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UNKARIKIERBARER STRAUSS

aus DER SPIEGEL 44/1970

Eine Veranlagung von Franz Josef Strauß ist -- sagt Rechtsanwalt Ossmann -- »gerichtsbekannt": daß er »für noch so gewagte und nicht immer wohlmeinende Karikaturen das allergrößte Verständnis hat«. Er ist nämlich »der Politiker der Bundesrepublik, der am herzlichsten über noch so scharfe und nicht immer wohlgemeinte Übertreibungen lachen kann«.

Überhaupt nicht mehr herzlich lachen mag der bayrische Politiker freilich, wenn er von dem Brüder-Grimm-Preis-Träger Rainer Hachfeld Im »Berliner Extra-Dienst« karikaturistisch gewürdigt wird. Und das kam so: Der Politiker mit dem allergrößten Verständnis hatte im Juli auf einem Parteitag an historischem Ort -- in Nürnberg -- »alle, die heute irregeleitet oder unzufrieden sind«, aufgerufen, dieses Mal mit ihm und seiner Partei eine »Sammlungsbewegung zur Rettung des Vaterlandes« zu bilden.

Dieser Aufruf erweckte im Karikaturisten Hachfeld historische Reminiszenzen. Er zeichnete den Sammlungspolitiker als Figur, deren Gliedmaßen sich in Hakenkreuzform verrenken. Strauß-Anwalt Ossmann sah darin sowohl die »Verbreitung verfassungswidriger und daher verbotener Kennzeichen« als auch insbesondere einen »politischen Rufmord«, der »in seiner Ungeheuerlichkeit seinesgleichen sucht«.

Erfolg: einstweilige Verfügung und gründliche Haussuchung beim »Berliner Extra-Dienst«. Zwar gutachtete darauf Ernst Maria Lang, Zeichner der »Süddeutschen Zeitung« als Sachverständiger: »Die Tendenz des Zeichners Ist so auszulegen, daß F. J. Strauß in einer physischen Situation dargestellt wird, die eine Zwangssituation ist. Seine Aktivität geht in eine dynamische Bewegung, ein Drehmoment über, das ein Hakenkreuz ergibt. Es ist nicht so, daß F. J. Strauß ein Hakenkreuz nachahmt, sondern der Politiker gerät durch seine Aktionen zwangsläufig In die Figur eines Hakenkreuzes. Der Karikaturist will mithin eine Gefahr aufzeigen, in die F. J. Strauß gerät, wenn er als »Retter des Vaterlandes« Emotionen aufrührt, die in vergangenen Zeiten zur Katastrophe führten.«

Doch das Landgericht München I -- von Hachfeld-Anwalt Kückelmann angerufen -- bestätigte die einstweilige Verfügung und beschloß, daß die Karikatur eine weitgehende Identifikation« von Strauß »mit nationalsozialistischen Ideen und Zielen symbolisiert«. Dies ergebe sich daraus, daß Strauß »das Hakenkreuz selbst mit seinen Gliedmaßen darstellt, somit eine besonders intensive Verbindung mit diesem nationalsozialistischen Symbol eingeht«.

Und dies entspricht natürlich nicht der geschichtlichen Wahrheit über den »Führer einer Oppositionspartei« (Strauß-Anwalt Ossmann). Führer Strauß Ist nicht Hitler, den der Anwalt wiederum nur in Anführungszeichen als »Führer« gelten läßt. Tatsächlich unterscheidet sich Strauß insofern vom Nationalsozialismus, als er lediglich solche Personen aus unserem Rechtsverband ausgeschieden wissen will, bei denen es sich nachweislich nicht um Menschen, sondern um Tiere handelt.

Der gerichtlich belehrte Hachfeld zog es also vor, Strauß auf andere Weise zu zeichnen. Doch wieder traf er nicht die historische Wahrheit über den Führer der neuen Sammlungsbewegung zur Rettung unseres Vaterlandes. Franz Josef Strauß erwirkte beim Landgericht München eine zweite einstweilige Verfügung, durch die dem Berliner Künstler unter Androhung einer »Geldstrafe in unbeschränkter Höhe oder Haftstrafe bis zu 6 Monaten« verboten wird, »eine Karikatur des Antragstellers im Berliner Extra-Dienst oder in sonstiger Weise zu publizieren, wie in Nr. 65/66 vom 22. 8. 1970 und in der vom 29. 8. 1970 auf den Selten 8, rechte Spalte, und 9 des Berliner Extra-Dienstes dargestellt«.

Gut denn, Strauß darf auch nicht als ein Hakenkreuz dargestellt werden, das von der Ratte »Extradienst« ins Bein gebissen wird. Und Strauß darf nicht als achtgliedrige Tarantel dargestellt werden. Denn Strauß ist sowenig eine Wolfsspinne wie ein Hakenkreuz.

Aber Strauß darf ebenfalls nicht ganz anders gezeichnet werden. Denn einstweilig verboten ist auch die Karikatur, mit der Hachfeld Strauß durch eine entsprechende Handbewegung andeuten lassen wollte, wie viele einstweilige Verfügungen er schon beantragt hat. Dabei kamen Hachfeld die Bedenken der Münchner Richter in den Sinn; er zerstörte die Karikatur mit einem dicken Strich, und der »Berliner Extra-Dienst« veröffentlichte diesen Versuch genauso, wie er vom Künstler verworfen wurde, mit der Unterschrift: »So wollte Hachfeld Strauß eigentlich zeichnen, ließ es dann aber, denn Strauß hätte die gebreitete Hand ja als Deutschen Gruß deuten können. Strich darüber.«

Schwere Zeiten für deutsche Karikaturisten: Es ist verboten, Strauß wie einen Nazi darzustellen. Und es ist auch verboten, Strauß nicht wie einen Nazi darzustellen. Durch gerichtliche Verfügung Ist der Führer der Sammlungsbewegung zur Rettung Deutschlands einstweilen unkarikierbar geworden.

Otto Köhler
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