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KANADA Unschuld verloren

Auch das zweitgrößte Land der Erde ist nicht mehr unberührt und sauber: Mit geringer Verspätung nur hat der Umweltschmutz Kanada erreicht.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Das Gesundheitsamt von Montreal warnte eindringlich vor frischer Luft. Bürger mit schwachem Herzen oder Atembeschwerden. so riet die Behörde, sollten in ihren Wohnungen bleiben: Sie könnten »sich nur unter Lebensgefahr auf die Straße begeben«.

Grund des Luft-Alarms: An kalten Herbst- und Wintertagen pusten die Heizanlagen in der größten Stadt Kanadas riesige Mengen Schwefeldioxyd durch die Schornsteine. Der Schwefelgehalt der Luft übersteigt das erlaubte Maß dann mitunter um 145 Prozent.

Im vergangenen Winter war die erstickende Giftglocke über Montreal und anderen kanadischen Städten angeblich mit schuld an etwa 300 Todesfällen.

Verpestete Großstadtluft« dunkle Rauchschwaden aus Fabriken -- das sind augenscheinliche Symptome für die zunehmende Umweltverschmutzung im zweitgrößten Land der Erde. Der Pionierstaat, dessen Name noch immer vorwiegend Gedanken an weite Wälder und Weizenfelder weckt, leidet mittlerweile unter den gleichen Zivilisationsplagen wie andere Industrienationen. »Das ehedem unberührte, saubere Kanada"« wehklagte der Montrealer Journalist Norman Pascoe, »hat seine Unschuld verloren.«

Am Oberlauf des Ottawa-Flusses leiteten Dörfer und Städte ihre Abwässer bislang ungeklärt in den Strom. »Wie im Mittelalter -- skandalös!« empörte sich Kanadas Gesundheitsminister John Munro. Und das Blatt »Ottawa Citizen« fand es verwunderlich, daß nur acht Menschen an Typhus erkrankt seien -- denn »wir züchten genug Bakterien für eine Millionen-Epidemie.

Mit wachsender Sorge registrieren umweltbewußte Kanadier besonders die rapide Verseuchung der Great Lakes. An ihr freilich sind auch Kanadas südliche Nachbarn schuld: Mitten durch die Großen Seen verläuft die amerikanisch-kanadische Grenze; zahlreiche Industriebetriebe an den US-Ufern pumpen ihren Abfall in die Gewässer.

Zwar schlossen die beiden Nachbarstaaten unlängst einen Vertrag zum gemeinsamen Kampf gegen die Vergiftung der Grenzseen. Doch manche Kanadier fürchten, daß die Industriebosse genügend Schleichwege finden werden. um die Kontrollen bei der Beseitigung giftiger Abwässer zu umgehen.

Sterbende Fische in den Seen, quecksilber-vergiftete Wale in der Hudson Bay, Öl-Lachen auf den Schiffahrts-Gewässern -- das für Umweltschutz zuständige Ministerium erhält immer neue Hiobsbotschaften. Sogar im kaum besiedelten Nordwest-Territorium, das weit über den Polarkreis hinausreicht, drohen ökologische Gefahren.

Bei Erdöl-Bohrungen gab es dort über 300 Öl-Lecks. Bulldozer und Kräne ruinierten fast 20 000 Quadratkilometer Boden. Oft dauert es in der polarkalten Zone 50 Jahre, bis das dünne, von den Maschinen weggerissene Gras wieder nachwächst.

Und rund um die Lagerplätze der Bahr- und Bautrupps stapelt sich der Müll in Plastiksäcken. Denn »die eisige Kälte«, so das Ministerium für nördliche Angelegenheiten, »erschwert das Eingraben von Abfall, und nicht alles kann verbrannt werden«. Die Plastiktürme, »gefüllt mit Küchenabfällen. menschlichem und tierischem Unrat«. sind oft höher als die Wohnbaracken.

Der Müll häuft sich auch in den Vororten einiger Großstädte, ja sogar in Sommerfrischler-Gegenden. »Wenn nicht sofort etwas Drastisches geschieht, werden wir in wenigen Jahren in unserem eigenen Unrat ersticken«, mahnte daher eine Zeitungsanzeige. Als Inserent zeichnete eine neue Gruppe für den Umweltschutz: die »Society to Overcome Pollution«, nach ihren Anfangsbuchstaben »Stop« genannt.

Stop hält die beamteten Saubermänner des Umweltschutz-Ministeriums für zu lax. Und wie Stop fordern auch andere Kanadier, die Behörden müßten den Anti-Schmutz-Feldzug energischer führen.

Als Umwelt-Minister Jack-Davis, mit Blick auf ökologische Schäden, scharf gegen die amerikanische Atomexplosion auf der Insel Amchitka wetterte, glossierte das »Ottawa Journal": »Gut gesprochen. lack; und jetzt tu was gegen Kanadas Müllberge!«

* Am 8. November in Toronto.

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