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»Uns wurde die Pistole auf die Brust gesetzt«

Kann es sich die bundesdeutsche Industriegesellschaft leisten, teure Maschinen und Anlagen am Wochenende stillstehen zu lassen? Der Konflikt über Arbeit am Samstag und am Sonntag spitzt sich zu. Es ist, vorerst noch, vornehmlich ein Streit innerhalb der Gewerkschaften, zwischen Betriebsräten und Gewerkschafts-Generälen.
aus DER SPIEGEL 40/1988

Mit Oskar Lafontaine, dem sozialdemokratischen Querdenker,hat Herbert Gärtig noch nie direkt zu tun gehabt. Der Westfale Gärtig lebt und arbeiter fernab der großen Politik im westfälischen Lengerich, wo er dem Gesamtbetriebsrat der mittelständischen Verpackungsfirma Bischof + Klein vorsteht.

Seit einigen Wochen jedoch zählt sich der Westfale zu den Fans des Sozialdemokraten aus dem Saarland. Als Oskar Lafontaine öffentlich zu bedenken gab, Arbeit am Samstag oder gar am Sonntag sei womöglich etwas Sinnvolles, da schickte Gärtig dem stellvertretenden SPD-Vorsitzenden spontan einige zustimmende Zeilen. »Ehrlich und aus vollem Herzen« beglückwünschte er Lafontaine zu seiner Aussage: Arbeitszeitverkürzungen seien nur möglich, wenn die Maschinen länger liefen.

Gärtig kann prominente Bundesgenossen aus dem SPD- und Gewerkschaftslager gut brauchen. Mit seinen Chefs hat er im Frühjahr vereinbart, daß in der Verpackungsfabrikam Wochenende gearbeitet werden kann. Seither hat der Betriebsratsvorsitzende mit den zuständigen Gewerkschaftsfürsten von der IG Druck und Papier nur noch Ärger.

Seit März arbeiten etwa 400 Schichtarbeiter, ein gutes Viertel der Lengericher Belegschaft, regelmäßig am Wochenende. Sie bedienen die Maschinen innerhalb eines Zehn-Wochen-Turnus einmal samstags, einmal sonntags von 22 Uhr bis Montag früh um sechs Uhr. Acht Wochenenden sind frei. Zusätzlich bekommt jeder Schichtarbeiter alle zehn Wochen eine Arbeitswoche frei.

Das nützt dem Unternehmen, das nun an jedem Wochenende zwei Schichten laufen läßt und auf die Anschaffung zusätzlicher teurer Maschinen verzichten kann. Bis zum Abschluß der Betriebsvereinbarung hatten jeweils drei Schichten von montags bis freitags gerackert und dann Überstunden gekloppt, manchmal auch am Wochenende.

Das nützt aber offenbar auch den Arbeitnehmern, vor allem jenen, die nun einen Job gefunden haben. Seit bei Bischof + Klein samstags un sonntags regelmäßig gearbeitet wird, stellte das Unternehmen 54 Mitarbeiter neu ein, 60 Prozent waren vorher arbeitslos.

Dennoch gibt es Krach. Für den stellvertretenden IG-Druck-Vorsitzenden Detlef Hensche ist das, was sein Kollege Gärtig in Lengerich der Geschäftsleitung an zusätzlicher Arbeitszeit zugestanden hat, der »Sündenfall« schlechthin, der Anfang vom Ende der in den frühen sechziger Jahren hart erkämpften Fünf-Tage-Woche.

In einer Betriebsversammlung bei Bischof + Klein legte Hensche los, was die leidvolle Geschichte der Arbeiterbewegung hergab. Er beschwor den Kampf der Malocher gegen die Sonn- und Feiertagsarbeit im Bismarck-Reich; er verstieg sich gar zum Vergleich mit der Kinderarbeit in der Frühzeit der Industriegesellschaft. So mancher aus der Belegschaft hörte auf Hensche und klagte gegen die neue Arbeitszeit.

Einen Mann wie Herbert Gärtig, seit 42 Jahren in der IG Druck und Papier und seit 38 Jahren in der SPD, trafen die Anwürfe hart. Um so besser fühlt sich der Betriebsratschef beim Genossen Oskar

Lafontaine aufgehoben. Der hatte, mit wenigen wohlüberlegten Sätzen nur, auf dem SPD-Parteitag Ende August das Thema Wochenendarbeit zum vorrangigen öffentlichen Sujet gemacht.

Längere Laufzeiten der Maschinen über den Freitag hinaus dürften, so Lafontaine auf dem SPD-Parteitag in Münster, nicht tabuisiert werden. Arbeit am Samstag und Sonntag sei der Trick, so der Saarländer, um einerseits in den Unternehmen die Kosten der Maschinenstunden zu drücken, andererseits aber auch in Zukunft den Arbeitgebern kürzere Arbeitszeiten abzutrotzen und Arbeitslosen wieder Hoffnung auf einen Job zu machen.

Die aufgeregte Resonanz, die der auf Reizthemen abonnierte Lafontaine mit seinen ketzerischen Worten fand, signalisiert einen tiefgreifenden und bislang nur zu gern verdrängten gesellschaftlichen Konflikt: Sonntags nie? Oder: Sonntags doch!

Der Streit darüber, ob am siebten Tag der Woche die Maschinen laufen sollen, wurde bislang weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführt, vornehmlich in den Betrieben. Doch es ist dies eine Auseinandersetzung, die öffentliches Interesse verdient, weil sie Grundpositionen von Wirtschaft und Gesellschaft berührt.

Der ökonomische Trend scheint geradezu zwangsläufig auf Wochenendarbeit zuzusteuern. Immer aufwendiger sind in den Unternehmen die Maschinenparks, immer kürzer werden die Arbeitszeiten. Mit teurem Gerät vollgestopfte Fabrikhallen von Freitag bis Montag leer und stillstehen zu lassen ist betriebswirtschaftlich eine Ressourcen-Vergeudung. Dieser kollektive Freizeitspaß kostet Geld - Geld, das deutschen Firmen im verbissenen internationalen Wettbewerb womöglich fehlt.

