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»Unregelmäßigkeite si passiert«

Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 48/1971

Der Gross, so meint der kleine Mann, der den Blick auf die Platte des Tisches gesenkt hat, an dem er neben dem Staatsanwalt sitzt, der Gross, so spricht er grauen Gesichts zur Tischplatte hinunter -- der sei nun einmal als Täter nicht auszuschließen gewesen. Und so habe man eben, fährt er nach einem Zögern fort, einen »Retourschluß« des Sinnes getan: Da man den Gross nicht ausschließen könne ...

Und da wird es nun doch noch laut im Rathaussaal zu Wettingen vor dem Geschworenengericht des Kantons Aargau, zum erstenmal, in den letzten Minuten der Beweisaufnahme. schlagen Ärger, Hohn und Zorn über der Sitzung zusammen.

Es geht in der Sitzung darum, ob dem heute 48 Jahre alten Walter Gross ein Unrecht zugefügt wurde, als man ihn am 21. September 1959 wegen eines Raubmordes. dessen er überführt schien, zu lebenslangem Zuchthaus verurteilte. Und schon in diesem Augenblick, vor den Anträgen der Parteien und dem Spruch des Gerichts, kann nicht mehr daran gezweifelt werden. daß Walter Gross des Raubmordes niemals überführt worden ist.

Das ist ein Schock, auch wenn man das hat fürchten müssen, seit der Antrag auf eine neue Verhandlung des Falles »Gross im Juli dieses Jahres vom Aargauischen Obergericht einstimmig gutgeheißen wurde. Das ist ein Schock, obwohl sich die Kritik von Juli bis heute bereits heftig geregt und darauf vorbereitet hat, daß mit der Bloßstellung eines Fehlurteils tatsächlich gerechnet werden muß.

Ärger. Hohn und Zorn schlagen für einen Augenblick über der Sitzung zusammen. denn die Beweisaufnahme endet damit, daß Dr. Max Frei-Sulzer. der Leiter des Wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich. zu Wort kommt. Der kleine Mann. der die Augen nur schwer von der Platte des Tisches hochbekommt, an dem er neben dem Staatsanwalt sitzt, ist in der Tat ein großer Mann gewesen, als 1959 Walter Gross verurteilt wurde. Und nun hat es sogar den Anschein, Frei-Sulzer sei damals der große Mann gewesen. Die Kritik hat von Juli bis heute Institutionen und einem Neben- und Durcheinander von Personen gegolten. Doch jetzt, am Ende der Beweisaufnahme, die klägliche Ruine der 59er Überführung des Walter Gross vor Augen, scheint das nicht mehr auszureichen.

Wäre Frei-Sulzer nicht das Wort vom »Retourschluß« unterlaufen, es hätte es auch ein anderes Wort getan. So oder so wäre ihm noch ein Aufwallen des Publikums widerfahren: eines Publikums, das in der Beweisaufnahme zuviel über sich selbst erfahren hatte; das also eines Sündenbockes zu seiner Reinigung bedurfte.

Droben über Baden, im Gemäuer der Ruine von Schloß Stein, fanden am Morgen des 24. Mai 1958, den Samstag vor Pfingsten. Schüler einen schwerverletzten Mann neben einer Bank vor der St.-Niklaus-Kapelle. Es handelte sich um den 58jährigen Christian Bätscher, den man »Chrigel« nannte, ein liebenswürdiges Original, das sich vagabundierend mit Altwaren befaßte.

Bätscher starb mittags »unter dem Messer«. ohne noch einmal das Bewußtsein erlangt zu haben. Die Fahndung zielte auf einen Mann in rötlicher Jacke, der zuletzt mit Bätscher zusammen gesehen worden war. Als dieser Mann wurde am Pfingstmontag Walter Gross verhaftet. Er bestritt nicht, in der Nacht zum Pfingstsamstag mit Bätscher unterwegs gewesen zu sein. Bätscher sei schwer betrunken gewesen, habe nicht mehr radfahren können, und so habe er ihn zum Schloß Stein hinaufgebracht, wo Bätscher gelegentlich auf den Zinnen unter einem Torbogen zu nächtigen pflegte.

Gross erklärte, er habe nichts Besseres zu tun und auch keine Bleibe gehabt, da ihn die Wirtin, ärgerlich über seine verspätete Heimkehr, nicht ins Haus gelassen hätte. Gross räumte sogar ein, er habe Bätscher, der unterwegs mehrfach gestürzt sei und daher blutete. zuletzt auf eben der Bank zur Ruhe gebettet, neben der er am nächsten Morgen gefunden wurde. Danach sei er noch eine Weile bei Bätscher geblieben, endlich jedoch gegangen, weil ihm zu kalt wurde.

