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Unbegrenzte Möglichkeiten

aus DER SPIEGEL 6/1947

Nach einem Plan des US-Kriegsministeriums sollen annähernd 100 000 in Europa gefallene und beerdigte amerikanische Soldaten nach Amerika übergeführt und in der Heimaterde beigesetzt werden. Es handelt sich dabei um ein Riesenprojekt, dessen Bekanntwerden in der amerikanischen Oeffentlichkeit großes Aufsehen und auch bereits starken Widerspruch erregt.

Die Vorbereitungen sind in aller Stille getroffen worden. Den beteiligten Offizieren und Beamten war verboten, darüber unnötig zu sprechen. Die New Yorker Presse hat jedoch alles erreichbare Material aus den verschiedensten Quellen zusammengetragen. »Es wird hohe Zeit, daß die Allgemeinheit davon erfährt«, schreibt sie.

Im ganzen sind 156 000 amerikanische Soldaten es zweiten Weltkrieges auf den europäischen Kriegsschauplätzen gefallen. Das Kriegsdepartement hat den nächsten Angehörigen einen Fragebogen vorgelegt, auf dem sich 60 Prozent der Eltern und Witwen für die Ueberführung ihrer Toten in die Heimat aussprachen.

Eine Anzahl Liberty-Schiffe wird zu einer Spezialeinrichtung umgebaut, um bei jeder Fahrt 5-6000 Särge über den Ozean zu transportieren. Die Verladung wird einem Zivilunternehmen übertragen, wahrscheinlich der American Express Company. Bei der Ankunft in Amerika kommen die Särge wieder in Sammellager. Die Verwandten werden verständigt, und für die letzte Fahrt in den Heimatort stellt die Armee besondere Wagen. Man rechnet damit, daß die offiziell als »Repatriierung« bezeichnete Aktion im Frühjahr 1949 beendet ist, also rund 20 Monate dauern wird. Bisher sind 94 000 Vormerkungen eingetragen.

Die Kosten trägt der amerikanische Staat. Für die Durchführung wird das Kriegsgräberamt des Kriegsministeriums (American Graves Registration) maßgeblich herangezogen. Durch die Streiks im Herbst und im Winter hatte sich der Beginn verzögert, weil der Stahl für die Särge nicht rechtzeitig geliefert werden konnte.

Der Widerspruch gegen die Repatriierung kommt im »New York Herald Tribune« würdig, aber scharf zum Ausdruck. Wenn die Angehörigen die Ueberführung ernsthaft wollen, schreibt das Blatt, müsse dem Wunsch natürlich Rechnung getragen werden. Aber es wird bemängelt, daß der Fragebogen sie nicht darüber aufgeklärt hat, daß ihre Toten auf schönen und pietätvoll geschmückten Friedhöfen ruhen und welche Umstände die Ueberführung macht. Im Gegenteil seien sie von den interessierten Unternehmern, beeinflußt worden. Die luftdichten Stahlsärge, die Chemikalien und der Transport versprächen ein riesiges Geschäft von mehreren 100 Millionen Dollars. So sei auch in Washington der Druck der Unternehmervertretungen spürbar gewesen.

Das Blatt findet es »barbarisch und grausig«, Totenschiffe über den Ozean fahren zu lassen, die doch nur »schwimmende Särge« wären. Deshalb sei es nötig, die Angehörigen über alle Umstände und Tatsachen aufzuklären und ihnen dann noch einmal die Frage vorzulegen, ob der Gefallene in die Heimat übergeführt werden oder in der Kameradschaft derer bleiben solle, die mit ihm ihr Leben gaben. Nur so könnten sie eine weise, menschliche und vernünftige Antwort geben.

»Es war nicht richtig, alte Wunden wieder aufzureißen«, sagte ein Offizier des Gräberdienstes, »daß die Mütter und Frauen noch einmal darüber nachdenken, was der Tote selbst wohl sagen würde. Sicher wären nicht so viele Leute für Ueberführung gewesen, wenn sie sich erinnert hätten, daß die Inschrift auf den Grabkreuzen lautet: »Ruhet in Frieden!«.

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