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TÜRKEI »Und keiner hält mich auf«

Eine Welle von Selbstmorden junger Frauen sucht die Stadt Batman im Südosten Anatoliens heim. Ärzte, Soziologen und der Staat suchen nach Erklärungen.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Ayla Yildiz sprach kein Wort, als sie eingeliefert wurde. Mit leeren Augen, wie hingeworfen, saß sie im psychiatrischen Beobachtungsraum der Universitätsklinik von Diyarbakir. Wenn die Schwestern fragten, was ihr denn fehle, drehte sie den Kopf weg und rieb nur die Hände am Unterleib, als hätte sie Bauchschmerzen.

»Es hat Stunden gedauert«, sagt Dr. Aytekin Sir, »bis wir das Problem verstanden.« Männer eines Nachbarclans hatten das Mädchen aus der südostanatolischen Stadt Batman missbraucht. Die Männer ihrer eigenen Familie schlugen und folterten sie seit Monaten für diese angebliche Ehrlosigkeit.

»Ich werde mich umbringen, Herr Doktor«, sagte Ayla, als sie schließlich Worte fand. Der Arzt verschrieb der jungen Frau Antidepressiva und drohte Vater und Brüdern mit der Polizei - vergebens. Ein halbes Jahr später erhängte sich das Mädchen, dessen wahrer Name aus rechtlichen Gründen nicht genannt werden kann.

Aylas Freitod vor mehr als einem Jahr war ungewöhnlich für die fromme Provinzstadt nahe der syrischen Grenze, doch über die Lokalpresse hinaus machte der Fall keine Schlagzeilen. Inzwischen hat eine Serie von Selbstmorden Batman heimgesucht, die bis ins ferne Ankara Soziologen, Ärzte und Politiker alarmiert.

Allein in den vergangenen vier Monaten, zählt der Chefredakteur der örtlichen Tageszeitung »Batman Çagdas« auf, haben 50 junge Frauen versucht, sich umzubringen, 29 von ihnen sind gestorben. Die meisten haben sich erhängt, viele stürzten sich aus dem Fenster. Manche haben sich mit den Waffen ihrer Väter oder Ehemänner erschossen; andere schluckten, was sie an Medikamenten oder Giften zu fassen kriegten: Antibiotika, Haushaltsreiniger, Rattengift. »Diese Suizidwelle hat mit einer solchen Wucht eingesetzt«, sagt der Psychiater Sir, »dass sie alle unsere Statistiken auf den Kopf stellt.«

Die Türkei hat, wie die meisten vom Islam geprägten Länder, im internationalen Vergleich eine eher niedrige Selbstmordrate: Während in Deutschland laut offizieller Statistik auf 100 000 Menschen jedes Jahr etwa 15 Suizide kommen, sind es in der Türkei nur 2,5. Im vorwiegend kurdisch besiedelten Südosten des Landes, so ergab eine Studie der Tigris-Universität von Diyarbakir, hat sich dieser Wert in den vergangenen Jahren jedoch fast verdoppelt. Die aktuellen Zahlen aus Batman liegen um das Zehnfache über diesem Wert.

Was die Psychologen besonders beunruhigt, ist die Geschlechterstatistik. Weltweit wie auch im türkischen Durchschnitt sind es zu zwei Dritteln Männer, die Selbstmord begehen. Im Südosten des Landes ist es genau umgekehrt - fast doppelt so viele Frauen wie Männer bringen sich um.

»Soziale und familiäre Probleme« lautet die übliche Sprachregelung zur Erklärung des plötzlichen Frauensterbens. Was sich hinter der flachen Formel verbirgt, ist die skandalöse Rückständigkeit von Türkisch-Kurdistan: Die Republik hat beim Aufbau ihrer Südostprovinzen versagt, Besserung ist nicht in Sicht. Armut, religiöse Bigotterie und ein mittelalterlicher Feudalismus bestimmen wie vor hundert Jahren den Alltag der türkischen Kurden. Die schwersten Opfer der Vernachlässigung bringen nach wie vor die Frauen.

»Meine männlichen Kameraden!«, sprach Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk einst: »Unsere Frauen sind empfindsam und von Geist beseelt wie wir auch. Benötigen sie noch unsere selbstsüchtige Aufsicht? Lassen wir sie ihre Gesichter der Welt zeigen und lassen wir sie die Welt sorgfältig betrachten. Es gibt nichts, was wir dabei zu fürchten hätten.«

Atatürks Worte aus dem November 1925 - im herbstlichen Batman des Jahres 2000 klingen sie wie Hohn. Auf den Straßen und in den Teehäusern der Raffinerie- und Agrarstadt sind fast nur Männer zu sehen. Die Frauen und Mädchen, wenn sie nicht zu Hause auf die Kinder aufpassen, sind von Sonnenaufgang an zum Baumwollpflücken auf den Feldern. Spätnachts karren Lastwagen sie dutzendweise in die Stadt zurück. Todmüde versuchen sie, nicht von der Ladefläche zu fallen.

Kaum eine dieser Frauen kann lesen und schreiben, fast alle sprechen ausschließlich Kurdisch. Die wenigsten haben je auch nur eine Volksschule von innen gesehen. »Niemand schickt hier seine Töchter zur Schule«, sagt ein Händler auf dem staubigen Gemüsemarkt hinter dem Bahnhof. »Die Mädchen zählen nicht. Wenn du hier einen nach der Zahl seiner Kinder fragst, wird er dir meistens nur sagen, wie viele Söhne er hat.«

Für viele Familien in Batman ist die Schule ein Ort der Verderbnis, an dem Jungen und Mädchen ohne jede religiöse Kontrolle zusammenkommen. Das Leben von Töchtern und Söhnen ist aber Vätersache in den Elendsvierteln der Stadt: Bis heute werden Mädchen für 1000 bis 10 000 Mark regelrecht verkauft - häufig an Männer, die wesentlich älter sind und die sich das Brautgeld leisten können.

