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SOWJET-UNION Uniform unterm Kittel

Politisch andersdenkende Sowjetbürger werden in Nervenkliniken eingewiesen. Berichte darüber nannte die »Iswestija« »wilde Märchen«.
aus DER SPIEGEL 45/1971

Während ein Wärter alle fünf Minuten durch das Guckloch seiner Zelle schaute, schrieb Wassilij Tschernyschow, Assistent an einem Leningrader Lehrstuhl für Mathematik und Kritiker des Sowjetsystems, heimlich aus einer Leningrader Nervenheilanstalt:

»In Amerika wurde Angela Davis verhaftet. In der ganzen Welt kennt man ihr Schicksal, sie hat Anwälte, für sie wird demonstriert. Aber ich bin aller Rechte beraubt, ich habe mit keinem Anwalt gesprochen, ich habe an keiner Gerichtsverhandlung teilgenommen. ich habe nicht das Recht, mich zu beschweren. Ich habe nicht einmal das Recht zum Hungerstreik.« Tschernyschow wurde offiziell wegen »chronischer Schizophrenie paranolden Typs« in die Anstalt eingewiesen.

In der Abteilung Nr. 5 des Moskauer gerichtspsychiatrischen Serbski-Instituts in der Kropotkingasse wird der Lyriker Wladimir Bukowski, 29, festgehalten. Bukowski hatte im Januar 1967 an einer nicht genehmigten Demonstration auf dem Moskauer Puschkin-Platz teilgenommen und war in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, 1970 aber wieder entlassen worden.

Anfang 1971 ließ er ein 200-Seiten-Dossier mit Psychiater-Gutachten über politische Dissidenten und mit Briefen der angeblich Geisteskranken in den Westen schmuggeln. Am Vorabend des 24. Parteitages der KPdSU im März wurde Bukowski erneut interniert.

In einer Einzelzelle der Gefängnis-Irrenanstalt von Insterburg (heute: Tschernjachowsk) lebt Generalmajor Pjotr Grigorenko. Ex-Professor der Moskauer Frunse-Kriegsakademie und Verfasser zahlreicher militärtheoretischer Schriften. Er hatte sich 1968 öffentlich zum Dubcek-Kurs in der CSSR bekannt und 1969 in Taschkent die Rückkehr der von Stalin deportierten Krim-Tataren in ihre Heimat gefordert.

Eine Taschkenter Psychiater-Kommission bescheinigte Grigorenko nach seiner Verhaftung »klares Bewußtsein«. »breites und vielseitiges Wissen«, »Verantwortungsbewußtsein«; er leide nicht an Wahnvorstellungen, und es sei auch kein Bruch in seiner Persönlichkeitsentwicklung festzustellen.

Ein Sonderbeamter der Staatsanwaltschaft von Usbekistan verfügte jedoch Grigorenkos Überstellung an das Serbski-Institut. Dort stellte ein anderes Ärzteteam unter Leitung des Psychiaters Lunz bei Grigorenko eine »pathologische paranoide Persönlichkeitsentwicklung« unter Vorhandensein reformerischer Ideen fest. Chefgutachter Lunz, ein KGB-Oberst, der unter dem weißen Kittel Uniform trägt, befand, der General gehöre in eine Spezialanstalt, weil seine »paranoiden Reformideen beständigen Charakter haben«.

Rußlands Regierende erklären oppositionelle Reformfreude noch immer für verrückt -- wie vor fast 140 Jahren Zar Nikolaus I., der 1836 den politischen Philosophen Tschaadajew für wahnsinnig erklären ließ: Tschaadajew hatte geäußert, Rußland sei »ohne Vergangenheit und Zukunft«.

Im Westen sind die Namen von 59 Sowjetbürgern bekannt, die als Oppositionelle in Heilanstalten sitzen -- »eine teuflische Methode«, so Nobelpreisträ-

* Gebäudeflügel des Irrenreviers.

ger Solschenizyn, »um unerwünschte Leute langsam zu Tode zu foltern«.

Vorletzten Sonntag jedoch dementierte die Moskauer »Iswestija« erstmals die »wildesten Märchen darüber, daß in der Sowjet-Union »völlig gesunde Menschen« in psychiatrischen Kliniken festgehalten werden«, als Erfindungen »westlicher ideologischer Diversanten«.

