ISLAM Und nachts der Koran
Das Erste, was Fremden auffällt, ist die Stille. Kein Kinderlachen, kein Geplapper, keine Popmusik. »Richtig unheimlich« sei ihm das, sagt ein evangelischer Pfarrer, der den üblichen Geräuschpegel in Schülerheimen kennt.
An diesem Freitag am Ende des Ramadan ist es besonders still in dem grüngestrichenen Haus an der Hochfeldstraße in Duisburg. Die Jungen nehmen leise ihre Jacke von den nummerierten Haken, viele fahren zum Fest nach Hause. In den Mehrbettzimmern sind die Decken akkurat zusammengelegt. Kein Poster hängt an der Wand, kein Spielzeug liegt im Regal.
Das Heim wird betrieben vom Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ). Es ist ein Heim für muslimische Kinder, die meisten kommen aus ganz normalen Familien. Für Besucher ist es nicht leicht, wirklich hineinzukommen. Und für die Kinder sei es später schwer, so argumentieren fachkundige Kritiker, herauszukommen aus dieser Welt.
Viel wird dieser Tage diskutiert über Parallelwelten, über das Leben nach sehr eigenen Regeln, über Kopftücher und Koranlehrer. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble fordert von den Muslimen mehr Bereitschaft zur Integration. Sie müssten »hier heimisch werden«, und zwar »nicht nur als Lippenbekenntnis«. Aber dass ausgerechnet die muslimischen Verbände, die Schäuble vorigen Mittwoch zur zweiten Runde seiner Islamkonferenz eingeladen hatte, diese Idee vorantreiben, scheint zweifelhaft. Denn Religionsforscher und Jugendexperten stellen fest, dass Projekte wie die VIKZ-Heime die Abschottung von Migrantenkindern eher befördern.
Die Jugendarbeit der Verbände hat Zulauf. Die muslimischen Einwanderer identifizierten sich zunehmend mit ihrer Religion, sagt Faruk S~en, Direktor des Zentrums für Türkeistudien. S~ens Untersuchungen liefern den Beleg: Seit dem Jahr 2000 ist der Anteil der Muslime, die sich als »sehr religiös« bezeichnen, von 8 auf 28 Prozent gestiegen.
Das Bekenntnis zur Religiosität ist meist mit einer konservativen Einstellung - etwa in der Kopftuch-Diskussion - verbunden. Fanden im Jahr 2000 noch 27 Prozent der Befragten, eine muslimische Frau solle ihr Haar verhüllen, so waren es 2005 mit 47 Prozent fast doppelt so viele. Mitglieder von Moschee-Verbänden sind dabei strikter als Nichtmitglieder. Und am konservativsten von allen: die Mitglieder des VIKZ.
Das Duisburger Jugendhaus gilt unter den Heimen des VIKZ als Vorzeigeprojekt. Am Wochenende gibt es gelegentlich auch Fußballturniere, zum Beispiel mit dem örtlichen SPD-Jugendverband. So werde der Kontakt zu Deutschen gefördert, betont der VIKZ - stärker, als ihn die Schüler daheim entwickeln könnten.
Ein 17-jähriger Hauptschüler erzählt allerdings, er habe früher beim Sportverein Duisburg 08 trainiert. Seit er vor zwei Jahren ins Heim zog, passe der Sport nicht mehr ins Tagesprogramm. Der Junge zählt »fast nur Türken« zu seinen Freunden.
Die 38 Kinder und Jugendlichen in der Hochfeldstraße sind zwischen 12 und 19 Jahre alt, besuchen vormittags die örtlichen öffentlichen Schulen. Nachmittags sind sie meistens im Heim, in einer anderen
Welt. Offiziell steht von 15 bis 18 Uhr Hausaufgabenhilfe auf dem Programm, um 19 Uhr Abendessen, dazwischen und danach Freizeit. Betreut werden die Kinder derzeit von einem türkischstämmigen Theologen und Pädagogen, einem Studenten und dem deutschen Erzieher Holger Kellner, den das Arbeitsamt vermittelt hat. Ein zweiter Erzieher wird momentan gesucht. 150 Euro zahlen die Eltern pro Monat für das Wohnheim, den Rest der Kosten deckt der VIKZ vorwiegend über Spenden.
