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»Unsere Männer mußten sich verkaufen«

SPIEGEL-Reporter Peter Schille über Aids und Armut auf Haiti *
Von Peter Schille
aus DER SPIEGEL 37/1987

Das Wort Hoffnung gibt es noch in Haiti, aber seine Bedeutung ist verlorengegangen. Worauf sollte das Volk schon hoffen? Das Elend wird jeden Tag elender, die Hungrigen werden hungriger, die Mörder mörderischer: Die Vergangenheit, das schlimme Erbe der Diktatorensippe Duvalier, steckt den Menschen tief in den Knochen.

Haiti, nicht mal halb so groß wie Bayern, 27750 Quadratkilometer Armut, treibt unter blauem Himmel in der Karibischen See, doch selbst abenteuerlustige Reisende meiden es: Haiti ist von Aids befallen.

Schlimmer konnte es nun nicht mehr kommen, hatten die Menschen geglaubt, als sie ihren Tyrannen zum Teufel jagten; das redeten sie sich so lange ein, bis sie begriffen, daß er mit Vergnügen geflohen war.

Jean-Claude Duvalier hatte keine Verwendung mehr für sein Land. Seine Konten in der Schweiz waren fett und Haitis Taschen leer. Heiteren Herzens befreite sich der »Präsident auf Lebenszeit« von seinem Volk.

»Papa Doc«, sein Vater, hatte ihm Haiti als Pfründe hinterlassen; es war zu arm, sich allein zu ernähren. Es produzierte, außer Kaffee und Kakao, nichts was sich zu Geld hätte machen lassen. Nichts außer Hunger und Elend, nichts als verzweifelte Bedürftigkeit und die wilde Leidenschaft, nicht zu verrecken.

Da Haiti ökonomisch nicht vorhanden war, mußte es künstlich beatmet werden. Ein Bruchteil der Auslandshilfe hielt Land und Leute notdürftig über Wasser, doch die Masse der karitativen Beiträge mästete die Duvaliers.

Kleptomanie als Staatsform: »Bebe Doc«, der junge Präsident, erster Verdiener und oberster Dieb, gab Haiti schließlich zurück. »Cherie«, sagte er zu seiner zimtsüßen Frau, »wir haben genug.« Madame Michele maulte, ging aber mit ins Exil.

Nach 15 Jahren Diktatur setzte ihn am 7. Februar 1986 ein Flugzeug der US-Regierung im protestierenden Frankreich ab. Da haust er noch immer, dumpf und dicklich, mit 36 schon Rentner, und segnet seine Zinsen.

Er schloß seinen Raubzug, Regierung genannt, mit 200 Millionen Dollar Gewinn ab, vielleicht waren es auch 400 Millionen - lauter gestohlene Almosen. Die Höhe der Beute war seinen Untertanen unvorstellbar. In Haiti beträgt der Mindestlohn drei Dollar täglich, ein Vermögen für einen Arbeitslosen.

Zurück ließ er in der Staatskasse tausend Dollar als symbolischen Rest. Dem Volk vererbte er die »tontons macoutes«, seine Schutzstaffel seinen privaten 7000-Mann-Terror: eine Bande abgerichteter Mörder, die allein auf das Wort Duvaliers hörten.

Seit fast 30 Jahren ist Haiti mit den »tontons macoutes« behaftet, einem tödlichen Geschwür, vor dem man sich nur durch Flucht retten konnte. Haitianische Boat-people flohen übers Meer. Kurs Bahamas, Guadeloupe oder Miami. Ein Fünftel der Bevölkerung wanderte aus: nach Zaire oder Ghana, nach New York oder Montreal.

Seit Duvaliers Abgang halten sich die Macoutes, versteckt in den olivgrünen Uniformen gemeiner Soldaten, im Heer _(Bei der Trauung in Port-au-Prince. )

verborgen. Ein Horrorroman in Fortsetzungen: Regelmäßig bricht ihre Grausamkeit aus. Prügelnd und schießend stärken sie sich und ihren Menschenhaß, am hellichten Tag, unter aller Augen und ganz unbesorgt.

