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Unglaubliches Material

aus DER SPIEGEL 29/1994

nannte Russell Seitz von der Harvard University in Cambridge den Plutonium-Fund von Tengen-Wiechs. Es sei das erste Mal, so der Wissenschaftler, »daß Waffen-Plutonium auf dem Markt entdeckt wurde«.

Was Kenner amerikanischer Atomwaffen-Konstruktionen verblüfft, ist die Zusammensetzung der Plutonium-Probe. Denn der Alptraumstoff, Element der fürchterlichsten Waffe, war in Quecksilber gebunden.

Kernwaffen-Konstrukteure verwenden gewöhnlich Plutonium, das zu deutlich mehr als 96 Prozent aus der Spielart (Isotop) Pu 239 besteht. Jeweils einige Kilogramm ("kritische Masse") des Bombenstoffs werden für eine Kernwaffe benötigt.

Um zu verhindern, daß in einer kritischen Masse vorzeitig atomare Kettenreaktionen ablaufen und der Sprengsatz so unabsichtlich zündet, wird das metallische Plutonium zu einer Hohlkugel geformt. Diese Plutonium-Hohlkörper entfesseln erst dann ihr atomares Feuer, wenn sie durch die Explosionswucht von konventionellem Sprengstoff zu einer massiven Kugel von etwa Apfelsinengröße zusammengepreßt werden.

Wieviel Plutonium jeweils für eine Bombe nötig ist, hängt von der Erfahrung der Konstrukteure ab. Für US-Nuklearwaffen, die über Jahrzehnte hinweg technisch verfeinert wurden, erklären amerikanische Waffenexperten, sei nur etwa ein Kilogramm hochreines Plutonium 239 nötig.

Für technisch rückständige Waffen werden nach Schätzung von Kennern dagegen etwa 12 Kilogramm Bombenstoff benötigt. Doch auch aus Plutonium, wie es in der Brennelemente-Fabrik Hanau zu Brennstoff für Atomreaktoren verarbeitet wurde, läßt sich eine Bombe bauen.

Etwa 35 Kilogramm sind nötig, um aus solchem Plutoniumoxid-Pulver einen Sprengsatz zu formen. Der Nachteil dieses Bombenstoffes liegt in seinem hohen Anteil (rund 20 Prozent) an Plutonium 240. Dieses Isotop kann zu ungewollten Kettenreaktionen im Kernsprengstoff und damit zu unbeabsichtigten Explosionen führen.

Ganz anders das Plutonium aus der Garage von Tengen-Wiechs: hochreines Waffen-Plutonium, das in einem Gemenge von Quecksilber gebunden ist.

Nach Einschätzung eines US-Waffenexperten hat dieses Gemisch einen besonderen Vorteil: Der im Quecksilber gebundene Bombenstoff kann weitaus stärker zusammengepreßt werden als Plutonium in metallischer Form.

»Für die Waffenproduktion«, erläuterte Harvard-Wissenschaftler Seitz, sei das »von großer Bedeutung«. Es erlaube, »die Sprengkraft von Waffen beträchtlich zu steigern«.

[Grafiktext]

__21b Plutoniumbedarf für Atombomben

[GrafiktextEnde]

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