Es sind nicht die typischen Heimkinder aus zerrütteten Familien, die beim VIKZ betreut werden. Die meisten kommen aus intakten Elternhäusern. Offiziell sind sie vor allem hier, um in der Schule besser mitzukommen. Die Marburger Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann schätzt die Beweggründe der oft durchaus wohlhabenden Eltern anders ein: »Hauptmotiv ist sicher das Interesse an einer gründlichen religiösen Prägung.«
Der Verband preist die Heime als integrationsfördernd, schließlich verbesserten sie die Bildungschancen und damit die Chancen auf ein erfolgreiches Leben in Deutschland - zumal es ausschließlich deutschsprachige und sogar überwiegend deutschstämmige Betreuer gebe, wie VIKZ-Rechtsberater Ersoy Sam betont. Bei der Freizeitgestaltung, so erklärt der Jurist etwas wolkig, habe es »eine kontinuierliche Entwicklung bezüglich der Kontakte zu Jugendlichen anderer Jugendeinrichtungen aus der Nachbarschaft« gegeben. Ohnehin seien die Wohnheime nicht auf »religiöse Unterweisung ausgerichtet, sondern auf Förderung der schulischen Erfolge und der interkulturellen Kompetenz«, sagt Sam.
Das verbindliche Auftreten der VIKZ-Offiziellen, die gern im Nadelstreifenanzug erscheinen, gehört zu ihrem Geschäftsprinzip. Und dass deutschsprachige Erzieher da sind, das ist eine Auflage der Behörden.
Im Umgang mit dem VIKZ erfahrene Fachleute wie der evangelische Pfarrer Rafael Nikodemus, Islambeauftragter des evangelischen Kirchenkreises der Stadt, misstrauen den Absichtserklärungen. Speziell VIKZ-Vertreter würden nur auf »massiven Druck« mit Vereinen und Kirchen in den Stadtteilen zusammenarbeiten. Immer wieder würden VIKZ-Heime illegal eröffnet, so Nikodemus.
»Ich habe kein einziges Heim finden können, bei dem es keine gravierenden Täuschungen gegeben hat«, bestätigt die VIKZ-Kennerin Ursula Spuler-Stegemann. Rechtsberater Sam widerspricht: Zwar »mag es hier und da« entgegen der klaren Weisung des VIKZ-Vorstands Fehler gegeben haben, aber »eine Täuschung der Behörden und bewusste Illegalität hat es keineswegs gegeben«.
Doch Wissenschaftlerin Spuler-Stegemann begründet ihre Kritik detailliert: Der VIKZ sehe »den Hauptzweck seiner Daseinsberechtigung in der Errichtung und dem Betrieb von Wohnheimen für Schülerinnen und Schüler«, urteilte sie 2004 in einem Gutachten für das hessische Sozialministerium. Die Heime dienten entgegen anderslautenden Beteuerungen »fast ausschließlich islamischer Lehre und der Einübung in die Glaubenspraxis« und seien »absolut integrationshemmend«. Die Schüler würden in einen »strengstens Scharia-orientierten« Islam »hinein-indoktriniert und gegen das Christentum wie auch gegen den Westen ebenso immunisiert wie gegen unser Grundgesetz«. Der VIKZ begreife sich als elitäre Organisation innerhalb des Islam, die Schüler zu striktem Gehorsam und noch strikterer Geschlechtertrennung erziehe. Der VIKZ weist dies als »sachlich falsch« und »tendenziös« zurück, es handele sich um eine »Pauschalverurteilung«, schließlich sei der VIKZ noch nie vom Verfassungsschutz beobachtet worden, so Rechtsberater Sam.
Das Gutachten der Wissenschaftlerin hatte immerhin Folgen: In Hessen wurde kein VIKZ-Heim genehmigt. Hanspeter Pohl, im hessischen Sozialministerium für die Aufsicht über Kinder- und Jugendheime zuständig, hatte selbst recherchiert. Sein Urteil: »Die VIKZ-Vertreter versprechen alles und machen dann doch, was sie wollen.« Religionsunterricht finde in »erheblich größerem Umfang« statt als eingestanden, Kinder würden regelmäßig mitten in der Nacht für Gebete geweckt. Vorhalte, die der VIKZ so nicht stehenlassen will: »Gebete sind freiwillig, kein Kind wird hierzu gezwungen.«
Als Pohl die teils eingeschüchtert wirkenden Kinder selbst zum Alltag im Heim befragte, gaben sie einstudiert klingende Antworten: etwa, dass sie gern Fußball spielten. Auf Nachfrage kam dann aber heraus, dass sie kaum Zeit zum Fußballspielen hatten.
Eine Hauptschullehrerin aus Nordrhein-Westfalen, deren Schule im Einzugsgebiet eines inoffiziellen VIKZ-Wohnheims liegt, hat sich über Jahre ein Bild machen können. »Die Schüler sind stark antisemitisch und antiamerikanisch eingestellt«, sagt sie. »Englisch, das ist die Sprache des Feindes, das sprechen einige nicht mehr, selbst wenn sie dann eine Sechs bekommen.« In Biologie werde die Evolutionstheorie abgelehnt, in Erdkunde die Erkenntnisse zum Alter der Erde und in Deutsch jegliche Satire. Außerdem klappten die Wohnheimkinder im Unterricht gelegentlich zusammen, weil sie »mal wieder bis abends um elf den Koran auf Arabisch rezitiert hatten«. Sam weist auch diese Vorwürfe zurück: »Das hat mit der Arbeit des VIKZ nichts zu tun und steht diametral zur Praxis.« In manchen VIKZ-Einrichtungen gebe es »sogar Bücher vom jüdischen Satiriker Ephraim Kishon«.
