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»Und abends wird geschwoft, gewuckert etc.«

Das Bild des deutschen Tourismus wandelt sich. Immer mehr Reisende machen im Urlaub mobil, suchen Abenteuer, Geselligkeit, sportliche Betätigung anstelle von dahindösender Erholung. Doch der Aufbruch aus der Ungeselligkeit der Städte in eine sozialere Urlaubsgeselligkeit fällt den Touristen schwer. Und die Reiseunternehmer wissen die neuen Bedürfnisse zwar auszumünzen; sie auch zu befriedigen, gelingt ihnen bislang noch kaum.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Tourismus 1972 -- da gibt es nichts, was es nicht gibt:

Ob im schaukelnden Zigeunerwagen durchs grünende Irland. ob mit Feinkost-Käfer zum Schlemmen nach Paris oder mit 50 nepalesischen Sherpas rauf durch den Schnee auf den Island Peak (6189 Meter);

ob im Landrover durch den heißen Sand der Sahara, ob per »Junggesellen-Reise« zur Eheanbahnung nach Lido di Jesolo oder hinter hechelnden Hunden über Grönlands ewiges Eis;

ob »auf den Spuren Dschingis-Khans« durch die Mongolei, ob im Rennwagen immer rund um den Salzburgring oder zwecks Gruppensex auf die Zweimastjacht »Neptun III« --

so ziemlich alles, was expansiver Unternehmungsgeist zu organisieren vermag, wird offeriert: und kaum eines dieser Angebote bleibt ungenutzt.

Denn dies ist die Stunde einer neuen Urlaubsmoral: Wenn einer eine Reise bucht, dann soll er, so wollen es neuerdings viele Veranstalter, was erleben.

»Kreuzfahrten sind Erlebnisferien«, heißen die neuen Slogans. »Malta ist eine Erlebnisinsel« oder »Sibirien -- Ihr Urlaubserlebnis«.

Und einher mit derlei Formeln kommt das Zauberwort vom »aktiven Urlaub«. Denn aktiv gilt als positiv. schon weil es als das Gegenteil des schlaffen. dahindösenden. passiven Nur-Liegestuhl-Urlaubs begriffen wird, der seit einiger Zeit geradezu in Verruf gekommen ist.

Daß im Volksmund dieser neue aktive Urlaub fast ausschließlich mit sportlicher Betätigung identifiziert wird, mag am olympischen Reklame-Erfolg von »Trimm dich« und ähnlichen Losungen liegen. Den Ideologen des neuen Trends ist diese Einengung zuwider: sie haben sich bereits angewöhnt, die Urlaubsaktivitäten gehörig zu rubrizieren und zu klassifizieren, und zwar in:

körperliche Aktivität (bei sportlichen Betätigungsreisen);

* geistige Aktivität (bei Bildungs- und Studienreisen);

* psychische Aktivität (bei Abenteuer und Erlebnisreisen);

* kreative Aktivität (bei bestimmten Hobbyreisen);

* soziale Aktivität (bei Geselligkeits- und Gruppenreisen).

Noch 1968 erklärte Jürgen Botzenhardt, einer der Chefs der inzwischen bankrotten »Paneuropa«, zu den »abenteuerlichen Segelpartien« im Programm seiner Gesellschaft: »Die bieten wir nicht an. weil sie viel gebucht würden -- aber den Journalisten gefallen die immer so gut«

Inzwischen hat sich das geändert: Aus den wenigen. hauptsächlich für Werbezwecke taugenden Vorzeigedisziplinen der Touristen-Transporteure sind einträgliche Abteilungen geworden, die sich rascher vergrößern, als es die allgemeine tonristische Entwicklung erwarten läßt.

Denn insgesamt flaut der Boom der Tourismus-Branche ab. Zwar wächst die gewaltige Völkerwanderungswoge weiter an -- von rund 23 Millionen westdeutscher Reisender 1970 auf etwa 26 Millionen in diesem Jahr und grobgeschätzte 33,5 Millionen 1980. Doch hinter den absoluten Zahlen verbergen sich Zuwachsquoten von weniger als fünf Prozent jährlich. Und auch die Reiseveranstalter, von denen sich in diesem Jahr über vier Millionen den Urlaub organisieren lassen, erhoffen für die Zukunft nur mehr Zuwachszahlen von zehn bis 15 Prozent.

In dieser Situation nimmt sich die rapide Steigerung bei den Aktiv-Angeboten wie eine Explosion aus; die Anhänger der Bewegung haben sich seit 1960 von Jahr zu Jahr verdoppelt. Allein unter den Pauschalreisenden dürfte in diesem Jahr wohl bereits eine halbe Million aktiv sein.

So haben bei Sport-Scheck in München seit zwei Jahren die »sportiven Urlaubsreisen mehr als doppelt so große Zugewinne wie die normalen Badereisen, und in Neckermanns Segelklubs in Jugoslawien und auf Mallorca hat sich die Zahl der Ferienskipper gar in den letzten zwei Jahren vervierfacht; über 30 Spezialunternehmen schicken in dieser Saison vermutlich rund 400 000 erlebnishungrige Bundesdeutsche auf Abenteuer- oder Studientour, nachdem das Genre der Bildungsreise bereits fast ausgestorben schien, und bei Scharnow quellen die Hobby-Karteien über.

Allerdings, damit die Leute etwas tun, muß von den Organisatoren eine Menge für sie getan werden; so ganz von allein ist kaum einer aktiv.

Denn rund 15 Jahre lang bevorzugten deutsche Touristen, die auf Pauschal-Reise gingen, fast ausschließlich den sogenannten Erholungsurlaub, die Mehrwochensiesta. Das stereotype Reiseleiter-Lamento lautete: »Die Leute sind ja so unglaublich träge.« Gemeint war der Vollpensionär, der nur zum Schlafen, Essen, Baden, Bräunen angeflogen kam und sich nur mit Mühe mal zu einer Exkursion verlocken ließ.

Der Grund der langen Lethargie kann nur gemutmaßt werden: In der aufblühenden Zeit des demokratisierten Tourismus wurde der Urlaub als Reaktion auf den körperlichen Streß der Arbeitswelt empfunden: viele Ersturlaubsreisende fühlten sich zudem im Ausland durch Unsicherheit gehandikapt. Aktivitäten auszuleben; die Urlaubsideologen schwiegen noch.

Inzwischen hat die Entwicklung ein sehr viel differenzierteres Bild des Urlaubers offenbart: Den rundum Erholungsbedürftigen etwa gibt es demnach immer seltener: in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, in der die meisten Menschen auf Spezialfunktionen reduziert sind, tritt auch Streß vorwiegend partiell auf: Die Leute sind entweder körperlich oder geistig oder psychisch erschöpft, kaum jedoch alles zugleich. Es bleiben also allemal aktive Energien, die im Urlaub abgelebt werden können.

Und immer größer wird offenbar auch die Zahl derer, die sich vom Urlaubs-»Auszug aus dem Alltag« (so der Berliner Psychologe Helmut Kentler) die Reise in eine Gegenwelt erhoffen.

