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»UNBEWUSSTE VERKETTUNG ALLES DEUTSCHEN«

Das »Wirken und Sichverflechten autoritärer Strukturen« in Deutschland und bei den Deutschen untersucht der Kolumnist Wilhelm Backhaus in seinem jüngst erschienenen Buch »Sind die Deutschen verrückt?« (Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach, 18 Mark). »Geradezu beispielhaft« für sein Thema erschien dem Autor die Persönlichkeit Eugen Gerstenmaiers; das Psychogramm, das Backhaus von dem Christdemokraten entwarf, wurde in SPIEGEL 38/1968 abgedruckt und veranlaßte den Pressereferenten des Bundestagspräsidenten« Kurt Homfeld, zu einem Brief, in dem er dem Publizisten Unredlichkeit vorwarf. Diese Replik wiederum bot Buchautor Backhaus »willkommene Gelegenheit, das Gerstenmaier-Porträt um einige nicht unwichtige Züge zu bereichern«. Den Brief des Gerstenmaier-Referenten und die Erwiderung von Backhaus druckt der SPIEGEL nachstehend ab.
aus DER SPIEGEL 43/1968

HOMFELD AN BACKHAUS

Sehr geehrter Herr Backhaus! Obwohl der Bundestagspräsident zum Beitrag im SPIEGEL Nr. 38 vom 16. September 1968 »Eigene und fremde Würde« aus Ihrem Buch »Sind die Deutschen verrückt?« keine Stellung genommen hat, kann ich es mir nicht verkneifen, im Interesse der Wahrheit ein paar Bemerkungen zu einigen Darstellungen zu machen und damit den Vorwurf zu verbinden, daß Sie Sachverhalte unredlich dargestellt haben:

* Der Diakonische Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat zu dem von Ihnen »etwas seltsam« genannten Besitz- und Nutzungsverhältnis des Jagdhauses im Hunsrück amtlich Stellung genommen und alle Vorwürfe zurückgewiesen.

* Der von Ihnen als »bevorzugt spekulativ« bezeichnete Grundstückserwerb in Stuttgart endete mit einer Ehrenerklärung des Stuttgarter Oberbürgermeisters Dr. Klett für den Bundestagspräsidenten.

* In der Angelegenheit Beckerle muß nach der Tendenz Ihrer Charakterisierung des Bundestagspräsidenten der Eindruck entstehen, daß Dr. Gerstenmaler Verfasser jenes Memorandums sei, aus dem Sie einige Muster des »NS-Jargons« zitieren. Wie Ihnen sicher bekannt ist, handelt es sich jedoch -. wie sich aus den Akten des Auswärtigen Amtes eindeutig ergibt -- um ein Memorandum, das von der damaligen Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes verfaßt worden war.

* »Oft« -- behaupten Sie -- habe der Bundestagspräsident Herrn Salazar und General Franco besucht. In Wahrheit sah er Herrn Salazar einmal (Gegenstand des Gesprächs: die Afrikapolitik Portugals) und den Staatschef Spaniens zweimal (Anlaß: der rechtliche Status der Nichtkatholiken in Spanien).

* Der Bundestagspräsident hat nie den Wunsch geäußert, mit Herrn Kost bekannt gemacht zu werden. lm Gegenteil, er folgte seinerzeit -- von einer Hilfswerkstagung kommend -- einer mehrfach wiederholten Einladung von Herrn Kost. Ein Zeitgenosse, der sich der genauen Umstände jener Einladung und des Besuchs noch erinnert, hat Ihre Darstellung eine »freie Märchenerfindung« genannt.

BACKHAUS ZUM HOMFELD-BRIEF Den Brief des Pressereferenten von Bundestagspräsident Gerstenmaier begrüße ich sehr, weil er Gelegenheit gibt, aufgrund von Informationen, die mir nach dem Vorabdruck zweier Kurzporträts aus meinem Buch »Sind die Deutschen verrückt?« im SPIEGEL zugegangen sind, die Gerstenmaier-Skizze in einigen wichtigen Punkten zu ergänzen.

