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»Uns knallt alles auseinander«

Im bundesweit berühmten Szeneviertel Kreuzberg explodieren die Gewerbemieten. Händler, Künstler und soziale Projekte werden aus Berlins spannendstem Stadtteil vertrieben: Schicke Restaurants und internationale Großunternehmen drängen in den Bezirk. Der Kiez wandelt sich vom Alternativen-Biotop zur Boomtown-City.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Rose Burot hat ihr Campingstühlchen aufgeklappt. In der Mittagssonne sitzt die Berliner Bäckersfrau draußen, auf dem Bürgersteig der Lausitzer Straße, und schwätzt mit den Stammkunden: über die Hitze und die gestiegenen Preise, über den entflogenen Kanarienvogel.

Hinter ihr tut sich eine dunkle, leergeräumte Höhle auf. In dem Laden hat die 64jährige mehr als 20 Jahre lang Brot, Kuchen und Süßwaren an die Kundschaft im Kreuzberger Quartier SO 36 verkauft.

Mit der Mieterhöhung von 360 auf über 2000 Mark ist für Frau Burot nun Schluß in der Lausitzer Straße. In die Räume zieht jetzt ein Computerladen ein. »Und ich werd'' wohl zum Sozi gehen müssen, wenigstens Wohngeld beantragen«, ahnt sie.

Wie Rose Burot ergeht es vielen, die in SO 36 oder dem etwas nobleren Kreuzberger Stadtteil 61 wohnen und arbeiten. Denn seit dem Mauerfall erzeugt der - oft spekulative - Nachfragedruck Phantasiepreise. Die sind besonders spürbar an den Gewerbemieten, die keinen gesetzlichen Beschränkungen unterliegen und bis zur Wuchergrenze ausgelotet werden.

Seit Kreuzberg aus seiner Randlage an der Mauer ins Zentrum der geeinten Hauptstadt gerückt ist, haben nicht nur die vielen kleinen Händler von Trödel und Gemüse, die Betreiber von Szenecafes und -kneipen oder das alternative Hinterhof-Gewerbe Existenzangst. Auch Künstler und soziale Projekte, Kindertagesstätten beispielsweise, die fast allesamt in Gewerberäumen sitzen, werden aus dem Kiez verdrängt.

Der berühmten Kreuzberger Mischung, jenem engen Geflecht aus Leben im Vorder- und Arbeiten im Hinterhaus, droht das Ende. Schon warnt Netzwerk, ein Zusammenschluß verschiedener Bürgerinitiativen und Gruppen, daß sich Kreuzberg bald in einen »Dschungel a la Manhattan« verwandeln könnte. Im leicht verschmuddelten, aber bunten Armenhaus West-Berlins haben finanzkräftige Investoren ihre Ansprüche angemeldet.

Der japanische Fotokonzern Nikon etwa läßt sich in der Kochstraße nieder, dort, wo (noch) die alternative Tageszeitung residiert, ein Ost-West-Handelszentrum und ein Büro-Wolkenkratzer sind geplant. Schon jetzt ziehen in freiwerdende Räume zahlungskräftige Mieter ein - Arztpraxen, Banken, Dienstleistungsbetriebe wie Versicherungen.

»Uns knallt hier jetzt alles auseinander, der Ausgrenzungsdruck steigt extrem«, sagt Rainer Sauter vom Kreuzberger Verein SO 36, der sich um Mieterinteressen und Stadtplanung kümmert.

Ausgegrenzt werden vor allem die Türken, die bislang das Straßenbild in Kreuzberg prägten. Jetzt zahlen manche von ihnen schon Schmiergelder von 10 000 Mark und mehr, nur um Untermietverträge für Läden zu bekommen.

Eine »neue Imbißstruktur« hat der Kreuzberger Sauter in seiner Wohngegend entdeckt. Nach und nach haben Edel-Vegetarier und »Italiener vom Feinsten« das Monopol des Döner Kebab gebrochen.

Nicht nur kulinarisch wird der Stadtteil auf City-Niveau gebracht. »Es ist frustrierend zu sehen, wie der Bezirk sein Gesicht verliert und austauschbar wird«, klagt Anke Krauskopf, Sozialarbeiterin im drogenfreien »Cafe im Grenzbereich« in der Falckensteinstraße. Im Bezirk geben immer mehr für die Nahversorgung notwendige Handwerksbetriebe oder Geschäfte auf.

