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Hören und Sehen UNDERGROUND - Monty Python für Arme

Drei Amateurfilmer aus der amerikanischen Provinz suchten übers Internet den Weg zum Ruhm in Hollywood.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Action!« Mikes Augenbrauen ziehen sich eng und böse zusammen, sein Körper bäumt sich auf, die Faust durchzischt die biergesättigte Wohnzimmerluft. Scotts Ohr will er zerschlagen. »Action!« Scotts Kopf fliegt nach hinten, so lose am Hals wie ein Kegel an seinen Strippen. »Stopp!«, ruft Paul und nimmt die Kamera vom Gesicht. »Noch mal.«

Die drei Männer machen Kunst. Paul Fuchs, 28, Scott Nolin und Mike Grunder, beide 30, sind Schauspieler, Drehbuchautoren, Regisseure, Kameramänner und Beleuchter, alles in einem. Jibangus (sprich: Dschaibänges) nennt sich das Triumvirat aus Madison, Wisconsin. Um ein Haar wären sie Stars in Hollywood geworden.

Der Kurzfilm, den das Trio gerade dreht, handelt von einem Mann, wie er in tausend Versionen vorkommt (Mike, dünn, groß). Einer der anderen Tausendlinge schlägt ihn so zusammen, dass er durch die brutale Zauberhand in eine andere Gestalt verwandelt wird (Scott, dick, kurz, mit riesigen Plastikohren und Perücke). Das macht ihn unglücklich, weinend rennt er aus dem Haus, bis er zu seiner Beruhigung einen Mann erblickt, der genauso aussieht wie er - willkommen in der identitätslosen Masse.

»Hier schneit es ewig, da kann man halt nur Bier trinken oder Filme machen«, erklärt Paul, der als Kunststudent eine Art kreativer Guru des Trios ist. Die Freunde vereint die Liebe zu beidem, Bier plus Film. In ihren Produktionen wird gern mal gekotzt, sie schneiden Organe heraus und Gliedmaßen von Leibern, überhaupt suppt viel Schleimiges aus Körpern. Unter www.jibangus.com lassen sich ihre Werke im Netz bewundern.

»Wir machen einfach alles, was wir lustig finden«, erklärt Mike, der sein Geld in einer Firma verdient, die Ratten und Meerschweinchen für den Laborbedarf züchtet. »Wir denken außerhalb der Schubladen«, sekundiert Paul, und deswegen, meint er, seien sie im Frühling vorigen Jahres von Hollywood entdeckt worden: Die dort ansässige Entertainment-Web-Firma Anteye hatte einen Talentwettbewerb in sechs Städten im Lande ausgerufen; eine davon war Madison. Jibangus' Bewerbungsstück wurde von einem anonymen Internet-Publikum zum Gewinner gewählt. Die drei Männer kassierten 10 000 Dollar - und den Traum vom Ruhm in Hollywood. Von dem Geld haben sie sich die ersehnte halbprofessionelle Digitalkamera und Schneidetechnik gekauft. Den Traum nahmen sie mit auf den Freiflug nach Hollywood, wo sie mit der Hilfe und dem Geld der Anteye-Profis nun ihren eigenen Film drehen sollten. Laut Anteye, sagt Paul, habe die Produktion am Ende fast 200 000 Dollar verschlungen.

Die hohe Summe sieht man dem Produkt, zumindest der 20-Minuten-Version, die das Trio derzeit am Computer fertig stellt, kaum an. Der Film erscheint wie eine logische Fortführung ihres Kriegs gegen bürgerlichen Filmgeschmack und traditionelle Erzählkunst mit anderen Mitteln - Monty Python für Arme.

Es geht um zwei Verlierertypen, die nicht wissen, wie sie an Frauen herankommen, bis ihnen der Geist eines überfahrenen Pelztierchens rät, eine Mädchenmaschine zu bauen. Vorne steckt man abgeschnittene Füße rein, hinten kommen, ob blond, ob braun, echte Bikini-Girls heraus. »Sex verkauft sich immer«, sagt Paul, »weiß doch jeder.«

Doch als der Film abgedreht war und das Trio wieder daheim in Madison anlangte, zerplatzten alle Illusionen. Im Dezember ging Anteye unter, mitsamt den Rechten an dem Jibangus-Werk.

Als wäre die Hollywood-Episode nie passiert, drehen Paul, Mike und Scott unterdessen einfach weiter. »Wir wünschten bloß, wir fänden einen Weg, wie wir von Jibangus leben können«, sagt der arbeitslose Paul und nimmt die neue Kamera wieder vors Auge. »Action!«

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