Im Urlaub soll das Leben nachgeholt ss erden. das im Alltag durch Monotonie und Normierung. durch gesellschaftl ehe Zwänge und Rücksichten oftmals zur bloßen Existenz denaturiert scheint. Die Erlebnis- und Kontaktarmut vieler, insbesondere im großstädtischen City-Milieu lebender Menschen richtet sich als »überschwelliges Bedürfnis« (Kentler) auf die paar Wochen Jahresurlaub: »Und diese Ansprüche sind dann natürlich nur äußerst schwer zu erfüllen.«

Manchem indes reicht schon ein un vermutetes, kleines Erfolgserlebnis zum Urlaubsglück: ein Pferd besteigen zu lernen, mit eigener Hand ein Segelboot zu steuern, einmal auf den Meeresgrund zu tauchen.

»Bei uns segeln viele Leute«, so erklärt das Ulli Hübner, der Chef von Neckermanns Sportprogramm, »die das in Deutschland nie machen würden, weil sie Angst hätten, sie müßen da im hanseatischen Jachtklub immer im noblenblauen Blazer rumlaufen und viel Geld bezahlen. Her im Ausland fühle sie sich von solchen Standeserwartungen fei und entsprechend ungezwungen.« Das Ferienziel der Alten: »mal richtig einen draufmachen«

Das Ausflippen aus dem Bezugssystemvon Vorstellungen und Erwartungen,mit denen die Leistungs-Gesellschalt den einzelnen umzingelt, wird in den Motivinterviews des Starnberger Studienkreises für Tourismus ganz allgemein als das Gefühl von »Freiheit«, »Ungebundenheit« oder als »Tun und lassen können, was man will« gerühmt.

Urlaubssitten offenbaren da mitunter, wie falsch die Verhaltens- und Rollenerwartungen gegenüber bestimmten Gesellschaftsschichten sind: So haben

Touristiker längst herausgefunden, daß die Vorliebe alter Leute für Ruhe und Beschaulichkeit nur angeblich besteht die meisten Alten wollen in ihren Ferien »mal richtig einen draufmachen« (Kentler): im Alltag werden sie sowieso in die Stillhalte-Ecke gedrückt.

Aus diesem Kompensationsbedürfnis, das den Urlaub als Wiedergutmachung für leeres Alltagsieben in Anspruch nehmen möchte, wird sich -- so hat es der amerikanische Gesellschaftsfuturologe Alvin Toffler ("Der Zukunftsschock") vorhergesagt -- eine »zukünftige Erlebnisindustrie« entwickeln.

Laut Toffler werden die Konsumenten »in der Zukunft genauso bewußt und leidenschaftlich Erlebnisse sammeln, wie sie einst Dinge gesammelt haben«. Auf dem Gebiet der Freizeitgestaltung. so räumt er ein, sind die »Erlebnismacher« schon am Werk.

Einer der größten Vermittler von »vorprogrammierten Erlebnissen« (Toffler) ist, außerhalb der großen Alles-Anbieterfirmen, der bayrische Omnibus-Unternehmer Georg Höltl in Tittling bei Passau.

Höltl -- Firmenmotto: »Dem Abenteuer dieser Welt auf der Spur sein ohne persönliches Risiko und ohne eigene Sorgen, preiswert und in netter Gesellschaft« -- erfand 1959 eine kommerziell organisierbare Form von Massen-Caravaning: Er hängt einem herkömmlichen Überlandbus seinen patentierten »Rotel«-Anhänger mit 39 Schlafkojen an und läßt dieses Gespann als »rollendes Hotel« durch die Lande fahren.

Die »Rotel Tours«-Gäste sitzen während der Fahrt, wie auch andere Sightseeing-Gesellschaftsfahrer. in ihrem Bus und kriechen abends, am Tagesziel. in Kojen von etwa Sarg-Format.

Die Verpflegung bereitet die Bordküche à la carte wohlfeil aus deutschen Konserven: Holsteiner Kartoffeltopf kostet 1,50 Markt Spitzenmahlzeit ist »Sauerbraten mit Klöße« -- zwei Mark.

»Die Gaste«, so kündet Höltl. »sind mit der deutschen Verpflegung durch die Rotel-Küche sehr zufrieden. Es ist bekannt, wie leicht man sich durch ungewohnte. scharfgewürzte. ölige Speisen -- besonders im Orient -- sehr unangenehme Magen- und Darmstörungen zuziehen kann.«

Das »rollende Hotel« absolviert in diesem Jahr 215 Touren auf 61 verschiedenen Routen; die meisten starten in München: 45 Tage »quer durch den Orient bis zum Indus« für 1390 Mark; für die Rundfahrten durch Indien, Japan oder »USA-Kanada-Alaska« (60 Tage) fliegen die Teilnehmer dem Reisegebiet ein Stück entgegen.

60 Tage

im Mumienexpreß.

Höltls Kunden -- im letzten Jahr will er in seinen 25 Blechherbergen 10 000 befördert haben -- bezahlen für ihren rollenden Urlaub in Sahara, Steppe oder Tundra. »Auf den Spuren von Alexander d. Gr.« oder im wilden Kurdistan etwa dasselbe, was ein Vollpensionär in einem Harzer Mittelstandshotel aufwenden muß.

Dennoch gibt es immer wieder Unzufriedene: »Mit Abenteuer hat das doch wirklich nichts zu tun«, schimpft ein Student, der mit Höltl-Gästen auf Achse war, »ich hab« da zwischen einer 70jährigen gesessen, die immerfort Pillen schluckte, und einem Scheintoten, der ständig schnarchte -- das ist doch der reinste Mumienexpreß«

Die gutbürgerliche Mischung aus »Abenteuer dieser Welt« und »ohne eigenes Risiko« scheint dennoch ein Erfolgsrezept zu sein, das Höltl anderen Konkurrenten voraus hat, die mit dem Wort Abenteuer noch einen eher altmodischen Umgang pflegen.

Zu denen gehört etwa der ehemalige Münchner Reporter Johannes Hoch. 35, der zusammen mit einem Ex-Ranger und einem Ex-Rotkreuzler aus Nigeria für kleinere Gruppen Sahara-Touren in Landrovern organisiert: jede Reise »eine echte Expedition«.

Hochs Aalto-Touren, die zu Beginn dieser Saison unrühmlich in die Schlagzeilen kamen, als dabei in der Wüste ein Diabetiker verdurstete, definieren sich selbst als »programmierte Abenteuer« und werben, durchaus auf der Höhe der Freizeit-Theorie, mit der besonderen »Atmosphäre, die. losgelöst vom Alltagsrhythmus. das außergewöhnliche Erlebnis« schafft.

