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SCHWEIZ / ZÜRICH Unfug im Freien

aus DER SPIEGEL 35/1967

Die Knie »leicht nach vorn, zur Fahrbahn hin, gebeugt« ("Neue Zürcher Zeitung"), stehen die Schönen der Nacht an Zürichs Limmatquai und locken alinächtlich Hunderte von Seh-Männern an.

In dichtem Korso rollen die Wagen der schaulustigen Schweizer vorüber, kühnere Eidgenossen genießen gar zu Fuß den Blick ins Antlitz des Lasters -- und das mißfällt der Zürcher Obrigkeit.

Zürichs Kripo-Chef Dr. Walter Hubatka, entschlossen, den helvetischen Abenteurern den prickelnden Geschmack von Weltstadt zu vergällen, hat den Freiem den Kampf angesagt -- um Zürichs rund 1000 haupt- und nebenberufliche Liebe-Dienerinnen (Gunst-Gebühr: 30 bis 120 Franken) vor allem aus den Wohnvierteln zu vertreiben.

Männer, »die motorisiert oder zu Fuß auf den »Strich-Straßen' oder »Strich-Plätzen' der Stadt angetroffen werden, eine Dirne ansprechen oder dort einfach herumstehen« (so die neue Hubatka-Verordnung), werden fortan in ein »Freier-Register« der Stadt-Polizei eingetragen.

Zur Verkehrs-Regelung auf dem Liebes-Markt dient Artikel 33 der Straßenverkehrsordnung: Motorisierten Freiem droht Strafe wegen »unnötigen Herumfahrens in Ortschaften«. Laufende Liebhaber müssen nach Artikel 9 der Allgemeinen Polizeiverordnung der Stadt Zürich mit einer »Verzeigung« rechnen -- wegen »Unfugs im Freien«.

Zwar fand selbst die behördenfromme »Neue Zürcher Zeitung« diese »Beschneidung der persönlichen Freiheit ... unsympathisch«, doch Zürichs Sittenwächtern war selbst das Strich-Dekret noch nicht genug. Sie beschlossen, der Unmoral auch dort nachzustellen, wo nach ihrer Meinung »Homosexuelle, Dirnen, Strichjungen und Zuhälter« verkehren: in den privaten Clubs.

Diese Clubs -- in Kellern, Wohnungen und Garagen -- waren der letzte Ausweg aus dem reglementierten Notstand des Zürcher Nachtlebens. Denn noch immer müssen in der größten Stadt der Schweiz (435 000 Einwohner) die Wirte um Mitternacht den Gästen »die Polizeistunde bieten«.

Im »High Life Club« zum Beispiel konnten sich unternehmungslustige Zürcher jedoch für 600 Franken Jahresbeitrag an mitgebrachtem Wein und Whisky berauschen -- und der Polizei entgehen.

Den Unmoral-Jägern in der Stadtverwaltung entgingen sie nicht: Die schlauen Stadtväter entdeckten, daß die Club-Sünder gegen baupolizeiliche Vorschriften gesündigt hatten. Im Juli schlossen sie zwölf der 36 Privat-Etablissements.

Nachthungrigen Zürcher Bürgern konnten sie freilich nicht verwehren, ins 22 Kilometer entfernte Baden auszuweichen, das zum liberaleren Kanton Aargau gehört. Dort schließt der Kursaal freitags und sonnabends erst um zwei Uhr.

Auch Zürichs Gunstgewerblerinnen wichen zu neuen Strichen aus: vom Limmatquai und aus dem Wohnviertel Enge vor das Obergericht am Hirschgraben und an die Allmend, eine große Wiese an der Ausfallstraße nach Luzern.

Tagsüber, wenn die Damen schlafen, üben auf der Allmend eidgenössische Rekruten das Hinlegen und Aufspringen.

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