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PRESSE Unnachgiebige Energie

Diese Woche soll der Konservative Scholl-Latour die Redaktionsleitung beim liberalen »Stern« antreten - Signal zur Wende? *
aus DER SPIEGEL 24/1983

Im Bonner Hotel Steigenberger fand Peter Scholl-Latour, künftiger Chefredakteur des »Stern«, während seiner Arbeiten an einem Libanon-Bericht im Bonner ZDF-Studio einen Brief seiner Illustrierten-Redakteure vor. Er möge doch, hieß es darin, der zusätzlichen Berufung in den Verlagsvorstand entsagen, um sich bei künftigen redaktionellen Entscheidungen nicht durch eine »Verquickung journalistischer und verlegerischer Aufgaben« beeinflussen zu lassen.

Postwendend lehnte der »Stern«-Chef ab. Statt dessen tippte er im Hotelzimmer einen Schwur in seinen Antwortbrief: »Ich versichere Ihnen feierlich und auf meine Ehre, daß ich meine Tätigkeit als Vorstandsmitglied bei Gruner + Jahr prioritär und mit unnachgiebiger Energie in den Dienst der ''Stern''-Redaktion und der übergeordneten Imperative des Journalismus stellen werde.«

Verblüffung und guter Glaube hielten sich bei den »Stern«-Leuten in Grenzen. Sie sehen dem - für Mittwoch dieser Woche vorgesehenen - Amtsantritt des Chefredakteurs, Herausgebers und Vorstandsmitglieds, des »Triumvirats in einer Person«, wie in der Redaktion gespottet wird, mit Skepsis entgegen.

Denn über soviel Funktionsherrschaft wie Scholl-Latour verfügte beim »Stern« noch keiner. Vorgänger Henri Nannen, von dem sie ähnliche Treueschwüre, wenn auch in weniger gewählten Worten, kannten, war schon mit dem Doppelposten als Vorstandsmitglied und Chefredakteur, später Herausgeber, nicht fertig geworden. Von ihm fühlten sich die Redakteure bei der autoritär verfügten Einsetzung Scholl-Latours und des - von einem Aufstand der Redaktion verhinderten - Johannes Gross, wie sie immer wieder vortrugen, »verraten«.

Zur Ironie dieser Berufung gehörte es, daß »Stern«-Hauptaktionär Reinhard Mohn, Inhaber des Medienkonzerns Bertelsmann, mit dem neuen Duo endlich ein Jahrzehnt »chaotischer Personalentscheidungen« Nannens hatte beenden wollen, zu denen er - wie er »Stern«-Redakteuren anvertraute - vor allem die Besetzung der Chefredaktion mit Peter Koch und Felix Schmidt zählte. Als die beiden über die Veröffentlichung falscher Hitler-Tagebücher stürzten, machten die Proteste gegen die beiden Nachfolger, Redaktionsbesetzung und Produktionsstopp beim »Stern«, das Chaos erst komplett.

Empört waren die Redakteure über das »Signal zur Wende«, das sie in der konservativen Neubesetzung verkörpert sahen. Als sie dann wenigstens »Capital«-Mann Gross abgeblockt hatten, rechnete plötzlich auch Nannen, eben noch dessen Fürsprecher, Gross »eher dem rechten Flügel« zu und versicherte, »daß er zum ''Stern'' weiß Gott nicht unbedingt paßt«.

Gefragt, warum er denn den ungeeigneten Kandidaten überhaupt erst präsentiert habe, beklagte der Herausgeber die Beschlußlage im Vorstand.

Nannen: »Was hätte ich denn da tun sollen?« Ohne sein Einlenken wäre er von den Eigentümern »abberufen« und der »Stern« von einer konservativen »Keulenriege oder sonstwas« verändert worden; »das wäre nicht mein ''Stern'' gewesen, das wäre nicht Ihr ''Stern'' gewesen« (Nannen).

Für die Redaktion war das alles nur eine Bestätigung ihres Argwohns gegen Scholl-Latours Ämterhäufung - auch wenn der Neue, bislang Frankreich- und Reisekorrespondent des ZDF in Paris, in einem Rundfunkinterview beteuerte, er sehe sich »absolut nicht als Kapitalistenknecht«.