Aalto-Teilnehmer (1971 rund 400> bezahlen diese Loslösung vom Alltag mit rund 3300 Mark: es sind (ähnlich wie bei Rotel Tours) vornehmlich ältere Reisende. gut zur Hälfte über 50. aber die sind Hoch die liebsten: »Jüngere Leute meckern plötzlich, daß sie ihr Zelt selbst aufbauen müssen oder mal Holz sammeln sollen; die älteren sind da ganz anders eingestellt.«

Unter ihnen -- »hauptsächlich Ärzte. Ingenieure, aber auch Krankenschwestern und freie Berufe« -- treffen sich auch »viele ehemalige Rommel-Kämpfer, die noch mal ihre alten Schlachtfelder sehen wollen«. Im Gegensatz zur folgenden Generation. die das Abenteuer nach Hochs Erfahrungen lieber bequemer hätte, schreckt die Alten kein Sandsturm, kein Achsbruch, kein Fußmarsch.

Das Bedürfnis nach einem Bewährungserlebnis, die Genugtuung. ein selbstgestecktes Ziel auch unter widrigen Umständen zu erreichen, scheint einen beträchtlichen Teil der Abenteuer-Reisenden zu motivieren; besonders in der klassischen Sparte von Erfolgserlebnisproduktion wird dies deutlich: bei den Bergsteigern.

Günter Hauser, Geschäftsführer und Bergführer beim Deutschen Alpenverein (DAV), der seit 1967 mit zunehmendem Erfolg Kraxeltouren in Himalaja-Höhen anbietet, hat beobachtet, daß »die Leute heute höher wollen als nur auf den Montblanc: Die wollen fünf-, besser noch sechstausend Meter hoch«.

Das Erfolgs- und Prestigemoment, auch die Stärkung des Selbstwertgefühls, »den inneren Schweinehund überwunden zu haben und da mal raufgekommen zu sein«, treibt insbesondere zu den Rekordtouren. Hauser: »Wenn jemand mit uns auf den Aconcagua steigt« -- 6959 Meter; 4890 Mark -,

»dann dient das nur der Befriedigung über die eigene Leistung. auf dem höchsten Berg Amerikas gestanden zu haben -- zu sehen gibt es da sonst nichts.«

Die Alpenvereinler, die im besseren Hochgebirgstourismus nach Nepal, Pakistan, Ostafrika. Chile, Ecuador (Chimborazo) und Mexiko (Popocatepetl) 1972 fast 100 Prozent mehr Teilnehmer als im Vorjahr eingeplant haben, erleben indes bereits, wie auch die exotischsten Fernen, die höchsten Höhen sich bevölkern:

Schon heute stapfen die Gipfelstürmer nach Tagen beschwerlichen Aufstiegs durch den Himalaja in 4000 Meter Höhe am »Mount Everest View Hotel« vorbei, das Komfort-Touristen im Hubschrauber erreichen. Nur die Sauerstoffdusche neben dem Bett erinnert den Vollpensionär, der hier für 55 Dollar täglich auch aus der Badewanne den Ausblick auf die Weltrekord-Gipfel bat. an seine Höhenlage.

Die Fußgänger dagegen, die dort (und höher noch) hinaufkeuchen. sind. so räumt Hauser ein. »völlig fertig, wenn sie so eine Tour hinter sich haben: die müßten dann eigentlich erst mal richtig in Urlaub fahren«. Aber Frostbeulen und Erschöpfung ertragen sie klaglos und fromm für die »innere Bereicherung durch ein einzigartiges Erlebnis«.

Die Abenteuerproduzenten arbeiten auf Hochtouren; ihre Werbung für die Konsumware Erlebnis stülpt mitunter kokett die konventionellen Reklameklischees ins Negative.

»Die Wegeverhältnisse in Botswana sind absolut schlecht«, so frohlocken etwa die South African Airways und bieten »eine Safari für harte Männer«. eine »Nicht-Jedermann-Safari«, was indes auch schon der Preis von 3637 Mark einigermaßen klarstellt. Doch gerade die teuersten Reisen gehen gut. Neues Konzept:

das entabenteuerte Abenteuer.

»Eine Klientel für so ganz ausgefallene Sachen ist heute in Deutschland leichter zu finden als irgendwo anders«, sagt Poul Heiberg Christensen, Touristikmanager und dänischer Konsul in München. der 1971 die erste Winterreise nach Grönland mit einer bundesdeutschen Gruppe unternahm: eine Tour mit Flugzeug. Hubschrauber und Hundeschlitten, wie sie bislang nicht einmal bei dänischen Veranstaltern im Programm ist.

»Da kriegt man dann dieses Pelzwerk von den Eskimos angezogen -- das stinkt, daß einem fast schlecht wird«. erinnert sich ein Teilnehmer und schwärmt wie in Kommißerzählungen: »Aber schön war es doch,«

Der Erfolg der Kleinen mit teuren Exotik-Touren. mit Amazonas. Alaska. Bali oder Bora Bora, ob mit Studien- oder Expeditions-Touch, hat längst auch die Großen der Branche in dieses Geschäft gelockt, freilich managen sie das Erlebnis-Business auf der gesichert gutbürgerlichen Basis à la Rotel Tours:

Neckermann betreibt die Sparten »Erlebnis-Reisen« und »Weltbummler-Reisen«; Scharnow und Touropa propagieren das »gesicherte Abenteuer in fernen Ländern«; Airtours ediert einen lyrischen 40-Seiten-Sonderprospekt »für Leute. die schon alles gesehen haben«. in dem Abenteuer zumeist vorsichtig als »wohlgelenkt« oder »perfekt vorbereitet« beschrieben werden.

Die Airtours-Leute wollen diesen »neuen Spezialmarkt« der sich auch für ein Großunternehmen lohnen sollte« (Geschäftsführer Ewald Vollrath), in den nächsten Jahren noch weiter ausbauen, und das mag ihnen wohl gelingen --

Denn ihr Expeditionsleiter. Jorgen Bitsch (Sahara, Borneo« Mongolei), der kürzlich in Frankfurt alle Sicherheitsvorkehrungen bei seinen Unternehmungen erläuterte, hat es dabei fertiggebracht, seine Landroverpartien (Mongolei für 5416 Mark) als so sicher und fast so bequem wie eine Camping-Tour durch die Lüneburger Heide darzustellen. Das entabenteuerte Abenteuer, kostbar, kulinarisch und keimfrei -- das scheint hier das kommende Marketingkonzept zu sein.

Daß die meisten Erlebnisreisen Gruppenreisen sind, hat offenbar zu ihrer Beliebtheit beigetragen; auch die Organisatoren trumpfen damit auf: Nicht nur eine »große Bewährungsprobe«. »neue Spontaneität. Risikofreude. Dynamik. Leistungsbereitschaft und gesteigertes Selbstvertrauen« verheißt eine »Eis-Expedition« nach Grönland, die das »Deutsche Reisebüro« (DER) »hauptsächlich für begüterte Studenten und Manager als .Trimm-Dich!-Tour"~ ausgeschrieben hat -- gelockt wird mit einem scheinbar altbackenen Wert wie »Kameradschaft unter Männern«.

Touristische Hallstein-Doktrin: Neckermann rein, Airtours raus.