Andererseits läßt sich ja wirklich fragen, ob es eine so reiche Gesellschaft wie die bundesdeutsche nötig hat, die »soziale Errungenschaft« (Bischof Martin Kruse) des gemeinsamen freien Wochenendes aufzugeben; ob es richtig ist, wie Klaus Zwickel vom IG-Metall-Vorstand sagt, den »Menschen der Maschine« zu »unterwerfen«.

Ganz ungewohnte Frontbildungen tun sich bei diesem Konflikt auf. Die IG-Metall-Anführer sehen sich plötzlich Seit'' an Seit'' mit Kardinälen und Landesbischöfen, die CSU ist wie Hans-Jochen Vogel von der SPD gegen Arbeit am Sonntag, auch der linksorientierte Norbert Blüm von der CDU findet sich in einer Front mit den Rechtsauslegern von der Strauß-Partei.

Am heftigsten aber tobt der Krach über Wochenendarbeit im Lager der Arbeitnehmer. Ganz und gar unterschiedlicher Ansicht sind viele Betriebsräte vor Ort und ihre Funktionäre in den Gewerkschaftshochhäusern;

in zwei Lager, für oder gegen Wochenendarbeit, zerfallen die Einzelgewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

In den Arbeitnehmerorganisationen übertreffen die Auseinandersetzungen an Schärfe die Konflikte früherer Jahre, etwa bei der Mitbestimmung oder bei der Vermögensbildung. Die beiden Fraktionen in den Gewerkschaften dreschen so hemmungslos aufeinander ein, daß dort zuweilen schon das Wort von Spaltung umläuft.

Die Chemiegewerkschaft des rechtsorientierten Sozialdemokraten Hermann Rappe, dessen Blutdruck hochschnellt, wenn er den Namen Lafontaine hört, läßt sich an Flexibilität von den Arbeitgebern kaum überbieten. IG-Chemie-Vorstandsmitglied Horst Mettke: »Diese heile Arbeitswelt von Montag bis Freitag, die wir in unseren Diskussionen heraufbeschwören, gibt es in der Praxis schon lange nicht mehr. Starre Arbeitszeitprinzipien lassen sich in einer hochtechnologisierten Industrie nicht mehr aufrechterhalten.«

Die Kollegen aus dem Führungskader der IG Metall, der mit Abstand größten DGB-Gewerkschaft, wehren sich hingegen entschieden gegen Arbeit am Samstag, erst recht gegen regelmäßige Sonntagsschichten.

Oskar Lafontaine habe mit seiner beweglichen Haltung in Fragen der Wochenendarbeit den Arbeitgebern in die Hände gearbeitet und »international den Gewerkschaften einen Bärendienst erwiesen«, tobte der Erste Vorsitzende Franz Steinkühler. Die IG Metall, so Steinkühler, sei die einzige Gewerkschaft im Internationalen Metallarbeiterbund, die stark genug sei, den Forderungen der Arbeitgeber nach Samstags- und Sonntagsarbeit zu widerstehen. Der Metaller-Chef: »Wenn bei uns der Damm bricht, dann werden die anderen Länder rücksichtslos überflutet.«

Der Deich hält schon längst nicht mehr, auch nicht im Herrschaftsbereich des Franz Steinkühler. Was sich fernab der Gewerkschaftszentrale tut, läßt sich besonders eindringlich am Fall des Automobilherstellers Opel illustrieren. Am 16. September dieses Jahres unterschrieb der Betriebsrat des Bochumer Opel-Werkes die dreiseitige »Betriebsvereinbarung Nr. 14/1988«. Darin verpflichtete sich die von strammen IG Metallern geführte Arbeitnehmervertretung, daß etwa 1000 der rund 17 000 Bochumer Opel-Mitarbeiter für gut ein Jahr an insgesamt 34 Samstagen eine Frühschicht und an 19 Sonntagen Nachtschichten fahren. Auch am zweiten, dritten und vierten Advent könnten bei Opel in Bochum Autos vom Band rollen.

Die Geschäftsleitung der deutschen General-Motors-Tochter hatte einen Vorschlag gemacht, den auch der Bochumer IG-Metall-Bevollmächtigte Ludger Hinse nicht ablehnen konnte. Opel sicherte 336 garantierte Arbeitsplätze zu, aus befristeten wurden unbefristete Arbeitsverträge. Zusätzlich verpflichtete sich das Unternehmen, in den nächsten zwölf Monaten 140 Leute einzustellen und bis zu den Werksferien alle Auszubildenden mit abgeschlossener Lehre zu übernehmen.

Manfred Happe, 49, ein gestandener Sozi, seit 24 Jahren Mitglied der IG Metall und im Bochumer Betriebsrat für Personal zuständig, steht hinter dieser Entscheidung gegen die reine Lehre der Frankfurter Gewerkschaftszentrale.

Happe: »Der Ansatz Lafontaines ist in der Tat der richtige Weg. Uns sitzt einfach das Hemd näher als die Jacke.« Daß es bei den Gewerkschaften »viele schlaue Menschen« gibt, das weiß auch Happe, »aber die brauchen nicht zu entscheiden«.

Happe und seine Betriebsratskollegen in Bochum hatten zu entscheiden. Weil der Opel Kadett recht gut verkauft wird, seit die britische Opel-Schwester »Vauxhall« dringenden Bedarf angemeldet hat, wollte das Management mehr 1,6-Liter-Motoren samt angeflanschtem Getriebe von den Bändern laufen lassen.

Die Bochumer Belegschaft müsse entscheiden, ob sie zusätzlich zu ihrer 38-Stunden-Regelarbeitszeit regelmäßig an Samstagen und Sonntagen zuschlagspflichtige Mehrarbeit leisten wolle.

