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AFRIKA Ungleiche Verträge

Mit Demontagen und Knebelverträgen beuten die Sowjet-Union und Kuba ihre afrikanischen Verbündeten aus.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Zwanzig Jahre reifte die Erkenntnis. Dann stand für Guineas Staatschef Sekou Toure, Afrikas dienstältesten regierenden Sozialisten, fest: »Die Russen sind viel kapitalistischer als die Kapitalisten.«

Für viele afrikanische Staatschefs ist das eine bittere Selbstverständlichkeit. Wo immer der »natürliche Verbündete der Dritten Welt« (Fidel Castro über die Sowjet-Union) einem für den Westen nicht bündnisfähigen Staat Freundschaft anbot, führt er sich wie eine Kolonialmacht auf.

Sekou Toure ist der erste prominente Afrikaner, der als ehemaliger Sowjet-Alliierter offen gegen die »häßlichen Sowjets« (so Senegals Ex-Präsident Senghor) revoltiert. Den Anstoß gab der Unmut über den Kooperationsvertrag zur Ausbeutung der guineischen Bauxitgruben in Kindia.

In dem auf dreißig Jahre terminierten Kontrakt verpflichteten sich die Guineer 1969 zur Lieferung von zwei Millionen Tonnen Bauxit jährlich als Gegenleistung für die von Moskau investierten 127 Millionen Dollar. Kalkulationsbasis war ein festgeschriebener Tonnenpreis von sechs Dollar. Heute steht der Weltmarktpreis bei 30 Dollar.

Den 1960 von Nikita Chruschtschow zugesagten Bau einer Aluminiumhütte, in der das einheimische Bauxit verarbeitet werden sollte, ließ sich Sekou Toure mit dem Argument ausreden, die Verhüttung sei in der Sowjet-Union billiger. Dabei sind die sibirischen Aluminiumschmelzen Tausende Kilometer weit von Häfen und Verbrauchern entfernt; sie sind schon wegen der immensen Transportkosten weit weniger rentabel als ähnliche Anlagen im Westen oder in Afrika.

Sekou Toure ist zwar bemüht, sich aus dem Knebelvertrag zu befreien. Aber die Sowjets bestehen auf Erfüllung. Und Sekou Toure muß stillhalten, weil Guinea in Moskau mit mehreren hundert Millionen Dollar verschuldet ist.

Der Handel mit der Dritten Welt ist für die Russen eine wichtige Devisenquelle. Obwohl in den meisten bilateralen Handelsverträgen die Waren ausdrücklich zum Endverbrauch in der Sowjet-Union bestimmt werden, verkaufen die Russen sie im »Switch Trade« weiter und drücken dadurch die Erträge der Erzeugerländer.

Die eigene Rechnung zahlt der Kreml überwiegend mit überschüssigem oder ausgemustertem Kriegsmaterial. S.164 Ugandas Idi Amin, Guineas Sekou Toure, Somalias Siad Barre und Äthiopiens Mengistu Haile Mariam kauften in den siebziger Jahren große Mengen von nicht mehr truppentauglichem Flug- und Kampfgerät, das die Russen anderswo nicht loswerden konnten: Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg und MiG-17-Jäger, die von der sowjetischen Luftwaffe schon Ende der sechziger Jahre aus dem Verkehr gezogen wurden.

Wer zahlungsunfähig ist und auch keine Naturalien zu bieten hat, ist übel dran, wenn seine Gläubiger Sozialisten sind. So nahm der Ostblock in einem Umschuldungsvertrag, der Ghana vor dem Staatsbankrott retten sollte, dem marxistischen Regime Kwame Nkrumahs 16 Prozent Schuldzinsen ab. Indien kassierte im Rechnungsjahr 1973/74 von Moskau 139 Millionen Rupien Entwicklungshilfe, mußte aber gleichzeitig 567 Millionen für den Schuldendienst an Moskau abführen.

Dem stärksten Druck sind jene afrikanischen Linksregime ausgesetzt, die ohne die Militärpräsenz der östlichen Bruderstaaten kaum Überlebenschancen hätten. Vor allem die Ein-Parteien-Regierung Angolas, die seit Jahren einen Buschkrieg gegen die von Südafrika unterstützten Unita-Partisanen führt: Sie muß teuer dafür bezahlen, daß 15 000 bis 20 000 kubanische Soldaten die Einheit und die sozialistische Ordnung der Nation gewaltsam bewahren.