Die Kreuzberger Szene sehnt sich zurück nach den glücklichen Zeiten vor dem Fall der Mauer. Damals war SO 36 die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Gewerbemieten waren billig. »Da gab''s hier viel Energie, da gab''s immer Studenten oder junge Türken, die Geschäfte aufmachten«, schwärmt die Sozialarbeiterin Krauskopf.

Nun versuchen die Gründer von einst zu retten, was kaum noch zu retten ist. »Losgesägt - Hoch den Hammer. Kreuzberger Handwerksbetriebe lassen sich nicht vertreiben«, machen sich selbstverwaltete Betriebe Mut, die sich zusammengefunden haben, um einen Gewerbehof im Kiez zu belegen.

Berliner Politikern fiel bislang zu den rapide steigenden Gewerbemieten wenig ein. Eine Gesetzesinitiative des Senats, die eine Kappung der Gewerbemieten vorsieht, wurde im Bundesrat zunächst blockiert. Unterdessen machen sich ungehemmt »Wild-West-Manieren« bei Hauseigentümern breit, wie der Berliner Mieterverein klagt, der immer öfter Konkurse infolge drastischer Mietsteigerungen beobachtet.

Aufgeben mußte etwa ein Kreuzberger Fotohändler, weil er statt 1800 künftig 6800 Mark Miete zahlen sollte. Auch ein Zeitungshändler, dessen Miete um 900 Prozent hochschnellte, mußte seinen Kiosk inzwischen dichtmachen.

Selbst größere Betriebe müssen vor der Explosion der Gewerbemieten kapitulieren. Mit dem vorausschauenden Hinweis, daß der Eigentümer nicht durch etwaige Proteste belästigt zu werden wünscht, erhielt etwa We-Ha-Papier, eine Großhandlung für Buchbinderbedarf, die Kündigung ins Haus geschickt.

Die neue Mietforderung von knapp 40 000 Mark, mehr als das Sechsfache des _(* In ihrem bereits geräumten Laden. ) alten Preises, konnte das Unternehmen nicht zahlen. Neue, noch finanzierbare Räume fand das Unternehmen, das über 40 Jahre lang in Kreuzberg residierte, nur noch auf dem Lande.

Mit 220 Tonnen Ware mußte die Firma ins brandenburgische Güterfelde umziehen, in Hallen eines ehemaligen Hühnerzuchtbetriebs. Allein der Umzug und die Instandsetzung der Lager kostete mehr als eine Viertelmillion Mark. We-Ha-Papier war das vierte Unternehmen, das den für Kreuzberg typischen Gewerbehof aus der Jahrhundertwende verlassen mußte.

Einen bescheidenen Erfolg gegen den Mietenwucher konnte dagegen Paul Jupe, 74, verbuchen. Über ein halbes Jahrhundert ist sein »Bestattungs-Institut Heimkehr« in Riehmers Hofgarten untergebracht, einem Gebäudekomplex der Gründerzeit in Kreuzbergs Stadtteil 61.

Nachdem Jupe eine Mieterhöhung von 600 Prozent angekündigt worden war und seine Briefe an die Hausverwaltung unbeantwortet blieben, machte er mobil. Der rührige Alt-Kreuzberger informierte die Presse und »beide Kirchen«. Das Fernsehen kam und interviewte ihn, Pastoren sammelten Unterschriften für das Familienunternehmen Heimkehr.

Der Protest des Bestatters gegen die Raffgier ("Ich habe in Tausende von Särgen gesehen - keiner kann da etwas mitnehmen") hatte Erfolg. Jupe muß nun mit gut 2100 Mark »nur« noch das knapp Vierfache seiner ursprünglichen Miete zahlen. Im Gegensatz zu Geschäftsfreunden, die wegen gestiegener Gewerbemieten schon Mitarbeiter entlassen mußten, hofft er, seine Angestellten behalten zu können.

Die »Olympiade der Mieten«, so ein Kreuzberger Protest-Plakat, trifft die sozialen und kulturellen Projekte besonders kraß, für die Kreuzberg einst berühmt war.