Wenn nicht, so erfuhren die Betriebsräte, gehe dieser Auftrag an ein anderes deutsches Werk.

Happe: »Uns wurde die Pistole auf die Brust gesetzt.«

Das andere Werk, das sonst mit dem Zusatzauftrag bedacht worden wäre, steht in Kaiserslautern. Dort hat der Betriebsrat schon im März »eine ominöse Vereinbarung« (Happe) unterschrieben: Opel darf »bei der Planung zukünftiger Investitionen« davon ausgehen, daß die Belegschaft bereit ist, an Samstagen zwei Schichten a sechs Stunden und an Sonntagen von 22 Uhr an eine Nachtschicht lang die Bänder zu bedienen.

Klaus-Eberhard Happel, in der Geschäftsleitung für Personal zuständig, hatte dem Kaiserlauterer Betriebsrat vorher schriftlich mitgeteilt, daß diese Blanko-Zusage für die Planung unerläßlich sei. Opel brauche die Möglichkeit von Wochenendarbeit, »um innerhalb Europas bei neuen Investitionen konkurrenzfähig« zu sein. Es sei »entscheidend für die Höhe der Investitionen konkurrenzdere für den Standort, eine größtmögliche Nutzungszeit ansetzen zu können«.

Dies war keine leere Drohung. Die Kaiserslauterer Opel-Bauer wissen sehr wohl, daß belgische General-Motors-Betriebe nur darauf warten, Aufträge zu übernehmen.

Dort ist Arbeit am Wochenende kein Thema. Im Antwerpener General-Motors-Werk wird inzwischen tagsüber zehn Stunden montiert und anschließend eine ebenso lange Spätschicht bis zwei Uhr morgens angehängt, Samstag inbegriffen.

Im Bochumer Opel-Werk steht die nächste Kraftprobe bevor. Das Unternehmen werde, so erfuhren die Belegschaftsvertreter, das geplante neue Preßwerk für 140 Millionen Mark nur dann im

Ruhrgebiet bauen, wenn die Bochumer Betriebsräte eine generelle Zustimmung zu Wochenendarbeit wie in Kaiserslautern unterschrieben. Betriebsrat Happe: »Da kommen wir noch ins Schwitzen.«

Die Konfliktlinien, nicht nur im Fall Opel, sind klar gezeichnet.

Auf der einen Seite stehen die Betriebsräte vor Ort, zumeist voll im Einklang mit ihrer Basis. Vom Management unter Druck gesetzt, die drohende Abwanderung von Teilen der Produktion vor Augen, sind die lokalen Belegschaftsvertreter zu manchen Konzessionen bei der Wochenendarbeit bereit.

Auf der anderen Seite, wie im Fall der IG Metall, die Gewerkschaftsvorsteher. Offenkundig nicht immer im Gleichschritt mit ihren Beitragszahlern, sehen sie mit der Abschaffung des arbeitsfreien Wochenendes soziale Besitzstände schwinden, die einstmals hart von den Arbeitnehmerorganisationen erkämpft wurden.

Die Sonntags-nie-Fraktion aus den Gewerkschaften, den Kirchen und den Parteien verteidigt den Status quo vor allem mit gesellschaftspolitischen Argumenten. Es müsse, so SPD-Chef Hans-Jochen Vogel, »im Wochenrhythmus einen Zeitabschnitt geben, der nicht von ökonomischen oder von Kostengesichtspunkten beherrscht wird«.

Das Wochenende biete in einer Gesellschaft, die sich ohnedies zunehmend vereinzele, Gelegenheit für Gemeinschaftserlebnisse. Nur am Wochenende, so wie es heute besteht, hätten beispielsweise berufstätige Eltern Gelegenheit, mit ihren schulpflichtigen Kindern zusammenzusein.

Das Oberverwaltungsgericht Münster, von der Sonntags-nie-Fraktion gern bemüht, hat 1986 die »Sonntagsruhe« gegen die »Werktagshektik« scharf abgegrenzt: _____« Das weitgehende Verbot gewerblicher und störender » _____« privater Arbeiten (am Sonntag) gibt dem Bürger nicht nur » _____« die Möglichkeit, unbelastet von der Hektik des Alltags » _____« seine Freizeit zu genießen und so echte Entspannung und » _____« Erholung zu finden. Es verschafft ihm auch die » _____« Gelegenheit, ungestört seinen geistigen und religiösen » _____« Interessen nachzugehen. Darüber hinaus schafft es die » _____« Voraussetzungen für die Pflege mitmenschlicher » _____« Beziehungen in der Familie, unter Freunden und Bekannten, » _____« da an diesen Tagen grundsätzlich keine Berufspflichten » _____« die Kommunikation behindern ... Die Gewährung von » _____« Ruhezeiten an anderen Wochentagen wäre hierfür ein » _____« unzureichender Ersatz. »

Jene, die den Sonntag nicht so heiligen wie die Münsteraner Richter, halten dagegen, eine Auflockerung der Freizeit habe nicht nur ökonomische Vorteile. Wenn alle am Wochenende freihaben, sei der Verkehr am dichtesten, seien Lokale und Schwimmbäder am vollsten, sei der Eintritt für Disko und Theater am teuersten. Das Leben sei viel angenehmer, wenn die starken Schwankungen zwischen Stoßzeit und Stillstand ausgeglichen würden, wenn nihct fast alle im gleichen Rhythmus der Arbeit oder dem Freizeitvergnügen nachgingen.

Daß der Sonntag grundsätzlich von bezahlter Arbeit frei ist, hat viel mit der abendländischen Tradition zu tun. Das erste staatliche Gesetz zum Schutz des Sonntags erließ Kaiser Konstantin der Große im Jahre 321. Es fand Eingang in den Codex Justinianus: »Alle Richter sowie das Volk in den Städten und die Ausübung sämtlicher Gewerbe sollen am heiligen Sonntag ruhen.«

In Deutschland sind die Arbeitnehmer seit Ende des vergangenen Jahrhunderts vor Sonntagsarbeit geschützt. Am 1. Juni 1891 trat das Arbeiterschutzgesetz in Kraft. Es erhob das Verbot der Sonntagsarbeit zum Rechtsprinzip für die gewerbliche Arbeit. Die Arbeitsruhe soll den Sonntag als den wöchentlichen Feiertag der Gesellschaft schützen.

