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KONKURSE Unbekannt verzogen

Zwei Berliner Geschäftsleute haben systematisch Pleitefirmen aufgekauft und Gläubiger angeblich um Millionen geprellt. Jetzt kommen beide vor Gericht.
aus DER SPIEGEL 50/1998

Das letzte Kapitel in der Firmengeschichte der Deutschen Planungsgesellschaft (DPG) wollte der Münchner Bauunternehmer Volker Ohlenschlager nicht beim Konkursrichter schreiben lassen. Der Geschäftsmann bevorzugte den Gang zum Notar.

Für jeweils eine Mark wechselten die DPG und 15 Tochterunternehmen in den Kanzleiräumen des Berliner Notars Rainer Dornheim im Frühjahr 1996 den Besitzer. Neuer Eigentümer wurde der Berliner Kaufmann Frank Jolitz. Die DPG war, wie firmeninterne Analysen ausweisen, zu diesem Zeitpunkt längst pleite.

Das konnte auch Käufer Jolitz nicht verborgen geblieben sein. Der Mann ist spezialisiert auf den Aufkauf von Firmen, die eigentlich ein Fall für den Konkursrichter oder die Staatsanwaltschaft sind. Allein in den letzten vier Jahren ersparte Jolitz in über 100 Fällen Geschäftsführern von bankrotten Unternehmen überwiegend in Ostdeutschland den Canossa-Gang. Die Dienstleistung läßt sich Jolitz von den Pleitiers mit durchschnittlich 20 000 Mark bezahlen. In den Kaufverträgen findet sich auf die Sonderzahlung kein Hinweis.

Unterlagen über die Geschäftspraktiken des Berliner Kaufmanns füllen im Landeskriminalamt Berlin mittlerweile einen kompletten Asservatenraum. Bei Staatsanwaltschaften in Ost und West laufen wegen diverser Konkursstraftaten Hunderte von Ermittlungsverfahren gegen Jolitz und seine Kollegen.

Offensichtlich fungieren die jedoch nur als Strohmänner. Als Drahtzieher der Firmenaufkäufe haben Fahnder den ehemaligen Berliner Diskothekenbetreiber Rainer Schuhmacher-König im Visier. Nach Recherchen der Staatsanwaltschaft streicht er den Löwenanteil des Honorars ein, übernimmt die Kosten für die Notartermine und schaltet Zeitungsanzeigen.

Seitdem die Pleitewelle vor allem in der Bauindustrie im Osten rollt, blüht das Geschäft. Mit Annoncen in der Tagespresse ("Konkursprobleme - Wir übernehmen Ihre GmbH mit allen Schulden") wurden in den letzten Jahren scharenweise notleidende Mittelständler zwischen Ostsee und Erzgebirge geködert. Am Erhalt der maroden Betriebe haben die Aufkäufer kein Interesse.

Statt zu sanieren und Arbeitsplätze zu retten, lassen die neuen Eigentümer die Firmen einfach verschwinden. Geschäftsräume und Telefonanschlüsse werden abgemeldet. Für Gläubiger ist die neue Geschäftsführung unauffindbar.

Vor allem Banken, Sozialversicherungen und Krankenkassen haben das Nachsehen. Schätzungen der Ermittler gehen von einem volkswirtschaftlichen Schaden in dreistelliger Millionenhöhe aus.

Wie fruchtlos die Bemühungen sind, nach einem Verkauf an die Truppe der Pleite-Spezialisten Forderungen einzutreiben, mußte die Sparkasse Saarbrücken erfahren. Mit sieben Millionen Mark stand die Gefof-Finanzholding, die zu der an Jolitz verkauften Unternehmensgruppe des Geschäftsmanns Ohlenschlager gehörte, bei dem Geldinstitut in der Kreide.

Die Sparkasse stellte im Herbst vorigen Jahres Konkursantrag, um wenigstens einen Teil der offenen Forderungen hereinzubekommen. Den Antrag lehnte das Amtsgericht München ab. Grund: Unter der angegebenen Adresse in Berlin konnte Jolitz das Schreiben nicht zugestellt werden. Eine ladungsfähige Anschrift konnte die Sparkasse nicht beibringen.