Denn das Sowjet-Image leidet: »Amnesty International« nimmt sich der Opfer sowjetischer Ärzte in Uniform an, Sowjet-Prominente erheben Anklage:

* Anfang Oktober schrieben 48 Intellektuelle, darunter die Physiker Sacharow und Tschalidse, an den Direktor des Serbski-Instituts und an die Weltgesundheitsorganisation, um die Dauer-Internierung Bukowskis zu verhindern: sie verbürgten sich für dessen geistige Gesundheit.

* Mitte Oktober richtete Sacharows (illegales) »Komitee für Menschenrechte« einen Protest an die World Psychiatrie Association, die ab 28. November in Mexico City tagt und die Praktiken sowjetischer Psychiater auf die Tagesordnung gesetzt hat.

* Anfang Dezember wird in den USA das Tagebuch des sowjetischen Biochemikers Schores Medwedew veröffentlicht; er war 19 Tage lang in einer Heilanstalt festgehalten worden. In seinem Buch warnt Medwedew vor dem Versuch, die Wissenschaft wieder -- wie zur Stalinzeit -- der Ideologie unterzuordnen. Noch nicht vorbei ist die Stalinzeit offenbar im Serbski-Institut -- das, anders als gewöhnliche psychiatrische Institute, nicht der ständigen Überwachung des Gesundheitsministeriums unterliegt und (so die Zeitschrift »Sozialistische Gesetzlichkeit«, Organ der Generalstaatsanwaltschaft und des Obersten Gerichts) »überlastet« ist.

Aufgrund von Gutachten der Lunz-Gruppe im Serbski-Institut befinden sich in psychiatrischen Kliniken

* die Lyrikerin und Übersetzerin Natalja Gorbanewskaja; sie wurde für zurechnungsunfähig erklärt, weil die Ärzte an ihr »Gleichgültigkeit gegenüber ihren Kindern«, »Feindseligkeit gegenüber der Mutter« und »Schlamperei und Vernachlässigung ihres Äußeren« attestierten -- ihr Vergehen: Sie hatte am 25. August 1968 gegen die Besetzung der CSSR demonstriert;

* der Maler Wiktor Kusnezow; er leidet angeblich unter einer »schleichenden Form von Schizophrenie«, weil er »im Laufe einer Reihe von Jahren seine Unzufriedenheit mit dem sowjetischen System zum Ausdruck brachte« und sich mit der »Ausarbeitung eines nichtoffiziellen Verfassungsprojektes beschäftigte«;

* der Kunstwissenschaftler Wiktor Fajnberg; bei ihm beobachtete die Lunz-Gruppe »eine schizophrene Veränderung der Psyche, kompliziert durch eine traumatische Affektion des Haupthirns"' weil er eine Organisation gründen wollte »für den revolutionären Kampf gegen die Regierung mit dem Ziel der Festigung der sozialistischen Demokratie«.

Im Irrenhaus, so schrieb die Untergrundzeitung »Chronik«, seien politische Häftlinge in einer »viel schlimmeren Lage als die Insassen von Gefängnissen und Lagern": Sie »kommen hier mit geistig schwer Geschädigten in gemeinsame Abteilungen. Falls sie sich weigern, ihren Überzeugungen abzuschwören. werden sie zwangsgeheilt -- man unterwirft sie Folterungen und gibt ihnen verschiedene Injektionen, die Schocks und weitgehende physische Zerrüttung hervorrufen«. Wer das Essen verweigert, kommt in die Zwangsjacke und wird mit Hilfe eines Sperrapparats im Mund zwangsernährt.

Sogar aus der »Iswestija« vorn 24. Oktober ließ sich entnehmen, daß manche Internierte erst nach ihrer Verhaftung krank wurden·. »Tatsächlich handelt es sich um solche Personen, die im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit gesellschaftlich gefährliche Handlungen begangen oder während der Voruntersuchung, der Gerichtsverhandlung oder nach der Urteilsverkündung seelisch erkrankten ...«

Für ihr Dementi berief sich die »Iswestija« auf zwei Kronzeugen: den renommierten Psychiater Sneschnewski (den Walerij Tarsis in seinem Erlebnis-Roman »Botschaft aus dem Irrenhaus« unter dem Namen »Neschewski« abmalte), und Frau Nina Nowodworskaja, die Mutter einer Eingeschlossenen.

Frau Ninas Tochter Walerija, 21, wurde durch Gerichtsbeschluß in die Klinik von Kasan eingeliefert -- die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, daß sie Leutnant Iljin kennt, der 1969 im Kreml mit zwei Pistolen auf Parteichef Breschnew schoß.

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