Im Bonner Grundgesetz ist der Sonntag durch Artikel 140 als »Tag der Arbeitsruhe _(Plakat zum 1. Mai aus den fünfziger ) _(Jahren. )

und der seelischen Erhebung« geschützt. Ausnahmen in der Produktion, zum Beispiel für Stahlwerke und Chemiefabriken, die ihre Anlagen unter Hitze halten müssen, sind in der Gewerbeordnung ebenso geregelt wie die Ausnahmen für Dienstleistungsunternehmen, beispielsweise Verkehr, Post und Gesundheitswesen.

Die Ausnahmen allerdings sind schon längst, ganz ohne jede öffentliche Debatte, in weiten Teilen der Wirtschaft zur Regel geworden. Für Millionen Bundesbürger gilt der Kampfslogan der fünfziger und sechziger Jahre, »Samstags gehört Vati mir«, schon lange nicht mehr.

Nach einer Untersuchung »Arbeitszeit ''87« des Kölner »Instituts zur Erforschung sozialer Chancen« im Auftrag von NRW-Sozialminister Hermann Heinemann sind Standard-Arbeitszeiten - montags bis freitags zwischen 35 und 40 Stunden - inzwischen jedoch »fast eine Rarität«. Der Anteil der Beschäftigten, die regelmäßig samstags arbeiten, ist von 18 Prozent im Jahr 1980 auf 32 Prozent im Jahr 1987 gestiegen. In der gleichen Zeit erhöhte sich die Quote der Sonntagsarbeiter von 7 auf 10 Prozent.

Insgesamt gehen damit über 2,2 Millionen Bundesdeutsche regelmäßig an Sonntagen einer bezahlten Beschäftigung nach. Das sind 650 000 mehr als zu Beginn der achtziger Jahre. Zwischen 1984 und 1987 hat sich der Anteil derer, die an jedem Wochenende antreten müssen, auf 14 Prozent mehr als verdoppelt.

Die Zunahme der Wochenendarbeit ist zunächst ein Produkt der Dienstleistungsgesellschaft. Je länger das Wochenende ausgedehnt wurde, je wohlhabender die Werktätigen wurden, um so größer wurde das Bedürfnis nach Ablenkung. Das Publikum will amüsiert werden, und das schafft Arbeitsplätze.

Das Tabu der Fünf-Tage-Woche ist allerdings auch in der Industrie längst gebrochen. In Hunderten westdeutscher Betriebe, von der 2000-Mann-Firma Bischof + Klein bis zu den Giganten Siemens, IBM, VW, Opel, BMW, Continental und Goodyear, wird längst regelmäßig am Wochenende gearbeitet.

Wie selbstverständlich wird heute, und nicht nur von Arbeitgeberverbänden, die Wochenendarbeit der Flexibilität von Arbeit und Produktion zugerechnet; ohne diese Flexibilität seien ökonomischer und sozialer Fortschritt nicht erreichbar.

Vor zwei Wochen hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrer Beschäftigungsübersicht den Zeittrend so gedeutet: Immer leistungsfähigere und kostspieligere Maschinen lassen die Produktivität in der Industrie ständig steigen. Zugleich ersetzt eine immer höhere Zahl von Automaten Monteure und Handwerker an den Bändern.

Wie aber mehr Jobs für Arbeitslose bereitstellen, wie kürzere Arbeitszeiten durchsetzen, wie steigenden Wohlstand erreichen?

Die Zauberformel lautet auch nach Ansicht der OECD: höhere Flexibilität, also Anpassung der Betriebe und Belegschaften an optimale Maschinenlaufzeiten. Dann werden eben, entsprechende Nachfrage vorausgesetzt, rund um die Uhr Autoreifen vulkanisiert, Mikrochips produziert und Autos montiert. Und die Unternehmen investieren vor allem dort, wo die Betriebsräte sich zu flexiblen Arbeitszeiten bereit erklären.

Das alles bringt vor allem die Gewerkschaften in Schwierigkeiten. Sie haben sich mit einem ihrer größten Erfolge in der Nachkriegszeit, der Arbeitszeitverkürzung unter 40 Wochenstunden, eine der härtesten Zerreißproben eingehandelt.

Mit mehrwöchigen Streiks trotzten die Metall- und die Druck-Gewerkschaften den Arbeitgebern im Sommer 1984 die 38,5-Stunden-Woche ab. Der erste Schritt zum Traumziel 35-Stunden-Woche war getan.

Der Preis war, wie sich heute zeigt, hoch, nach Meinung vieler Gewerkschaftsfunktionäre zu hoch. Die Arbeitgeber ließen von der 40-Stunden-Marke erst ab, als die Gewerkschaften sich mit flexibler Arbeitszeit einverstanden erklärten. Höhere Betriebsnutzungszeiten, variabel gestaltete Arbeitszeiten bis ins Wochenende hinein, lauteten die Stichworte.

Sorgfältig hatten die Arbeitgeber 1984 darauf geachtet, daß es den jeweiligen Betrieben, also den Geschäftsführungen

und Betriebsräten, überlassen blieb, zu regeln, wie die ausgehandelte Arbeitszeitverkürzung auf die 38,5-Stunden-Woche umgelegt wird.

Im Klartext: Der Konflikt war im Jahre 1984 mit Abschluß der Tarifverträge nicht erledigt, sondern aus den Vorstandsetagen der Verbände und Gewerkschaften in die Betriebe verlagert. Und dort ist, zum Ärger der Gewerkschaftsoberschicht, die Bereitschaft zu Samstags- und Sonntagsarbeit in den letzten Jahren offenkundig gewachsen.

