Zur Ausgabe
Artikel 58 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

NAHOST Unerwiderte Liebe

Die baldige Ankunft deutscher Soldaten vor der Küste Libanons verändert die Rolle Deutschlands in der arabischen Welt. Aus einem allseits geschätzten Beobachter wird ein Akteur, der sich zum Schutz Israels verpflichtet hat. Als Vermittler will sich Berlin das Vertrauen beider Lager sichern.
Von Ralf Beste, Georg Mascolo und Bernhard Zand
aus DER SPIEGEL 37/2006

Die Deutschen haben viele Freunde in Beirut. Während der Fußball-Weltmeisterschaft vor zwei Monaten fieberten die Libanesen mit ihrer Lieblingsmannschaft, bis das Team im Halbfinale verlor.

Drei Tage nach dem Endspiel brach dann der Nahost-Krieg aus, und welches europäische Land im Libanon die meisten Fans hatte, ließ sich an den Tausenden schwarzrotgoldenen Fahnen und Wimpeln abzählen, die noch wochenlang an Hauswänden und Autofenstern hängen blieben - im sunnitischen Tripoli, in den christlichen Weindörfern der Bekaa-Ebene, in den nach und nach zerbombten schiitischen Vorstädten von Beirut.

Keine andere Macht des Westens konnte es mit Deutschlands Popularität aufnehmen: die USA nicht, die in Nahost zurzeit wenig Freunde haben, Großbritannien nicht, die alte Kolonialmacht, nicht einmal Frankreich, das geholfen hatte, die Syrer aus dem Libanon zu vertreiben.

Nun soll, nachdem sich die Regierungen in Berlin und Beirut über die Anforderung von Friedenssoldaten einig wurden, die deutsche Marine kommen, um Libanons Küste zu überwachen. Und zwar mit Einsatzregeln, die bis zum Freitag von Diplomaten und Militärs in einer sorgsam abgestimmten internationalen Choreografie ausgehandelt wurden.

Die Israelis wollten sicherstellen, dass Waffentransporte künftig nicht mehr über See die Hisbollah erreichen können; die libanesische Regierung, an der zwei Hisbollah-Minister beteiligt sind, musste auf die Wahrung ihrer Souveränität achten; Uno-Generalsekretär Kofi Annan hatte Franzosen, Italiener und Griechen gebeten, so lange vor der Küste zu patrouillieren, bis die Deutschen aufkreuzen. Die europäischen Partner wiederum hatten mit den Libanesen Einsatzregeln ausbaldowert, die so ausfielen, dass die Israelis am Freitag auch die Seeblockade aufheben konnten. Und die Deutschen wollen diese Regeln nun übernehmen - wenn sie denn gewährleisten, dass die Bundesmarine ihren Auftrag auch erfüllen kann.

Zu viel hängt für Beirut vom Einsatz der Deutschen ab: Er ist die Voraussetzung

dafür, dass nicht wieder Israel die Geschicke des Libanon in die Hand nimmt, und er ist entscheidend für die künftige Rolle der Hisbollah, die als wichtigste Vertretung der libanesischen Schiiten weiter in die Regierung eingebunden bleiben soll.

Historisch bedeutsam ist der Einsatz vor allem für die Deutschen selbst - wovon bereits die Wortwahl der Bundeskanzlerin zeugt: »Wenn es zur Staatsräson Deutschlands gehört, das Existenzrecht Israels zu gewährleisten«, bekräftigte Angela Merkel vorigen Mittwoch vor dem Bundestag, »dann können wir uns nicht einfach heraushalten, wenn dieses Existenzrecht gefährdet ist.«

Damit allerdings verändert der erste deutsche Militäreinsatz im Nahen Osten auch die Rolle Deutschlands in der arabischen Welt. Der potente Wirtschaftspartner, der diskrete Unterhändler, der für seine Effizienz berühmte Technokrat aus Deutschland tritt nun in Uniform auf die Bühne - und er macht von vornherein keinen Hehl daraus, dass er in diesem Konflikt nicht neutral sein kann.

Verstehen die arabischen Regierungen und ihre Völker Deutschlands besondere Verantwortung gegenüber Israel, oder hat FDP-Chef Guido Westerwelle recht, der prinzipiell dagegen ist, deutsche Truppen in den Nahen Osten zu schicken? Hat sich die Bundesregierung darüber Gedanken gemacht, wie der Satellitenkanal al-Dschasira über den Einsatz berichten und wie auf islamistischen Websites darüber debattiert werden wird? Treffen womöglich die Kassandrarufe des Linkspolitikers Oskar Lafontaine zu, der warnt, mit einem derartigen Auslandseinsatz wachse die Terrorgefahr im eigenen Land?