Wenn die Tochter sich gegen den archaischen Ritus wehrt und einen anderen Bräutigam will, ist sie verloren. Ein kurzes Lächeln, ein falscher Blick in Gegenwart Fremder genügt, und der »Namus«, die Familienehre, ist besudelt.

Mehr als die Hälfte der Selbstmorde in den vergangenen Monaten gehen auf Zwangsehen, Rufmord oder familiäre Vernachlässigung von Frauen zurück. Über die 17-jährige Fadile Aslan aus dem Stadtteil Huzur hatten sich Nachbarn das Maul zerrissen, Çiçek Bozkir aus dem Distrikt Besiri war von einem 60-Jährigen entführt worden. Die fünffache Mutter Ayla Yesilfidan verzweifelte, weil ihr Mann eine »Kuma«, eine Zweitfrau, ins Haus brachte. Als die Kinder schliefen, ging sie in den Garten und erhängte sich an einem Maulbeerbaum.

Bei vielen Männern in Batman hält sich die Bestürzung über die Selbstmorde in Grenzen. »Diese Stadt ist das Zentrum der türkischen Hizbullah«, sagt ein junger Lehrer, den der Dienstplan in die kurdische Provinz verschlagen hat, »was willst du da erwarten?« Die Radikalislamisten hatten in den vergangenen Jahren die Nation mit einer Serie grausamer Fememorde an religiösen Abweichlern schockiert. »Für diese Leute ist das Weibliche an sich etwas Schmutziges, Unreines. Die fassen ihre Frauen nicht einmal an, wenn sie mit ihnen ins Bett gehen.«

Für die Psychologin Rahime Hacioglu vom Staatskrankenhaus Diyarbakir liegt im Gefühl innerer Wertlosigkeit denn auch die Hauptursache für die Selbstmorde der Frauen: »Die Mädchen hier nehmen sich selber überhaupt nicht wahr, sie können keine Empfindung ihres eigenen Wesens aufbauen. Ihre Väter reden nicht mit ihnen, ihre Mütter haben selber nichts zu sagen.«

Verschärft wird die Problematik durch die Folgen des 15-jährigen, inzwischen abebbenden Bürgerkriegs im türkischen Südosten, der Hunderttausende Familien aus ihren Dörfern vertrieben und heimatlos gemacht hat.

Noch vor 20 Jahren war Batman ein größeres Dorf am Rande einer stinkenden Erdölraffinerie. Seit Anfang der Achtziger schwollen die Slumviertel um den Bahnhof und an den Ausfallstraßen an. Inzwischen zählt die Stadt fast 400 000 Einwohner. Sowohl die Islamisten als auch die marxistisch-nationalistische Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) fanden jahrelang willigen Nachwuchs in den primitiven Lehmbaracken.

»Woran auch immer die jungen Leute früher geglaubt haben«, sagt die Psychologin Hacioglu, »es gab ihnen ein Gefühl von Identität, es hat ihre Persönlichkeit gestützt.« Nun haben sowohl die religiösen Fanatiker als auch die PKK weitgehend abgewirtschaftet. Wer, wie vor allem die Mädchen, nicht einmal zur Schule gehen darf, für den gibt es wenig, was seinem Leben einen Sinn geben könnte.

Im Norden von Batman, auf einer majestätischen Anhöhe, thront die prachtvolle S¸efket-Basak-Moschee. In seinem klimatisierten Büro und mit einem Telefon in jeder Hand bereitet sich der Bezirksmufti Yüksel Kaymak auf das Freitagsgebet vor. Auch diesmal wird er wieder über die leidigen Selbstmorde predigen müssen. Das staatliche Religionsdirektorat in Ankara hat sich entschlossen, in der Angelegenheit die Initiative zu ergreifen, und gab erst einmal eine Studie in Auftrag.

Auch der Mufti, ein moderner Religionsbeamter, sieht im gnadenlosen Patriarchat und in der sozialen Rückständigkeit seines Bezirks den Hauptfaktor für das Martyrium der verzweifelten Frauen. Er rate den Vätern, ihre Kinder zu unterstützen, sagt er, statt über sie zu verfügen: »Aber es ist nicht einfach. Diese Leute haben gestern noch in einem Dorf ohne Wasser und Strom gelebt - heute haben sie eine Satellitenantenne und sehen, wie die Popstars und Fußballer in Istanbul leben.«

In einigen Abschiedsbriefen, die man gefunden hat, taucht der Refrain eines aktuellen türkischen Popsongs auf: »Heute Abend werde ich sterben, und keiner hält mich auf.« Genau da liege das Problem, sagt der Mufti Kaymak: Fernsehserien, Filme, billige Popsongs - all das heize die Sehnsucht und Verzweiflung der jungen Mädchen nur zusätzlich an.

»Batman ist gewachsen wie eine Hormontomate anstatt wie ein Baby, das die Brust bekommt«, sagt Kaymak. Die Macht der Moderne, die wie ein Sturm über die Landflüchtlinge hereingebrochen sei, mache gerade die Jugendlichen in ihrem Glauben unsicher.

Eine Broschüre mit dem schönen Titel »Der Mensch - Gottes Meisterwerk«, die Kaymak zu Tausenden unter den Baumwollpflückerinnen verteilen ließ, soll sie auf den rechten Weg zurückführen. Gut, dass zumindest die Mädchen sie nicht lesen können: Die irdischen Qualen, zitiert der Mufti den Propheten, seien unbedeutend, verglichen mit dem, was einen Selbstmörder im Jenseits erwarte. BERNHARD ZAND

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