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Urlaub Und keener kommt

Die Tourismuspleite an der DDR-Ostseeküste treibt traditionelle Ferienorte in den Ruin.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Von der Zukunft des Tourismus in ihrer Region hatten die Kurdirektoren und Urlaubsmanager der Ostseebäder entlang der DDR-Küste bislang ganz feste Vorstellungen. Sie träumten von »sanftem Tourismus« und ungestümen Umsatzsteigerungen, ohne Bettenburgen, Betonfassaden und Badeverbote.

»Ein bißchen verschlafen, etwas verträumt, das wollen wir«, umschreibt Anke Kurzenberg, 46, stellvertretende Bürgermeisterin in Kühlungsborn nahe Rostock, dem größten Seebad der Ost-Republik, den idealen Kurort.

Die Sehnsucht nach der neuen ostdeutschen Urlaubsidylle wurde schneller wahr als erwartet - wenn auch ganz anders als erhofft: Am Ostseestrand zwischen Ahlbeck auf Usedom und Boltenhagen bei Wismar, wo bis zur Wende Jahr für Jahr rund 3,5 Millionen Menschen Ferien machten, bleiben die Urlauber weg.

»Wir haben gedacht, der große Boom ist da«, sagt Bürgermeisterin Kurzenberg, »aber die Leute kommen nicht.« Ein Zimmervermittler in Graal-Müritz drastisch: »Alles tote Hose.«

Im 7300 Einwohner großen Ostseebad Binz auf Rügen etwa, in dem sich zur Sommerfrische mehr als doppelt soviel Gäste drängelten, ist die Nachfrage »um fast 50 Prozent zurückgegangen«, klagt Bürgermeisterin Gisela Lemke, 41. In Kühlungsborn, wo massenweise Hinweisschilder »Zimmer frei« melden, spricht Kurdirektor Jürgen Kröger von einem »erheblichen Rückgang« bei den Buchungen. Selbst das komfortable Cliff-Hotel Rügen, das einstmals Staatschef Erich Honecker und der SED-Spitze zur Erholung diente, ist lediglich zu 60 Prozent ausgelastet.

»Reichlich Reserven« meldet auch der zuständige Schweriner Amtsleiter Herbert Schmal für die Campingplätze längs der Küste. Das ist untertrieben. In Löhne auf Rügen etwa verloren sich zum Ferienbeginn Anfang Juli gerade 34 Camper auf den 700 Standplätzen. Auf dem reizvollen Gelände in Prerow, das sich kilometerlang auf Sandstrand und zwischen Dünen erstreckt, waren über 1000 der insgesamt 4500 Plätze frei.

Genaue Zahlen über den drastischen Einbruch im Fremdenverkehrsgewerbe an der Ostsee gibt es bislang nicht, aber die Indizien für die Pleite des Sommers 1990 sind allgegenwärtig.

Die Parkplätze hinter dem Deich der Ostseebäder Nienhagen, Ahrenshoop oder Zingst auf der Halbinsel Fischland-Darß, die einst als »Badewanne der DDR« gerühmt wurde, bieten zwar Raum für Hunderte von Fahrzeugen, stehen aber in diesen Wochen meist leer. »Wenn fast keine Autos da sind«, so die einfache Rechnung eines Parkplatzwächters, »bedeutet das, daß fast keine Urlauber da sind.«

Ungewohntes Bild auch an Stränden und Promenaden. An leeren Strandkörben ist kein Mangel. Wo sich früher vor Restaurants und Cafes lange Schlangen nur zögerlich abbauten, »kann man jetzt in irgendeine Gaststätte gehen und bequem Platz nehmen«, hat Bürgermeisterin Lemke beobachtet. Selbst die Schiffe der »Weißen Flotte« in Stralsund, deren Törns zur Nachbarinsel Hiddensee stets zu den raren Attraktionen für ostdeutsche Urlauber zählten und Tage vorher ausgebucht waren, sind nur noch zu dreiviertel besetzt, maximal. Das Gerhart-Hauptmann-Museum auf Hiddensee klagt, ungewöhnlich, über versiegenden Besucherstrom.

Das Desaster im Tourismus, für die Küste ohne industrielles Hinterland fatal, trifft die Branche hart. Noch im Frühjahr hatten westdeutsche Berater dem Ost-Berliner Ministerium für Tourismus einen »kaum zu bewältigenden Besucheransturm« prophezeit.

Der Hamburger Freizeitforscher Professor Horst Opaschowski befürchtete eine »urlaubstouristische Revolution«. Allein den Anstieg bei der Zulassung von Wohnmobilen in der Bundesrepublik um 41 Prozent auf 220 000 deuteten viele als Vorbereitung auf den großen Treck nach Osten.

Darauf warten Zimmervermieter und Zeltplatzverwalter noch heute. Der Anteil kapitalkräftiger Westdeutscher am Campingstrand von Prerow war Mitte vergangenen Monats »ganz gering«, klagte Zeltplatzleiter Peter Meyer, 48, »wir hatten mit weit mehr gerechnet«.

In Erwartung zahlungskräftiger Besucher aus dem anderen Teil Deutschlands hatten auch zahlreiche Besitzer von Privatquartieren an der DDR-Küste ihren »Stamm-Mietern massenhaft abgeschrieben, und nun kommt keener« - so die Auskunft der Binzer Kurverwaltung.