Auch Hoch von Aalto weiß von der »Suche nach Kameradschaft« bei den Teilnehmern an seinen Safaris zu berichten: für DAV-Hauser »spielt das Gruppenerlebnis eine große Rolle« bei seinen Himalaja-Wanderern.

Im Streben nach Kameradschaft. nach Kontakt und Geselligkeit kommen nicht nur die Erlebnisreisenden zusammen; soziale Begierden dieser Art treiben auch die Teilnehmer an Sport-Urlauben.

Für diese verkappte soziale Aktivität spricht insbesondere, daß die Teilnehmer Sport nur in spielerischer. nicht allzu anstrengender Form betreiben mögen.

»Wir hatten hier ursprünglich richtige sportliche, sechstägige Segeltörns«. erinnert sich Neckermanns Hübner. »aber das fand keinen Anklang. Jetzt fahren wir nur noch Zweitagestouren. und nachts ankern wir im Hafen -- das ist für die Leute genau die richtige Mischung aus Unterhaltung und Sport«

Unter dem Gesichtspunkt der Geselligkeitssehnsucht betrachtet auch Helmut Kentler all die aufkommenden Formen von Gruppenurlaub: »Das hat man doch immer wieder festgestellt, zum Beispiel auf Omnibus-Rundreisen -- da ist sicher ein gewisses Bedürfnis da, bestimmte Gegenden kennenzulernen, Kunststätten und so, aber im Grunde ist das nur ein Vorwand: Rationalisierung dieses anderen Bedürfnisses nach Kontakt«

Wie wichtig dem Reisenden der Mitreisende ist, wieweit Urlaubsglück und Urlaubsleid von Tisch- und Zimmernachbarn abhängen, das hat der Scharnow-Marketingchef Herbert Brandt in seiner Theorie vom »Klassenkampf mit Vollpension« erläutert.

Brandt meint, daß alle Pauschalreisenden ihre Reisegesellschaft nach einem gewissen Marken-Image aussuchen; daß sie sich damit zu einer Klasse von Reisenden bekennen, um mit ihresgleichen zusammen zu sein, und daß sie in den Kunden anderer Firmen sozusagen Klassenfeinde wittern.

Deshalb müsse ein Reiseunternehmen immer zuerst die passenden Mitreisenden anbieten und erst dann den Urlaubsort. denn: »Urlauber interessieren sich in erster Linie für die zu erwartenden Reisepartner.«

Diese These hat Brandt mit einigen hausgemachten, doch scharfsinnigen Beobachtungen illustriert: »Ein 'Akademiker mit elitärer Selbsteinstufung' ist durchaus bereit, im Zelt auf Stroh zu schlafen. Unter einer Bedingung: daß nebenan auch ein Akademiker schläft.«

Die Theorie des touristischen Gleich- und-Gleich mag sich auf die Praxis immerhin eines Reise-Unternehmers stützen. Airtours, der Transporteur der besseren Leute. wird von seinen Kunden seit Jahren in eine Art touristische Hallstein -Doktrin gedrängt: Immer wenn in einem Hotel der Airtours-Gäste Neckermann-Kunden auftauchen, mosern die teureren Herrschaften. und Airtours muß die Herberge lassen.

So schaffen soziale Befreiung und neue soziale Zwänge ein touristisches Gruppenverhalten, das es bislang nicht gab. Dieses Gefühl für die eigene, kleine Feriengesellschaft, eine Sehnsucht nach Geborgenheit und leichterer Kommunikation in einem zwanglosen, interessenkonformen Sozial-Klima, findet jedoch nicht nur bei Hobby-, Sport- und Abenteuerreisen statt.

Das eigentliche Geschäft der Stunde ist das Geschäft mit den Urlaubsklubs und -parks und -dörfern. Sie sind die eigentlichen Zentren der neuen Freizeitgeselligkeit. Und der potenteste Macher und Manager dieser Bewegung in die rustikale. sozialintime Idylle sitzt im distinguierten München -Bogenhausen.

Dort, in einer repräsentativen Gründerzeitvilla aus dem Besitz der bayrischen Bierbrauerdynastie Pschorr, residiert Ulrich B. Erpenbeck, 38. mit einem Stab von zwei Dutzend Mitarbeitern und befehligt Auf- und Ausbau des größten deutschen Feriendorf-Projekts. der »Stella Maris Ferienpark«-Kette.

»Der größte Teil der Gäste kommt wegen des Anschlusses.«

Erpenbeck, ein lebfroher Fünfschröter, ist studierter Ingenieur, »hatte mit 24 Jahren eine Textilfabrik in Österreich«, die er schon nach fünf Jahren gewinnreich verkaufen konnte, trainierte sich als Banker in der Schweiz und als Börsianer in New York.

Für das Urlaubsgeschäft interessierte er sich zunächst nur ganz privat, weil ihn das traditionelle Hotelleben verdroß: »Gehen Sie doch mal mit Kindern in so »ne alte Wohnmaschine. da werden Sie doch glatt verrückt.«

Da traf es sich gut, daß er beim Überfliegen von Ibiza bald darauf ein »traumhaftes Hanggrundstück mit ein paar alten Gebäuden darauf« entdeckte: »Da hatte ich eine Idee.«

Folge: 1969 eröffnete auf dem üppigen 100 000-Quadratmeter-Areal in der Nähe von San Antonio der »Stella Maris Couritry Club Ibiza« eine Beherbergungsanlage für 750 Urlauber.

Die Feriensiedlung auf Ibiza war Erpenbecks erster Versuch, eine »neue Vorstellung von Urlaubmachen« in die Tat umzusetzen: mehr Raum für den einzelnen (Faustformel: mindestens l00 Quadratmeter pro Bett), mehr Möglichkeiten für Sport- und Unterhaltungsaktivitäten und schließlich mehr Hilfestellung für Kontakte zwischen den Gästen.

Was er als seine Aufgabe empfinde, sagt Erpenbeck nämlich, das sei insbesondere. »die Leute einander näherzubringen«.

Freilich, nicht immer wird es ihm gedankt: Als er es etwa ablehnte, jedem Appartement einen festen Tisch im Restaurant zuzuordnen, so daß die Gäste sich zu jeder Mahlzeit einen neuen Platz sichern mußten, gab es bei den Deutschen heftigen Protest. Erpenbeck, der dies Verfahren (in Anlehnung an Club-Méditerranée -- Praktiken) zur schnelleren Kontaktherstellung unter »Stella Maris«-Pensionären verordnet hatte, will dennoch nicht nachgeben: »Da bleiben wir hart; die Leute müssen das einfach lernen, daß sie bei uns nicht in einem Familienhotel sind.«

Die meisten haben es derweil gemerkt und auch honoriert:

Annähernd ein Drittel der »Stella Maris«-Gäste kommt wieder: die diesjährigen Buchungszahlen liegen bereits um 30 Prozent über dem Vorjahresstand.

