Zur Ausgabe
Artikel 34 / 85

Prozesse »UNSER FACH ENTSCHEIDET ÜBER SCHICKSALE«

aus DER SPIEGEL 46/1969

SPIEGEL: Im Hetzel-Verfahren war Ihr Gutachten mitentscheidend für die Korrektur des Fehlurteils von 1955. Sie haben in Offenburg Ihr Gutachten beendet mit dem Satz: »Das alles hätte schon vor dreißig Jahren vorgetragen werden können.« Ist das der Offenbarungseid unserer Gerichtsmedizin?

PROKOP: Die Gerichtsmedizin reicht in viele Disziplinen hinein. Darin liegt eine Gefahr. Es ist unmöglich, daß selbst ein exzellenter Wissenschaftler heute noch jedes Gutachten erstatten kann. Außerdem müssen natürlich trotz des Fortschrittes der Naturwissenschaften jeweils auch die alten Erfahrungstatsachen und experimentellen Daten immer bekannt sein. Blindes Vertrauen auf die Ausstattung eines Instituts mit schönen Geräten hilft da nichts.

SPIEGEL: Worin sehen Sie die Ursache, daß im Fall Hetzel Professor Ponsold 1955 zu der Annahme einer Todesursache kam, die schon nach damaligem Stand der Wissenschaft eindeutig auszuschließen war. War hier Leichtsinn, Ordinarien-Hybris oder blanke Unkenntnis im Spiel?

PROKOP: Es geziemt sieh, auf solche Fragen bescheiden zu antworten. Nach 1945 waren die Arbeitsbedingungen in Deutschland sehr schlecht. Außerdem darf man eine Sache nicht unbedingt ad personam ausbaden lassen. Wenn etwas schiefgegangen ist, sind mehrere daran beteiligt. Und: Viele große Gelehrte irrten.

SPIEGEL: Kommt es nicht auf die Ursachen des Irrtums an, ob also ein Wissenschaftler auf der Höhe seiner Zelt an die Grenzen der Erkenntnis gerät und deshalb irrt oder der Irrtum daher rührt, daß alte wissenschaftliche Erkenntnisse übersehen und Gutachten leichtfertig aus der spontanen Inspiration abgegeben wurden?

PROKOP: Gewiß. Irrtümer lassen sich um so eher vermeiden, je mehr Personen sich mit einer Sache befassen. Es wäre immer besser, daß man die Verantwortung für Menschenschicksale keinem einzelnen Sachverständigen aufbürdet, dann werden Irrtümer auf ein Minimum herabgedrückt. Es sei denn, daß man Nicht-Fachleute zusammenspannt.

SPIEGEL: Professor Ponsold galt 1955 als »Papst« der deutschen Gerichtsmedizin. Gibt es in Ihrem Fach auch heute noch eine vergleichbare Polarisierung auf einen Mann, und hielten Sie das für erträglich? Gelten heute nicht gar Sie als ein solcher Papst?

PROKOP: Ob ein Wissenschaftler in seinem Leben etwas geleistet hat oder nicht, wird die nächste oder übernächste Generation entscheiden. Soweit ich die Gerichtliche Medizin kenne, haben wir nie einen Papst aus unseren Reihen gewählt. Und ich selbst möchte für mich nicht in Anspruch nehmen, ein solcher zu sein. Man muß auch einmal den Mut haben, bei Gericht zu sagen: Ich kann das nicht »klären. Ich habe erlebt, daß mir vorgehalten wurde, Sie sind doch Professor für Gerichtliche Medizin, Sie müssen das doch wissen! Ich habe gesagt: Nein, das weiß ich nicht.

SPIEGEL: In der Bundesrepublik erfahren künftige Staatsanwälte und Strafrichter während ihrer Ausbildung so gut wie nichts von Kriminologie, Gerichtsmedizin und Psychiatrie. Später urteilen sie so, wie die Gutachter gutachten -- nach dem Hetzel-Skandal eine beängstigende Vorstellung. Gibt es da Abhilfe, und wie ist das bei Ihnen in der DDR?

