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»UNSER GRUNDÜBEL IST DER IDEALISMUS«

aus DER SPIEGEL 33/1969

Einem Freund, der ihn nach den Antrieben seines politischen Handelns befragt hatte. erläuterte Günter Graß während seiner Wahlkampfreise brieflich, »auf welche Akzente meiner politischen Kärrnerei es mir besonders ankommt«. Dem Graß-Brief sind mit Einverständnis des Autors folgende Auszüge entnommen:

Begonnen hat es wohl 1945, als mir durch bekannte historische Ereignisse der Kopf zurechtgesetzt wurde: Seitdem ist ein unverbesserlicher Skeptizismus neben eigentlich lebenslustigem Naturell mein ständiger Begleiter. Das Ergebnis: Widerstand (und oft genug Angriff) gegen und auf jede Ideologie, die sich anmaßt, absolutes Maß zu setzen. Ich bin - um es schlicht zu sagen - gegen jede Zielsetzung, die über den Menschen hinausweist ...

Als ich 1955 zum erstenmal bei der Gruppe 47 las, stand der Begriff und Markenartikel »littérature engagée« hoch im Kurs. Rundweg gesagt: Mich hat die selbstgefällige Art, im nachherein eine Widerstandsliteratur liefern zu wollen und in unregelmäßigen Abständen als Gewissen der Nation aufzutreten, ziemlich angeödet. Meine Kritik galt zuallererst der Dämonisierung des Nationalsozialismus, und wenn es mir gelungen sein sollte, mit Hilfe der Bücher »Die Blechtrommel«, »Katz und Maus« und »Hundejahre« die Dämonisierung einzudämmen und das kleinbürgerliche Detail aufzuwerten, bin ich schon zufrieden ...

Zur Zeit meiner Rückkehr (von Paris, wo Graß »Die Blechtrommel« schrieb; d. Red.) nach Berlin begann die unterschwellige wie offene Diffamierung Willy Brandts, ohne daß die Öffentlichkeit dagegen aufstand, erschreckende Wirkung zu zeigen. Diese Diffamierung eines Mannes, der sich (wie jeder Diffamierte) nicht dagegen wehren konnte, war der erste Anlaß, in der Öffentlichkeit (in der nur Namen zählten und zählen) mit Hilfe des zuerst lästigen, dann immer langweiliger werdenden Ruhmes, für den Diffamierten zu sprechen. Langsam wurde aus dem sympathisierenden ein gelernter Sozialdemokrat; ein geborener bin ich nie gewesen.

Ironischerweise sind die Wortführer der littérature engagée bis heutzutage die heftigsten Gegner des nicht politisch engagierten Schriftstellers, doch gleichwohl politisch engagierten Bürgers Günter Graß. Am meisten Verständnis habe ich bei Altsozialdemokraten gefunden, auch bei Schriftstellern der Emigration wie Carl Zuckmayer ...

Im Gegensatz zu 1965 steht der Versuch, dem Wortgeklingel Engagement einen Inhalt zu geben, heute auf breiterer Basis. Zwar kann ich es nicht verhindern, daß nach wie vor mein Name als Markenzeichen die anderen Leistungen verdeckt, doch haben in immerhin 10 bis 15 Städten Gruppen der Sozialdemokratischen Wählerinitiative nach ihren Möglichkeiten zu arbeiten begonnen.

Ich will nicht verschweigen, daß ich einige gehörige Lektionen in Sachen demokratisch-politischer Kleinkram der Schweiz, also ziemlich direkt meiner Frau zu verdanken habe. Der langsame Bürgersinn der Schweizer, der einerseits außergewöhnliche Leistungen und darum auch außergewöhnlich gefährliche Politiker zu verhindern versteht und der sich andererseits Zeit nimmt, selbst die dringlichste Initiative einem demokratischen Prozeß, also oft genug der Ablehnung, zu unterwerfen, diese so widersinnige wie notwendige Prozedur, Reformen auf unblutige Weise zu betreiben, hat mich überzeugt.