Alfons Heinz Paulus, 38, Erpenbecks Mann in Ibiza -- »Ich bin hier mehr Bürgermeister als Hoteldirektor; es fehlen nur noch Kirche und Rathaus, und das Dorf wäre fertig« -, hat beobachtet, daß »der größte Teil der Gäste des Anschlusses wegen hierherkommt«; das spezielle »Stella Maris«-Angebot wird also offensichtlich von den Feriendorfbewohnern richtig begriffen.

Natürlich mit Ausnahmen: »Ich bin hierhergekommen, weil ich dachte, hier ist gesellschaftlich was los«, klagte eine Urlauberin mit üppiger Abendgarderobe: »Aber die Leute ziehen sich ja nicht mal zum Dinner um.«

Für das gesellige Treiben soll ein umfängliches Unterhaltungsprogramm sorgen, das von einem »Stella Maris«-Spezialagenten mit gern belächelter Berufsbezeichnung organisiert wird: vom »Socialdirector«, der laut Statut dafür zu sorgen hat, daß »jeder Gast sich allein wie auch mit andern wohl fühlt«.

Diese Planstelle zur Verbesserung von Kommunikation und Geselligkeit hat Erpenbeck erst nach seiner ersten Saison ersonnen: »Das war nötig, weil doch eben viele Leute ziemlich verklemmt sind und wirklich erst einmal eine persönliche Ansprache brauchen, bevor sie sozusagen wieder richtig als soziales Wesen funktionieren.«

Der »Versuchsballon Ibiza« (Paulus), von Anfang an als einer der »Touropa Ferienparks« einem breiten Publikum von Pauschaireisenden angeboten, ist inzwischen flügge geworden. Und Erpenbeck offeriert inzwischen auch noch andernorts »Stella Maris«-Betten:

* Im schweizerischen Bad Vals erwarb er einen größeren Kurhotel-Komplex mit Thermalwellenbad, Sport- und Kureinrichtungen (750 Betten);

* im griechischen Galatas wurde die erste Baustufe des »Stella Maris Nautic Club« bewohnbar; ab 1973 sollen hier 1200 Urlauber aufgenommen werden -- in einer 15-Hektar-Anlage mit 500 Meter eigenem Sandstrand, Jachthafen und Flugplatz.

»Da ist ganz schön Musik drin«, so beschreibt Erpenbeck die Möglichkeiten des »Stella Maris«-Geschäfts« »wir sind bald in der Lage, jedes Jahr so »ne Anlage zu bauen.«

Der eher tiefstapelnde Bauherr, für den »reich ... so ein komisches Wort« ist und der nach eigenem Bekunden »oft tagelang mit demselben Tausendmarkschein in der Tasche« herumläuft, baut zur Zeit nicht eine, sondern gar noch vier andere »Stella Maris«-Siedlungen: auf Mallorca (mit 450 Betten), auf Menorca (850), auf Fuerteventura (1600) und an der Algarve (1100).

Die Finanzierung dieses Bettenbergs für fast 7000 Urlauber, den Erpenbeck mindestens alle vierzehn Tage im firmeneigenen Lear Jet einmal umrundet, wird über zwei Gesellschaften abgewickelt, von denen die Münchner »Stella Maris GmbH Holiday Center & Co. Ferienpark KG« im letzten Jahr für 50 Millionen Mark Anteile anbot. Firmenchef Erpenbeck: »Die waren innerhalb von acht Wochen überzeichnet; hauptsächlich von Ärzten und so.« Afrikanische Krals für Pauschal-Touristen.

Den Erfolg seines Unternehmens erklärt Erpenbeck in guter Businessman-Manier: »Ich war zur richtigen Zeit mit dem richtigen Produkt am Markt, in einer riesigen Marktlücke, und inzwischen ist »Stella Maris« so was wie Coca-Cola -- ein richtiger Markenartikel.«

Ein Markenartikel-Image, da hat er recht, ist auch auf diesem Gebiet inzwischen wichtig geworden, denn der Zug in Richtung Ferienklub, Ferienpark« Feriendorf (die Begriffe werden noch undefiniert und austauschbar gebraucht) ist abgefahren; Tourismusforscher wie der Schweizer Christian Fink orakeln gar bereits Düsteres über die Zukunft des traditionellen Übernachtungsgewerbes: Seitdem das Streben nach »freiem, ungezwungenem gesellschaftlichem Kontakt« und »das Verlangen nach zwanglosem, von jeglichen Konventionen freiem Ferienleben« dominiere, könne »sich die Stellung des Hotels als vorherrschende touristische Beherbergungsform in diesem Rahmen je länger, desto weniger behaupten«.

Für Finks übereilige These spricht immerhin, daß die Zahl der Klubangebote auch bei den deutschen Reise-Veranstaltern, die hierin wahrhaftig keine Pioniere sind, rapide gestiegen ist.

So hat etwa die Münchner Reisegroßhandlung Touropa, die im TUI-Verbund für derlei Spezialangebote zuständig ist, ihr Ferienpark-Programm in den letzten Jahren mehr als verdoppelt: 1970 flogen 6500 Passagiere (Branchenjargon: »Paxe") in fünf mediterrane Ferienkommunen; in diesem Jahr werden in zehn Dörfern, Parks und Klubs über 20 000 Gäste erwartet; dazu kommen noch über 10 000 nackte Paxe, die zur Bevölkerung der FKK-Dörfer in Jugoslawien und auf Korsika anreisen.

Und auch Neckermann, der bislang außer in seinen vier N-U-R-Segelklubs auf den Balearen und in Jugoslawien kaum Stätten für derartige Gruppenerlebnisse offerierte, besitzt inzwischen. außer rund 600 (von 1200) Betten im tunesischen Twenziel »Medina-Samira-Club« (Chefreiseleiter Landefeld: »Wer hier nach zwei Nächten noch keinen Anschluß hat, dem ist nicht zu helfen"), auch größere Kontingente im (FKK-) Dorf Corsicana ("Ungezwungenheit freier Menschen ... freizügige Atmosphäre") und im mallorquinischen Feriendorf »Dulce Farniente": Rund 22 000 Gäste werden in dieser Saison voraussichtlich diese drei Ziele wählen.

Anfang des nächsten Jahres wollen die N-U-R -Leute dann ein eigenes »Urlaubszentrum ohnegleichen« in Betrieb nehmen: 80 Kilometer südlich von Dakar werden derzeit für Neckermänner aus aller Welt runde Komfort-Krals »im African Look, mit Makuti-Dächern und kunsthandwerklichen Dekorationen« angebaut.

Hier, »an der goldenen Küste Senegals«, knapp fünf Flugstunden von Frankfurt entfernt, will Neckermann seine Vorstellungen von Urlaubsdörflertum realisieren; und das Projekt fügt sich konform in das allgemein vorherrschende Ferienklub-Konzept: Es benutzt landesübliche Architektur, liegt weit genug ab, um dörfliche Geschlossenheit suggerieren zu können, ist als sport- und unterhaltungsintensiv geplant.

