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UNBEWÄLTIGTE VERGANGENHEIT

aus DER SPIEGEL 13/1958

In der Bundestagsdebatte der letzten Woche wurde immer wieder das Trauma bloßgelegt, das Hitler hinterlassen hat. Das Pathos der Reden und die Leidenschaft des Streits spülten Erinnerungsfetzen hoch. Sprachliche Fehlleistungen offenbarten, wie zäh die fatale Vergangenheit im Unterbewußtsein haftet. Der SPD - Abgeordnete Erler verglich die von der CDU/CSU betriebene Atombewaffnung mit dem von Goebbels 1943 verkündeten »totalen Krieg":

ERLER: Meine Damen und Herren, nehmen Sie mir es nicht übel: Als ich vorhin nachdenklich auf meinem Platz saß und spürte: Hier wird also heute in diesem Hause um die Atombewaffnung der Bundeswehr gerungen, da trat in meine Erinnerung eine für unser Volk einstmals schreckliche Lage, als ein Mann, den wir alle als Verderber der Nation kennen, vor eine große Kundgebung in der damaligen Reichshauptstadt trat und sagte: »Wollt ihr den totalen Krieg?«

Beifall bei der SPD Zurufe von der CDU/CSU: Unerhört! Pfui! Gegenrufe von der SPD. Die Abgeordneten der CDU/ CSU verlassen mit wenigen Ausnahmen den Sitzungssaal. Fortgesetzter Beifall bei der SPD.

Meine Damen und Herren, es sind hier allerhand geschichtliche Exkurse gemacht. Da wird man doch daran erinnern können, daß es in unserem Volk einmal Kreuzwege gegeben hat die in dieser Lage uns zur Gewissenserforschung zwingen sollten.

Bundeskanzler Adenauer antwortete auf einen Angriff des SPD-Abgeordneten Wehner, indem er auf dessen kommunistische Vergangenheit und dessen Schulung im dialektischen Materialismus anspielte

Dr. ADENAUER: Er (Wehner) hat mir zum Vorwurf gemacht, Herr Wehner, damit begann er, daß ich in meiner bekannten Weise die Dinge vereinfache und vereinfacht spreche. Ich betrachte das als einen Vorzug, meine Damen und Herren. Ich gebe ohne weiteres zu, Herr Kollege Wehner, ich erfreue mich nicht der dialektischen Schulung und Gewandheit wie Sie.

Der FDP-Abgeordnete Döring verteidigte seine These, man müsse mit den Sowjets verhandeln, und wurde mit Zwischenrufen angegriffen:

DÖRING: Wissen Sie, meine Damen und Herren, ich höre schon das Argument: Jetzt machen sie sich noch zu den Anwälten der Sowjets.

Zurufe.

Und heute ... Ach, wissen Sie, wir haben etwas von kommunistischen Praktiken gekannt, da hat mancher von Ihnen noch über kommunistische Praktiken bei Alfred Rosenberg nachzulesen versucht ...

Beifall bei der FDP und SPD. Unruhe.

Ich habe einen Grund, so etwas zu sagen, meine Damen und Herren. Als ich heute mittag meine Frage gestellt habe, die ich nicht zu wiederholen brauche, da kam schon der Zwischenruf von meiner Rechten: »Sie Halb -Kommunist!« Sehen Sie, meine Damen und Herren, das ist die Methode, die wir nicht so gern haben, die wir aber langsam gewöhnt sind. Sobald jemand eine andere Meinung als die Christlich -Demokratische Union, als die Regierungspartei hat, nun dann geht das

Zetermordio los: Neofaschisten, Nationalbolschewisten, Halb-Kommunisten, Ganz-Kommunisten, sowjethörig.

Der CDU-Abgeordnete Kiesinger huldigte dem Kanzler in einem Stil, der die Opposition zu anzüglichen Zwischenrufen herausforderte:

KIESINGER: Es ist eine furchtbare Täuschung, meine Damen und Herren, wenn Sie glauben, daß das Maß an Kredit, Goodwill, Vertrauen, das dieses Land heute genießt, daß das eingeheimst und in die Scheunen gebracht worden sei durch uns und für uns. Das ist ganz wesentlich eingebracht worden in unsere Scheunen durch diesen Mann da.

Opposition: Heil! Heil! Heil!

Das müssen Sie, meine Damen und Herren, und ich weiß auch, daß es die Nüchternen unter Ihnen tun, so sehr Sie den Kanzler kritisieren, diese eine Tatsache müssen auch Sie anerkennen. Und Ich gehe darüber hinaus: Meine Damen und Herren, wenn heute eine Persönlichkeit in diesem Hause auch drüben, jenseits unserer östlichen Grenzen Respekt genießt, ich meine, in Moskau genießt, dann sind es nicht die Leute, die Projektemacher, die Schwachmütigen, die Phantasten, sondern dieser Staatsmann unseres Landes...

Opposition: Heil! Heil! Heil! Gegenrufe. Tumult.

Die SPD-Abgeordnete Helene Wessel verglich den Entschluß der Bundesregierung zur Atomaufrüstung mit dem Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933, durch das der Reichstag unter der Zustimmung bürgerlicher Parteien Hitler autorisierte, vier Jahre ohne Parlament zu regieren:

HELENE WESSEL: Und, meine Damen und Herren, gestatten Sie, daß ich an ein Ereignis erinnere, nämlich daß vor 25 Jahren, am 23. März 1933, im Reichstag das Ermächtigungsgesetz verabschiedet wurde. Es ist gut, sich heute daran zu erinnern, einmal die Sprecher aus dem bürgerlichen Lager zu erwähnen und wie sie ihre zusagende Stellung zum Ermächtigungsgesetz begründet haben ... Und doch wissen wir, daß es Adolf Hitler um die Macht, um die Aufrüstung für den Krieg ging. Und er schloß seine Rede mit folgendem Appell: »Mögen Sie, meine Herren, nunmehr selbst die Entscheidung treffen über Krieg oder Frieden.« Der stenographische Bericht verzeichnet bei diesem Satz stürmischen Beifall und Händeklatschen bei den Nationalsozialisten, Beifall bei den Deutschnationalen, Heil -Rufe bei den Nationalsozialisten. Meine Damen und Herren, an diese Sitzung des Bundes ... des Reichstags wurde ich bei den Reden und der Begleitmusik dazu

Pfui-Rufe.

gestern erinnert, meine Damen und Herren ...

Außenminister von Brentano versprach sich:

Darf ich Sie daran erinnern, daß wir hier am 25. Februar 1954 einmütig eine Entschließung gefaßt haben, auch mit Ihren Stimmen, Herr Kollege Wehner, in der es heißt: »Der Deutsche Bundestag bedauert auf das tiefste, daß die Berliner Konferenz keine Lösung der Juden- - der Deutschlandfrage gebracht hat.«

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