Über die Hälfte der Deviseneinkünfte der Volksrepublik Angola fließt derzeit in die sozialistischen Bruderländer S.165 ab, mit denen sie im »Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe« (RGW) durch ein »Beobachterstatut« assoziiert ist. Der weitaus größte Teil davon geht nach Kuba und in die Sowjet-Union.

Den größten Teil der Kaffeeproduktion mußte Angola in den letzten Jahren zu Dumpingpreisen an die Genossen im Osten liefern. Für den Sack Kaffee verrechnete der Kreml 1976 ganze 180 Escudos; der Weltmarktpreis für Angola-Kaffee lag zur gleichen Zeit zwischen 467 und 472 Escudos.

Auch auf Angolas Diamantenproduktion hat der große Bruder die Hand. Die Diamanten werden im Auftrag der Sowjets ausgerechnet von Angolas Erzfeind Südafrika vermarktet. Einen Versuch der Angolaner, aus dem Kartell mit De Beers auszubrechen, hatten die Sowjets gleich nach der Machtübernahme des Sozialisten Neto abgeschmettert.

Angolas Preziosenhändler boten ihre Steine auf dem Weltmarkt an, machten aber, wie damals der New Yorker Dealer Albert Jolis berichtete, kurz vor einem größeren Abschluß plötzlich einen Rückzieher. Jolis: »Unsere Gesprächspartner begründeten das mit ganz massivem Druck, den Moskau zugunsten der Gruppe De Beers auf sie ausgeübt habe.«

Inzwischen hat der Kreml die angolanische Wirtschaft so fest an der Leine, daß keine weiteren Ausbruchsversuche mehr zu befürchten sind. Mehrere tausend sowjetische Spezialisten in der Zentralbank, den staatlichen Handelsorganisationen S.167 und in den Ministerien sorgen dafür, daß dem mächtigen Gläubiger keine Kopeke entgeht.

Nicht einmal über die Petrodollars, die die von der amerikanischen Gulf Oil bewirtschafteten Ölquellen in der Enklave Cabinda einbringen, kann die bankrotte Volksrepublik verfügen. Ein stattlicher Teil der Barmittel fließt in Form von Gehältern für 3000 bis 4000 kubanische Ärzte, Lehrer und Techniker und als Stationierungskostenbeitrag nach Moskau, Ost-Berlin und Havanna.

Nach Schätzungen des Pariser »Monde« sind in Afrika und Jamaika rund 6000 kubanische Schreiner, Maurer und Anstreicher aus Kuba tätig -für harte Devisen.

Ohne die Hilfe der Kubaner wäre die angolanische Infrastruktur längst restlos zusammengebrochen. Aber Hilfe gibt es nur für Bares. Angola muß für jeden der 1400 Ärzte und Pfleger aus Kuba 2000 Dollar monatlich überweisen -- mehr als doppelt soviel, wie etwa ein Mediziner des »Deutschen Entwicklungsdienstes« (DED) an Gehalt bekommt.

Gut Dreiviertel der Gehälter schöpft der Staat ab. Obwohl Moskau die marode Zuckerinsel mit 15 Millionen Mark täglich stützt, braucht Kuba jeden Dollar, um der »wirtschaftlichen Katastrophe« zu entgehen, dem »Bankrott mit der Konsequenz hungernder Menschen und Hunderttausender von Arbeitslosen« (so Castro-Bruder Raul). Und zu diesem Zweck sind dem Sozialisten Castro auch kapitalistische Mittel recht.

Wie wenig brüderlich sich die sozialistischen Brüder aus der Karibik in Afrika aufführen, hat der niederländische Pater Gottfried de Kinderen von der katholischen Missionsvereinigung »Missio« in Aachen enthüllt, der auf Einladung der MPLA-Regierung mehrere Wochen lang Angola bereiste. Was der wachsame Gottesmann beobachtete, weckt fatale Erinnerungen an die Demontagepraktiken der Sowjets im besetzten Osteuropa.

Rings um die Hauptstadt Luanda, so berichtete de Kinderen, hätten die Kubaner 150 Industriebetriebe abgebaut und nach Kuba verfrachtet. Sie hätten sogar Röntgengeräte, Operationseinrichtungen und Rollstühle aus Krankenhäusern mitgenommen.

