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ISRAEL Unser Geist

Der künftige Premier Peres bewährte sich als Waffenkäufer, brachte Israels Rüstungsindustrie voran und war Partner des damaligen Bonner Verteidigungsministers Strauß. Aber ein Strauß ist er nur sehr bedingt.
aus DER SPIEGEL 17/1977

Peres ist eine Zeitbombe für Rabin«, prophezeite Henry Kissinger auf einer seiner orientalischen Pendelreisen 1975. Vorletzte Woche explodierte die Bombe.

Weil seine Frau in Amerika zwei Konten mit insgesamt 21 000 Dollar unterhielt, was nach israelischem Gesetz verboten ist, trat Premier Jizchak Rabin, 55, zurück. Die seit der Staatsgründung regierende Arbeitspartei ernannte Verteidigungsminister Schimon Peres, 53, der auf dem Parteitag vor sieben Wochen von Rabin noch knapp geschlagen worden war, zum Nachfolge-Kandidaten für den Premier-Posten. Ab Freitag dieser Woche führt Peres bereits die Regierungsgeschäfte.

»Dies ist ein Manöver, um einen Frieden mit den Arabern zu verzögern«, behauptete die Kairoer Zeitung »Al-Ahram«. Ein Manöver aber ist Rabins Fall gewiß nicht -- dafür kommt er der Arbeitspartei, einen Monat vor schwierigen, vielleicht schicksalentscheidenden Neuwahlen, zu ungelegen.

Dennoch kann Rahms Sturz die Bemühungen um einen tragbaren Ausgleich im Nahen Osten erschweren, der Konflikt scheint sich ohnehin wieder zuzuspitzen:

An Israels Nordgrenze kämpfen Palästinenser und christliche Libanesen um die Kontrolle des Südlibanon. Israelis und Syrer könnten in die Kämpfe verwickelt und damit in jene unmittelbare Konfrontation getrieben werden, die seit dem syrischen Einmarsch in den Libanon vermieden wurde. Rabin-Nachfolger Peres könnte schnell zu weitreichenden Entscheidungen gezwungen sein. »Wir werden die Christen im Südlibanon nicht verraten und ihnen nicht den Rücken zuwenden«, gelobte Peres vorige Woche.

Er galt bislang als Falke, der zu keinen Konzessionen gegenüber den Arabern bereit ist, da er sich in seiner Karriere vor allem als Waffenkäufer des Judenstaats profiliert hatte. Peres: »Mir sind die Zylinder von Panzermotoren lieber als die von Diplomaten.«

Heute muß man ihn wohl differenzierter sehen: Peres ist undurchsichtig. voller Widersprüche. So versprach er seinen Genossen, das Programm der Arbeitspartei zu erfüllen, nach dem sich Juden nur mit staatlicher Genehmigung im besetzten Westjordanien ansiedeln dürfen. Er ermutigte aber auch die illegalen Siedler von Kadum bei Nablus und erklärte kürzlich in einem Interview: »Juden können sich in Brooklyn und London niederlassen. Weshalb sollen sie nicht auf dem Westufergebiet bleiben können?«

Er sprach sich einerseits für die Rückgabe von Westuferland an Jordanien aus, andererseits aber will er erst die Israelis darüber abstimmen lassen, die wahrscheinlich gegen die Rückgabe wären.

»Peres ist zu sehr Taktiker. Sein pragmatischer Sinn läßt ihm keinen moralischen Anker«, urteilt ein Kabinettskollege. Abba Eban, der Ex-Außenminister, sieht bei Peres gar eine »Tendenz zum Abenteuertum«.

Das US-Magazin »Newsweck« bescheinigt dem Israeli hingegen »Kennedy-Qualitäten": »Einen wachen Verstand, wütende Ungeduld über überholte Ideale und pragmatische Entschlossenheit, neue Konzepte zu finden.« Peres selbst erklärt: »Der Ausweg aus zwei unannehmbaren Alternativen ist, eine dritte Möglichkeit zu finden, über die noch niemand nachgedacht hat.«

Dieser Peres stammt aus einer kleinbürgerlichen polnischen Familie, die Persky hieß und 1934, als Peres elf Jahre alt war, nach Palästina auswanderte. Er besuchte gleichzeitig mit Sonia Gellmann, seiner späteren Frau, die landwirtschaftliche Schule in Ben-Schemen und betätigte sich in der sozialistischen Jugendbewegung, in der er zum Generalsekretär aufstieg.

Peres und Frau gründeten zusammen mit anderen den Kibbuz Alumot unweit des Sees Genezaret, wo Schimon als Kassenwart der finanzschwachen Siedlung lernen mußte, mit Defiziten zu leben, was ihm bei seiner späteren Arbeit oft nützte. Peres war Mitglied der jüdischen Untergrund-Organisation Hagana und eine Zeitlang Chef der kleinen Marine. Ben-Gurion schickte den ehrgeizigen Aufsteiger zum Studium von Soziologie und Wirtschaftsmanagement in die USA.