»Unser Club Nianing«, schwärmt Neckermann-Geschäftsführer Rolf Pagnia, 46, »ist wirklich ein Experiment«; und für Peter Neckermann, 36, signalisiert er gar einen historischen Umbruch: »Wir können uns jetzt am besten mit Ford vergleichen -- als die Autowelle losging, gab es nur ein Auto; als Millionen gebaut wurden, gab es auch viele Typen. Wir erreichen jetzt den Punkt. wo wir aus der Einheitlichkeit heraustreten können, um immer mehr individuelle Modelle zu basteln.«

Und Neckermann ist auch die erste große Reisefirma in Deutschland, die eine ganze Werbekampagne mit seitenlangen Zeitungsanzeigen auf der Ebene des Kontakt-Themas laufen ließ: »Jedes Jahr fliegen 100 000 Menschen in den Urlaub mit der Absicht, einen Partner zu finden« -- und dazu grüßen in Farbe die bebräunten Hinterfronten eines Badepärchens, das einträchtig Neckermanns fettgedrucktes Werbe-Kredo bebildert: »Im Urlaub bekommen wir schneller Kontakt zueinander,«

* Vor dem Modell des senegalesischen Neckermann-Dorfes Nianing.

Was derlei unterschwellig erotisch lockende Urlaubsreklame angeht, so wird die freilich von den Jugendreise-Unternehmen schon länger und geübter gehandhabt.

Die Prospekte dieser Ferienhändler sind voll von bunten Stimmungsbildern zu den klassischen Reizthemen Sonne, Süden, Sand und Sex: Urlaubsfreude wird da eigentlich fast ausschließlich visualisiert durch strahlende Bikini(auch: Oben-ohne-)Pin-ups, durch kicherndes Tändeln in kleinen Gruppen und zärtliche Posen liebender Pärchen. »Mädchen zupfen. Lust haben. Fummeln.«

Während die Slogans der Großunternehmer noch in vornehmer Zurückhaltung nur für »Reisen mit netten Menschen« (Scharnow) oder »Reisen in guter Gesellschaft« (Tigges) werben, sagen es die Texter den Teens und Twens weitaus unverblümter.

Der Münchener »Euroclub« verheißt »aktive Geselligkeit« und »aktiven Flirt oder mehr die TUI-Jugendabteilung »Twen Tours international« appelliert: »Macht jungen, frischen, frechen Urlaub.«

Der »Club 28« in Bonn (1971 rund 16 000 Teilnehmer) organisiert sogar den »Urlaubsflirt '72« per Fragebogen; Testfragen lauten etwa: »Man sagt, es käme unter südlicher Sonne leichter zu intimen Beziehungen. Wie stehen Sie dazu?« Die meisten Punkte bringt die Replik: »Man sollte nicht soviel darüber reden. Es gehört einfach dazu.«

Bei »Artu-Reisen«, auf berlinisch. klingt das im Programmkonzept so: »Mädchen zupfen ... Vergammeln. Verführen ... Lustig sein. Lust haben ... Fummeln.« Und abends, im jugoslawischen Feriendorf Becici? »Und abends wird getanzt, geschwoft, gewuckert etc.«

Erfahrene Pauschaltouristen freilich wissen, daß flotter Ton und nachdrückliche Hinweise auf »jung« und »sportlich« häufig nichts anderes sind als ins Positive gewendete Bezeichnungen für Primitivunterkünfte mit einfachster Ausstattung und mangelndem Komfort. Wo allzu beflissen Erotik und gute Laune beschworen werden, da besteht der Verdacht, daß es dort über tatsächliche

Dienstleistungen nichts Nennenswertes zu sagen gibt. Und von verheißener Geselligkeit allein wird niemand satt.

Natürlich ist diese jungdeutsche Leidenschaft für den Kontakturlaub in lockender Klubatmosphäre und auch die Werbung durch erotische Verheißung nicht ohne Vorbild. Ahnherr dieser vornehmlich um

das Mittelmeer herum, aber auch in Afrika und Übersee prosperierenden Dörfler-Kultur in Ferienklubs und -parks, deren Erfolg inzwischen auch manch konventionelles Bungalow-Hotel bewog, sich à la mode umzubenennen, ist Frankreichs wirkungsmächtiger Urlaubermythos von der totalen Freizeit der »glücklichen Wilden« -- der Club Méditerranée. Eine Philosophie aus Perlen, Pareos und Toleranz.

Das vor nunmehr 22 Jahren gegründete Touristik-Unternehmen ist das einzige, das seine Kundschaft mit einer eigenen »Klub-Philosophie« beeindruckt, von der am bekanntesten ihre äußerlichen Anzeichen geworden sind: Hütten in polynesischem Stil mit Bastvorhängen anstelle von Türen; um hübsche Mädchenhüften geschlungene Pareos; bunte Perlen anstelle von Geld; ein unentwegtes Unterhaltungsprogramm; vielerlei Sport; Anrede per du; die Propagierung von Freizügigkeit und Toleranz; und »das ungezwungene, intelligente, irrsinnig schöne Klub-Klima«.

Inzwischen entspricht nur noch ein knappes Drittel der 48 »Club Méditerranée«-Dörfer dem kalkuliert antizivilisatorischen Wilden-Look der Bambushütten aus der Pionierzeit -- der Kern der frohen Botschaft von den »totalen Ferien« jedoch ist auch in den neueren Komfort-Siedlungen erhalten geblieben.

»Die Formel des Club Méditerranée«, so hat es Gérard Blitz, der Gründer, ausgedrückt, »basiert auf einem ganz einfachen Prinzip: Um wirklich Ferien zu haben, muß man sich in eine Gesellschaft begeben, die der in unserem Alltag vollkommen entgegengesetzt ist -- in eine Gesellschaft ohne psychologische Beklemmungen, ohne Verpflichtungen, ohne Autoritäten und ohne soziale Unterschiede.«

Aus diesem Urlaubsverständnis ergab sich dann auch der Klub-Slogan »Das Geld ist abgeschafft« (obwohl es nur in farbige Kunststoffperlen umgetauscht wird); es resultierte daraus auch das Animationssystem: Zahlreiche angestellte »Gentils Organisateurs«, die sich in Auftreten und Kleidung von den Gästen« den »Gentils Membres«, kaum unterscheiden, sind unauffällig (und unaufhörlich) bemüht, jene zu sportlichem und geselligem Tun anzuhalten.

Die Animateure sind dabei eingeschworen auf die stolze Devise des Unternehmens: »Man kann jemandem dienen, ohne dessen Diener zu sein« -- Trinkgelder sind verpönt, in Sklavensprache wird (der Theorie nach jedenfalls) nicht geredet.

Es gehört zu dieser Urlaubsformel schließlich auch eine gehörige Portion Gemeindesinn: »Denn nicht jeder paßt zu uns. Aber die, die zu uns passen. die passen auch zusammen. Und darum«, so folgert der Katalog mit den vielen braungebrannten« jungen, schönen, glücklichen Menschen-Bildern, »wird ein Urlaub im Klub nicht nur ein Ferienerlebnis, sondern immer auch eine menschliche Erfahrung sein.«

Zu derlei menschlichen Erfahrungen drängte es noch vor drei Jahren lediglich 8000 Deutsche; in diesem Sommer erwartet der deutsche »Club Méditerranée«-Agent Touropa bereits 22 000 bis 24 000 »deutsche Club-GMs«.