Gründerpräsident Agostinho Neto, ein engagierter Marxist, hatte 1979 eine Öffnung nach Westen versucht, die Angola aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von seinen roten Schutzmächten lösen sollte. Doch dazu kam es nicht mehr. Neto starb im September 1979 nach einer Krebsoperation in einer Moskauer Klinik.

Netos Verschwinden von der politischen Bühne brachte die Sowjets auch ihrem Langzeitziel ein Stück näher, den Süden Angolas in eine riesige Kornkammer zu verwandeln und dadurch von westlichen Weizenlieferungen unabhängiger zu werden. Es gibt nur noch ein Hindernis: die Unita, die einen Teil Südangolas besetzt hält.

Von Agostinho Netos stramm kremltreuem Nachfolger, dem mit einer Russin verheirateten Jose Eduardo dos Santos, ist auch keine Kritik an der Raubfischerei mehr zu befürchten, mit der russische und kubanische Fangschiffe systematisch Fischbänke und Laichgründe im Bereich des Benguelastroms zugrunde richten.

Die fremden Superkutter halten sich nicht mit zeitraubendem Netzschleppen auf. Sie saugen gleich ganze Fischschwärme mit überdimensionierten Saugstollen aus dem Wasser direkt in den Schiffsbauch.

Die Angolaner haben vertraglich ganz auf eigene Fischerei verzichtet. Folge: Angola, zu portugiesischen Zeiten einer der bedeutendsten Fischexporteure des Kontinents, muß heute Fisch aus der Sowjet-Union einführen -- angolanischen Fisch.

Dank rigoroser Fangtechnik und dank eines engmaschigen Netzes von Fangverträgen, mit denen der frühere Fischereiminister Alexander Ischkow während seiner mehr als 30 Amtsjahre den Globus umspannte, ist die Fischerei einer der Zweige der sowjetischen Industrie, die in den vergangenen Jahren ständig ihr Plansoll übererfüllt hat.

Die »durchweg ungleichen, also imperialistischen Verträge« (so der marxistische Diplomvolkswirt Konrad Melchers in seinem Buch »Die sowjetische Afrikapolitik"), die Ischkow mit den meisten afrikanischen Staaten geschlossen hat, räumen den Russen nahezu uneingeschränkte Fischereirechte ein.

Die Konsequenz, mit der die Sowjets ihre Exklusivrechte ausbeuten, zeigt exemplarisch der Vertrag mit der Minirepublik Äquatorial-Guinea. Der 1979 gestürzte Diktator Macias Nguema zwang sogar die äquatorialguineischen Fischer, ihre Boote zu zerstören, so daß sie der überseeischen Konkurrenz nicht in die Quere kommen konnten.

Wie zielstrebig der Kreml politische Entwicklungen zum Ausbau seiner wirtschaftlichen Macht nutzt, erwies sich 1973 in Chile. Nur einen Tag nachdem der Sozialist Salvador Allende die Macht in Santiago übernommen hatte, begann sich die sowjetische Fangflotte, wie die oppositionelle »La Prensa« im Februar 1973 berichtete, in chilenischen Hoheitsgewässern breitzumachen.

Die Erfahrungen der Angolaner mit ihren roten Schutzmächten haben auch die Genossen in den Bruderstaaten Mosambik und Simbabwe hellhörig gemacht. Mosambik-Staatschef Samora Machel, selbst dezidierter Sozialist, versucht sich vorsichtig aus der sowjetischen, kubanischen und ostdeutschen Umklammerung zu befreien.

Sehr zum Ärger seiner Block-Berater will Machel wieder privatwirtschaftliche Initiativen zulassen, nachdem er sein Land auf den Nullpunkt heruntergewirtschaftet hat. Die Europäische Gemeinschaft hat signalisiert, sie sei bereit, den Kurswechsel finanziell abzusichern, wenn sich Maputo politisch entgegenkommend zeige.

Bereits im letzten Jahr machte Samora Machel eine unmißverständliche Geste. Er ließ 500 Militärberater aus Tansania kommen, die Mosambiks Kampfgenossen aus Kuba und der DDR ablösen sollten. Amtliche Begründung: »Die Kubaner und Ostdeutschen waren einfach zu teuer.«

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