Es ist noch immer schlimm genug: Die Diktatur hat überlebt, auch ohne die Duvaliers. Nun regieren Generäle, zwei Schlagetots und ein korrupter Richter. Ihre Armee hält mit amerikanischen Waffen und amerikanischem Drill Haiti in Schach. Die Regierung bekämpft das Volk, und das Volk streikt gegen die ihm vermachte Regierung, allen Mordanschlägen der Macoutes zum Trotz.

Der Schutzpatron in Washington, ohne Neigung, einen ordentlichen Alarmzustand gegen unvertrauten Widerstand einzutauschen, hat den Aufruhr namens Generalstreik als rote Gefahr durchschaut, wie gewöhnlich: Kuba, die Insel des Bösen, liegt gleich nebenan.

Auch ist in Haiti eine kommunistische Partei an der Arbeit. Wie vom Weißen Haus bestellt, verkündet die PUCH einfältig die Rebellion: zu dürftig, um Furcht einzuflößen, doch gerade vital genug, um amerikanische Wachsamkeit zu rechtfertigen und Haiti zu einem Bollwerk der freien Welt zu erheben.

Haiti Kolonie der USA auf Lebenszeit: Noch diese negative Kumpanei verstärkt die Abhängigkeit. Und dann kam Aids über Haiti. Das Regime Duvalier ungeübt in Fürsorge für das Volk, leugnete alles. Auch die unseligen Nachfolger steckten den Kopf in den Sand; niemand erfuhr, was sie dort sahen, die Seuche Aids tauchte in ihren Lageberichten nicht auf. Die Todeslisten blieben geheim, niemand führte Buch.

Die Wahrheit: Von den 5 Millionen Haitianern sind heute 200000 bis 300000 seropositiv. Canape-Vert, die einzige Aidsklinik im Land, hat ihnen fünf Betten hingestellt. Die Infektionsärztin Marie Marcelle Deschamps, die in dieser Privatklinik arbeitet, weiß von 1000 bis 1500 diagnostizierten Aidsfällen, ihr Internistenkollege Rodolphe Malebranche von 3000. Todgeweiht sind sie alle. Malebranche düster: »Etwa 2000 Patienten sind bereits an Aids gestorben.«

Pro Tag zwei neue Fälle. In den nächsten vier Jahren muß Haiti mit mindestens 15000 Aidskranken leben und mit einer Million Seropositiven, Menschen, bei denen die Seuche irgendwann ausbrechen und sie töten wird.

Die Abwehrkräfte ihres Organismus sind vom Virus besiegt: Über 40 Prozent sterben an Tb, 60 Prozent am Kaposi-Sarkom, einem Bindegewebskrebs. Sie sterben an »allgemeiner Entkräftung«, »an unbeherrschbaren Durchfällen«, sie verhungern, oder sie geben sich selber auf: Ihr Geist ist der Gewißheit des nahenden Todes nicht mehr gewachsen.

Malebranche: »Die Kranken werden uns vor die Tür gelegt, auch dann, wenn

sie schon sterben.« Anonym wie Findelkinder. Ihre Familie stößt sie aus. Oder sie ändern ihre Namen, lügen sich eine falsche Biographie zurecht. Sie schämen sich, weil sie wissen, daß Aids als Schwulenseuche gilt - und sie sind doch gar nicht massissi, kreolisch für homosexuell.

Obwohl Aids schon Alltag ist, verhindert die herrschende Staatszuversicht, daß Aids vorkommt - sowenig wie Armut, Obdachlosigkeit und Analphabetismus in Haiti vorkommen dürfen. Die Regierung hat den öffentlichen Krankenhäusern befohlen, beispielsweise dem großen Hopital general der Hauptstadt, Aidsverdächtige abzuweisen.