Die Punkte 1 und 2 des Briefes (Jagdhaus und Stuttgarter Grundstück) darf man ohne weiteres als Bestätigung meiner Darstellung ansehen, denn selbst für den durchschnittlichen Bürger wäre in solchen Fällen die Notwendigkeit rechtfertigender »amtlicher Stellungnahmen« und gar »Ehrenerklärungen« höchst ungewöhnlich und könnte zu Recht mit dem Prädikat »seltsam« bedacht werden.

Die Äußerungen Gerstenmaiers während des Krieges als Mitarbeiter des Kirchenhauptamtes an den Gesandten Beckerle in Sofia, bei denen von der notwendigen endgültigen Niederkämpfung des »englisch-amerikanischen Einflusses«, von der energischen Abwehr der »römisch-kurialen Bestrebungen« und von dem ebenso nötigen Abfangen der »gegen das Reich gerichteten Propaganda« in den slawisch-orthodoxen Kirchen die Rede war, sind ganz einfach einem Prozeßbericht in der »Süddeutschen Zeitung« Nr. 161 vom 5. Juli 1968 entnommen und niemals dementiert worden. Die Besuche des Bundestagspräsidenten bei General Franco und Salazar werden durch den Brief des Referenten ebenfalls bestätigt und sind im übrigen der Öffentlichkeit durchaus gegenwärtig.

In einem Punkt gebe ich zu, infolge der gebotenen Kürze die Darstellung etwas knapp gehalten zu haben: bei dem Zusammentreffen des damaligen Abgeordneten Gerstenmaler mit dem Generaldirektor der deutschen Kohlenbergbauleitung Dr. Heinrich Kost. Hier ist eine vollständigere Vorgeschichte doch geeignet, dem Charakterbild einige Züge hinzuzufügen.

Damals gab es in Hamburg noch die sehr angesehene »Hamburger Allgemeine Zeitung«, bei der zeitweise Karl Silex Chefredakteur war. Doch schon in den ersten fünfziger Jahren geriet das Blatt, bei dem ich gelegentlich als Leitartikler mitarbeitete, vor allem durch die Springer-Konkurrenz in schwere Bedrängnis. Erstaunlicherweise hatte sich zu eben jener Zeit das von Gerstenmaier geleitete Evangelische Hilfswerk dort finanziell engagiert und sogar mit einem Herrn Hepp den Verlagsleiter gestellt. Der Zweck dieser gewagten Beteiligung war ganz offenbar, dem zielbewußten Politiker Gerstenmaier vielleicht doch neben dem Wochenblatt »Christ und Welt« auch noch eine Tageszeitung als publizistischen Rückhalt verschaffen zu können.

Bei den häufigen Diskussionen um die finanziellen Nöte warf ich eines Tages ein, ob nicht ein so konservatives Blatt den damals in höchstem Maße florierenden Bergbau für sich interessieren könne und daß ich durchaus zur Vermittlung bereit sei. Der Vorschlag wurde mit größtem Eifer aufgenommen, doch nach einigen Tagen eröffnete mir der Verlagsleiter Hepp, daß es Herr Gerstenmaier sehr begrüßen würde, bei dieser Gelegenheit die Bekanntschaft von Herrn Dr. Kost zu machen. Ich konnte dem bald wiederholten Wunsch genügen, und alles weitere spielte sich dann genauso ab, wie ich es in meinem Buch »Sind die Deutschen verrückt?« zum ausschließlichen Zweck der Verdeutlichung exemplarisch anormaler unbewußter Haltungen geschildert habe.

Als sehr viel bedeutsamerer Sachverhalt hat sich aber durch eine Zuschrift dieser herausgestellt: In meiner Charakterzeichnung führe ich an, daß Gerstenmaier ohne jeden Zweifel am Widerstand gegen Hitler beteiligt war, bemerke jedoch dazu, daß es aufgrund seiner etwas plebejischen Neigung zu allem Aristokratischen vielleicht kein Zufall war, daß er sich dem Kreisauer Kreis der Grafen Moltke und Yorck von Wartenburg anschloß. Auf die jüngste Veröffentlichung im SPIEGEL bin wird mir nun aber von kirchlicher Seite mitgeteilt, daß Gerstenmaier während des Kirchenkampfes im Dritten Reich Mitarbeiter des Kirchlichen Außenamtes des Bischofs Heckel war, der die nazifreundliche Politik der »Deutschen Christen« betrieb. Wörtlich beißt es in der Zuschrift, die der SPIEGEL-Redaktion vorliegt: »Gerstenmaiers damaliges Buch bedeutete eine eindeutige Stellungnahme für die Theologie der »Deutschen Christen«, die in Hitler eine neue Gottesoffenbarung sahen. Sie können darüber Näheres in der Biographie von Eberhard Bethge »Dietrich Bonhoeffer' (Chr. Kaiser Verlag, München) lesen.«