»Von fünf Etagen hier haben vier Kündigungen, Mieterhöhungen oder Räumungsklagen bekommen«, sagt der Maler Ralf Scherrer, 33. Er lebt und arbeitet mit anderen Künstlern und Theatermachern in einem heruntergekommenen Hinterhaus in SO 36.

Anfang Mai erhielt Scherrer die Räumungsklage, zwei Gerichtsverhandlungen hat er bereits hinter sich: »Wenn ich hier rausfliege, wird es kritisch, ob ich überhaupt in Berlin bleiben kann«, sagt Scherrer. Habe er keinen Raum mehr, um Kunden seine Bilder präsentieren zu können, sei er als Künstler aus dem Geschäft.

Auch der Maler Frank Suplie, 42, der im selben Haus wie Scherrer wohnt, soll ausziehen. Muß er sein Atelier aufgeben, verliert er gleich das »Dach überm Kopf« dazu - »dann stehe ich mit Frau und Kind auf der Straße«. Vor der Alternative, aufs Land zu ziehen, wohin einige Künstler schon wegen der horrend gestiegenen Ateliermieten ausgewichen sind, schrecken beide noch zurück.

Scherrer befürchtet, daß er außerhalb Berlins die für seine Kunst und den Broterwerb notwendigen Kontakte verliert. Suplie hängt am Kiez-Dschungel, einer Art Biotop mit Teich und Hühnern, das in SO 36 zu Zeiten angelegt wurde, als der Stadtteil in der Szene noch euphorisch mit »1 Berlin Freakland« angegeben wurde.

Beim Wandel vom Freak- zum Moneyland haben allein in den vergangenen zwei Jahren 150 Künstler ihre Ateliers verloren. Düsteres prophezeit denn auch Herbert Mondry, 53, Vorsitzender des Berufsverbands Bildender Künstler, für Kreuzbergs Zukunft: Es werde einen Bevölkerungsaustausch geben.

»Alte, Arbeitslose, soziale und kulturelle Projekte«, sagt Mondry, »alle im Sinne des neuen Hauptstadt-Booms nicht so ,Effektiven'', verschwinden.« Diese Aussortierung, sagt er, mache das Milieu des Stadtteils kaputt, wo sich Wandsprüche wie »Gerda, Hotte und Svenny, alle klauen bei Penny« nur noch wie überlebte Folklore ausmachen.

Fast täglich erhalten Kinder- und Schülerläden Kündigungen, weiß Karin Lücker-Aleman vom Netzwerk. Falls der Senat nicht helfend eingreife, so Kreuzbergs Jugendstadtrat Helmut Borchardt (SPD), »geht uns hier die soziale Infrastruktur kaputt«.

Akut gefährdet ist etwa Akarsu, ein in der Bundesrepublik einmaliges Ausländerprojekt, das Immigrantinnen, überwiegend Türkinnen, hilft, sich für Berufe im Gesundheitswesen zu qualifizieren, und ihnen auch Praktika bei Ärzten vermittelt.

Mit beachtlichem Erfolg: Rund 80 Prozent der Akarsu-Schülerinnen finden hinterher eine Ausbildungsstelle als Apotheken- oder Arzthelferin. Ab August soll Akarsu 400 Prozent mehr Miete zahlen, insgesamt rund 15 500 Mark im Monat. Läßt sich der Eigentümer, mit dem Kreuzberger Bezirkspolitiker zur Zeit verhandeln, nicht umstimmen, muß Akarsu schließen.

Aufgeben mußte der Paritätische Wohlfahrtsverband bereits seine Beratungsstelle für sozial schwache Familien in Kreuzberg, die allein im vergangenen Jahr mehr als 2000 Familien bei Rechtsfragen weiterhalf. Die Miete für die Beratungsräume sollte verdoppelt werden.

Gerade jetzt wäre die Hilfe der Berater besonders nötig. Doch bei der flotten Kommerzialisierung des Kiez stören sie nur. Als der Verband bei der Hausverwaltung nach den Gründen für die Kündigung forschte, wurde ihm erklärt, daß die Beratungsstelle nicht mehr erwünscht sei.

* In ihrem bereits geräumten Laden.

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