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»Uns wird ganz warm ums Herz«

Die Frauen im SPD-Vorstand zu Oskar Lafontaines Thesen über die Familienarbeit Herta Däubler-Gmelin, Heidemarie Wieczorek-Zeul und Inge Wettig-Danielmeier antworten im Namen der SPD-Vorstandsfrauen auf die Forderung von SPD-Vize Oskar Lafontaine, Familien- und Frauenarbeit aufzuwerten (SPIEGEL 7/1988). *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Hurra - jetzt schreibt auch der SPIEGEL über die nötige Aufwertung von Familienarbeit und Ehrenamt. Daß zugleich die Keule gegen die vermeintlich wieder einmal ach so braven, ach so schweigsamen »SPD-Vorstandsdamen« geschwungen werden muß (im SPIEGEL 10/1988), gehört wohl zum Insider-Ton. Ärgerlich ist, daß unsere »Frauenforderungen« immer erst dann interessant werden, wenn Männer sie aufgreifen.

Sei's drum - Oskar macht's möglich. Wir freuen uns darüber. Frauen können gar nicht oft genug hören, daß auch Familienarbeit und Ehrenamt »gesellschaftlich aufgewertet« werden sollen. Nicht allein die Hausfrauen, sondern auch die Berufstätigen - schließlich sind sie mit solcher Arbeit meist zusätzlich belastet. Alle rufen zu Recht nach mehr Anerkennung. Denn unsere Gesellschaft profitiert ganz ungeniert von ihrer Arbeit, bemißt aber Lebensunterhalt und Rente an der Erwerbsarbeit, macht beides bei Familienarbeit bekanntlich von Ehe und dem Einkommen des Ehemannes abhängig.

Wenn Oskar Lafontaine in Buch und Reden hinzufügt: »Das sind wir unseren Frauen schuldig«, dann wird uns ganz warm ums Herz, nachdem wir schon so viele Jahre auf Frauenkongressen und Parteitagen, in Workshops und Diskussionen für mehr und besser bezahlte Arbeitsplätze, für eine gerechtere Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit auf Männer und Frauen und - ganz aktuell - für unseren gerechten Anteil an Ämtern und Mandaten auch in unserer eigenen Partei streiten.

Nachfragen tun wir gleichwohl, weil wir uns auch morgen freuen wollen: Was soll sich durch die Aufwertung von Familienarbeit für Frauen wirklich ändern? Was soll die Verbindung mit der Forderung nach »Erweiterung des Arbeitsbegriffs« im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit bedeuten?

Was Hausfrauen und ehrenamtlich Tätigen heute bleibt, ist die Freude an der häufig selbstbestimmten Arbeit und die Überzeugung, etwas Wichtiges zu tun. Das ist viel - ganz gewiß. Aber leben können die Frauen davon nicht, weder jetzt noch später. Auch der schönste Dank kann eigenes Einkommen und soziale Sicherung nicht ersetzen.

Oskar Lafontaine sieht diese fehlenden Elemente: Gesellschaftliche Anerkennung muß mehr sein als ein zusätzlicher Händedruck des Ministerpräsidenten und Streicheleinheiten durch die Öffentlichkeit. Gesellschaftliche Aufwertung muß auch etwas anderes bedeuten als jener konservative Trick, über den wir uns schon seit Jahren ärgern: Der will Hausfrauentätigkeit und Ehrenamt trotz fehlender finanzieller und sozialer Sicherung einfach in den Begriff der Arbeit eingemeinden, negiert so die »Arbeitslosigkeit« von Frauen in Familienarbeit und Ehrenamt und würde sie am liebsten auch aus der amtlichen Statistik streichen.

Nein, Oskar Lafontaine spricht schon von Geld, er verweist auf die Grundsicherung. Und in der Tat, wer jeder Frau, die (auch) Familien- oder ehrenamtliche Arbeit leistet, mindestens 1500 Mark monatlich und eine Rente bieten könnte, der hätte den Stein der Weisen gefunden. Die Hausfrauen wären dann eben Staatsangestellte - warum nicht? Zumal die Attraktivität dieser Tätigkeit sich dann auch bei Männern blitzartig erhöhen würde, obwohl die meisten von ihnen heute mehr verdienen.

Daß das alles wieder Fragen ganz neuer Art aufwerfen würde, braucht uns im Augenblick nicht weiter zu kümmern, denn dieser Traum hält auch der simpelsten Überprüfung auf seine Finanzierbarkeit nicht stand: Millionen Mütter, dazu eine genauer nicht abschätzbare Zahl von Frauen, die hilfsbedürftige Angehörige pflegen - sie alle müßten die Grundsicherung bekommen; schon bei 15 Millionen Frauen wären dafür mehrere hundert Milliarden nötig. Jährlich! Aber muß Grundsicherung denn so teuer sein?

Sicher nicht - für viele Frauen wären auch kleinere Beträge mehr, als sie heute bekommen. Das aber würde die bestehende Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen verewigen: Die Frau mit geringer Grundsicherung bei der Arbeit mit Kindern in Küche und Ehrenamt käme den Männern auf dem Arbeitsmarkt noch weniger in die Quere.

Was bleibt, ist die nüchterne Erkenntnis: Wer Aufwertung von Familienarbeit sagt, muß teilen meinen. Teilen von Erwerbsarbeit und Familienarbeit. Realisierbar ist das über gesellschaftliche Umverteilung - darüber reden viele schon lange. Populär sind diese Forderungen indes nicht, weil die mit Arbeit, Geld und Einfluß den anderen etwas abgeben müssen.

Auch andere Modelle könnten den Gedanken des Teilens wenigstens schrittweise vorantreiben: Warum nicht den Vorschlag verwirklichen, daß Väter die Hälfte des Babyjahres übernehmen müssen? Wird hier schon entsetzter Widerspruch und Warnung vor Zwang und unzulässiger Einmischung in Privatangelegenheiten laut? Wundern würde uns das nicht, ärgern schon.

Warum nicht den Vorschlag aufgreifen, alle Einkünfte aus Erwerbstätigkeit und Vermögen von Anfang an vollständig und eindeutig zwischen den Erwerbstätigen und der in Familie oder Ehrenamt arbeitenden Frau aufzuteilen? Diese Weiterentwicklung der Errungenschaftsgemeinschaft dürfte zwar auch nicht auf männliche Entzückensschreie stoßen - ein Schritt nach vorwärts wäre sie gleichwohl. Und um Verteilen geht es auch bei der Forderung der 30-Stunden-Woche und des 6-Stunden-Tags.

Darüber lohnt der Konflikt in unserer Gesellschaft auch mit Verbänden und Organisationen, die das anders sehen als ihre Frauen.

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