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POLIZEI Unbequemer Mann

Der Chef der größten Polizeigewerkschaft, ein Sozialdemokrat, stürzte wegen eines mißlungenen historischen Vergleichs. Voraussichtlicher Nachfolger: ein Christdemokrat. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Keine dreißig Minuten dauerte die Sondersitzung von Bundesvorstand und Bundesausschuß der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Hilden bei Düsseldorf dann stand Tränen flossen, die Kapitulation des Vorsitzenden fest: »Im Interesse der GdP«, erklärte Günter Schröder, 49, am Dienstag vergangener Woche, » werde ich nicht wieder für den Vorsitz kandidieren.«

Der unfreiwillige Rückzug des Spitzengewerkschafters ist der vorläufige Endpunkt von Schröders »Abstieg aus lichten Höhen«, der, wie ein GdP-Funktionar sagt, in der Polizisten-Organisation »zu erheblichen Turbulenzen geführt hat«. Schon diese Woche wollen die Gewerkschafter, auf ihrem Bundeskongreß in Mannheim, einen neuen Vorsitzenden wählen, der »wieder Ruhe in die eigenen Reihen bringen« soll.

Der Wechsel an der Spitze der GdP, die immerhin 165000 der rund 220000 westdeutschen Polizeibeamten vertritt und damit mehr Mitglieder zählt als etwa die Gewerkschaft Druck und Papier, ist mehr als nur ein Personentausch. Einziger Kandidat für die Nachfolge des Sozialdemokraten Schröder ist dessen bisheriger Stellvertreter Hermann Lutz - ein langjähriges Mitglied der CDU.

Ins Aus manövriert hatte sich Schröder selbst, als er am 19. Oktober auf dem Kongreß ,der IG Metall in Hamburg einen ziemlich törichten Vergleich zwischen der Festnahme des Gewerkschaftsmanagers Alfons Lappas und der Nazi-Zeit zog: »Ich habe von meinen Lehrern gelernt, daß sich 1933 nie wiederholen wird.« Schröder verstieg sich außerdem zu der Ansicht, ein Gewerkschaftskongreß sei »genauso immun« wie ein Parlament; an diesem Ort dürfe »kein Arbeitnehmer festgenommen werden«.

Politiker und Richter protestierten gegen den Schröder-Spruch. Kriminalbeamte erstatteten Strafanzeige gegen den GdP-Chef, mehrere hundert Polizeigewerkschafter gaben ihre Mitgliedsbücher zurück - »wegen Schröder«. Als schließlich acht von zwölf GdP-Landesbezirken von Schröder den Verzicht auf den Vorsitz forderten, hielt der frühere Leiter der Bielefelder Mordkommission seinen Fall für verloren.

Den Rückzug trat ein Gewerkschaftsführer an, der wie seine Vorgänger stets darauf bedacht gewesen war, einen klaren Trennungsstrich zwischen der Nazi-Polizei von einst und den Ordnungshütern der Bonner Demokratie zu ziehen. Daß ausgerechnet ein solcher Gewerkschafter über eine zumindest mißverständliche Äußerung über die beiden ungleichen Systeme stürzt, entbehrt nicht bitterer Ironie.

»Vergleiche mit der Hitlerei«, sagt ein GdP-Landesvorsitzender, »sind nun mal falsch.« Schröder aber nehme »immerhin seinen Hut«, lobt der Gewerkschafter in Anspielung auf Kanzler Kohls »Goebbels-Gorbatschow-Gerede«, »was Politiker leider unterlassen«.

Für zahlreiche Polizeigewerkschafter freilich war der Schröder-Ausrutscher wohl nur der »Punkt auf dem i«, wie ein GdP-Mann sagt. Schröder hatte sich in seinen mehr als fünf Vorsitzjahren ebenso deutlich wie ungestüm bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu Polizei- und Politikthemen geäußert - und war dabei vielfach angeeckt.

Der GdP-Chef ("Ich bin ein unbequemer Mann") legte sich mit Sozial- und Christdemokraten an, wenn es um Besoldungsforderungen ging. Er stritt gegen eine Verschärfung der Demonstrations- und Antiterrorgesetze, wehrte sich gegen eine Aufrüstung der Polizei mit »Kriegswaffen« und beschuldigte Politiker aller Parteien, die »Polizei zum Prügelknaben« zu machen.

Schröder, weiterhin GdP-Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen und Präsident der Internationalen Union der Polizeigewerkschaften, der 16 europäische Organisationen mit 500000 Mitgliedern angehören, forderte stets den »kritischen, unbequemen Polizisten«, der »nicht 'Guten Abend' denkt und 'Guten Morgen' sagt«.

Der Gewerkschafter demonstrierte mit dem DGB gegen den Streikparagraphen 116 und verlangte von der Polizei größte Zurückhaltung bei Einsätzen gegen Streikende. Als bei Anti-Kernkraft-Demonstrationen in Wackersdorf, Brokdorf und Hamburg die Gewalt auf beiden Seiten eskalierte verurteilte Schröder Übergriffe auch der Polizei und rief öffentlich zur »Mäßigung in Wort, Schrift und Tat«. Und stets verteidigte er das Recht auf Protest: »Wer heute aufhört zu demonstrieren, darf sich nicht wundern, wenn morgen keine Diskussionsveranstaltung mehr stattfinden darf.«

Die linken Töne des »Vollblutgewerkschafters« (Niedersachsens GdP-Chef Horst-Udo Ahlers) stießen bei Polizeiführern und Ministern auf Gegnerschaft, und auch bei konservativen Polizeibeamten regte sich Widerspruch. »Vielen war Schröder zu progressiv«, sagt ein GdP-Funktionär: »Vielleicht war die Zeit für ihn noch nicht reif.«

Daß die GdP nun erstmals und als einzige der 17 Einzelgewerkschaften im DGB einen Christdemokraten zum Vordermann wählen will, werten Polizeigewerkschafter gleichwohl nicht als Kurskorrektur. »Unsere Gewerkschaft«, meint der Niedersachse und designierte Vize-Vorsitzende Ahlers, »wird ihren Weg so weitergehen.«

Ändern aber wird sich wohl der Stil der GdP. Denn anders als Schröder, dem die »FAZ«- bescheinigte, »so dickschädelig« zu sein, »wie es sich für einen gebürtigen Pommern und Wahl-Westfalen gehört«, bevorzugt der Rheinland-Pfälzer Hermann Lutz eher »verbindliche Formen«.

Schutzpolizeirat Lutz, 48, lehrt Polizisten an der Fachhochschule für Verwaltung des Landes Rheinland-Pfalz Politikwissenschaften und führt seit zehn Jahren den GdP-Landesbezirk. Er hat als stellvertretender GdP-Bundesvorsitzender »alle Beschlüsse der Gewerkschaft voll mitgetragen«.

Wer aufgrund des Personenwechsels die Wende in der GdP herbeireden will« sagt Lutz, »wird an ihrer Kontinuität zu knacken haben«. »Die in Bonn«, freut sich GdP-Sprecher Adalbert Halt, »sollen ja nicht glauben, daß wir jetzt gefügiger werden.«

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