Der internationale Wettbewerb um die Standorte hat, wie im Fall Opel, die Werktätigen überall weich werden lassen. Je näher das Jahr 1992 und der Europäische Binnenmarkt rücken, desto rühriger wird die Konkurrenz jenseits der deutschen Grenzen. Und damit wächst der Druck auf die deutschen Arbeitnehmer.

General Motors baut nahe dem spanischen Zaragoza den Opel-Mini Corsa im Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr. Für den Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrats von VW in Wolfsburg, den IG Metaller Walter Hiller, ist klar, was dies für die spanische VW-Tochter Seat heißt. Sie muß die Maschinen und Pressen, die in Pamplona den Corsa-Konkurrenten Polo fertigen, demnächst ebenfalls in drei Schichten laufen lassen.

Für die Polo-Montage in Wolfsburg, die derzeit noch in zwei Schichten erfolgt, muß nach Hillers Meinung bald eine Entscheidung fallen: Aus oder Anpassung an die spanischen Verhältnisse.

Dabei weist VW in Wolfsburg eine relativ günstige Auslastung seiner Anlagen aus. Schon 1985 wurde per Haustarifvertrag die Möglichkeit zu Samstagsarbeit eröffnet. Den Arbeitnehmern steht es frei, sich die Schicht mit Zuschlägen bezahlen oder in Freizeit entgelten zu lassen. Um trotz Arbeitszeitverkürzung den Ausstoß halten zu können, wurden seinerzeit 5000 Leute neu eingestellt.

Obwohl in Wolfsburg die Bänder schon vergleichsweise lange laufen, liegen die Polo-Kosten in Pamplona um 800 Mark pro Auto niedriger als im deutschen Stammwerk. Werden in Spanien noch längere Laufzeiten eingeführt, wird der Abstand noch größer.

Deshalb sieht der VW-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Walter Hiller keinen Weg zurück: »Spätestens Anfang der neunziger Jahre kommt Bewegung in die Arbeitszeit, die Entwicklung im Ausland wird uns zum Umdenken zwingen.«

Und das heißt: Die mächtige IG Metall wird letztendlich bei der Wochenendarbeit doch beidrehen müssen; Franz Steinkühler wird am Ende wohl Oskar Lafontaine recht geben.

Angesichts der Zwänge, denen sich die Betriebsräte ausgesetzt sehen, verhallen die Mahnungen aus der Zentrale. Im Mai dieses Jahres beispielsweise nahm der Frankfurter IG-Metall-Bezirksleiter Hans Pleitgen die Kollegen im Betriebsrat des Kaiserslauterer Opel-Werkes unter Beschuß. Sie sollten, so Pleitgen, dafür sorgen, »daß das freie Wochenende erhalten bleibt«.

Wer nach dem Motto »Rette sich, wer kann« handele, der opfere »Stück für Stück unserer Lebenskultur«. Was bliebe noch übrig, wenn »der letzte eventuell erreichbare Kostenvorteil« genutzt sei, fragte Pleitgen.

Und weiter: »Wird dann der Urlaub abgebaut, das Kranksein verboten, werden die Feiertage abgeschafft, und wird die Lebensarbeitszeit wieder verlängert?« Pleitgen: »Nicht Anpassung, sondern Empörung und die Organisation von Gegenwehr gegen solche Konzepte und Strategien sind unsere notwendige Reaktion und Aufgabe.«

Die starken Worte können nicht vernebeln, daß die IG-Metall-Zentrale die Entscheidungsgewalt in der Wochenendarbeitszeit weitgehend verloren hat.

»Streiks und Demonstrationen helfen uns in dieser Phase nicht mehr«, rechtfertigte der Kaiserslauterer Opel-Betriebsrat Paul Schleicher, IG-Metall-Mitglied, vor den Kameras des TV-Magazins »Panorama« seine Eigenmächtigkeit. »Wir können hier im Werk keine Gesellschaftspolitik betreiben«, bemerkte Jörgen Nölke, Betriebsrat bei IBM in Sindelfingen.

Bei dem Deutschland-Ableger des amerikanischen Computer-Giganten wurden, so rechnete Nölke vor, 1200 Arbeitsplätze erhalten und neu geschaffen, weil der Betriebsrat gegen den Willen der IG Metall für 300 Mitarbeiter in der Megachip-Produktion kontinuierliche Arbeit, auch am Sonntag, beschlossen hat. Konkurrent Siemens hatte in seiner Regensburger Fertigung schon vorher nach IBM-Methode gepreßt.

Bei IBM erlebte die IG Metall ein wahres Debakel. Vehement hatte sich die Stuttgarter Gewerkschaftsleitung gegen die Wochenendarbeit gestemmt. Dennoch fand sich im Betriebsrat eine

Mehrheit für Arbeit am Sonntag. Der Betriebsratsvorsitzende Nölke hat inzwischen die IG Metall verlassen.

Wie im Fall Opel sind es bei IBM letztlich Konkurrenz-Zwänge, die den Betriebsrat gefügig machten. Das Management des Computer-Riesen begründet die Konti-Schichten - die Arbeit rund um die Uhr - vor allem mit dem hohen Anteil von kostspieligem Produktionsschrott, der durch das Abschalten und Wiederanfahren der hochempfindlichen Geräte nach dem Wochenende entsteht. Würden die Belegschaften nicht nachgeben, bestünde zumindest auf längere Sicht die Gefahr, daß IBM seine Chips woanders backen läßt.

Standard Elektrik Lorenz (SEL) in Stuttgart erhielt für eine kontinuierliche Glasfaserproduktion gleichfalls eine befristete Ausnahmegenehmigung des zuständigen Regierungspräsidenten. Und im neuen BMW-Werk in Regensburg laufen die Bänder seit dem 1. Mai samstags wie an jedem anderen Qerktag von 6 Uhr bis 15.30 Uhr. Jeder Arbeitnehmer hat dafür an drei Tagen der Woche frei. Beschäftigte loben das Modell, die IG-Metall-Zeitung protestierte: »Menschliche Arbeitszeit: Ade!«

Die Gewerkschaftsführung beläßt es nicht bei Protesten und Widerstandsappellen, sie setzt zugleich auf die Justiz. Am Dienstag dieser Woche ist vor dem Stuttgarter Arbeitsgericht Termin für eine Klage des Gewerkschaftsvorstands gegen den Verband der Metallindustrie Baden-Württemberg e.V.