Auch private Kliniken verweigern, aus Angst und aus Rücksicht auf die Hysterie ihrer wohlhabenden Klientel, Aidskranken jeglichen Beistand. Allein die teure Canape-Vert-Klinik, in den Hügeln über Port-au-Prince versteckt, Eigentum eines alten kreolischen Arztes, steht ihnen bei, obwohl viele jener Patienten, die 100 Dollar pro Tag zahlen, entsetzt ausziehen.

Dr. Gerard Leveque ist zu müde, um sich über die Selbstsucht der Reichen zu wundern: Die fünf Betten, in einem Nebentrakt in fünf grüngestrichenen Kammern verborgen, hat er dem Aids-Forschungsprojekt des New Yorker Cornell University Medical College zur Verfügung gestellt. Die Warteliste ist lang, die Behandlung kostenlos, denn die Universität bezahlt.

Ein einziger Minister, Michel Lominy, wagte es bisher, Aids eine nationale Katastrophe zu nennen: Deshalb war seine Amtszeit auch schon nach neun Monaten vorüber.

Lominy, 51, in Kanada ausgebildeter Chirurg, fühlte sich »als Gesundheitsminister verpflichtet, für die Gesundheit des Volkes zu kämpfen. Ich bin gegen Aids vorgegangen. Ich habe die Menschen über alle Gefahren aufgeklärt, in denen sie schweben. Daß sie sich schützen sollen und wie. Ich habe Aids öffentlich gemacht«.

Lominy spricht mit spöttischer Eleganz von seiner Niederlage: Er nahm seine Aufgabe ernster, als den verbündeten Regierungen in Port-au-Prince und Washington lieb war - und wurde gefeuert.

Er hatte im Dezember 1986 die Blutbank von Port-au-Prince, ein einträgliches Unternehmen, geschlossen. Die Allerelendesten verkauften dort ihr Blut für acht Dollar die Portion. Lominy: »Das war einfach unmoralisch. Es war auch lebensgefährlich! Ich wußte, daß viele Haitianer sich mit Aids aus der Blutbank infiziert hatten.«

Einer wie Franz beispielsweise, Patient in Zimmer 8 von Canape-Vert ein von der Krankheit beinahe ausgelöschter junger Mann. Er war von Beruf Zimmerer, »vorher«, sagt Marie Marcelle Deschamps. Ein Magengeschwür erzwang eine Bluttransfusion, das Blut war die Spende eines Seropositiven: sein Todesurteil.

Jetzt hat auch Franz, 32, Aids, aber niemand sagt ihm die Wahrheit. Seine Frau, die bei ihm wacht, fürchtet, er werde fliehen, sich in den Bergen verkriechen wie ein Tier, um allein zu sterben.

Franz hat bis heute nicht gefragt, woran er leidet. Nie spricht er von Sida, wie Aids in frankophonen Ländern buchstabiert wird. In seinem blauen Schlafanzug stirbt er vor sich hin.

In Zimmer 10 von Canape-Vert liegt Jocelyne, 33. Sie besaß in Port-au-Prince ein medizinisches Labor, vier Angestellte arbeiteten für sie, eine wohlhabende Frau, sie lebte hoch über den Niederungen des Mindestlohns. Sie hatte ein Auto und ein Haus auf den Hügeln.

Ihr Mann ist an Aids gestorben. Als er vor zwei Jahren starb, mitten im glühenden Sommer 1985, wußte sie, daß sie ihm bald folgen würde; sie wollte es nur noch nicht glauben. Auch sie war positiv, das Virus hatte sich ihrer bemächtigt. Sie konnte weder kauen noch schlucken, denn ein Pilz hatte sich in Mundhöhle und Speiseröhre breitgemacht. Obwohl sie immer schwächer wurde, fühlte sie sich stark genug, um nach Miami zu fliegen; um sich von denselben Ärzten helfen zu lassen, die ihrem Mann nicht mehr helfen konnten. Jocelyne hoffte, sie habe nur Tb.

