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SENDER »Unappetitliche Affäre«

Beim Treffen der ARD-Intendanten diese Woche in Schwerin sollte es um Personalien der Zukunft gehen. Nun müssen die Verantwortlichen durch den Sumpf alter Schmuddelverträge mit dem Radprofi Jan Ullrich waten. Es zeigt sich: Das System lernt nichts aus den eigenen Skandalen.
aus DER SPIEGEL 37/2006

Der ganze Vorgang hat nur wenige Minuten gedauert. Eine, vielleicht zwei, maximal drei. Irgendwer hat den Antrag in die Runde geworfen, und die versammelten Intendanten der ARD haben ihn abgenickt. »Über Summen ist gar nicht gesprochen worden«, erinnert sich einer der Senderchefs. Die Details hätten niemanden interessiert. Gibt doch eh so viel Papierkram.

Dann stand er drin, der Satz, im Protokoll der Intendantensitzung vom 4. Februar 2003: »Fortgesetzt werden soll der auf unbestimmte Zeit geschlossene Sondervertrag« mit dem Radsportprofi Jan Ullrich »unter Absenkung der materiellen Bedingungen«.

Es klang nach: Alles bleibt beim Alten, wird nur billiger. Es klang gut. So dachte man vor dreieinhalb Jahren in der ARD. Heute denkt man darüber anders.

»Ein sehr peinlicher Vorgang«, gibt sich derselbe, in seinen Erinnerungen kramende Intendant heute zerknirscht. Ein Sportchef aus den Weiten der Anstalt spricht von »einer Katastrophe für die Glaubwürdigkeit der Öffentlich-Rechtlichen«.

Journalismus mit dem Scheckbuch - das hat gerade noch gefehlt im Sündenregister der Senderkette, das ohnehin schon viel zu lang ist: Da gab es vor einem Jahr den gewaltigen Schleichwerbeskandal. Da gab es Verhaftungen und Rausschmisse wegen allzu großer Nähe mancher ARD-Sportchefs zur Wirtschaft wie in den Fällen Jürgen Emig und Wilfried Mohren. Immer neue Mauscheleien eben.

Diese Woche wird der peinliche Ullrich-Vorgang wieder eine Intendantentagung beschäftigen - und diesmal wird er nicht mehr unter dem Schlusspunkt »Vermischtes« abgehakt. Von Montag an kommen die Damen und Herren Intendanten in Schwerin im Crowne Plaza Hotel zusammen. Es soll vor allem um Top-Personalien gehen: die weitere Vertragsverlängerung um eineinhalb Jahre von Programmchef Günter Struve, 66. Die Zukunft des affärengeschüttelten Sportkoordinators Hagen Boßdorf. Und die Kür des designierten ARD-Vorsitzenden Fritz Raff, zurzeit Intendant des Saarländischen Rundfunks.

Dumm ist nur, dass das komplette Trio auch in die jüngste Scheckbuch-Affäre involviert ist. Derselbe Struve, der am Donnerstag versuchte, alle Schuld auf sich zu nehmen. Derselbe Boßdorf, der die letzte Vertragsversion entscheidend mitgestaltet hat. Und derselbe Raff, in dessen Saarländischem Rundfunk einst die Idee für das dubiose Vertragswerk geboren wurde.

Mittlerweile haben die Intendanten gewisse Übung darin, sich im Büßerhemd zu zeigen und verschämt zu Boden zu blicken. »Wir Intendanten sind am Ende verantwortlich«, sagt WDR-Chef Fritz Pleitgen. Und sein SWR-Kollege Peter Voß gelobt: »Da müssen wir wohl alle sehr aufpassen, damit so etwas nicht einreißt.«

Es läuft exakt dasselbe Spiel wie vor gut einem Jahr, als die ARD durch den Schleichwerbeskandal erschüttert wurde. Damals hatte keiner was gesehen. Diesmal hat keiner was gelesen. Erst war's niemand, dann waren's alle. Und wenn man mannhaft die Schuld auf sich genommen hat, lässt es sich viel besser weiterregieren - bis zum nächsten Skandal. Struve kann das von allen ARD-Granden inzwischen am besten.

Am Donnerstag berief er eilig eine Pressekonferenz ein, nahm alle Schuld auf sich

und sagte: »Viele hätten den Vertrag lesen können. Ich hätte ihn lesen müssen.« Schon beim Schleichwerbeskandal hatte er sich in die Rolle des bösen Buben gefügt, um seine Chef-Kollegen in umso reinerem Licht erstrahlen zu lassen.

Dabei haben zumindest die neun Fernsehdirektoren der Sender von dem schmuddeligen Sport-Deal gewusst, wie ein Fax mit dem Betreff »Honorarvertrag Jan Ullrich« vom 3. Juni 2003 an die Rechteagentur SportA belegt. Darin wird die Agentur gebeten, den Vertrag auszufertigen, da »heute im Rahmen einer Schaltkonferenz der Fernsehdirektoren« der Vertrag »besprochen und einstimmig genehmigt« worden sei.