Nach seiner Rückkehr widmete sich Peres vor allem »Davids Schleuder«, so der Titel eines seiner Bücher -- Israels Bewaffnung. Er war 13 Jahre lang Direktor und Vizeminister im Verteidigungsministerium, 1974 wurde er Verteidigungsminister. Seine Freunde nennen seinen Arbeitsstil dynamisch, seine Widersacher finden ihn rücksichtslos.

Unhöflich kann er gewiß sein. Einmal fuhr er den etwas umständlichen Befehlshaber der Luftwaffe, Benjamin Peled, an: »Mach schon, quatsch dich aus, wenn du was zu sagen hast!«

Gegen die offizielle Politik des Außenministeriums knüpfte Peres schon vor dem Sinai-Krieg von 1956 Beziehungen zur französischen Waffenindustrie an, die Israel dann über zehn Jahre lebenswichtige Rüstungsgüter lieferte. Nach Absprache mit Ben-Gurion verhandelte er in den 50er Jahren mit der Bundesrepublik, was damals für viele Israelis noch Ketzerei war.

Peres fuhr aus Paris per Auto nach Rott am Inn mit seinem langjährigen Freund Ascher Ben-Natan, dem späteren Botschafter in Bonn, am Steuer. Ihr Partner: der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß. Ihr Ziel: »Ein neues Kapitel der Beziehungen beider Länder zu eröffnen.« Seither gilt Peres als Strauß-Freund -- aber der Israeli ist trotz mancher Ähnlichkeit viel schillernder und komplizierter als der grobschlächtige Bayer. Das erste Gespräch mit Strauß dauerte damals fünf Stunden. Nachdem Marianne Strauß ein Mittagessen serviert hatte, erläuterte Peres dem deutschen Minister, Amerika gebe Israel Geld, aber keine Waffen, Frankreich liefere Waffen, aber nur gegen Barzahlung. Deshalb müsse die Bundesrepublik dem jüdischen Staat helfen, das militärische Gleichgewicht im Nahen Osten zu wahren.

Zehn Jahre später enthüllte Peres: »Wir haben aus der Bundesrepublik kostenlos viele Rüstungsgüter bezogen, als es für solche Waffen keine anderen Lieferanten gab, und wir haben sie erfolgreich eingesetzt.« Wahrscheinlich handelte es sich um M-48-Kampfpanzer und rückstoßfreie 57-Millimeter-Kanonen aus US-Produktion.

Neben der westlichen Rüstungshilfe kurbelte Peres den Aufbau einer eigenen israelischen Rüstungsindustrie an. Anfangs produzierte sie nur Uzi-Maschinenpistolen, inzwischen längst Panzer, Raketen, Raketenboote und Überschallflugzeuge. Peres ist davon überzeugt, daß Israel in der Rüstung, der Lebensmittelproduktion, der Energie- und Wasserversorgung autark sein müsse. Dazu gehöre auch die Kernenergie.

Zuweilen steigt der Waffen-Technokrat aber auch in die Tiefen chauvinistischer Gefühlsseligkeit« etwa wenn er, nun ganz straußisch« sagt: »Unser wertvollstes Gut ist unser unbesiegbarer Geist, unsere Eigenart und unsere ewige Hoffnung.«

Anders als Rabin, der auf »besondere Beziehungen« zu Amerika größten Wert legte, möchte Peres mehr Unabhängigkeit von Washington erreichen, weil der Ministaat Israel nicht die ewige Bürde der amerikanischen Supermacht sein dürfe.

Peres drängte den bedächtigeren Rabin im vorigen Jahr zum erfolgreichen Kommando-Unternehmen in Entebbe. Der durchlässige »gute Zaun« an der israelisch-libanesischen Grenze ist gleichfalls seine Idee,

Andererseits unterliefen ihm aber auch schwere Fehleinschätzungen. So hoffte Peres in den frühen 60er Jahren, Ägypten zu neutralisieren, wenn Israel das fernliegende Äthiopien militärisch aufrüstete. So sagte er voriges Jahr bei den Kommunalwahlen im besetzten Westjordanien einen Sieg der gemäßigten arabischen Kräfte voraus -- die militanten aber feierten überall Triumphe.

Wie viele Emigranten aus Osteuropa interessiert sich Peres mehr für die Ideale des Zionismus als für die arabischen Nachbarn. Er lehnt Verhandlungen mit der »sogenannten PLO« grundsätzlich ab.

Denn Jassir Arafat biete »Frieden für Israel ohne Israel« an, aber auch Ägyptens Sadat traut er nicht. Der offeriere »Frieden für Israel ohne Frieden«.

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