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Briefe

Unermeßliche Schandtaten
aus DER SPIEGEL 25/1998

Unermeßliche Schandtaten

Nr. 23/1998, Titel: Inquisition - Folter im Namen Gottes

Den Vergleich zwischen Stasi und Inquisition finde ich angemessen. Mutig ist er wegen seiner »politischen Unkorrektheit« aus der Perspektive einiger Ossis, die immer noch nichts begriffen haben. Der Mensch ist nun mal von Natur aus böse, und man muß seinen Machtgelüsten demokratische Fesseln anlegen! Dies sei allen Faschisten, Stalinisten und Gotteskriegern ins Stammbuch geschrieben.

ERFURT DR. GÜNTER RÖMER

Verstehbar wird die schreckliche Geschichte der kirchlichen Inquisition erst dann, wenn die Roheit vor der Aufklärung bedacht und berücksichtigt wird, daß im Mittelalter und in der frühen Neuzeit auch jeder weltliche Prozeß von gleicher Grausamkeit bestimmt war. Die ,,inquisitio« (Befragung) bezeichnet eine Prozeßordnung, nach der die Befragung des Inquisiten mit Hilfe der Tortur nicht nur zulässig, sondern sogar geboten schien, da das Leugnen grundsätzlich als »Verstocktsein« ausgelegt wurde. Wenn dieses überall gängige Gerichtspraxis war, läßt sich der ebenfalls so vorgehenden kirchlichen Inquisition zwar der Vorwurf der Unverhältnismäßigkeit der Mittel machen, nicht jedoch eine beabsichtigte ,,Endlösung« der Ketzer- und Hexenfrage unterschieben.

QUICKBORN (SCHLESW.-HOLST.) JÜRGEN HÜHNKE

Wenn eine solche institutionalisierte Lügenbewegung wie der Katholizismus ohne äußere Not einen Teil ihrer unermeßlichen Schandtaten preisgibt, dann stellt sich wirklich nur die Frage, für welche neue Schandtat bereitet man sich dadurch vor?

BAD LAUTERBERG RALPH BOES

Ich habe früher ein berühmtes Jesuiteninternat besucht, auf dem auch nicht wenige der Bonner Prominenz ihre Söhne triezen ließ. Eine Auswahl der gängigen Körperstrafen bei Zehn- bis Elfjährigen: Schläge mit flacher Hand und voller Kraft ins Gesicht und auf die Ohren. Es hat Trommelfellverletzungen gegeben. Schwere Prügel mit diversen Gegenständen und schwere Hämatome haben niemanden ins Nachdenken gebracht. Kopfnüsse - Schläge mit den Fingerknöcheln mit voller Wucht auf den Kopf. Nächtliches stundenlanges Stehen mit dem Gesicht in eine Zimmerecke und dem Verbot, sich umzudrehen. Wer beim Umgucken ertappt wurde, wurde mit dem Kopf gegen die Wand gestoßen. Und das alles nicht selten gepaart mit schwülen homoerotischen Avancen und permanenten Demütigungen vor den anderen. Dazu ein perfektes Kapo-System: Tischälteste, Schlafsaalälteste, Abteilungsälteste et cetera. Sie waren nicht nur befugt, sondern gehalten, ihre Mitschüler bei Unbotmäßigkeiten zu denunzieren und auch selbst Mitschüler zu schlagen. Freiwillige Denunziationen waren willkommen. Eines habe ich in diesen sechs Jahren gründlich gelernt: eine große Sensibilität dafür, wie totalitäre Systeme funktionieren - jeder Couleur.

FRANKFURT AM MAIN ROBERT KNICKENBERG

Ich bin überzeugt, daß die Kirche im großen und ganzen lediglich nach dem damals geltenden Rechtsempfinden handelte. Abgesehen davon, war unser ausgehendes, von Säkularisation geprägtes Jahrhundert wirklich so viel besser? Wie würden vielleicht Historiker künftiger Generationen beispielsweise über unseren Zeitgeist richten, der dazu beitrug, daß Kinder in den Folterkellern irgendeiner Domina verschwanden und anderen wiederum das Recht zu leben verwehrt wurde, indem man sie bereits im Mutterleib tötete?

SCHWANSTETTEN ANDREAS HAHN

Wenn eine 16köpfige Untersuchungskommission gegen Ende des 20. Jahrhunderts Jahrzehnte benötigt, um Galilei zu bescheinigen, daß die Sonne sich tatsächlich nicht um die Erde dreht, dann nenne ich dieses »wissenschaftliche Unternehmen« eine grandiose ABM zu Lasten aller Schäflein, welche die Ehre haben, diese Kirche zu finanzieren.

LANGEN (HESSEN) PAUL L. VOYT

Nicht vergessen werden sollte auch, daß die Menschenquälerei in einer Kirche, die sich evangelisch nennt, fortgeführt wird. Da brennen keine Scheiterhaufen, aber Betroffene werden mit ihren Familien subtil und intensiv durch Mobbing gequält. Damals wie heute verhöhnt man die Opfer, die in keinem Geheimarchiv Spuren hinterlassen haben.

METTMANN WILHELM DRÜHE

Kirchliche Berufsverbote gibt es heute noch. Mitten unter uns bleiben Menschen arbeitslos, weil sie nicht der ,,richtigen« Kirche angehören. Einem Bekannten von mir wurde eine ABM-Stelle als Friedhofsgärtner verweigert, weil er konfessionslos ist. Der Friedhof untersteht der evangelischen Kirche, und Konfessionslose dürfen sich dort zwar begraben lassen, aber arbeiten dürfen sie dort nicht. Regelrechte Berufsverbote entstehen durch die Praxis der Kirchen, nur ihren Mitgliedern die Arbeitsplätze in ihren Einrichtungen anzubieten.

BRAUNSCHWEIG IRENE NICKEL

Die scheinbar klugen Schachzüge des Papstes vor der Jahrtausendwende werden die Kirche auch im nächsten Jahrtausend nicht vom Inquisitions-Holocaust freisprechen, denn Untaten solchen Ausmaßes können niemals getilgt oder verziehen werden.

WIEN MARKUS VALLAZZA

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