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»Unser Sitzen hat einen Sinn«

Der polnische Bürgerrechtler Adam Michnik, mehrmals SPIEGEL-Autor, seit Dezember 1981 im Gefängnis Bialoleka bei Warschau, fiel nicht unter die Teilamnestie der vorigen Woche. Das illegale Gefangenenblatt »Kurier Bialoleski« brachte ein Interview mit ihm:
aus DER SPIEGEL 30/1982

FRAGE: Wie fühlst du dich?

MICHNIK: Prächtig. Gefängnisaufenthalte gehören zu dem wenigen, das ich perfekt beherrsche. Die Ausbildung, die ich dazu vor dem August 1980 absolviert habe, erwies sich als durchaus nützlich. Nach Meinung von Experten sind die ersten 15 Jahre die schlimmsten.

FRAGE: Wie verbringst du die Tage hier in Bialoleka?

MICHNIK: Vor allem mit Lektüre von Klassikern, etwa Platon, Mickiewicz, Rilke, allesamt interessanter als die Prosa von Jaruzelski. Das Gefängnis ist ein idealer Ort zur Weiterbildung.

FRAGE: Wie wirst du behandelt?

MICHNIK: In diesem seltsamen Gefängnis, das aus unerforschten Gründen als Internierungszentrum bezeichnet wird, herrscht eine Atmosphäre wie bei Kafka: Jeder wartet auf seinen Prozeß, ohne zu wissen, welcher Verbrechen man ihn anklagen will, aufgrund von Ermittlungen, bei denen unbekannt bleibt, von wem und auf welcher Grundlage sie geführt werden und in welchem Stadium sie sich befinden ...

Wenn du mit einem Kameraden vom anderen Ende des Korridors ein paar Worte wechseln möchtest, mußt du dir schon die schlauesten Tricks einfallen lassen.

Das Spiel geht weiter. Da findest du in deinem Schuh ein kleines Radio, da steckt mir jemand einen selbstgebastelten Tauchsieder zu, den ich rasch zwischen den Lebensmitteln verschwinden lasse, mit denen uns die St.-Martins-Kirche regelmäßig versorgt.

All das begünstigt den Prozeß einer gründlichen Infantilisierung. Dank menschlicher Güte brauchst du dich nicht schlechter als das Politbüro-Mitglied Olszowski zu ernähren, Offiziere des Staatssicherheitsdienstes glotzen gierig auf deinen Zigarettenvorrat.

Bestohlen wirst du selten: Du bist die Visitenkarte des Liberalismus von General Kiszczak (Innenminister). Du bekommst Besuche vom Roten Kreuz, von Primas Glemp, auch von Figuren mit steinernen Gesichtern, die sich Sejm-Abgeordnete nennen, aber nicht den Mut aufbringen, einmal unseren Gefängnisgulasch zu kosten.

Restriktionen gibt es viele, aber ihr gemeinsamer Nenner ist Dummheit. Die sind bemüht, dir das Leben durch kleinliche Bosheiten zu versauern, damit du endlich bereit bist, eine Loyalitätserklärung zu unterschreiben - oder zu emigrieren. Aber wo wird es dir denn in aller Welt so gut gehen wie hier? Wo wirst du S.13 denn sonst Dialoge mit einem rothaarigen Hauptmann führen können, den die Natur mit dem Intellekt eines Einstein, mit der Güte eines Heiligen Franziskus und der Schönheit eines Rodolfo Valentino ausgestattet hat?

FRAGE: Man hat deine Hefte mit Notizen über Dostojewski beschlagnahmt?

MICHNIK: Da ich angeblich zu aufdringlich nach einer Begründung gefragt und die Rückgabe gefordert hatte, wurde mir eine Woche Isolierung verordnet. Ich werde diese Zeit mit Meditation über Technologie des Kriegszustandes verbringen.

FRAGE: Wie siehst du die Zukunft?

MICHNIK: Die Krähe wird den Adler nicht besiegen. Deshalb hat unser Sitzen hier einen Sinn, als Zeichen unseres Nichteinverstandenseins mit dem Kriegszustand. Was die mit uns auch machen, sie werden in jedem Fall den Ball ins eigene Tor schießen. Es sei denn, sie lassen uns alle frei. Dafür aber wird ihr Verstand kaum ausreichen.

FRAGE: Bist du Optimist?

MICHNIK: Ja, ich hoffe, sie werden mir meine Dostojewski-Aufzeichnungen doch noch zurückgeben.

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