Joseph, ihr toter Mann: Er war ein Weiberheld, ein charmanter Herumtreiber, Stammgast der Bars von Carrefour und Martissant, den südlichen Vorstädten der Metropole. Beliebtester Gockel im »Copacabana« oder im »Poco-a-Poco«, wo die Lastwagenchauffeure sich vor ihren Überlandtouren entspannen. Die Damen des Hauses, Ballerinas genannt, werden jeden Samstag ausgewechselt. Bei ihnen infizierte sich Joseph, und er infizierte Jocelyne.

Bisexuelle Gewohnheiten mußten geheim bleiben. Obwohl der Voodoo, die Religion der Schwarzen, sogar einen homosexuellen Gott kennt, den sanftäugigen Guedee Nibo, stützt sich die Verfolgung der Schwulen auf ein jahrhundertealtes Vorurteil: Die Menschen glauben, die Massissi habe der Teufel geschickt; nur Voodoopriester dürfen Männer lieben.

Ehe Fidel Castro 1959 Kuba in seine Obhut nahm, waren Havanna und die kubanischen Badeorte der Himmel der

Homosexuellen, der Schwulenpuff der USA gewesen. Haiti, brav und kommunistenfrei, nahm die vertriebenen Sex-Touristen bereitwillig auf. In Port-au-Prince entwickelte sich für ihre Begierde sofort ein blühender Markt.

»Das Geld gewinnt die Männer«, hieß es auf den Straßen, gegen Dollars verkauften die jungen Haitianer ihr Lächeln, ihre Haut, ihre sanfte Geduld. Die reichen Männer aus Übersee genossen ihre erotischen Siege über die heruntergekommene, aber liebenswürdige Gesellschaft, weil sie so billig waren: 15 Dollar und ein buntes Hemd.

Port-au-Prince gab sich her als Landeplatz der Schwulen-Jumbos. Schöne alte Hotels, erinnerungsschwere Bars kamen den eindeutigen Wünschen der Eroberer nach. Tüchtig beteiligte sich die Familie Duvalier am Geschäft: »Chez Denise« das Parade-Babel der allerschönsten jungen Männer, gehörte der Präsidentensippschaft.

Seit 1976 befriedigten auf dem weiten Corso gleich hinter dem Palais National Angebot und Nachfrage einander. Auf den Bänken des Parks lauerten die Strichjungen ihren Jägern auf. »Ich erfülle alle Formalitäten«, lautete ihre Erkennungsmelodie.

1983 erklärten die USA Haiti zur Wiege von Aids, zum Brutkasten des Virus. Amerika fand Gefallen an der Idee, daß Aids eingeschleppt worden sei von Feinden des gesunden Sex. Das Übel mußte einem Land entstammen, dem man wegen seiner unterwürfigen Bereitschaft, sich ausbeuten zu lassen, nie getraut hatte. Die gesellschaftliche Topographie Haitis war dafür einfach ideal.

Zuerst wurden Boat people und Exilhaitianer als Agenten der Seuche verdächtigt. In Kanada steinigten erwachsene Kanadier haitianische Kinder. In Brooklyn mußten Taxifahrer den Job wechseln, Ehegatten in Miami den Gemahl. Creole, das Patois Haitis, war als Sprache von Aids entlarvt worden. Kaffee aus Haiti wurde plötzlich ungenießbar, haitianischer Rum giftig.

Die Wissenschaft schien das Rätsel Aids gelöst zu haben: Jane Teas, Forscherin an der Harvard University, erweiterte das Register der Risikogruppen - Homosexuelle, Fixer, Bluter, Empfänger von Bluttransfusionen, Kinder von Aidskranken - um die Gefahr Haiti.