Das Verhältnis der Araber zu Deutschland ist eine komplizierte, im Wesentlichen unerwiderte Liebe, die ein Element von Schwärmerei und Eifersucht enthält - und bisweilen zu bizarren Missverständnissen führt. Der Libanon ist kein Einzelfall.

Berüchtigt ist die Wertschätzung vieler Araber für das Führungspersonal des Dritten Reichs und die gelegentlich daraus resultierenden Komplimente. Einer der höchsten Staatsbeamten Ägyptens, der mittlerweile pensionierte Anti-Korruptions-Chef von Präsident Husni Mubarak, heißt Hitler Tantawi; auch Vornamen wie »Rommel« und »Eichmann« haben arabische Nationalisten ihren Söhnen gegeben.

Zum Teil steht manifester Antisemitismus hinter solcher Deutschenliebe, zum Teil blanke historische Unkenntnis. In einem diplomatischen Bericht, der lange im Auswärtigen Amt zirkulierte, schilderte ein Botschafter aus einer arabischen Hauptstadt einen Verkehrspolizisten, »der herannahende Botschaftsfahrzeuge aufgrund ihrer deutlichen Beschriftung schon von weitem als deutsch erkennt, unverzüglich den Verkehr anhält und die geräumte Kreuzung dann strahlend und nicht selten unter Anhebung des ausgestreckten rechten Arms salutierend zur Weiterfahrt freigibt. Er ahnt nichts von dem Dilemma, in das er die Fahrzeuginsassen damit stürzt«.

Zurück geht diese Germanophilie auf eine in Deutschland längst verschüttete, unter gebildeten Arabern aber bis heute präsente Tradition. Sie beginnt mit dem Stauferkaiser Friedrich II., dem Arabisch sprechenden Kreuzfahrer, der es ablehnte, dass die Muslime 1229 nach seinem Einzug in Jerusalem auf den Gebetsruf verzichteten: »Ihr tut Unrecht, in eurem eigenen Lande meinetwegen eure Bräuche zu ändern. Das brauchtet ihr nicht einmal, wenn ihr in meinem Lande wohntet.«

Auch an Wilhelm II. erinnern sich die Araber gern, der 1898, auf dem Höhepunkt der deutsch-osmanischen Zusammenarbeit, in Damaskus die großen Worte fand: »Wäre ich nicht als Christ geboren, so wäre ich ein Muslim.«

Prägend wurde das Verhältnis zu Deutschland, als arabische Nationalisten begannen, die Schriften Johann Gottfried Herders und Johann Gottlieb Fichtes zu

studieren, und sie zur Grundlage für ihren eigenen Begriff der arabischen Kulturnation machten. Vor allem Fichtes anti-napoleonische »Reden an die deutsche Nation« von 1807/08 wurden zu einer »Bibel der arabischen Nationalisten«, wie der syrischdeutsche Politologe Bassam Tibi schreibt. Sowohl der ägyptische Nasserismus als auch die Baath-Parteien in Syrien und im Irak beriefen sich auf diese Tradition.

Da die arabische Entdeckung der deutschen Philosophen in die zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts fiel, kam zum anti-französischen und anti-britischen Ressentiment bald auch der Antisemitismus - ein dem Islam bis dahin fremdes Element, das aber später von den Panarabisten auf die heute tonangebenden Islamisten übersprang. Der arabische Antisemitismus, hat der Historiker Bernard Lewis nachgewiesen, ist ein sehr später deutsch-europäischer Import.

So akademisch diese Zusammenhänge wirken mögen, sie bestimmen bis heute die Grundfarbe des arabisch-deutschen Verhältnisses, von dessen harmloseren Seiten vor allem die deutsche Wirtschaft immer wieder profitiert hat.

Einen kraftvollen Schub erhielt Deutschlands Image, als die Regierung Gerhard Schröder sich gegen den Militäreinsatz im Irak wandte. Diese Haltung wurde Schröder sogar höher angerechnet als dem französischen Präsidenten Jacques Chirac, dem man eitle Selbstdarstellung, und dem Russen Wladimir Putin, dem man materielle Interessen im Irak unterstellte.

Ein Dämpfer folgte, als Deutschland 2004 begann, in den Vereinigten Arabischen Emiraten irakische Polizisten auszubilden. Noch größer war die Enttäuschung, als US-Quellen im Januar 2006 von einer geheimen Mithilfe zweier BND-Beamter während der Bombardierung von Bagdad berichteten. All diese Entwicklungen werden in politisch interessierten Kreisen seismografisch verfolgt.

