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»Unschöne Importe«

Atomstrom aus Temelin statt aus Stade - wird so der Ausstieg unterlaufen?
Von Gerd Rosenkranz
aus DER SPIEGEL 44/2000

Von Russen errichtet, von Amerikanern vollendet, von Österreichern bekämpft: An Internationalität mangelt es dem tschechischen Atommeiler Temelin nicht. Nun steht der aus Veba- und Viag-Konzern hervorgegangene Energieriese E.on im Verdacht, den Temelin-Strom nach Deutschland zu holen. Den deutschen Atomaussteigern verhagelte Temelin denn auch das erste Freudenfest. Denn nur Tage zuvor hatte E.on die Stilllegung des Reaktors Stade bis 2003 verkündet.

Die zeitliche Koinzidenz machte Temelin zum Symbol für die Fragwürdigkeit eines Atomausstiegs in einem liberalisierten Strommarkt. Der Kraftakt der rot-grünen Regierung, hatten Strombosse schon lange gehöhnt, werde lediglich zur Folge haben, dass Nuklearstrom künftig aus Hochrisikomeilern von jenseits der Grenzen kommen werde.

Grenzüberschreitenden Stromhandel gab es immer schon (siehe Grafik Seite 60). Mittlerweile sind sich Fachleute jeglicher Couleur jedoch einig, dass er sich auch im liberalisierten Markt nicht so weit wird ausweiten lassen, dass damit der deutsche Atomausstieg ernsthaft unterlaufen wird.

Als Umweltminister Jürgen Trittin kürzlich versicherte, die technischen Ex- und Importkapazitäten Europas machten insgesamt maximal zehn Prozent des deutschen Stromverbrauchs aus, kam Zustimmung von ungewohnter Seite. »Komplett richtig« liege der Minister mit seiner Aussage, verlautete aus dem E.on-Konzern.

Der Stromriese beeilte sich, den bösen Verdacht, beim Import »schmutzigen Stroms« den Vorreiter zu spielen, gleich wieder loszuwerden. Mit dem tschechischen Temelin-Betreiber CEZ verbinde das inzwischen bei E.on integrierte Bayernwerk seit Jahren ein Stromliefervertrag, der etwa die Leistung eines großen Kohlekraftwerks umfasse. Der Kontrakt werde nicht verändert, heißt es. Die Importe würden tendenziell sogar schrumpfen, weil E.on sich die Übertragungskapazität von etwa 1200 Megawatt inzwischen mit konkurrierenden Stromerzeugern teilen müsse.

Tatsächlich hat sich der grenzüberschreitende Stromhandel aus und nach Deutschland in den vergangenen Jahren kaum verändert. Modellrechnungen auf der Basis des künftigen europäischen Reaktorarsenals ergeben nach einer Untersuchung des Berliner Öko-Instituts zwar eine Steigerung der Importe. Aber mehr als zwei Prozent des nationalen Strombedarfs werde der Import per Saldo auch in Zukunft kaum übertreffen, versichert der Energieexperte Felix Christian Matthes.

Dass die Bundesregierung trotzdem besorgt ist, liegt an der öffentlichen Wirkung. »Angenehm«, so sann kürzlich Wirtschaftsminister Werner Müller auf Abhilfe, wäre eine freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen, auf »unschöne Stromimporte« zu verzichten. Sonst müsse der Staat eben über eine »Deklarierungspflicht« für derlei Geschäfte nachdenken.

GERD ROSENKRANZ

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