Aber: Belege, dass sich der VIKZ außerhalb der Legalität bewegt, gibt es zuhauf. Das Landesjugendamt Rheinland weiß zu berichten, dass im Mai Kontrolleure in Nettetal Verbandsmitglieder ertappten, die ohne Betriebserlaubnis eine Wochenend- und Ferienbetreuung gestartet hatten. In Wuppertal schlossen die Behörden 2004 ein Schülerwohnheim des VIKZ neben der Moschee-Gemeinde in der Friedrich-Ebert-Straße. Rund 30 Kinder, darunter etliche Grundschüler, so der Wuppertaler Sozialdezernent Stefan Kühn, hätten dort ohne Genehmigung gewohnt. Sam bestreitet die Vorwürfe nicht, es habe sich um »Absprachefehler und Missverständnisse« sowie »Einzelfälle« gehandelt.
Der öffentlichkeitsscheue VIKZ ist mit seinen 300 Moschee-Gemeinden keine Randerscheinung. Er ist der drittgrößte islamische Verband in Deutschland und vertritt mehr Menschen als etwa der Zentralrat der Muslime.
»Alle Verbände haben großes Interesse an der Jugendausbildung, wer an der Jugend dran ist, hat Zukunft«, so Herbert
Müller, Chef der »Kompetenzgruppe Islamismus« des baden-württembergischen Verfassungsschutzes. »Die Verbände sagen, sie seien die Speerspitze der Integration und bänden die Jugendlichen in die Gesellschaft ein«, weiß Müller. »Aber gemeint sind die verschiedenen muslimischen Gemeinschaften.«
So betreibt etwa die vom Verfassungsschutz beobachtete Milli Görüs Ferienlager, die nach eigenen Angaben von 30 000 muslimischen Schülern besucht werden. Auch die ebenfalls als islamistisch eingeschätzte Islamische Gemeinschaft Deutschlands leistet intensive Jugendarbeit, im Gegensatz zu VIKZ und Milli Görüs allerdings eher mit arabischstämmigen Jugendlichen.
Unter solchen Vorzeichen scheint eine Integration, wie sie etwa von Innenminister Schäuble erwartet wird, nahezu illusorisch. Der Wissenschaftler Faruk S~en glaubt, dass die Ablehnung, die dem Islam hierzulande entgegengebracht werde, eine Gegenreaktion ausgelöst habe. Als Antwort auf die »Islamophobie seit dem 11. September« nehme die Identifikation mit der eigenen Religion zu.
Manche Lehrer, die durch den engen Kontakt zu ihren Schülern Einblicke gewinnen in die Denkmuster solch religiöser Parallelwelten, bestätigen S~en. Dietmar Pagel von der Hector-Peterson-Oberschule in Kreuzberg ist so einer. »Wir haben viele fundamentalistisch orientierte Jugendliche«, sagt der Schulleiter, der bei den Mädchen einen Trend zum Kopftuch festgestellt hat und allgemein eine Bereitschaft zu fasten: »Je länger der Ramadan dauert, je mehr sind die Schüler durch den Wind.«
Pagel sucht das Gespräch mit seinen muslimischen Schülern, aber immer häufiger hat er das Gefühl, an Grenzen zu stoßen. Er würde gern mehr Deutsch unterrichten, aber auch mehr Politik und Geschichte. Er würde gern die Geschichte der Heimatländer seiner Schüler durchnehmen - um deren Interessen zu berücksichtigen, aber auch, um aufzuklären. Doch all das steht nicht auf dem Lehrplan. Pagel fühlt sich im Stich gelassen.
Trotzdem diskutiert er nach aktuellen Ereignissen, wie etwa dem Karikaturenstreit, mit seinen Schülern. Oft bleibt es jedoch beim Versuch. Denn: »Bei der moralischen Einordnung schweigen alle, und dann doziert der Lehrer, was er denkt.« Manchmal sagen ihm die Schüler nur, er sei als Nicht-Muslim der Falsche, um darüber zu reden.
Die Traditionen, vor allem bei Familien aus dem ländlichen Anatolien, sind zu dominant. »Wenn ich argumentiere, dass das Kopftuch in der Türkei weniger getragen wird, sagen sie mir: ,Deshalb sind wir ja nach Deutschland gekommen, damit wir hier unsere Religion richtig leben können.'« ANDREA BRANDT, CORDULA MEYER