Wie effektiv allerdings die deutsche Vermittlerrolle im Nahen Osten trotz aller Unwägbarkeiten immer noch sein kann, erlebte Außenminister Frank-Walter Steinmeier am vorigen Donnerstagnachmittag in Beirut. Auf dem Weg in die Innenstadt war er an Plakaten der Hisbollah vorbeigefahren, die mit Bildern von Katjuscha-Raketen auf Arabisch und Französisch den »göttlichen Sieg« gegen Israel feierten.

Auf dem Balkon des Grand Sérail, des Palastes des Ministerpräsidenten, standen Regierungschef Fuad Siniora und mehrere Minister. Doch die Libanesen schauten nicht auf den ankommenden Deutschen, sondern in den Himmel. Über der Stadt kreiste die erste reguläre libanesische Maschine, der die Israelis Landeerlaubnis erteilt hatten. Die Libanesen feierten die Ankunft der Maschine - und Steinmeier war stolz, weil er glaubte, an der Landung entscheidenden Anteil gehabt zu haben.

Das Ende der Luftblockade war einer der entscheidenden Schritte des komplizierten Zug-um-Zug-Geschäfts, das Uno-Generalsekretär Kofi Annan eingefädelt hatte und in dem die Deutschen einen wichtigen Part spielten. Am Mittwoch hatten die Libanesen die Anforderung nach Unifil-Hilfe bei der See- und Luftüberwachung an die Uno nach New York geschickt. Die Israelis bekamen sie zu lesen, stimmten zu, hielten sie jedoch geheim.

Am Donnerstag um vier sollte Steinmeier mit vier deutschen Zöllnern und Grenzschützern in Beirut landen. Sie haben die Aufgabe, die Libanesen bei der Gepäck- und Frachtkontrolle zu beraten. Die pünktliche Ankunft des symbolischen Vorauskommandos war Bedingung dafür, dass die Israelis zwei Stunden später die Sperrung des Flughafens aufhoben. So kam es, und sofort wurde auch bekannt, dass die Anforderung des Libanon in New York angekommen war.

Dass sie nicht selbst die Details der Seeüberwachung aushandeln konnten, vermochte die gute Laune der deutschen Besucher nicht zu trüben. Die deutschen Soldaten werden sich nun an dem orientieren müssen, was Franzosen, Italiener und Griechen mit den Libanesen vereinbart und die Israelis abgesegnet haben. Vorigen Freitag positionierten sich französische und italienische Marineboote im Abstand von sechs Meilen vor der Küste und begannen die Überwachung.

Dabei verließen sie sich auf die interne Zusicherung der libanesischen Regierung, die eigene Marine sei gar nicht in der Lage, die Souveränitätszone unmittelbar vor der Küste lückenlos zu überwachen. Niemand werde die unter Uno-Flagge operierenden Marineeinheiten daran hindern, auch dichter zum Strand mögliche Waffenschmuggler zu verfolgen. Solange zwei Voraussetzungen gewahrt blieben, die Zustimmung Israels und die Wahrung der libanesischen Souveränität, sei ein pragmatischer Umgang mit den Regeln möglich, hieß es in der deutschen Delegation.

Das Manöver in Beirut gelang, und das deutlichste Kompliment für den deutschen Beitrag bei der Entkrampfung des Konflikts erhielt Steinmeier von seinem libanesischen Kollegen Fausi Salluch, den er am Ende seiner Beirut-Mission am Flughafen traf. Der Libanese bedankte sich, dass er erstmals seit langem direkt in seine Heimat fliegen konnte, statt die Landroute über Damaskus nehmen zu müssen.

Kein Wunder, dass dem Außenminister spätabends in Tel Aviv nach Jubel zumute war. Bei Meeresfrüchten und Riesling von den israelisch besetzten Golanhöhen rekapitulierte er in einem Restaurant an der Strandpromenade seine Reisen nach Saudi-Arabien, nach Israel und den vor vier Wochen geplanten Trip nach Damaskus - den er nach einer militanten Rede des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad abgebrochen hatte, weil er sich nicht als Büttel blamieren wollte.

Nach dem Ende der israelischen Luft- und Seeblockade bleibt Steinmeier zuversichtlich: Viele arabische Staaten hätten ihm versichert, sie seien froh, dass es neben der amerikanischen noch eine andere einflussreiche Regierung gebe, die Kontakt zu Israel halte. Mit guten Drähten in beide Lager werde die deutsche Diplomatie künftig eine wichtige Mittlerrolle einnehmen. Warum nicht schon bei einem Gefangenenaustausch, bot der Außenamtschef am Freitag an.

Den Sympathiebonus, den die Deutschen in der Region genießen, wollen sie schließlich nicht verspielen. RALF BESTE,

GEORG MASCOLO, BERNHARD ZAND

* In der »Halle der Namen«, am 30. Januar.

Zur Ausgabe
Artikel 58 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.