Auf den ersten Blick könnte man danach berechtigte Zweifel an einer ehrlichen und nachdrücklichen Beteiligung Gerstenmaiers am Widerstand gegen Hitler hegen. In Wirklichkeit verhält es sich aber wahrscheinlich so, daß die Triebkraft seiner Widerstandsmotive sehr viel weniger als bei der Bekennenden Kirche aus den Geboten des zutiefst ergriffenen Evangeliums kam, sondern aus der ihm seit je bedeutsamen normativen Kraft eines autoritär-aristokratischen Leitbildes mit religiös fundiertem preußischem Ethos. Eben das wird Eugen Gerstenmaier an die Seite jener Grafen geführt haben, und aus demselben Grunde ist er auch heute noch nicht fähig, wirkliche Demokratie nachzuempfinden.

Übrigens stand er am 20. Juli mit solcher Motivierung keineswegs allein. Der Graf Stauffenberg, der es verdienen würde, weit mehr als Nationalheld gefeiert zu werden, als es geschieht, war ein leidenschaftlicher Verehrer des aristokratischsten und antidemokratischsten aller deutschen Dichter: Stefan Georges -- wie denn überhaupt in entscheidenden Teilen der Widerstandsbewegung ein Aufstand des sittlich hochstehenden autoritären Weltgefühls gegen dessen Absturz in die totalitäre Verkommenheit gesehen werden kann. Die auch hier zutage tretende, schier unauflösliche, unbewußte Verkettung alles Deutschen an das Autoritäre darzustellen, ist der Zweck meines Buches. Die Kurz-Porträts von Brandt, Wehner, Schmidt, Ahlers und auch von Gerstenmaier dienen nur dazu, diese Tatsache an lebenden Objekten zu demonstrieren.

Eins ist allerdings besonders problematisch: die Gefahr der unbewußten Täuschung bei einem Mann, der in so bedeutenden Zusammenhängen steht und genannt wird wie Gerstenmaier. Deshalb würde man es kaum verantworten können, aus derselben kirchlichen Zuschrift das Zeugnis des Mannes zu unterschlagen, der als der bedeutendste Theologe der Gegenwart gilt, allerdings auch nach dem Krieg besonders strenge Worte gegen Deutschland fand. Karl Barth, der Begründer der Bekennenden Kirche, schrieb in einem Artikel »Neueste Nachrichten zur neueren deutschen Kirchengeschichte« vom 12. Juli 1945 zu Gerstenmaiers Auftreten in der Schweiz: »Die deutsche evangelische Kirche ist jetzt in eine merkwürdige Zeit eingetreten. Der grobe (und dumme) Teufel ist mit Gestank abgegangen. Die Stunde des feinen (und klugen) Teufels scheint angebrochen: die Stunde der großen verkannten Antinazis, Bekenner, Helden und Beinahe-Märtyrer, die Stunde der glänzenden Alibis -- die Stunde, wo der alte theologisch-kirchlich-politische Essig (womöglich unter dem Segen ahnungsloser alliierter Besatzungsbehörden, offenbar unter dem Segen der ökumenischen Bewegung und sicher sub specie aeternitatis) eilig, geschickt und fromm, statt weggeschüttet, aus der dritten in die vierte Flasche umgegossen werden soll. Wer das gutheißt, der bewundere, propagiere, fördere und pflege -- in Deutschland selbst oder von der Schweiz aus -- den Typus Eugen Gerstenmaier!« (Aus: Karl Barth zum Kirchenkampf«, Heft 49 der Schriftenreihe »Theologische Existenz heute«; Chr. Kaiser Verlag, München 1956, Seite 89).

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