Viele westdeutsche Urlauber haben offensichtlich, gewarnt durch kritische Berichte über den miesen Urlaubsstandard in Deutsch-Ost, im letzten Moment auf die Erschwernisse eines ausgedehnten DDR-Urlaubes verzichtet. Insbesondere Hotellerie und Gastronomie der DDR sind auf westliche Komfortansprüche nicht eingerichtet.

Privatunterkünfte in filigranen Holzvillen oder herrschaftlichen Prunkbauten sind zwar, mit Blick auf Dünen und freie See, oftmals malerisch gelegen, aber marode. »Die Bausubstanz«, räumt Kühlungsborns Stadtarchitekt Wolfgang Stange, 43, freimütig ein, »ist auf Null.«

Waschbecken auf dem Zimmer gelten vielerorts noch immer als Luxus, Dusche und Klo als Traum. Die Räume der ehemaligen Ferienheime des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, inzwischen zu öffentlichen Hotels und Pensionen umgewidmet, sind offiziell als »modern« eingestuft, in Wahrheit aber »seit 20 Jahren unverändert«, sagt die zuständige Vermittlerin Jeane Wohlschlegel, 38.

Auf den Campingplätzen entlang der Küste muß sich der Großteil der Zelter mit »Trockenklos« begnügen, die höfliche Umschreibung für einfachste Plumpsklosetts. Für Tausende von Campern gibt es, wie in Prerow, nur wenige Dutzend Duschen, aus denen meist nur kaltes Wasser zischt. »Zu uns kommen nur noch Abenteurer«, klagt Architekt Stange, »das heruntergekommene Land noch mal anzugucken.«

Klaglos zumeist haben diesen Standard bislang die ostdeutschen Feriengäste in Kauf genommen. »Der DDR-Urlauber war einfach alle«, sagt Dieter Weber vom Intercampingplatz am Plauer See in Mecklenburg, »der wollte die Haxen hochlegen, ein Bierchen in die Hand, fertig.« Die Bundesbürger dagegen »wollen beschäftigt werden«.

Denen immerhin soll nun etwas geboten werden. Die »Versorgungsstrecke« (DDR-Jargon) in den Urlaubsorten erweist sich aufgrund einer Vielzahl von Imbiß-Buden und mobilen Pizza-Küchen als leicht verbessert - sofern sie geöffnet haben. »Sommerkinos« in Wellblechhütten und Urlaubsdiscos in Zirkuszelten sollen allerorten für bessere Stimmung sorgen.

Doch nicht einmal die DDR-Urlauber ließen sich davon besonders erwärmen. Wer Geld hat, der will, die neugewonnene Reisefreiheit vor Augen, »endlich mal woanders hinfahren« (Bürgermeisterin Lemke). 62 Prozent der DDR-Reisenden zieht es im ersten Sommer der nachsozialistischen Zeitrechnung in die Bundesrepublik, vorzugsweise in die Alpen und an westdeutsche Strände.

Zwei Drittel aller Urlaubsanfragen an der nordfriesischen Nordseeküste etwa kamen nach Recherchen der örtlichen Bäderverwaltungen bislang aus der DDR. Mit rund 5000 Urlaubern aus Deutschland-Ost rechnet allein Büsum, ohne daß der Kurort »in großem Stil Werbung in der DDR betrieben« hätte.

Viele Ost-Bürger verzichten in diesem Jahr notgedrungen auf jeden Urlaub. Denn zahlreiche DDR-Betriebe, die früher ihren Mitarbeitern preiswerte Ferienplätze in Heimen oder Campinglagern angeboten haben, sind inzwischen pleite oder haben zumindest ihre Sozialleistungen weitgehend gestrichen.

Andere Ostler wagen sich vorsorglich nicht von zu Hause weg. »Die haben Angst«, erfuhr Campingchef Weber, »wenn sie wieder zurückkommen, ist der Arbeitsplatz weg.«

Für viele ist ein Urlaub am Meer nach der Währungsumstellung zudem schlicht zu teuer. Die Zimmerpreise stiegen, ob privat oder in Gewerkschaftsheimen, zum Teil um das Vierfache, die Gebühren für Kurtaxe, Strandkörbe und Parkplätze noch mehr.

Tausenden von Gästen, die im vergangenen Herbst für 160 Ost-Mark Ferienschecks für 13 Tage Ostseeurlaub buchten, wurde kurzerhand die »Vollverpflegung« gestrichen. Zumindest für das Mittagessen müssen sie nun selbst sorgen. Das wird, bei Ost-Löhnen und West-Preisen, »für eine vierköpfige Familie jetzt sehr schwer«, weiß Zimmervermittlerin Wohlschlegel. Ausgeblieben sind erstmals auch die Urlauber aus ehemals sozialistischen Bruderländern. Allein rund 70 000 Tschechoslowaken hatten nach Angaben des Ost-Berliner Tourismus-Ministeriums für diesen Sommer in der DDR fest gebucht, sind aber, mangels harter Mark, nicht gekommen. Rund 1000 sind es Woche für Woche auf dem Campingplatz Prerow. »Die fehlen uns«, sagt Leiter Meyer. In Kühlungsborn stehen zwei Heime an der See leer, in denen sich einst Sowjets und Polen erholten.

Zumindest eine gute Seite vermag die Binzer Bürgermeisterin Lemke der Urlaubsflaute immerhin noch abzugewinnen. »Uns tut das auch mal gut«, sagt die Verwaltungschefin, »uns nach Jahren des Massentourismus zu erholen.«

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