PROKOP: Es gibt Abhilfe: Man muß die Vorlesungen zum Pflichtfach machen. In der DDR gibt es für Juristen eine Pflichtausbildung in Gerichtlicher Medizin, aber das Schwergewicht liegt in der Vorinstanz bei den Ermittlungen. Es gibt bei uns Diplomkriminalisten, sie sitzen in allen führenden Positionen der Ermittlungsbehörden und in allen Mordkommissionen. Sie haben 80 volle Unterrichtsstunden Gerichtsmedizin und werden darin geprüft. Die allgemeine Polizeiausbildung und ein paar Schulungskurse dazu, das reicht heute einfach nicht mehr aus.

SPIEGEL: Sollte man, belehrt durch den Fall Hetzel, in Fällen, in denen dem Gericht eigene Sachkunde fehlt und das Gesetz mehrjährige Freiheitsstrafen androht, nicht künftig wenigstens zwei Gutachter obligatorisch hören und -- sofern sie voneinander abweichen -- einen dritten?

PROKOP: Das kann man natürlich machen. Man kann aber auch die Strafprozeßordnung so modifizieren, daß man ein Gutachten nicht mehr ad personam gibt, sondern von vornherein eine Dienststelle beauftragt, die von sich aus die geeigneten Leute zusammenzieht. In konkreten Fällen meiner Praxis in der DDR Ist so verfahren worden, daß das Gutachten aufgeteilt und eine Kommission zusammengestellt wird, die das Gutachten dann erarbeitet, und einer vertritt es. In einem Fall war die Sache so schwierig, daß vier Monate lang vier Professoren das Gutachten zusammenstellen mußten und die Literatur geradezu waschkorbweise gelesen haben. Nur, man muß eben ein Kollektiv haben. Auch die Assistenten allein reichen nicht aus. Man muß auch einmal zugestehen, daß das eigene Fach nicht ausreicht.

SPIEGEL: Wie wird man Gerichtsmediziner? Bei uns gibt es keine spezielle Ausbildung für dieses Fach Praktisch kann jeder Mediziner, sei er nun Urologe oder Orthopäde, Gerichtsmedizin ausüben.

PROKOP: Es gibt bei Ihnen zwar keine Vorschriften über die Voraussetzungen, aber die Praxis sieht gleichwohl oft besser aus. Mein verehrter Lehrer, Professor Elbel, Bonn, hat seine Mitarbeiter erst einmal für einige Zeit in die Pathologie geschickt, dann in die Psychiatrie und die Innere Medizin. Danach kam die spezielle Ausbildung durch Elbel. Das beste ist aber ganz sicherlich der Facharzt für Gerichtliche Medizin.

SPIEGEL: Gibt es ihn in der DDR?

PROKOP: Ja. Er muß ausgebildet sein in Pathologie, Toxikologie, in der klassischen Gerichtlichen Medizin des gewaltsamen Todes, in der Serologie und in der Spurenkunde. Das ist schon fast zuviel. Darum haben wir in Erwägung gezogen, die großen gerichtsmedizinischen Institute in drei große Abteilungen aufzugliedern: gewaltsamer Tod, Serogenetik und Spurenkunde sowie Toxikologie.

SPIEGEL: Wie viele Mitarbeiter haben Sie in Ihrem Institut?

PROKOP: Etwa 75, darunter zehn Ärzte und drei Diplomchemiker -- ein Stab, mit dem man arbeiten kann. Er könnte freilich noch größer sein.

SPIEGEL: Sollte man die Haftung des Gutachters -- strafrechtlich wie zivilrechtlich -- verschärfen, um die Versuchungen zu mindern, in den blauen Dunst zu gutachten?

PROKOP: Man soll keinen Berufsstand besonders bedrohen. Wenn Gutachten von Kollektiven oder einer ganzen Fakultät erstellt werden, ist das Risiko geringer. Entscheidend ist die Auswahl der Mitarbeiter, fachlich und menschlich. Denn unser Fach entscheidet über Schicksale. Ein Sachverständiger, der in einem entscheidenden Fall zum Gericht geht und die Nacht davor schlafen kann, scheidet menschlich schon aus.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 34 / 85
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.