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Briefe

Unglaubliche Unwissenheit
aus DER SPIEGEL 21/1995

Unglaubliche Unwissenheit

(Nr. 19/1995, Titel: 8. Mai 1945 - 1995 - Bewältigte Vergangenheit)

Wo waren bloß die Anführungsstriche auf der Titelseite? Ich hoffe, sie wurden einfach nur vergessen, oder glauben Sie tatsächlich, die Vergangenheit sei bewältigt? Ein gewaltiger Irrtum. *UNTERSCHRIFT: Berlin STEPHANIE KÜHNE

Interessant, Ihr Caspar David Friedrich auf dem Titelbild. Da hätte ich gern noch die Gedanken zum Nationalismus des Oxford-Philosophen Isaiah Berlin bei Ihnen gelesen. Berlin versucht den deutschen Nationalismus auch als Reaktion auf den totalitären Internationalismus der Franzosen zu erklären: »Man verehrte den individuellen Heros, den Riesen außerhalb und jenseits des Gesetzes . . .« Die romantische Rebellion der Deutschen drängte sie in eine »Kompromißlosigkeit bis zum bitteren Ende«, und diese hielt man plötzlich »für wertvoller als friedliche Verhandlung. Extremismus und Konflikt wurden nun um ihrer selbst willen gerühmt«. Es ist umstritten, und doch meine ich, die »Romantik« könnte man durchaus als Wegbereiter der später so unheilvoll verlaufenen Geschichte der Deutschen sehen. *UNTERSCHRIFT: Mannheim DR. HEINRICH MEYER

Blankes Entsetzen packte mich, als ich das verfremdete Gemälde Caspar David Friedrichs auf dem Titelbild aus meinem Briefkasten holte. Wieder einmal ist der SPIEGEL der politisch instrumentalisierten Totalitarismustheorie auf den Leim gegangen. Ernsthaft Parallelen zwischen dem NS-Staat und dem DDR-Regime ziehen zu wollen, das hat nicht mal Ernst Nolte im Historikerstreit gewagt. *UNTERSCHRIFT: Bremen STEPHAN HESPOS

Sie zeigen das bekannte Foto der Kapitulationsunterzeichnung in Karlshorst am 9.5.1945. Interessant ist auch der hinter Keitel stehende Offizier. Er lebt noch, ist 85 Jahre alt und wohnt in Köln. Im Kölner Stadt-Anzeiger vom 8.5.1995 hat Karl Boehm-Tettelbach über den Tag der Kapitulation berichtet. Was mich besonders aufmerken ließ, ist sein Hinweis, daß er durch seine Jagdfliegerausbildung in Lipezk Russisch gelernt hat, jenem Luftwaffenstützpunkt, wo die geheime Aufrüstung der Reichswehr Ende der zwanziger Jahre mit Hilfe der Roten Armee betrieben wurde. Stellen Sie sich vor, dies wäre damals bekanntgeworden - innen- und außenpolitisch vermutlich »Auweia«. *UNTERSCHRIFT: Köln JOSEF BRÜHL

Sagen Sie mal, verehrter, lieber Herr Augstein, sind Sie noch bei Trost, daß nun auch Sie, sonst doch gern auf seiten der Schwächeren, sich in die lange Schlange derer einreihen, die nichts Eiligeres zu tun haben, als mit Hacke und Spaten zu Felde zu ziehen, um dem zarten Pflänzchen der Selbsterkenntnis das Wasser abzugraben, kaum daß es die ersten Blättchen angesetzt hat, mit dem Argument, wir müßten Dünger sparen. *UNTERSCHRIFT: Bonn OTTO HUMBURG

Die Gleichstellung von faschistischer Diktatur und DDR auf Ihrem Titelbild ist eine ungeheure Beleidigung. Die Bevölkerung der DDR hat sich nicht nur, im Gegensatz zur deutschen Bevölkerung 1945, aus eigener Kraft von der Herrschaft der SED befreit, es gab auch im Gegensatz zum Lübke-Globke-Filbinger-Staat keine Nazi-Richter, die Ministerpräsidenten werden durften. *UNTERSCHRIFT: Berlin DIRK MÖBIUS

Daß die Fragen über historische Daten und Zusammenhänge von den meisten Deutschen falsch beantwortet wurden, kann man noch mit einer Unkenntnis beziehungsweise, was noch schlimmer ist, mit Desinteresse erklären. Daß aber so viele Deutsche die Vertreibung der Deutschen für genauso schlimm halten wie die Vernichtung der Juden, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären. *UNTERSCHRIFT: Karlsruhe CHRISTIAN BLUMENROEHR

Nach einem Jahr in den USA dachte ich, solch eine unglaubliche historische Unwissenheit sei eher ein amerikanisches Phänomen, doch daß nur 15 Prozent der Westdeutschen den Beginn des Zweiten Weltkrieges und gerade mal wackere 7 Prozent aller Deutschen die Anzahl der Getöteten einzuschätzen vermögen, zeigt, wie kläglich 50 Jahre Bildungspolitik gescheitert sind. *UNTERSCHRIFT: San Diego (USA) DANIEL A. SELAU

Das Grundgesetz war möglicherweise »ein Stück gelungener Aufarbeitung«. Jedoch ist uns mit der faktischen Abschaffung des Grundrechts auf politisches Asyl ein ebenso gutes Stück moralischer Beschwichtigung gegenüber unserer Vergangenheit gelungen. *UNTERSCHRIFT: Mannheim FRANK PÜTTNER

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