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AGENTEN Unkraut wie Hederich

aus DER SPIEGEL 14/1950

Etwas verschwieg Franz Neumann, Westberlins wiedergewählter SPD-Vorsitzender, als er auf dem Landesparteitag vor 300 Delegierten rechenschaftsberichtete: die peinlichen Enthüllungen über die Einbrüche der radikalen Linken aus dem Ostsektor in die sozialdemokratischen Reihen.

Seit eineinhalb Jahren unterhält die SED im Haus der Berliner Parteiorganisation in der Behrenstraße ein besonderes Referat, das sich ausschließlich mit planmäßiger Zersetzung von arbeitslosen SPD-Mitgliedern und der Gewinnung unzufriedener Sozialdemokraten als V-Männer für die SED befaßt. Ueber einhundert Namen stehen in den Listen, die Genosse Robert Bauer, Koordinator der Berliner SED-Spionage, in der Behrenstraße führt.

Oberspitzel Johannes Hederich rief Bauers Büro fast täglich an. Unter dem Decknamen Weißensee. So oft erfuhr er durch Indiskretionen sozialdemokratischer Verwaltungs- und Parteifunktionäre Neuigkeiten über Oberbürgermeister Ernst Reuters Schuldenwirtschaft.

Franz Neumann weiß trotz jüngster Ermittlungen der Westberliner Kriminalpolizei vermutlich heute noch nicht, wie oft der abgebrühte Johannes Hederich in seiner Parteizentrale ein- und ausgegangen ist, wie oft der hagere, 1,80 m große Philister geschwätzigen Parteibürokraten in Kudamm-Kneipen den neuesten SPD-Parteitratsch aus der begossenen Nase zog.

Hederich hatte längere Zeit in der Zietenstraße nahe dem SPD-Parteihaus gewohnt und dort erste Informationsfäden geknüpft. Ihm, der ein Freund leichter Mädchen und den Genüssen des Kudamms hingegeben war, reichte der magere Gewinn nicht, den er in den ersten Nachkriegsjahren aus journalistischer Liliputaner-Arbeit zog. Selbst die ostsektorale »Berliner Zeitung« wollte seine mit »Veritas« gezeichneten Reportagen nicht mehr drucken. In dieser Misere kokettierte Hederich zum erstenmal mit Eugenia Nobel, der graumelierten resoluten Pressedame des ostsektoralen Oberbürgermeisters Friedrich Ebert.

Die gewiegte Altkommunistin ließ kein Mittel aus, um Hederichs gute Beziehungen zu den Parteibüros der SPD für ihre sowjetischen Freunde auszunutzen. Umgang mit Agenten hat die blasse Jüdin während ihres mehrjährigen Aufenthaltes in Schanghai gründlich gelernt. Der Verkauf von Eiern an Rikscha-Kulis und Fremde in schmutzigen Straßen war ihr bald leid geworden. Da knüpfte sie bessere Geschäftsbeziehungen à la Hederich.

Als Protektorin Eugenia im vergangenen Sommer wegen konstanter Zanksucht von der östlichen Magistratspressestelle zum SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« wegempfohlen wurde, kam Hederich auch mit der Informationsabteilung des Zentralsekretariats der SED und der NKWD-Zentrale Friedrichshagen groß ins Geschäft. Binnen acht Wochen hatte er soviel Informationen geliefert, daß er sich mit 2000 Westmark Honorar motorsieren konnte. Von da an jagte er im Wagen von einer Westberliner Informationsquelle zur anderen. Von seinen Freunden bekam er laufend Interna aus Oberbürgermeister Reuters Umgebung und konnte seine Auftraggeber selbst über geheime Fraktionssitzungen informieren, in die nicht einmal Westberliner Journalisten gelangten.

Im 49er Herbst zog Hederich seinen Apparat ganz groß auf. Ein paar schlecht bezahlte Westberliner Reporter und Rechercheure des ostsektoralen »Berliner Pressedienstes« wurden seine Unteragenten. Hederich, lange genug armer Teufel gewesen, knauserte nicht und ließ auch den guten Gewährsleuten in Westberlin dann und wann eine Prämie zukommen. Das ging ein ganzes Jahr lang gut, ohne daß Franz Neumann oder Reuter Unrat witterten.

Aber bald genügte der NKWD der reine Informationsdienst nicht mehr. Sie verlangte auch Anbahnung und Menschenraub. Mehrmals versuchte Hederich Westberliner Parteifunktionäre in die als Menschenfalle berüchtigte U-Bahn-Kaffeestube Potsdamer Platz zu locken.

»Mit Menschenraub wollten wir aber unser Gewissen doch nicht belasten«, sagten zwei der Hederich-Agenten bei der Westberliner Kripo in der Schloßstraße, Berlin-Steglitz, aus. Sie lüfteten als reuige Sünder das Geheimnis der zwanzigköpfigen »Gruppe Weißensee«, um sich in Westberlin Asylrecht zu verschaffen.

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