Die IG Metall will den Arbeitgebern nachweisen, daß kontinuierliche Schichtarbeit nicht mit dem Manteltarifvertrag aus dem Jahre 1987 vereinbar sei. Die IBM müsse mithin wieder zur alten Arbeitszeit zurückkehren.

Zuversicht löste bei der Gewerkschaft ein am 30. Juni verkündeter Beschluß des Arbeitsgerichts Arnsberg in Westfalen aus. Die Richter verboten der Olsberger Firma Christophery GmbH, in deren Kunststoff-Spritzerei künftig auch den Samstag in die Regelarbeitszeit einzubeziehen.

»Die Einführung von Samstagsarbeit«, so die Begründung, stelle"einen Einbruch in einem lang erkämpften sozialen Besitzstand der Arbeitnehmerschaft« dar. Das Gericht sah von der Samstagsarbeit bei Christophery eine »Sogwirkung« auf andere Firmen ausgehen.

Selbst wenn dieses Urteil Schule machte, selbst wenn die IG Metall in dem Stuttgarter Verfahren recht bekäme, das entscheidende Manko bliebe bestehen: die wachsende Kluft zwischen der Führung der Gewerkschaften und den Mitgliedern und Belegschaften, die ihren eigenen Interessen folgen.

Es geht den Vorleuten der Gewerkschaft ja nicht allein um die Erhaltung des Sozialwerts »freies Wochenende«. Es geht ihnen auch um die Bewahrung der eigenen Macht.

Mit der Auflösung des starren Arbeitszeitschemas sei eine »totale Zerstörung jeder tauglichen Arbeitszeitordnung« verknüpft, klagte der IG-Metall-Vorstand Klaus Zwickel. Wo aber keine Ordnung herrscht, da tun sich die Großverbände schwer, die Gefolgschaft zu formieren.

Daß die Interessen von Gewerkschaftsführern und der Basis auseinanderdriften, dafür gibt es viele Indizien. Bei Daimler-Benz in Stuttgart-Untertürkheim, bei Siemens in Erlangen, bei IBM in Sindelfingen - überall hat die IG Metall ihre Mehrheit in den Arbeitnehmervertretungen verloren. Von den jungen Angestellten bis zum Alter von 25 Jahren ist nur noch jeder zehnte Mitglied der Metallgewerkschaft.

»Es droht Vergreisung«, klagte IG-Metall-Vorstand Siegfried Bleicher. Die Mitarbeiter, so der Erlanger Siemens-Betriebsratsvorsitzende Wilhelm Schelsky, »wollen vom Klassenkampf nichts wissen«.

Betriebsrat Herbert Gärtig von Bischof + Klein hat seiner Gewerkschaft, der IG Druck und Papier in Stuttgart, am 25. Juli sogar die Gründung einer Gegenorganisation angekündigt. Gemeinsam mit Betriebsräten des Verlagshauses Burda, Offenburg, Mohndruck, Gütersloh, und Belegschaftsvertretern aus anderen Branchen rief er eine »Arbeitsgemeinschaft für flexible Arbeitszeiten« aus.

Selbst linientreue Gewerkschafter wie der Opel-Gesamtbetriebsratsvorsitzende _(Lokal am Steinhuder Meer. )

Richard heller sind inzwischen der Ansicht, daß die IG Metall beim Thema Wochenendarbeit »auf Dauer nicht mehr weggucken kann«. Heller verlangt von seinen Gewerkschaftsoberen, »endlich Parameter auszuhandeln mit dem Arbeitgeberverband, die den Betriebsräten zur Orientierung dienen«.

Da ist in der Tat vieles zu tun, wollen die Gewerkschafter nicht den Anschluß an die Neuzeit verlieren.

Wenig hifreich erscheint beispielsweise vielen Betriebsräten die Losung der IG-Metall-Zentrale, ihre Vertreter an der Basis sollten auf Abbau von Überstunden drängen. Und wenn Überstunden schon unvermeidlich seien, dann sollten sie durch freie Tage ausgeglichen werden, um Platz für neue Mitarbeiter zu schaffen.

Der Bochumer Opel-Betriebsrat Happe kann da nur müde lächeln. Er weiß, daß die meisten Kollegen wenig Wert auf freie Tage legen, daß sie Geld sehen wollen.

In der jüngsten Bochumer Betriebsvereinbarung gingen Opel-Geschäftsführung und -Arbeitnehmer vorsichtshalber davon aus, daß nur magere zehn Prozent der Mitarbeiter Überstunden durch Freizeit ausgleichen wollen, die anderen auf Bares aus seien. Happe: »Um die zehn Prozent müssen wir aber noch kräftig werben.«

Auf Franz Steinkühler und seine Vorstandskollegen kommen schwere Zeiten zu. Galt das lange Wochenende gestern noch als moderne soziale Errungenschaft, so zählt es heute vor Ort zur Dispositionsmasse der Betriebsräte. Noch gibt es für jene, die samstags oder sonntags ins Werk gehen, schöne Zuschläge. Doch das muß nicht so bleiben.

Wenn immer mehr Belegschaften aus Sorge um ihre Arbeitsplätze freiwillig

am Wochenende zur Schicht gehen, wird der Bonus aus Arbeitgebersicht überflüssig. Der IG-Metall-Tarifexperte Klaus Lang: »Die Wochenendarbeit wird nur so lange besser bezahlt, solange sie in den Kampf einbezogen ist.«

Die Strategen in der Frankfurter IG-Metall-Zentrale hoffen immer noch darauf, daß sich die Betriebsräte künftig - anders als bei BMW in Regensburg, bei Siemens, SEL und IBM - nur auf zuschlagspflichtige Mehrarbeit am Wochenende einlassen. Diese Modelle sind befristet und müssen regelmäßig neu genehmigt werden.

