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SCHULEN Unmenge von Mengen

Die umstrittene Mengenlehre verliert ihren Schrecken: Auch Nordrhein-Westfalen ändert den Mathematikunterricht für Grundschüler. *
aus DER SPIEGEL 48/1984

Als der nordrhein-westfälische Kultusminister Hans Schwier (SPD) Mitte des Monats »der sogenannten Mengenlehre« eine Absage erteilte, fand er sowohl bei Genossen als auch bei Konservativen Zustimmung. Sogar Schwiers CDU-Kollege Gerhard Mayer-Vorfelder

in Baden-Württemberg freute sich »von Herzen« über »das Aus für den pseudowissenschaftlichen Klimbim«.

Schwier kündigte neue Richtlinien für die Grundschulklassen an: »Auf Mengensprache und Mengensymbolik wird in Zukunft ganz verzichtet.« Dem Minister lag offenkundig daran, das Reizwort »Mengenlehre« rechtzeitig zu neutralisieren - in fünf Monaten sind NRW-Landtagswahlen.

Nordrhein-Westfalen vollzieht nunmehr administrativ nach, was in vielen Schulen des Landes wie in anderen Bundesländern bereits Praxis ist: der einfühlsame Umgang mit der »neuen Mathematik«, die seit Anfang der siebziger Jahre das herkömmliche Rechnen, vom Addieren bis zum Dividieren, in den ersten vier Schulklassen ergänzt.

»Die Sache«, sagt Schwier, »bleibt natürlich.« Eine »Rückkehr zum bürgerlichen Rechnen findet nicht statt«, bekräftigt Grundschulreferent Reinhold Christiani. Vermittelt werden soll, das ist damit gemeint, weiterhin »begriffliches Denken und das Erfassen von mathematischen Zusammenhängen« - nur nicht mehr auf so abschreckende Art, daß die Eltern blankes Entsetzen packt.

Von Amts wegen soll nun im Unterricht auf die Mengensymbolik (Kreise, Dreiecke, Ellipsen, geschweifte Klammern) ebenso verzichtet werden wie auf den spezifischen Jargon (mit Grund-, Teil-, Vereinigungs-, Ergänzungs-, Schnitt-, Null-, Restmenge).

»Suche aus der Menge der Plättchen die Menge der Plättchen heraus, die rot, dünn, aber nicht dreieckig ist« - solches Kauderwelsch ist nicht mehr gefragt. Nun heißt es: »Suche die Tiere heraus, die vier Beine haben und schwimmen können.«

Der Grundschullehrer Baldur Bertling, Landesvorsitzender der Fachgruppe Grundschule im nordrhein-westfälischen Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, räumt ein, daß die Pädagogen mit dem verqueren Mengen-Deutsch »didaktisch auf die Schnauze gefallen sind« - die Sprache der mathematischen Methode war zum Selbstzweck verkommen. Beispiel: »Die Schnittmenge der Menge der Kinder, die Fußball spielen können, und der Menge der Kinder, die Handball spielen können, ist 1.«

Die Unmengen von Mengen vernebeln in diesem Fall, worauf es ankommt: daß beispielsweise von fünf anwesenden Schulkindern drei Fußball und drei Handball spielen können. Jetzt darf ein kluger Grundschüler sich so äußern, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Vielleicht so: »Eins von den fünf Kindern, der Sebastian, kann nicht nur Fußball, sondern auch Handball spielen.«

Schwiers neue Richtlinien besiegeln mithin die Abkehr vom didaktisch falschen Mengenlehre-Unterricht, der Kindern zuviel abstraktes Denken abverlangte und manche Eltern bei der Einführung derart schockte, daß sie verfassungsgerichtlich klären lassen wollten, ob derartiger Unterricht nicht Elternrecht und Menschenwürde verletzte.

Auf eine solche Überprüfung ließen sich die Richter gar nicht erst ein, aber der vielfach artikulierte Unwille stutzte die überzogene Mengenlehre auch so zurecht.

In bayrischen Grundschulen verzichteten die Lehrer, wie jetzt in Nordrhein-Westfalen, auf schwer verständliche Ausdrucksweise. Auch Berlin modifizierte den Unterricht, und in Niedersachsen blieb von der Mengenlehre wenig mehr als eine »Zubringerfunktion« (so Kultusminister Georg-Bernd Oschatz). In Hamburg blieb es Lehrern und Eltern überlassen, wieviel und was an Mengensymbolik im Unterricht verwendet wurde.

Besonders drastisch wandte sich Baden-Württembergs Kultusminister Mayer-Vorfelder von der Mengenlehre ab. Die Kinder würden durch »Verkopfung und scheinwissenschaftliche Unterrichtsmethoden« überfordert, formulierte er populär, das wieder führe zu »Leistungsängsten, Lustlosigkeit und mangelnder Konzentration« - nur verständlich, daß er die in Nordrhein-Westfalen verkündete Korrektur guthieß.

Die in allen Bundesländern erkennbare Rückbesinnung auf das pädagogisch Vernünftige könnte die Vorzüge der Mengenlehre, die nun in Lehrplänen als »Strukturorientierung« umschrieben wird, erst richtig zur Geltung bringen.

Was die Kultusminister und Reformpädagogen einst zur Einführung der Mengenlehre in den Grundschulen bewog, stimmt auch heute noch: Herkömmlicher Rechenunterricht verlangt vom Schüler, vieles zu lernen, was er noch nicht begreift - etwa die Tatsache, daß 100 weniger als 1000, ein Hundertstel aber mehr als ein Tausendstel ist. Neue Mathematik aber, anschaulich dargestellt, läßt ihn selber Erkenntnisse gewinnen. Wenn er Mengen bildet und vergleicht, lernt er Unterschiede zu beachten und eigene Irrtümer zu korrigieren. Mengenlehre fördert das logische Denken: unterscheiden und richtig zuordnen.

Für die Kinder in den Grundschulklassen, heißt es im Entwurf für die neuen Schulrichtlinien, wäre es aber »verfrüht, die Strukturen auch in der Fremdsprache mit den entsprechenden Fachtermini zu beschreiben«. Das fachwissenschaftliche Pädagogendeutsch bleibt jetzt den Unterrichtsmaterialien für die Lehrer vorbehalten: »Punktmuster repräsentieren multiplikative Zusammenhänge zwischen Zahlen, Teilerbilder zeigen die Ordnung in der Menge der Teiler einer Zahl.«

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