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Briefe

Unerschütterlich optimistisch
aus DER SPIEGEL 51/2009

Unerschütterlich optimistisch

Nr. 49/2009, Arbeitsmarkt: Rechtspolitiker fordern neue Gesetze für Bagatellkündigungen

Niemand glaubt ernsthaft, dass der Verzehr einer Frikadelle oder das Laden des Handys an einer Firmensteckdose das Vertrauen in einen langjährigen Mitarbeiter so beeinträchtigt, dass eine Weiterführung des Arbeitsverhältnisses nicht mehr zumutbar ist. Es gibt in vielen Firmen schwarze Listen von Mitarbeitern, die als Low Performer gelten, vielleicht weil sie zu langsam arbeiten oder zu häufig krank sind. Da wird gern ein noch so kleines Vergehen zum Anlass genommen, um den unliebsamen Mitarbeiter loszuwerden. Wer sich selber also auf einer solchen Liste wähnt, dem bleibt vorerst nichts anderes übrig, als penibel darauf zu achten, sich nichts zuschulden kommen zu lassen.

FRANKFURT AM MAIN HELGA WANDEL

Die gesamte Arbeitsgerichtsbarkeit ist dem Bienenstichfall gefolgt, und heute ist es in der Arbeitswelt Allgemeinwissen, dass auch ein kleiner Griff in die Portokasse den Arbeitsplatz kosten kann. Deshalb ist auch eine ohnehin schwer zu findende Bagatellobergrenze nicht zu empfehlen. Die unerfreuliche Tatsache, dass Arbeitgeber diese Rechtsprechung ausnutzen, um sich von einem missliebig gewordenen Arbeitnehmer zu trennen, ist nur eine Konsequenz daraus. Grundsätzlich wäre es notwendig, dass nach einem Bagatelldiebstahl einmal abgemahnt würde. Die geforderte Gesetzesänderung bezüglich einer Bagatellobergrenze wäre allein technisch nicht einfach.

MÜNSTER DR. JUR. KLAUS NEUGEBAUER

Das allgemeine Volksgejammer kann ich in keiner Weise nachvollziehen. Ich arbeite selbst als Minijobber im Discount. Diejenigen, die sich vehement für eine Bagatellgrenze einsetzen, scheinen nicht von den Folgen betroffen zu sein. Wer sich nämlich vor Augen führt, was - trotz der rigiden Rechtsprechung - heutzutage bereits entwendet wird, kann sich leicht vorstellen, was eine Verwässerung bewirken würde. Möglicherweise wird die Bagatellgrenze von einem unerschütterlich optimistischen Menschenbild geleitet. Sollte diese Grenze kommen, so freue ich mich allerdings über (halb)frische Frikadellen und ein paar Pfandbons, die ich dann ja in meiner Unkenntnis versehentlich und unbewusst essen beziehungsweise neben die Kasse fallen lassen kann. Dieses muntere Spiel kann jeder Arbeitnehmer treiben, bis die Abmahnung ins Haus flattert - dann muss wieder zur Normalität zurückgekehrt werden.

SCHIFFWEILER (SAARLAND) MARCO CINQUEMANI

Meine Firma, eine Druckerei, eröffnete mir vor einem Monat, dass ich fristlos gekündigt sei, weil ich Arbeitszeitbetrug begangen hätte. Die Chefs, die meine Stundenzettel immer abgerechnet und nie beanstandet hatten, stritten meine Darstellung, dass das nicht zutreffend sei, ab und schoben mir zwei Schriftstücke zu. Auf dem einen stand »Fristlose Kündigung«, auf dem anderen »Kündigung«. Wenn ich dies sofort unterschriebe, wäre man bereit, mir eine fristgerechte Kündigung zu gewähren. In meiner Verzweiflung unterschrieb ich und merkte erst später, dass das Datum auf den 11. Oktober zurückdatiert war. Damit wollte man die vierwöchige Kündigungsfrist sowie die Klagefrist beim Arbeitsgericht ausschalten. Ein kleiner Fehler passierte den Herren aber doch: Der Tag, an dem ich die Kündigung angeblich unterschrieben haben soll, ist ein Sonntag! Die Klage liegt beim Arbeitsgericht Würzburg vor, die Gegenseite hat sich schon mit einem Angebot zur außergerichtlichen Einigung gemeldet.

WÜRZBURG PETER HOHBERG

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