Ermittlung, Untersuchung und Strafverfolgung waren 1958 im Aargau, das ist in der vergangenen Woche überdeutlich geworden, personell unterbesetzt und außerdem untereinander in verworrene Kompetenzverhältnisse verstrickt. Der Ausbildungsstand einiger Personen, die damals für den Fall Gross bedeutsam waren, läßt sich rückblickend erkennen. Ein Amtmann, damals und heute noch tätig, sagte in Wettingen aus: Erste Aufgabe sei es, den Täter zu finden. Und wenn man ihn dann habe, gelte es die Beweise zu sichern. »Der Gross hat natürlich sehr im Vordergrund gestanden«, erinnerte sich der Zeuge, doch daß man sich zu früh auf den Gross konzentriert habe, diesen Vorwurf empfand er als unberechtigt.

Unqualifizierte Zustände, wie sie 1958 herrschten, sind nicht denen in erster Linie anzulasten, in deren Amtsperson und Amtsausübung sich derartige Zustände darstellen. Derartige Zustände betreffen vielmehr die Bevölkerung, die solche Zustände duldet.

Walter Gross präsentierte sich 1958 der Schnelljagd als ideales Opfer. »Unregelmäßigkeite si passiert«, hieß es vergangene Woche in wohlwollender Umschreibung hinsichtlich der Biographie von Walter Gross bis zu seiner Verhaftung 1958. Doch diese Unregelmäßigkeiten werden erst jetzt gelinde betrachtet. 1958 waren sie Anlaß dazu, mit Walter Gross auf das unregelmäßigste umzugehen.

Mit zwölf Jahren kam er in die Fürsorgeerziehung, wurde aus einer Malerlehre nichts, passierte ein Diebstahl: Mit 16 Erziehungsheim, wo er Schuhmacher lernt, doch diesen Beruf übt er nach seiner Entlassung gerade anderthalb Tage aus. »Magenbeschwerden« hindern ihn daran, beim Leisten zu bleiben. Militärzeit. Heirat mit 22, die »Gattenwahl alles andere als vernünftig«, zwei Kinder, Asyl im Armenhaus der Gemeinde, in der die Eltern leben, 1953 Trennung von der Ehefrau. 1956 Scheidung. Unterhalt wird »meistens nicht« gezahlt. Nur von 1946 bis 1950 hält es Walter Gross an einem Arbeitsplatz aus: danach steter Wechsel, immer so gerade hin am Rand des Nichtstuns.

Er hat »net viel gschaffe«, wahrhaftig nicht, doch schon das nennt man damals »einen schlechten Lebenswandel«, und der Leumund, der zu seinem Prozeß 1959 eingesammelt wird, ist ein jeder für sich ein Urteil nicht über einen Außenseiter. sondern über einen Burschen, dem ein Mord zu Gesicht steht. Der Gipfel ist die Beurteilung der Polizeistation Baden: » ... liederliche, arbeitsscheue Person ... darf getrost als Lump bezeichnet werden ... hartnäckiges Leugnen ... liederliche Frauenzimmer... Verbrecher ... versteht es, den Redlichen zu spielen ...«

Die Kleidung des toten Bätscher. die des verdächtigten Gross, das mutmaßliche Tatwerkzeug (als »Mordwaffe« deklariert) sind 1958 kaum zur Untersuchung (ungesichert) abgegangen, da wird Walter Gross bereits vorgehalten. es lägen unumstößliche Beweise vor. es könne kein Zweifel mehr sein an seiner Täterschaft, da sei dies, dort jenes wissenschaftlich ermittelt, er sei überführt. Und so kann man denn auch notieren. daß Gross immerzu mit neuen Versionen kommt, die sich rasch widerlegen lassen, obwohl sich Gross derart nur eines sinnlosen Ansturms sinnlos zu er-ehren trachtet.

Die von der Bevölkerung nicht nur geduldete, sondern regelrecht installierte Unqualifiziertheit, der grobe, unbarmherzige und hurtige Wille zum Stabbrechen, der sich in ihr ausdrückt, schlägt 1958/59 bis zu den Gutachtern durch, bis zum Herrn Frei-Sulzer, bis zum Gerichtsmediziner Dr. Ernst Hardmeier hin. Die Herren sind allzu vertraut und erbötig geworden mit der Unqualifiziertheit. Es stört sie nicht, daß Material an den Gerichtsmediziner geht. das zuerst zum Kriminalwissenschaftler gehören würde. Unordentliche Protokolle bringen die Herren nicht in Zorn. sie wissen doch, wie unterbesetzt die Stationen und Ämter draußen sind. Die Herren stopfen und kaschieren die Löcher und Gebresten wie alle anderen, statt klipp und klar zu sagen, daß sie über bestimmte Mängel hinweg einfach zu keinem verantwortbaren Ergebnis kommen können. In der Verhandlung 1959 erhält das Geschworenengericht. was es erwartet. Frei-Sulzer hat eine Konstruktion erstellt aus Blutspuren und Fasern von der Kleidung von Walter Gross, die sich am Tatwerkzeug befinden sollen: »Gestützt auf dieses Gesamtspurenbild kommen wir zum Schluß, daß Walter Gross den Mord an Bätscher begangen hat.«

