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Briefe

Unglaublicher Anachronismus
aus DER SPIEGEL 5/1999

Unglaublicher Anachronismus

Nr. 3/1999, Pädagogik: Sollen Taube sprechen lernen?

Ich wurde mit circa 14 Jahren schwerhörig, heute an Taubheit grenzend. Ich kann noch sehr viel hören, verstehe aber kaum noch etwas. Das bedeutet, ich bin auf das Absehen vom Mund angewiesen (bitte nicht »ablesen«, das impliziert ja gleiche »Leichtigkeit« wie Bücherlesen - und davon ist das Absehen vom Mund weit entfernt!!). Das Argument, daß ich Gebärden ja »nur« im Kreise anderer gebärdenkompetenter Menschen anwenden kann, ist richtig, deswegen suche ich meine Kontakte auch vermehrt in diesem Umfeld. Nun höre ich schon wieder die ach so wohlmeinenden normal Hörenden argumentieren, daß ich mich damit ja selbst ausgrenze. Wieso? Auch normal hörende Menschen verkehren gesellschaftlich dort, wo sie sich wohl fühlen.

MEERSBURG (BAD.-WÜRTT.) ERIKA CLASSEN

BUNDESVERBAND HÖRGESCHÄDIGTER, RENDSBURG

Sie beschreiben, daß gehörlose Kinder, die nur die Deutsche Gebärdensprache erlernen, ausgegrenzt werden. Dabei muß ich Ihnen teilweise zustimmen, denn unsere Gesellschaft ist nicht aufgeschlossen und tolerant genug, diese in anderen Ländern bereits anerkannte Sprache als eigenständige Sprache zu begreifen. Es hat sich gezeigt, daß Gehörlose mit Hilfe der Gebärdensprache ein normales Lernniveau erreichen können.

HANNOVER MARC BULLERDIEK

Die Unterstellung, die endlich auch gesetzlich anerkannte Deutsche Gebärdensprache sei eigentlich doch keine Sprache, und deshalb sei Bilingualismus an Gehörlosenschulen allenfalls in Anführungszeichen zu setzen, stellt einen unglaublichen Anachronismus und eine Diskriminierung der Gehörlosen dar. Denn die herausragenden Ergebnisse der langjährigen bilingualen Unterrichtspraxis an amerikanischen und skandinavischen Gehörlosenschulen stellen die Ergebnisse der einseitigen Hör-Sprecherziehung bei weitem in den Schatten.

HAMBURG ANNE BEECKEN

Es sind weit mehr als 600 Menschen in Deutschland mit einem Cochlea Implant (CI) ausgestattet worden. Allein in Hannover wurden über 1500 Personen operiert, darunter auch ich. Ich weiß daher aus Erfahrung, daß Hören mit CI erheblich mehr ist als »Mickey-Mouse-Intonation«; ich vermag mit dem CI sogar Musik zu hören und zu genießen, die absolut normal klingt.

HANNOVER ROLF ERDMANN

Wie konnte Ihnen entgehen, daß Gehörlose nicht »stumm« sind und deshalb auch keine Taubstummen? Und wie vieler Anschläge hätte der Hinweis bedurft, daß die EU ihre Mitglieder bereits 1988 dazu aufgefordert hat, alle Hindernisse, die der Nutzung der nationalen Gebärdensprache im Wege stehen, umgehend zu beseitigen?

HAMBURG DR. JÖRG KELLER

INSTITUT FÜR DEUTSCHE GEBÄRDENSPRACHE

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