Seit der explosiven Ausbreitung dieser Ferienform haben sich Touristiker und Tourismusforscher in der Bundesrepublik immer wieder gefragt, wie denn wohl die schwer beschreibbare« ungezwungene, kollektive Atmosphäre in diesen Dörfern« aber auch das anregende Reizklima dort zustande kommen.

Es darf nicht verwundern, daß es zwar jede Menge Feuilleton und schöngeistig Kulturkritisches darüber gibt, daß fundierte Bestandsaufnahmen und Analysen jedoch weitgehend fehlen.

Denn die Touristik-Industrie hat in der Vergangenheit kaum Anstalten gemacht zu erforschen, wovon sie lebt. Um die Motivationen und Vorlieben. die Vorurteile und Gewohnheiten ihrer Kunden hat sie sich bislang, wissenschaftlich. kaum gekümmert -- sie war immer zu sehr damit beschäftigt, diese immer riesiger werdende Lawine von Paxen in Flugzeuge, Züge« Busse und schließlich in ihre Hotelbetten zu leiten. Der neue Rousseau: Naturnähe und Luxus.

Der theoretische Ungeist der Macher. ihre Wissenschaftsfeindlichkeit und Analysefaulheit, geht so weit, daß noch heute seriösen Branchenfachleuten auf die Frage nach den Zukunftsperspektiven des Tourismus allen Ernstes nur einfällt, daß in Zukunft Hotelzimmer möglichst Dusche haben müßten, um verkäuflich zu sein.

Und es ist auch keine Ironie im Spiel, wenn ein Mann wie Hans-Georg Ungefug, der Geschäftsführer vom »Engelhardt-Feriendienst«, im Hinblick auf die Hochhaus-Betonbunker des Ferienparks Heiligenhafen mit seinen 7000 Insassen sagt: »Wir steuern hier ganz direkt den Club Méditerranée an.«

Solche Fehleinschätzungen sind. natürlich, nicht allein dem unterentwickelten Erkenntnisstand der zuständigen Wissenschaft anzulasten. Denn auch aus den verstreuten Daten und Erkenntnissen läßt sich der Unterschied zwischen dem »Ferienpark Heiligenhafen« (Ungefug: »Das Wort »Park scheint dabei im ersten Augenschein ein wenig vergewaltigt zu sein") und dem »Club Méditerranée« halbwegs sicher fixieren.

Im Gegensatz nämlich zu der hoch hinaus gebauten Großstadt-Siedlung am Ostseestrand kultivieren alle »Clubs Méditerranées« (und die ihnen nachempfundenen Ferienziele der deutschen Veranstalter) den idyllischen Dorf-Look. die Abgelegenheit und Abgeschlossenheit der übersehbaren Klein-Kommune. Daß diese rustikale Wohnform so beliebt ist, hängt mit der Gästestruktur zusammen: Rund drei Viertel kommen aus Großstädten.

Dieser säkularisiert-rousseauistische Zug zur Naturnähe, zum einfacheren Leben, zur Ungezwungenheit hat sich von den Strohhutten und Zelten längst entfernt: Die Feriendorf-Leute haben längst gelernt, modernen Hotelluxus mit ihrer Einfachheits-Ideologie zu kombinieren.

Außer dieser Ungezwungenheit, die freilich mit der von Gérard Blitz beschworenen »sozialen Schrankenlosigkeit« wohl kaum etwas zu tun hat (die »GMs« gehören ziemlich einheitlich der einigermaßen homogenen oberen Mittelschicht an), trägt zur Bildung der begehrten Klubatmosphäre noch ein anderes Moment bei: Die Einrichtungen des Klubs sind in der Regel nur den Mitgliedern, das heißt den eigenen Gästen zugänglich. Der Schweizer Klub-Trendsetter Fink: »Dadurch wird die Isolierungstendenz verstärkt und der Prozeß der Gruppenbildung erleichtert.«

Dieses Interesse an Gruppenbildung, am kollektiven Urlaubserleben gar, wird erst seit wenigen Jahren von deutschen Freizeit-Organisatoren zur Kenntnis genommen und in speziellen Angeboten ausgemünzt.

Zuvor war der organisierte deutsche Reisemarkt« von wenigen unerheblichen Ausnahmen abgesehen, fast ausschließlich beherrscht vom »Aufenthaltstourismus«, wie Reinhold Tigges, Chef des kleinsten Till- Mitglieds (90 000 Buchungen), das spöttisch nennt; die Veranstalter schafften ihre Kunden ins Zielgebiet, geleiteten sie ins Hotel, sorgten für Kost und Logis, schafften sie nach ein paar Wochen wieder zurück, und damit Schluß.

Auf dieser unüberlegten, aber effektiven Technik beruht denn auch das Lieblingsobjekt der deutschen Tourismuskritik zwischen konservativ-elitär (Gerhard Nebel) und links-elitär (Hans Magnus Enzensberger): das Phänomen des sogenannten Massentourismus.

»Amore

ist eine Entartungserscheinung.«

Dessen in der Tat mancherorts unappetitliche Erscheinungsformen sind sicher für sensible Naturen mitunter schwer erträglich -- wie etwa am sogenannten »Teutonengrill« zwischen Ravenna und Rimini oder in Arenal auf Mallorca, wo das Leib-an-Leib wohl fast noch schlimmer ist: »Den Geruch von verbranntem Fleisch, Kinderpipi und Nivea«, so ekelt sich ein Reiseleiter, »den hat man schon in der Nase, wenn man noch ein paar hundert Meter entfernt ist.«

Die von vielen Pauschal-Reisenden immer wieder geäußerte Abneigung gegen den »Massenbetrieb«. gegen die »Übervölkerung« in den bevorzugten touristischen Gebieten, hat nun freilich nicht so sehr zu einer Rückwendung zum Individualtourismus geführt -- der Verdruß über die Auswüchse des unstrukturierten Massenbetriebs der Ferienindustrien führte viele zum intimeren Gruppentourismus der Klubs, Parks und Dörfer.

Denn daß ein bislang näher kaum definiertes Geselligkeitsbedürfnis eine der mächtigsten (und immer mächtiger werdenden) Antriebskräfte der touristischen Völkerwanderungen ist, das ist nicht nur eine Erfahrung der Praktiker; auch den akademischen Beobachtern ist dies immer deutlicher geworden. Noch vor neun Jahren hatte die Bonner Psychologin Ursula Lehr in einer der raren Untersuchungen über Urlaubserwartungen etwa in der besonders reiseaktiven Gruppe der bis zu 30jährigen einen Anteil von knapp 30 Prozent Kontaktsuchenden gefunden; Allensbach ermittelte fünf Jahre später bei derselben Gruppe bereits einen Prozentsatz von 51 Prozent Geselligkeitsorientierten. Im Bundesdurchschnitt stieg das Interesse, »mit anderen Menschen zusammen zu sein, neue Bekanntschaften zu schließen« (Allensbach), von 19 Prozent (1961) auf 41 Prozent (1968).