Erfolgreicher bei der Adressen-Ermittlung war eine Münchner Immobilienverwaltung. Am 3. April dieses Jahres klopfte ein Gerichtsvollzieher bei Jolitz' Privatwohnung in der Berliner Tollerstraße an. Im Auftrag der Firma sollte er 105 000 Mark eintreiben, die ein DPG-Tochterunternehmen den Verwaltern schuldete. Zwar traf der Justizbeamte Geschäftsführer Jolitz an, pfänden konnte er allerdings nicht, da »unter der Anschrift keinerlei Gesellschaftsvermögen vorgefunden« wurde.

Seine Geschäfte hält Schuhmacher-König »für juristisch sauber«. Die Kunden seien zufrieden. Daß Arbeitsplätze verlorengehen und Gläubiger das Nachsehen haben, sieht er »ganz emotionslos«. Er sei eben »kein Samariter«.

Die Berliner Justiz mag Schuhmacher-König da nicht folgen. Am 30. Januar erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen ihn und Jolitz. Im kommenden Februar soll der Prozeß eröffnet werden, der Vorwurf: Konkursverschleppung.

Daß die Staatsanwälte die windigen Geschäftspraktiken der beiden Firmenbestatter gerichtsfest machen konnten, hatten sie einem plauderfreudigen Bankrotteur zu verdanken. Der schilderte den Ermittlern en détail, wie Schuhmacher-König sein Unternehmen, die Firma Relax im Leipziger Vorort Markkleeberg, entsorgt hatte.

Anfang 1996 war das Unternehmen für Gastronomie-Ausstattung und Freizeitbedarf pleite. Verbindlichkeiten von 80 000 Mark stand nur noch ein Guthaben in bar von 25 000 Mark gegenüber. Statt Konkurs zu beantragen, entschloß sich der Relax-Chef, den überschuldeten Betrieb zu verkaufen. Am 5. März, erklärte er den Ermittlern, sei er nach Berlin zu Schuhmacher-König gefahren. Im Gepäck: die Firmenbilanzen und 25 000 Mark Bargeld.

Noch am selben Tag wurde in der Kanzlei des Berliner Notars Dornheim der Handel besiegelt, Kaufpreis wie üblich eine Mark. Den Käufer Jolitz lernte der Verkäufer, wie er den Ermittlern zu Protokoll gab, erst bei Dornheim kennen. Wie mit Schuhmacher-König vereinbart, händigte der Relax-Manager, so seine Angaben, Jolitz bei dieser Gelegenheit gleich das Firmen-Barvermögen aus. Eine solche Vereinbarung bestreitet Walter Venedey, Anwalt von Schuhmacher-König.

Jolitz sollte, so die Anschuldigung, innerhalb der nächsten vier Wochen mit dem Relax-Geld ausstehende Löhne und Krankenkassenbeiträge zahlen. Das hat er nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft nie getan. Bis auf 500 Mark habe Jolitz vielmehr das Firmen-Barvermögen an seinen Auftraggeber Schuhmacher-König übergeben.

Als neuer Relax-Geschäftsführer wurde Jolitz nur noch zweimal aktiv: Zwei Wochen nach dem Kauf holte er in Markkleeberg die restlichen Geschäftsunterlagen samt Firmenpapier und -stempel ab. Im September schließlich übertrug er die Geschäftsführung des nicht mehr existenten Unternehmens an Andrew Potter, nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft wie Jolitz ein Strohmann von Schuhmacher-König.

Ansonsten verschwand Jolitz von der Bildfläche. Die neuen Firmenadressen waren nach Erkenntnissen der Fahnder allesamt falsch. Um Gläubigern die Adressen-Recherche endgültig zu vergällen, ließ Jolitz sich im Einwohnermeldeamt Berlin als »unbekannt verzogen nach Australien« führen. Im Wahrheit aber blieb er die ganze Zeit über in Berlin.

Auch die Firmenunterlagen konnten über den Verbleib der Relax-GmbH keinen Aufschluß mehr geben. Die waren bereits verschwunden.

Ein regelrechtes Aktengrab stöberte die Kripo vor einem Jahr in Engersen bei Stendal auf. In einer ehemaligen LPG-Werkstatt, angemietet von Schuhmacher-König, lagen Tonnen von Akten - Personalpapiere, Lieferscheine, Kontoauszüge und Bilanzen diverser Firmen: abgekippt wie auf einer Mülldeponie. ANDREAS WASSERMANN

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