Betriebsnahe Metaller halten dieses Kalkül für illusorisch. Ein Betriebsrat, der sich einmal auf langfristige Zusagen wie bei Opel in Bochum eingelassen hat, werde sich demnächst wohl kaum gegen die Belegschaft und für die IG-Metall-Doktrin entscheiden. Lang: »Das wird ein Drahtseilakt.«

Auf derart riskante Übungen lassen sich die Chemie-Gewerkschafter gar nicht erst ein. Sie nehmen im innergewerkschaftlichen Streit über den Sonntag die Gegenposition zu den Metallern ein.

Die Lobby der Chemie-Werker weiß sich allerdings auch in einer weit komfortableren Ausgangslage. Der Chemie-Branche fiel es schon immer etwas leichter als der Metallverarbeitung oder der Stahlindustrie, den Beschäftigten soziale Wohltaten zukommen zu lassen. Der Personalkostenanteil am Produktionswert der Chemie liegt weitaus niedriger als bei Metall oder Stahl.

Im Gegenzug ließ sich die Chemie-Gewerkschaft bereitwilliger als andere darauf ein, den Unternehmen beim Kostensenken zu helfen. Den Wunsch der Arbeitgeber, die teuren Anlagen besser zu nutzen, akzeptiert die IG Chemie schon seit längerem ohne Murren.

IG-Chemie-Vorstandsmitglied Horst Mettke verfolgt seine tarifpolitische Linie seit rund fünf Jahren: Arbeitszeitverkürzungen mit vollem Lohnausgleich und Neueinstellungen sollen zumindest teilweise aus den besseren Nutzungszeiten der Anlagen finanziert werden.

Tief unten im Aktenkeller der IG-Chemie-Hauptverwaltung in Hannover verwahrt Mettke eine rote Kunststoffkiste. Darin stecken rund 220 Verträge, in denen Betriebe über die in der Gewerbeordnung für die Chemie ausdrücklich erlaubten Fälle hinaus Wochenendarbeit als Regelarbeitszeit vereinbart haben.

Seine »Mausekiste« schleppt Mettke zu jedem Gewerkschaftstag mit: »Immer, wenn dann Leute auf die Bühne kommen und Ideologie verkaufen«, berichtet Mettke, »greife ich in die Kiste und beweise ihnen, daß in ihrem Betrieb längst Wochenendarbeit vereinbart worden ist.«

Mettke hat sich, anders als seine Kollegen in der Frankfurter IG-Metall-Zentrale, aus den Verhandlungen zwischen Betriebsräten und Managern nicht ausgeklinkt. Er wacht darüber, daß die Belegschaften was Ordentliches aus den Verhandlungen herausholen. Vor allem achtet Mettke auf eins: »Die Gewerkschaft hatte immer die feste Zusage, daß bei Mehrschicht-Betrieb auch neue Leute eingestellt wurden.«

Da machte beispielsweise die Reifenfirma Goodyear eine 100-Millionen-Mark-Investition in Fulda davon abhängig, daß die Mitarbeiter-Vertreter verbindlich

ihre Bereitschaft zu Samstagsarbeit bekundeten. Bevor die Betriebsratskollegen diese Erklärung abgaben, hatte sich Mettke im Aufsichtsrat eine schrif tliche Bestätigung über die Zahl der Neueinstellungen besorgt.

Bei Michelin in Bad Kreuznach sind auf dem Weg solcher Gegengeschäfte laut Mettke 400, im Werk Homburg 150, bei Continental in Hannover durch drei Wochenendschichten 200 Arbeiter, überwiegend Arbeitslose, neu eingestellt worden.

Für die Wochenendarbeit gibt es Zuschläge und freie Tage. Mettke: »Das kann man wohl schlecht als arbeitnehmerfeindlich darstellen.«

Unterstützung durch Aufklärung verspricht sich der IG-Chemie-Mann ausgerechnet von dem Politiker, der bei seinem Vorsitzenden Rappe auf dem Index steht, von Oskar Lafontaine. Mettke: »Der Streit zwischen den beiden ist unsinnig. Die IG Chemie macht eine Politik, die nahe bei Lafontaine liegt. Ohne seine Anstöße hätten wir die Unternehmer niemals so in unsere Ecke gekriegt.«

Der Kooperationskurs der Chemie-Gewerkschaft findet allerdings nicht in allen Unternehmen bei der Belegschaft Beifall. Bei Beiersdorf in hamburg und bei Polygram in Hannover, einer Philips-Tochter, die Compact-Discs (CD) produziert, lehnten die Betriebsräte Wochenendarbeit ab.

Daraufhin annoncierten die Unternehmen spezielle Samstags- und Sonntagsjobs, zweimal zwölf Stunden, dazu eine kurze Schicht in der Woche. Für das schnelle 30-Wochenstunden-Paket gab es, so Mettke, wegen der Sonntagszuschläge, fast soviel Lohn wie für einen normalen 40-Stunden-Job. Bei Polygram meldeten sich prompt 2000 Bewerber, über 300 Mitarbeiter, die bis dahin arbeitslos waren, wurden eingestellt.

Polygram mußte das Experiment in diesem Jahr jedoch beenden: Der Ausschuß war zu hoch, die Jobber entwickelten, so Mettke, keine Bindung an den Betrieb.

Inzwischen hat der Betriebsrat umgeschaltet: Bei Polygram werden jetzt am Wochenende einige Schichten regelmäßig gefahren. Sonntags um sechs Uhr werden die Automaten abgestellt, weiter geht es am Montagfrüh um sechs Uhr.