Und es handelt sich hierbei nicht nur um die immer wieder (und vom Werbestil vieler Veranstalter tatsächlich suggerierte) Erotisierung des Urlaubs.

Paul Rieger, der Vorsitzer des Starnberger Studienkreises für Tourismus, ist gar der Überzeugung, daß »Amore nur die Neben- und Entartungserscheinung eines tiefersitzenden Wunsches ist: dem nach Geselligkeit und Kontakt«. Und auch Helmut Kentler schätzt das »Bedürfnis nach Geselligkeit« als »ganz enorm groß« ein; er fragt indes auch, ob die Leute »überhaupt in der Lage sind, Geselligkeit zu realisieren -- schließlich wird so was ja bei uns nicht gelehrt«.

Deshalb sind auch die Veranstalter bislang kaum in der Lage, ihren Gästen bei der Einübung ins Soziale Hilfestellung zu geben. Freilich treibt sie ja auch, trotz mitunter gegenteiliger Bekundungen, kein missionarisches Weltverbesserermotiv, sondern der Geschäftssinn: aber auch Geschäfte können besser vorbereitet werden.

So gab es etwa in der Saison 1970/71 in Erpenbecks »Stella Maris« auf Ibiza zwar schon eine ungewisse Vorstellung von kommunen Konventionen, aber kein Know-how, sie zu verwirklichen: Die Gäste lebten ebenso kontaktarm nebeneinander her wie in einem beliebigen Bungalow-Hotel.

Schlimmer noch: Die gutgemeinte. wenngleich noch vage Geselligkeitsideologie samt ihrem Angebot an Sport und Frohsinn wurde unterlaufen durch klägliche Küche und muffigen Service: verärgerte Touropa-Paxe revoltierten schließlich und rotteten sich zu meckernden Gruppen zusammen -- sicher auch das ein sozialer Effekt. aber wohl kaum der erhoffte.

Schon jetzt zeigt sich, daß manch Urlaubsverkäufer das Wort vom Kontakt-Tourismus zwar gern als Verkaufsargument benützt, daß aber bislang nur bei wenigen der neue Begriff auch durch eine neue Ferienform gerechtfertigt wird: Es genügt nicht, die gute alte Kreuzfahrt auf dem Musikdampfer nun plötzlich als »Schiffsreise zum Kennenlernen« (so der Kaufhof) anzubieten. wenn sie ansonsten unverändert bleibt.

Und es genügt auch nicht, die Einrichtungen für die geselligen Spiele der Erwachsenen parat zu haben, wenn nicht auch zu ihrer Benutzung animiert wird.

Der Tourismus ist in Bewegung, aber den Machern fehlen Ideen.

Der von vielen deutschen Touristikern abgelehnte Club Méditerranée (Scharnow-Brandt: »spießig": Peter Neckermann: »elitär") hat den eiligen Rittern der Kontaktkonjunktur dieses alles vorgemacht; über seinen Ideenhorizont sind die nachfolgenden Ferienklubs der zweiten Generation noch nicht hinaus.

Neckermanns senegalesischer »Club Nianing«, immerhin das originellste Ferienparkobjekt eines deutschen Veranstalters, verschreibt seinen Gästen die nämlichen Perlen als Geldersatz (er nennt sie lediglich anders: Gugus) und denselben Pareo (nur unter dem Namen Balagongou-Tuch).

Bislang also gibt es kaum neue Einfälle, wie Ferien-Geselligkeit herzustellen sei; dabei würden sie dringend gebraucht:

Eine Statistik aus dem Jahre 1970, die nicht nach den erwünschten, sondern nach den wirklich ausgeübten Urlaubstätigkeiten fragte, stellte fest, daß die von 41 Prozent begehrten menschlichen Kontakte schließlich doch nur von 13 Prozent aller Reisenden verwirklicht worden sind.

Diese Kluft zwischen Wollen und Können, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zeigt, wie ungeübt deutsche Touristen in Geselligkeit sind: Die meisten kommen aus der Ungeselligkeit der Städte und sind dort, darin sind sich Touristiker und Theoretiker einig, »furchtbar vereinsamt« (Peter Neckermann).

Diese einsame Masse in den Hochhaus-Silos der Citys hat, Wissenschaft und Illustriertenklischees gehen hier einmal konform, die Fähigkeit zum sozialen Verhalten längst verloren. Die schaurigen Melodramen von der alten Nachbarin, die nebenan unbemerkt verwest, weil sie inmitten kompakter Urbanität völlig bezugslos existierte, sind nur die extremen Fixpunkte eines Zustandes, der immer allgemeiner zu werden droht.

In das Bild trister Alltagsisoliertheit. in der sich menschliche Kontaktbegehr zum einmal jährlichen Urlaubsausbruch staut, paßt die Rangliste der bevorzugten Freizeitbeschäftigungen: Die meistgeübten Feierabend- und Wochenend-Tätigkeiten sind ungesellig -- Fernsehen (64 Prozent), Lesen (SO), Musik hören (47), und die Hobby-Industrie meldet ihre größten Erfolge aus derselben Gegend des Freizeitmarktes: Photographieren, Tonbandeln, Werkeln, Modellbasteln -- es sind vorzugsweise eigenbrötlerische Tätigkeiten. an denen diese Boombranche verdient.

Noch weiß niemand, welche Eigendynamik dieses aufschnellende Kompensationsbedürfnis in den nächsten Jahren freisetzen wird, welche Probleme die Sehnsucht nach dem menschlicheren Leben im Urlaub noch bringt. Noch sind die Erlebnis- und Geselligkeitssucher gegenüber denen, die einfach nur ausflippen. dösen, sich erholen wollen, nur eine Minderheit, eine enorm anwachsende Minderheit freilich.

Niemand vermag heute mit Sicherheit zu sagen, wohin in Zukunft die Reise gehen wird, ob in Vergnügungsstädte wie Inzell oder Ruhpolding, Heiligenhafen oder La Grande Motte, ob in die Kleinkommunen der Ferienklubs und -dörfer. Eines ist sicher: Die ehernen touristischen Strukturen sind in Bewegung geraten.

Neckermann-Sprecher Günter Euler, 41, sieht die Zeichen einer neuen Zeit zumindest in der Angebotspolitik der Veranstalter bereits heraufdämmern:

»In einigen Jahren werden wir keine Kataloge mehr haben, die nach Zielgebieten geordnet sind, sondern -- was ja auch wichtiger ist -- nach Bedürfnissen.« Da stünden dann, meint er, »die Angebote zusammen für Ruhesucher. für Sporttaucher, für Feinschmecker. für jene, die ihren Urlaub mit Pferden, und solche, die ihn mit Vögeln verbringen wollen«.

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