Und der Vertrag hat es in sich. Jahrelang hat die ARD danach Ullrich sechsstellige Summen dafür gezahlt, dass er in ein paar TV-Shows auftritt und ein paar Exklusiv-Interviews gibt.

1999 wurde der erste Mitwirkendenvertrag geschlossen. 2002 flog der Amphetaminmissbrauch von Ullrich auf. Doch statt die Vereinbarungen sofort zu kündigen, handelte die SportA für die ARD wieder interessante Konditionen für die mit Wirkung vom 1. Januar 2003 in Kraft tretende Vertragsverlängerung aus.

Danach erhielt Ullrich eine Grundvergütung von 195 000 Euro. Für einen Tourde-France-Gesamtsieg hätte es noch einmal 65 000 gegeben. Doch auch bei einem zweiten Platz gab es noch 30 000 Euro. Und 20 000 Euro für einen Tour-Etappensieg.

Die Eckpunkte des Vertrags besprochen hat ARD-Sportkoordinator Boßdorf gemeinsam mit Werner Zimmer, damals ARD-Teamchef der Tour de France, sowie dem Ullrich-Management. »Wir haben nur den Auftrag der Intendanten umgesetzt«, sagt Boßdorf heute. Der ARD-Sportkoordinator ist wegen seiner Stasi-Vergangenheit und seiner Co-Autorenschaft bei einer Ullrich-Biografie äußerst umstritten.

Es sei um den exklusiven Zugang zum deutschen Radsportstar gegangen, rechtfertigt sich Struve im Namen der ARD heute. Man habe befürchtet, dass Privatsender ihn ansonsten an sich binden könnten. Eine andere Lesart wäre ehrlicher: Die ARD bot einem überführten Dopingsünder einen neuen Vertrag - ausgerechnet mit leistungsbezogenen Anreizen.

Ullrichs Management habe eine Kompensation für die von den Intendanten gewünschte Kostensenkung verlangt, heißt es in der ARD, und so kam man überein, die garantierte Summe um 35 000 Euro niedriger als beim ersten Mal anzusetzen. Dafür wurden jedoch die umstrittenen Siegprämien vereinbart.

Hätte Ullrich die Tour gewonnen, wäre der neue Vertrag danach sogar teurer gewesen als die erste Version. Doch so weit kam es bekanntlich nicht mehr. Weil Ullrich es nicht mehr an die Spitze schaffte, »war der Vertrag insgesamt kostengünstiger als der erste Vertrag«, sagt Boßdorf.

In diesem Jahr zahlte die ARD an Ullrich nur die erste Quartalsrate. Die zweite Rate liegt auf Eis. Im Juli hat die SportA den Vertrag gekündigt. Bislang sei von Ullrich kein Widerspruch eingegangen, heißt es dort.

Der Fall Ullrich wird endgültig zum Fall ARD, in dem die Grenzen von Journalismus und PR-Kumpanei verwischen. »Der ARD-Vertrag lief einer transparenten Pressearbeit völlig entgegen«, schimpft T-Mobile-Sprecher Christian Frommert noch heute. Von seiner Seite aus seien die ARD-Journalisten nicht anders behandelt worden als die Kollegen des ZDF, von Sat.1, RTL oder diversen Zeitungen.

Auch beim ZDF herrscht blankes Unverständnis. Denn die SportA ist eine gemeinsame Sportrechte-Tochter von Erstem und Zweitem. Auch die Tour-Berichterstattung teilt man sich. Beim ZDF, beteuert Chefredakteur Nikolaus Brender, hat man von den Sondervereinbarungen des Tour-de-France-Partners ARD keine Ahnung gehabt - und wohl auch nichts gemerkt. Ullrich sei während der Vertragslaufzeiten Gast im »Aktuellen Sportstudio« gewesen und habe zu Tour-Zeiten auch für ZDF-Personal zu Interviews bereitgestanden.

Bei der in Macht- und Ränkespielchen so versierten ARD kursierten derweil Ende vergangener Woche wildeste Verschwörungstheorien, wer ein Interesse daran haben könnte, die Vertragsbombe so präzise vor der Intendantentagung platzen zu lassen. Eine gern bemühte These wies in Richtung ZDF - in der Nachfolgerdebatte um den WDR-Chefsessel von Fritz Pleitgen konkurrieren unter anderem Saarland-Intendant Raff und eben Brender.

ZDF-Intendant Markus Schächter reagierte auf derlei Vermutungen empört: »Dass es Versuche gibt, das ZDF in diese unappetitliche Affäre hineinziehen zu wollen, ist peinlich und unanständig.«

Und die Kontrolle? Wo bleibt die Kontrolle? »Der Vertrag ist unserem Justitia-riat nicht vorgelegt worden. Den anderen ARD-Justitiariaten vermutlich auch nicht. Das wird nicht mehr passieren«, verspricht WDR-Chef Pleitgen. MARKUS BRAUCK,

MARCEL ROSENBACH

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