Nicht zu hören war im Radio, daß Scholl-Latour nach insistierenden Hinweisen von NDR-Reporter Bernd Schröder auf Mohn-Äußerungen in einem SPIEGEL-Gespräch, nach denen inhaltliche Änderungen der Blattlinie »in der Zukunft mehr und mehr aus der unternehmerischen Ebene kommen« sollen, grußlos den Hörer aufwarf. Kommentar der Tontechnikerin im Studio: »Der war aber sauer.«

Eleganter, wie es seine TV-routinierte Art ist, hatte Scholl-Latour dagegen seine erste Redaktionskonferenz absolviert: Er wolle, versprach er dem Kollegium, an der liberalen »Stern«-Linie nichts ändern.

Da solche Begriffe, wie Nannen in einer Rundfunkdiskussion bei Radio Bremen anmerkte, »nicht justitiabel« sind, bleibt das Versprechen vorerst ebenso unverbindlich wie Nannens Referenz: »Scholl-Latour ist ein liberaler Mann.«

»Sein Standpunkt ist sehr überhöht«, beobachteten »Stern«-Redakteure bei der ersten Chefvisite. Die Redaktion vermied es, Scholl-Latour gleich mit Konkretem zu kommen - etwa der Frage nach der Verbindlichkeit seiner nationalistisch angehauchten französischen Optik.

Der aus Bochum gebürtige Arztsohn Peter Scholl, der nach »strenger Ausbildung in einem katholischen Jesuiten-Internat« der Schweiz, wie er selbst sich erinnert, sein Abitur an der Kasseler Wilhelmschule machte und später im Saarland tätig wurde, nahm dann, aufgrund des Saarabkommens, neben der deutschen auch die französische Staatsbürgerschaft an.

Den Zusatznamen Latour hatte schon sein Vater nach dem Krieg von einer französischen Vorfahrin übernommen und legalisieren lassen. »So europäisch denkt nun jeder«, frotzelte der Branchendienst »Kress Report« über den _(1981 in einem ZDF-Bericht, mit ) _(Partisanen in Afghanistan. )

Chef der größten deutschen Illustrierten, »daß man ihm nicht seine französische Staatsbürgerschaft vorwirft.«

Etwas anderes ist es schon mit Scholl-Latours früherer Tätigkeit für den separatistischen Saar-Premier Johannes Hoffmann, der in den fünfziger Jahren die Eingliederung des französisch beherrschten Saarlands in die Bundesrepublik verhindern wollte.

»Trauen Sie sich vorzustellen«, so Kress, »was in der französischen Öffentlichkeit los wäre«, wenn der neue Chefredakteur von »Paris Match« einer ist, der einst »das Elsaß wieder den Preußen zuschanzen wollte«. Vor allem aber, meint Scholl-Latour noch heute, habe der Adenauer-Bewunderer Hoffmann das Saarland europäisieren wollen.

Nur in einem Punkt wurde der neue »Stern«-Chef bislang konkret, und da setzte er sich gleich in Widerspruch zu allen im Haus - zur Redaktion, zu Mitherausgeber Nannen, zum Vorstand. Unter seiner Verantwortung für den »Stern«, erklärte er nämlich, wären die »Hitler-Tagebücher nicht veröffentlicht worden, und selbst, wenn sie echt gewesen wären«. Darüber aber hatte es volles Einvernehmen gegeben: Solange die Tagebücher als echt galten, entbot die Redaktion ihren Oberen Applaus, Sekt und Glückwunschkarten.

Wie Scholl-Latour, 59, mit einer Vielfronten-Position in einem großen publizistischen Apparat fertig wird, dafür kann seine Tätigkeit als TV-Programmdirektor beim Westdeutschen Rundfunk einen Anhaltspunkt liefern. Als er mit allerlei Reformideen bei der ARD keinen Anklang fand, »verlor er schnell die Lust«, so die Frankfurter »Abendpost«, warf den Job hin und verdingte sich beim ZDF.