Mettke argumentiert ganz auf der Linie der manager. »Die Leute entwickeln heute ein ganz anderes Freizeitverhalten«, sagt der Chemie-Gewerkschafter, »wer weiß, daß rings um uns in Europa das Wochenende nicht tabu ist, der sperrt sich nicht, sondern organisiert sein Leben um.«

Bei Mettkes Gewerkschaft wird geschätzt, daß in der Chemie seit 1987 allein durch Arbeitszeitverkürzung in Verbindung mit Wochenendarbeit zwischen 3000 und 5000 neue Arbeitsplätze entstanden sind.

Die »Nagelprobe« sieht der Mann mit der Kiste allerdings noch vor sich. Er verhandelt zur Zeit mit den Chemie-Arbeitgebern über neue Schichtmodelle, bei 33 2/3 Stunden Wochenarbeitszeit. Auf diese Weise könnten nach Mettkes Rechnung rund 100 000 neue Arbeitsplätze angeboten werden.

Vor diesem Ziel türmen sich noch hohe Hindernisse auf. Die Arbeitnehmer müssen sich bereit finden, neben den bisherigen Arbeitseinheiten - Früh-, Spät-und Nachtschicht, bis Samstagfrüh um sechs Uhr - noch weitere Schichten, ins Wochenende hinein, zu akzeptieren. Sie müssen gleichzeitig hinnehmen, daß die Gewerkschaft für einen solch enormen Sprung bei der Arbeitszeitverkürzung keinen vollen Lohnausgleich rausschinden kann.

Mettke: »Die Arbeitgeber werden ja sagen zu 33 2/3 Stunden. Sie werden eine neue Schicht einstellen. Sie werden aber auch nur 33 2/3 Stunden bezahlen wollen. Das wird sehr schwierig.«

Es wird schwierig mit der Gegenseite, den Arbeitgebern. Und es wird schwierig mit den eigenen Leuten, den Mitgliedern in den Betrieben und den Kollegen in den anderen Gewerkschaftsvorständen.

Die Konflikte um mehr Beweglichkeit bei den Arbeitszeiten, um Arbeit am Samstag und am Sonntag, stecken erst in den Anfängen. Ratschläge von außen lassen sich die auf Korpsgeist bedachten Gewerkschaftsfürsten in dieser Frage ungern erteilen, auch nicht von Oskar Lafontaine.

Nur zu gern hätten sie die bitterböse interne Auseinandersetzung über bezahlte Arbeit am Wochenende hinter dem Vorhang ausgetragen. Nun hat der böse Oskar dafür gesorgt, daß sie vor größerem Publikum ausgetragen wird.

Dabei ist dies keine Auseinandersetzung, derer sich die Gewerkschafter schämen müßten. Neue Formen der Arbeitsorganisation sind konfliktfrei nicht umzusetzen, vor allem dann nicht, wenn Riten wie die Wochenendgestaltung angetastet werden. Die Gewerkschaften, durch ihre Mitbestimmungsrechte gefordert, führen da quasi stellvertretend eine Debatte, die der Gesellschaft noch bevorsteht.

Die bundesdeutsche Wohlstandssociety muß abwägen, was sie will. Sie kann sich, reich wie sie inzwischen ist, natürlich dafür entscheiden, den Sonntag weiterhin zu heiligen. Doch dieses Vergnügen gibt es nicht umsonst. Der Verzicht auf Wochenendarbeit wird erkauft mit dem Verzicht auf materiellen Mehrwert.

Weitere Arbeitszeitverkürzung ohne Einkommensverlust und mit womöglich weiter steigenden Löhnen rechnet sich nur, wenn die Maschinen länger laufen können.

Auch wenn Franz Steinkühler seine ganze rhetorische und demagogische Kraft einsetzt: Die Wochenendruhe, mit ihren unbestreitbaren Vorzügen, ist dahin. Es waren die Gewerkschaften selbst, die sie drangaben - als sie (vernünftigerweise) Arbeitszeitverkürzungen durchsetzten und den Durchbruch mit dem Preis der Flexibilisierung bezahlten.

Die Werktätigen in den Fabrikhallen, mit den Konkurrenz- und Kostenzwängen ihrer Firmen wohlvertraut, scheinen das schneller begriffen zu haben als die Gewerkschaftsanführer, die vor vier Jahren die Tarifverträge ausgehandelt haben.

Der Lengericher Betriebsratsvorsitzende Herbert Gärtig jedenfalls hat keinen Zweifel, wo es längs geht. Künftig gäbe es, schrieb er dem Genossen Lafontaine, »keine weiteren Arbeitszeitverkürzungen ohne den Gegenwert längerer Nutzungszeiten der Maschinen, wenn wir nicht alle Schaden nehmen wollen«.

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SONNTAGS DOCH Häufigkeit regelmäßiger Sonntagsarbeit nach Wirtschaftszweigen; Angaben in Prozent der Beschäftigten Hotel und Gaststätten 54 Verkehr und Nachrichten 24 Öffentlicher Dienst 22 private Organisationen 18 Land und Forstwirtschaft 11 Nahrung und Genuß 11 Holz, Papier und Druck 11 Chemie 10 Bergbau 9 Steine und Erden 5 Metallbau 5 Metallerzeugung 4 Elektro 3 Textil und Bekleidung 1 »SCHWINGENDE WOCHE« Modell der Schichteinteilung bei BMW in Regensburg: zwei Arbeitsplätze für drei Mitarbeiter, die abwechselnd an beiden Arbeitsplätzen eingesetzt werden; wöchentlich vier Arbeitstage mit je neun Arbeitsstunden (=36-Stunden-Woche) Arbeit an Platz 1 Arbeit an Platz 2 Freier Tag SCHICHTPLAN Mitarbeiter A Mitarbeiter B Mitarbeiter C Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag Sonntag Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag Sonntag Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag Sonntag

[GrafiktextEnde]

Plakat zum 1. Mai aus den fünfziger Jahren.Lokal am Steinhuder Meer.

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