Dem entspricht auf modernere Weise, von Wunden gezeichnet und deshalb wohl weniger überheblich als viele Schweizer in ihrem Demokratie-Verständnis, der hundert Jahre alte Versuch der deutschen Sozialdemokraten, in diesem Land die europäische Aufklärung politisch wirksam werden zu lassen. Weil die Revision des jeweils Bestehenden notwendig ist, ist deshalb für mich das Schimpfwort »Revisionist« ein Ehrentitel. Wenn Du willst, bin ich noch heute ein Bernstein-Anhänger.

Das Grundübel unseres »Vaterlandes«, das Gustav Heinemann ein schwieriges nennt, scheint mir die durch nichts zu unterbrechende Fortsetzung des deutschen Idealismus zu sein. Totale Ansprüche, ob von links oder rechts vorgetragen, sind nach wie vor vom deutschen Idealismus geprägt, verdanken ihm seine übermenschlichen Maße. Ob die rechte Reaktion in ständestaatlichen Ordnungsprinzipien eine heile Welt anstrebt (und dafür alles mögliche in Scherben gehen lassen will), ob die Linke nach Marcuses befriedetem Dasein hungert (dessen Vorstufen ein halbes Dutzend Vietnam bedeuten dürften), es sind jeweils idealistische Schwierigkeiten, die es den Heilsaposteln unmöglich machen, die Widersprüche der Wirklichkeit auszuhalten und dem eigenen Unvermögen konfrontiert zu bleiben.

Wer genau hinsieht, wird bemerken, daß meine literarische Arbeit wie mein Versuch, in der Politik Bürgerrechte wahrzunehmen, den gleichen Ansatz haben. In dem Roman »Hundejahre« ist mir, so glaube ich, in der Figur des Walter Matern ein deutsch-idealistischer Ideenträger gelungen, der innerhalb kürzester Zeit (ohne Opportunist zu sein) im Kommunismus, im Nationalsozialismus, im Katholizismus, schließlich im ideologischen Antifaschismus jeweils die Heilslehre sieht. Am Ende betreibt er mit faschistischen Methoden seine Art Antifaschismus.

Es ist wohl kaum zu leugnen, daß unsere Gesellschaft insgesamt, auch die nachgeborene Nachkriegsgeneration, von diesem Trauma gezeichnet ist, was uns nicht gehindert hat, bei permanenter Hexenjägerei die obersten Staatsämter mit nationalsozialistischer Vergangenheit zu belasten.

Hier noch einmal ein Wort zum Fall Kiesinger, der für mich nur zum Fall Kiesinger wurde, weil ich nach wie vor meine, daß sich ein geteiltes Land ohne Friedensvertrag einen Bundeskanzler mit derart belasteter Vergangenheit nicht leisten kann ...

Kiesinger, offiziell umgeben vom Freund aus alter Zeit, Diehl, inoffiziell umgeben vom Freund aus alter Zeit, Totenhöfer, ist und bleibt auf fatale Art frühgeprägt; selbst wenn er nur noch gelernt demokratisch tönen will, der Stil der Gauschulungsleiter färbt immer noch und im Wahlkampf zunehmend ab.

Hiervon, von Vergangenheit und nachwirkender Vergangenheit, wissen Schriftsteller oft mehr als Politiker. Die Floskel »Aussöhnung des deutschen Volkes« - Altnationalsozialist, Emigrant und Altkommunist auf einer Regierungsbank - war eine Wunschformel politisch-theologischen Ursprungs. Aus meiner Kenntnis als Schriftsteller sage ich dazu nein, so sehr ich, wie Du weißt, zum Ausgleich neige.

Ich möchte meine Epistel nicht überziehen. Zu sagen bleibt noch, daß ich am liebsten Bücher schreibe ... und zu sagen bleibt auch, daß mir nach über fünfzig Wahlreisetagen der politische Kleinkram auf anstrengende Weise immer noch Spaß macht: Ich rieche gerne den Mief, zu dem ich gehöre.

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