Doch auch dort wurde er, trotz großer Reise- und Themenfreiheit, wegen der von ihm beklagten »zunehmenden Bürokratisierung« zeitweise wieder schwankend: »Wahrscheinlich«, sagte er noch Jahre danach, »hätte ich beim WDR heute die besseren Möglichkeiten.« Inzwischen hält er sich zugute, in Köln ein »überaus liberaler Fernsehdirektor« gewesen zu sein und seine Beziehungen zum ZDF »nach großen Krächen und schwierigen Zeiten geglättet« zu haben.

Nach seiner bisherigen Karriere ist der Frankodeutsche ein wenig angepaßter - und nach seiner Selbsteinschätzung »kontaktarmer« - Einzelgänger, der an Direktorenjobs die Gefahr haßt, »sich zu sehr in Kleinigkeiten zu verstricken«.

»An vielen Sitzungen teilnehmen zu müssen«, verträgt er schon wegen seiner »empfindlichen Augen« nicht gut - »da wird dann immens viel geraucht«. Er habe sogar, gestand er dem »Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel«, »Angst zu telephonieren": »Das kostet mich jedesmal eine furchtbare Überwindung.«

Renommee gewann Scholl-Latour, studierter Orientalist und freiwilliger

Fallschirmjäger in Frankreichs Indochinakrieg, mit brillanten TV-Reportagen, in denen er, immer frei sprechend, Informationen über internationale Krisenherde und deren historische, geistige, religiöse Hintergründe erzählerisch miteinander verband. Zwei Bücher über die Schauplätze seines Reporterlebens - »Der Tod im Reisfeld« und »Allah ist mit den Standhaften« - wurden Bestseller.

Seine gebildete, einfühlsame Neugier für fremde Kulturen und seine gelassene Weltsicht aus Pariser Perspektive überdecken eine zutiefst konservative Grundhaltung, verbergen sie aber nicht. Aus den »leidenschaftlichen Diskussionen«, der »Meinungsbekundung« zu innenpolitischen Themen hielt er sich stets heraus, geriet aber mit seiner »kontrapunktischen Haltung« und »progaullistischen Berichterstattung«, wie er selbst einräumte, bisweilen in Gegensatz zum deutschen Meinungsklima.

Daß er »de Gaulle nun mal gemocht« habe, daraus macht er sowenig ein Hehl wie aus seiner Ansicht, daß »starke Persönlichkeiten ein bewegendes Element der Weltgeschichte« seien. Nicht minder aber betrachte er sich als »Sohn der französischen Revolution«.

Dabei ergaben sich allerdings originelle Verschränkungen - wenn Scholl-Latour beispielsweise, orientiert an de Gaulles »Politik der europäischen Verselbständigung«, Willy Brandt, Egon Bahr und die Ostpolitik der SPD in der »Nachfolge des Generals« sah und auf lange Sicht sogar einer europäischen Neutralität, als Voraussetzung für die deutsche Wiedervereinigung, das Wort redete.

Von Willy Brandt erhielt er denn auch ein Glückwunschschreiben zu seiner »Stern«-Berufung. Und bei Hans-Jochen Vogel, den er nach dessen Protest gegen die Einsetzung von Gross und ihm alsbald besuchte, sei sein »Stern«-Engagement nun »auch kein Problem mehr«, so Scholl-Latour.

In Gegensatz zum Meinungsklima beim »Stern« kann der Chefredakteur jedoch schnell gelangen, wenn er an seiner Meinung zur Atomrüstung festhält. Westeuropas »eigene Verteidigungsautonomie«, verkündete er nämlich immer wieder, setze »natürlich eine europäische Nuklearverteidigung voraus«. Die Franzosen benötigten ihre »nationale Atomwaffe« ohnehin, um sie bei einem Sowjetangriff »auf eigene Faust einsetzen« zu können, wenn die Amerikaner vor der »nuklearen Option dann noch zurückschrecken sollten«.

Doch auch hierzulande müsse atomar nachgerüstet werden. Schließlich sei, so Scholl-Latour schon vor zwei Jahren im ZDF, »die Präsenz der Pershing-2-Raketen in der Bundesrepublik eine Garantie für Frankreich, daß der Neutralismus sich in der Bundesrepublik nicht breitmacht«.

1981 in einem ZDF-Bericht, mit Partisanen in Afghanistan.

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