magdeburg haben die Hallenser noch nicht verwunden?

Genscher: Es wirkt sicher nach, ist aber im Grund akzeptiert. Damals sprachen vor allem für Halle die besseren infrastrukturellen Voraussetzungen. Das gilt für Schiene, Autobahn - Nord-Süd genauso wie West-Ost - und für den Flughafen Leipzig-Halle. Hinzu kommen die Universität und andere Einrichtungen wie der Sitz der ältesten naturwissenschaftlichen Vereinigung der Welt, der Leopoldina. Der Süden des Landes ist zudem wirtschaftlich stärker.

SPIEGEL: Eine lokalpatriotisch geprägte Wahrnehmung?

Genscher: Nein, das ist objektiv so. Übrigens haben schon früher Bischöfe von Magdeburg, solange sie Landesherren waren, die Residenz in Halle zu schätzen gewußt. Als nach der Wende das Land Sachsen-Anhalt wiederhergestellt wurde, haben die Dessauer den Ausschlag gegeben. Die hatten bis dahin zum Bezirk Halle gehört und wollten nun nicht mehr aus Halle regiert werden.

SPIEGEL: Warum kommen gerade jetzt bei den Hallensern separatistische Neigungen auf?

Genscher: Aktueller Anlaß für die Bewegung »los von Magdeburg« ist der Plan, einen Großflughafen in der Altmark zu errichten und gleichzeitig die finanzielle Beteiligung des Landes an dem bestehenden Flughafen Leipzig-Halle zu kürzen oder ganz zu streichen. Das hat in Halle verständlicherweise Ärger ausgelöst und alte Emotionen belebt.

SPIEGEL: Wie ernst ist denn die Drohung der Hallenser zu nehmen?

Genscher: Die Diskussion ist eher ein Warnschuß. Wenn sich allerdings der Eindruck verfestigen sollte, der Norden werde bevorzugt, könnte die Idee an Boden gewinnen.

SPIEGEL: Kann denn Halle überhaupt das Bundesland ohne weiteres wechseln?

Genscher: Die Verfassung eröffnet keine Möglichkeit. Aber natürlich kann eine solche Debatte die Diskussion über eine Neugliederung der Bundesländer erneut anheizen.

SPIEGEL: Und was hält der Hallenser Genscher von der Wechsel-Idee?

Genscher: In meiner Kindheit sagte man: »Wir wollen nicht nach Sachsen.« Damals gehörte Halle zur preußischen »Provinz Sachsen«.

SPIEGEL: Die Abneigung gilt heute noch?

Genscher: Das ist keine Abneigung. Aber Sachsen-Anhalt, das älter ist als Baden-Württemberg, hat längst seine Identität gewonnen. In Sachsen würde Halle nur als fünftes Rad am Wagen mitlaufen, da es mit Städten wie Dresden, Leipzig, Chemnitz oder Zwickau konkurrieren müßte. In Sachsen-Anhalt aber ist Halle als die größte Stadt des Landes die umworbene Braut.

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