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CHINA Unheilbare Krankheit

Böses Omen für Gorbatschow: Hohe Inflationsraten gefährden den Erfolg der Pekinger Wirtschaftsreformen. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Zu Maos Zeiten stimmten die alten Dogmen noch. »Der Kapitalismus«, hieß es damals in einer Propagandaschrift, »wird gegenwärtig von wirtschaftlichen Schwankungen und Inflation geschüttelt. Die breiten Massen und die Familien fühlen sich bedroht.«

Das sozialistische China hingegen, so rühmte Autor Peng Guangxi in der Broschüre »Warum China keine Inflation kennt«, habe dieses »Übel« längst beseitigt: »Viele Menschen haben nicht einmal eine Vorstellung davon, was eine Inflation ist.«

Das hat sich gründlich geändert. Die »unheilbare Krankheit« des Kapitalismus hat längst den Alltag der Volksrepublik vergiftet. Nachdem die Preise schon 1987 um 7,2 Prozent gestiegen waren, kletterte die Inflation zwischen Januar und April auf über 11 Prozent.

Die statistischen Durchschnittswerte beschönigen die reale Lage: Bei frischem Gemüse etwa, das schon im vergangenen Jahr um 44 Prozent teurer wurde, schnellten die Preise noch einmal um fast 50 Prozent im ersten Quartal dieses Jahres nach oben.

Weil chinesische Familien gut die Hälfte ihres Monatseinkommens (das in Peking im Schnitt 200 Jüan, rund 100 Mark, beträgt) für Lebensmittel ausgeben, schmerzen die steigenden Preise für Tomaten und Paprika, Kohl und Knoblauch, für Schweinefleisch und frischen Fisch ganz besonders. Die Inflation verteuert auch Zigaretten und Schnaps, Kleidung und Schuhe, Zeitschriften, Bücher und Strom.

Der Preisanstieg verärgert nicht nur die Verbraucher, er könnte auch die Reform- und Öffnungspolitik Teng Hsiao-pings in Mißkredit bringen.

Denn Geldentwertung brachten die Chinesen bislang stets mit der chaotischen Mißwirtschaft aus den Zeiten der »alten Gesellschaft« in Verbindung, bevor die Kommunisten 1949 im Bürgerkrieg siegten und die Regierung Tschiang Kai-scheks nach Taiwan floh.

Mao Tse-tung trocknete den »Sumpf der Inflation« aus: Die zentrale Planwirtschaft nach sowjetischem Vorbild garantierte 35 Jahre lang unverrückbare Preise; dafür mußte China schon bald alle lebenswichtigen Waren rationieren - von Weizen und Reis bis zu Öl, Zucker, Baumwolle und Fahrrädern.

Die staatlich verordnete Stabilität mußte mit enormen Subventionen bezahlt werden. Weil die Preise nicht nach Herstellungskosten und Nachfrage kalkuliert, sondern nach Gutdünken verordnet wurden, stagnierte wegen fehlender Anreize die Produktivität.

Erst Pekings Reformer um Teng Hsiao-ping machten sich daran, das Preissystem schrittweise zu demontieren. Die Preise sollten nun nicht mehr von Parteiplanern festgelegt, sondern von Angebot und Nachfrage diktiert werden; Unternehmen orientieren sich nicht länger am Plan, sondern am Profit.

Die wohldosierte Zulassung von Kapitalismus und Marktwirtschaft bescherte China ein Wirtschaftswunder mit stetig wachsendem Bruttosozialprodukt, üppigen Ernten und steil ansteigender Industrieproduktion. Doch noch schneller stieg die Nachfrage. Bauern und Firmenmanager nutzten die neue Freiheit, um ihre Erzeugnisse so teuer zu verkaufen, wie der Markt es zuließ.

Ausgenommen von der Kurskorrektur blieben nur die wichtigsten Grundnahrungsmittel: Die Preise für Reis und Weizen wagten auch die Reformer nicht anzutasten. Allerdings gibt es billiges Getreide, Speiseöl, Zucker oder Reisnudeln nur auf Bezugschein. Dennoch muß die Stadt Peking mehr als ein Drittel ihres Etats für die Subventionierung der Getreidepreise aufwenden - rund 2,5 Milliarden Jüan (etwa 1,2 Milliarden Mark).

Besonders hart trifft die Inflation alle, die ihr Monatseinkommen nicht mit Leistungszulagen aufbessern können: Funktionäre in Partei- und Regierungsapparat, Angestellte in defizitären Staatsunternehmen, Lehrer, Rentner und Studenten. »Bei 21 Prozent aller städtischen Familien«, gab der Chef der chinesischen Preisbehörde zu, »sanken die Realeinkommen.«

Der Versuch, die Verantwortung auf die freien Händler abzuwälzen, brachte der Regierung keine Entlastung: Zwar arbeiten die privaten Gewerbetreibenden mit üppigen Gewinnspannen. Schuld an dem wuchernden Schwarzmarkt aber sind die Staatsunternehmen selbst, die am »Handel durch die Hintertür« oft mehr verdienen als am Verkauf zu offiziellen Preisen. Großunternehmen nehmen Millionenbeträge durch das Verschieben von knappen Rohmaterialien ein: Sie handeln mit Zement und Baustahl, Kunstdünger und Saatgut, Lastwagen und Devisen.

Das geht nicht ohne Komplizenschaft der Behörden: Unternehmen und Ministerien lassen Einfluß und Beziehungen spielen und tauschen Rohstoffe gegen Lebensmittel.

Chinas neuer Premier Li Peng appellierte an revolutionäre Askese und Bescheidenheit, konnte aber nicht verhindern, daß die Inflation weiter nach oben ging. Das beim Volkskongreß im März verkündete Ziel, die Teuerung wenigstens unter zehn Prozent zu halten, ist jetzt schon verfehlt.

Unter dem öffentlichen Druck wußten sich die Politiker nicht anders zu helfen als mit dem Rückgriff auf alte planwirtschaftliche Methoden: Sie beschlossen rigorose Preiskontrollen, ein Rationierungsprogramm und neue Subventionen.

Um den Unmut der städtischen Verbraucher zu besänftigen, hat die Regierung Zulagen gebilligt, die Ende dieses Monats zum erstenmal ausgezahlt werden sollen. Doch die Erhöhung des Inflationsausgleichs von bisher 7,50 Jüan auf 10 Jüan pro Kopf ist nicht mehr als eine symbolische Geste: »Dafür kann ich nicht einmal zwei Pfund Tomaten kaufen«, erboste sich ein Angestellter.

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