Ein Privatgutachten der Verteidigung führte Anfang dieses Jahres dazu, daß die Strafabteilung des Aargauer Obergerichts den Dr. Hilmar Driesen, wissenschaftlicher Direktor im Bundeskriminalamt in Wiesbaden. mit einem Gutachten betraute. Der beantwortet von der Verteidigung und dem Gericht aufgegebene Fragen schriftlich leidenschaftslos und darum um so niederschmetternder. Über die Fasern heißt es, »daß niemals eine individuelle Zuordnung von Fasern zu einem bestimmten Kleidungsstück möglich ist«. Zu den »mercerisierten Kunstfasern«, die Frei-Sulzer 1959 als Beleg beigebracht hat: »Mercerisierte Kunstfasern«, wie von Dr. Frei-Sutzer geschildert, sind in der Hose überhaupt nicht enthalten, abgesehen davon, daß es 'mercerisierte Kunstfasern' als solche gar nicht gibt ...«

Im Juli dieses Jahres wurde, wie gesagt, eine neue Verhandlung beschlossen. Professor Dr. Max Lüdin vor allem, der Gerichtsmediziner der Universität Basel, analysiert in dieser Verhandlung die Fehler von 1958 und 1959 schonungslos, ohne Rücksicht sogar auf seinen ehemaligen Lehrer Hardmeier. Der Gutachter Driesen hält sich zurück. tritt nicht als der Weise aus der Bundesrepublik auf. Man hat das zu respektieren und darüber zu schweigen, was Herr Driesen für den Fall Gross bedeutet hat.

Was der Anklage bleibt, die in die zweite Verhandlung mit der Anklage von 1959 ohne jede Änderung gegangen ist und die auch diesmal lebenslanges Zuchthaus beantragt, steht der Anklage schlecht zu Gesicht. Walter Gross soll 1962 die Tat gestanden haben mit der Variante, Bätscher habe ihn homosexuell attackiert. Walter Gross gibt das als Verzweiflungsaktion zu. Doch dazu will er von einem Mithäftling überredet worden sein: in einem Mordfall war damals dem Täter Milderung zuteil geworden, weil eine homosexuelle Attacke des Opfers vorangegangen war.

Es wird ignoriert, daß Walter Gross keinen Mord begehen mußte, um an das Geld in der Brieftasche des schwer betrunkenen Bätscher zu kommen. Ignoriert wird auch, daß am 5. Oktober 1958 an einer gut sichtbaren Stelle auf der St.-Niklaus-Treppe Bätschers Brieftasche regelrecht ausgelegt worden ist, um gefunden zu werden: Walter Gross war seit dem 26. Mai 1958 in Haft! Walter Gross hat in der unseligen Nacht auf der nächsten Bank zwei Italiener beobachtet, die heftig stritten. Man hat nach ihnen erfolglos gefahndet, doch es gab 1959 auch eine Zeugin, die gleichfalls diese Italiener gesehen hatte. Und es hat auch andere Verdächtige. sehr wohl greifbare Personen gegeben. Nur hat man deren Kleidung nicht nach Spuren untersucht. Man hatte ja schon den Walter Gross.

Der Herr Frei-Sulzer gutachtet gelegentlich in der Bundesrepublik. Er hat ein beträchtliches Verdienst daran, daß es zum Freispruch von Hans Hetzel kam. In Offenburg mi Fall Hetzel hat Frei-Sulzer Professor Ponsolds Kälberstrick aufgelöst. Nun läßt ein bundesdeutscher Gutachter ihm seine Fasern entschwinden. Eine Art Spiel ohne Grenzen? Eher wohl die Tatsache, daß niemand immer auf der Seite der Wahrheit kämpft.

Es hat keinen Sinn, Fehlurteile hartnäckig allein den Gutachtern anzulasten oder der Justiz, der Gebrechlichkeit der menschlichen Einrichtungen oder dem Irren, das menschlich ist. Läßt man dem Irrtum derart vollständig freie Bahn wie im Fall Gross -- dann jedenfalls darf man sich nicht auf das Verschulden einzelner herausreden.

Walter Gross ist am Freitagabend vergangener Woche mangels hinreichenden Beweises freigesprochen worden. Das Publikum im überfüllten Rathaussaal applaudierte. Der Freigesprochene erhält 130 000 Franken Entschädigung und Genugtuung. Verteidiger Dr. Alphons Sinniger werden seine Bemühungen mit 7360,60 Franken honoriert; eine Erinnerung daran, wie ernst es der Gesellschaft weiterhin um Helfer bei der Rettung ihrer unschuldigen Opfer zu tun ist. Dem Gerichtspräsidenten Dr. Beat Brühlmeier immerhin ist Respekt zu zollen. Er hat die Sitzung, die den Fall Gross beendete. juristisch einwandfrei auch vor allem im Ton eines betroffenen Menschen geleitet.

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