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. . . und Kohl schweigt

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 31/1991

Manchmal kommt man nicht umhin, sich bei vordergründigen Ereignissen hintergründige Gedanken zu machen. Da werden demnächst, 205 Jahre nach seinem Ableben, die Gebeine von Preußens Friedrich am testamentarisch vorbestimmten Ort zur hoffentlich letzten Ruhe gebettet, und die Regierung Kohl scheint fest entschlossen, dies in eine mit nationalem Pathos aufgedonnerte Zeremonie umzufunktionieren. Sie hängt sich den Mantel des Geschichtsbewußtseins um.

Und hier nun stellen sich die hintergründigen Gedanken ein. Dieselbe Regierung Kohl nämlich läßt jegliches Bewußtsein für die Geschichte vermissen, wenn es um jenes Land geht, das nicht erst seit Friedrich dem Großen immer mal wieder Schauplatz deutscher Geschichte war. Wenn es um die Tschechoslowakei geht, dann hat der Bundeskanzler seine Hausaufgaben nicht gemacht und weicht keinem Fettnäpfchen aus. Warum behandelt er Prag schlechter als Warschau?

Die Antwort fällt nicht schwer. Die meisten der nach Hitlers Krieg vertriebenen Sudetendeutschen haben sich in Bayern angesiedelt und sind der CSU, wenn sie sich gegen die Tschechoslowakei biestig zeigt, besonders hold. Das hat in Bonn Gewicht. Ohne Rücksicht auf die psychologischen, vielleicht sogar auf die materiellen Folgen verlangt es von Prag 1,6 Milliarden Mark, und zwar absurderweise, weil ostdeutsche Betriebe nach der Währungsunion ihren tschechischen Partnern vereinbarte Lieferungen nicht mehr abnahmen. Der Geschädigte soll nach dieser Logik nun auch noch für den Schaden aufkommen.

Dies entspricht nicht den Vorstellungen Genschers, wohl aber denen des bayerischen Ministerpräsidenten Streibl, der mit seiner Landtagsfraktion vor der Sommerpause nach Prag fahren will. Und Kohl schweigt.

Er schweigt ebenso zu den Forderungen der Vertriebenen-Funktionäre nach Wiedergutmachung oder Heimkehrrecht. So wird der von beiden Seiten dringlich gewünschte Kooperationsvertrag wohl nicht bis zum Besuch des Bundespräsidenten im Herbst zustande kommen.

Die Funktionäre der Vertriebenen verlangen eine symbolische Geste, sagen aber nicht, worin diese bestehen könnte. Es genügt ihnen nicht, daß Vaclav Havel, der Präsident der CSFR, die Vertreibung mehrfach als Unrecht gebrandmarkt und sich für das den Betroffenen angetane Leid entschuldigt hat. Havel kann und will naturgemäß keine Entschädigung anbieten. Allerdings könnte er den Spieß umdrehen und das große Faß aufmachen, aus dem sich alle von Hitler-Deutschland Geschädigten quer durch Europa gern bedienen würden.

Bislang tut man in Prag nichts dergleichen, vielmehr möchte man unter die gegenseitigen finanziellen Ansprüche einen dicken Strich ziehen. Das können nun wiederum die Deutschen aus Rechtsgründen nicht, weil sonst auf Bonn Schadensersatzansprüche der Sudetendeutschen in enormer Höhe zukämen.

So müßte denn der Schlußstrich ein imaginärer sein, nicht weiter anfechtbar, aber deutlich. Der einseitige »Brief zur deutschen Einheit« von 1970 hat bewiesen, daß solch eine Hilfskonstruktion möglich ist. Aber (so die Frankfurter Rundschau): »Alle warten auf ein klares Wort des Herrn Kohl, aber dieser große Mann in der Weltgeschichte entscheidet nichts.«

Mit der Zeit entscheidet sich ja auch tatsächlich alles von selbst. Wenn die Tschechoslowakei dereinst Vollmitglied der EG sein wird, dann besteht Niederlassungsfreiheit, und keinem Nachfahren eines Sudetendeutschen kann mehr verwehrt werden, in der Heimat seiner Väter sein Glück zu suchen. Aber was sollten die Funktionäre der Sudetendeutschen, subventioniert durch Bonn und den Freistaat Bayern, bis dahin tun?

Also müssen sie jetzt auf den Putz hauen, weil jetzt und immerzu irgendwo gewählt wird. Gewählt wird aber demnächst auch in der CSFR. Die dortigen Kommunisten sind längst auf die Rechnung von 1,6 Milliarden Mark gestoßen und beuten diese deutsche Unverschämtheit für sich aus.

Hat man in Bonn wirklich schon vergessen, wie man die Tschechen gedemütigt und was allein der Mord an dem stellvertretenden »Reichsprotektor von Böhmen und Mähren« Reinhard Heydrich im Jahre 1942 die Böhmen alles gekostet hat? Hier hilft nun kein Aufrechnen mehr. Der Schlußstrich, so oder so, muß endlich gezogen werden.

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