Die tollkühne Mrs. Teas entdeckte eine verdächtige Verwandtschaft zwischen dem Afrikanischen Schweinefieber-Virus, Aids und den Lebens- und Liebesgewohnheiten der Haitianer. Waren Haitianer nicht Nachkommen afrikanischer Sklaven?

Der Befund von Harvard veröffentlicht am 23. April 1983 im britischen Fachblatt »The Lancet«, wurde begeistert gebilligt. Harrison''s Textbook, Lehrbuch der inneren Medizin und die

Bibel junger Ärzte, übernahm die rassistische These ohne Bedenken in der jüngsten Ausgabe.

Der Sündenbock war aufgespürt, er kam weder aus New York noch aus San Francisco, er hieß Haiti, und Haiti hieß schwarz, devot, korrupt und erbärmlich. Haitianer waren Parias geworden.

Und siehe: Die amerikanischen Eroberer blieben Parks und Bars von Portau-Prince plötzlich fern.

In den Tagen und Nächten des Generalstreiks ist die Not noch größer geworden: Die wenigen ängstlichen Touristen streift nur selten ein Blick, die jungen Männer wagen nicht mehr als ein zages Lächeln.

Es ist schlimm genug: Sogar das Geschäft mit dem Sex ist tot.

Nicht daß der Salesianer-Pater Aristide den Niedergang des Sex-Tourismus bedauerte: Er möchte ihn nur erklären. Denn Jean-Bertrand Aristide, 31, Pfarrer der katholischen Gemeinde St-Jean-Bosco am Rande der Slums, führt das Elend seines Volkes auf nichts anderes als amerikanische Politik zurück.

»Der Aids-Terror«, sagt er, »ist die aberwitzigste Form ihres Krieges gegen uns: sexuelle Kolonisation.«

Der Gesundheitsminister Lominy hatte der US-Regierung gar mit einer Klage gedroht, falls sie ihre Aids-ist-Haiti-Kampagne nicht einstelle. »Wer weiterhin verbreitet«, schrieb Lominy an seinen amerikanischen Kollegen, »daß Aids eine autochthone haitianische Seuche ist, wird von mir gerichtlich verfolgt.«

Lominy, befriedigt: »Der Unfug hörte auf.« Und auf einer Aids-Konferenz im März - in Atlanta/Georgia - wurde das verdächtige Land formell freigesprochen. Da war Lominy schon längst entlassen.

Pater Aristide hat es von den Opfern erfahren: »Die Amerikaner haben uns Aids gebracht. Unsere Männer mußten sich verkaufen, denn ihre Kinder hungerten. Die Weißen zwangen sie, mit ihnen zu schlafen.«

Die männlichen Prostituierten, diese muskulösen Gelegenheitshuren, kaum einer ist homosexuell, all diese Elends-Strichjungen waren nach ihrer gutbezahlten Erniedrigung stets so entsetzt über sich, »daß sie sich als Mann beweisen mußten, im Ehebett oder bei käuflichen Frauen: So kam Aids in unsere Familien - als US-Import«.

Den Rest übernahmen die Lastwagenchauffeure, Lieblingskunden der Ballerinas von Carrefour. Sie brachten Aids unter die Leute, sagt Dr. Jean William Pape, 40, Arzt in Canape-Vert und Lehrer an der Cornell University. »Jeder sexuelle Kontakt ist heute ein Risiko in Haiti, die Chance, dabei Aids zu erwischen, beträgt 60 Prozent.«

In Haiti gilt eine Frau noch dann als anständig, wenn sie, obzwar unverheiratet, ihre fünf Kinder von fünf verschiedenen Vätern hat. Bürgerliche Treue ist weiße Dekadenz, Deckmantel für Liebesschwäche. Aids wird inzwischen, sagt Pape, »durch Heterosexuelle weiterverbreitet«.

Haitianische Ärzte wie er und Marie Marcelle Deschamps, wie Malebranche und Lominy waren verzweifelt über die in den Gehirnen festsitzenden Vorurteile. Pape trug Argumente gegen den schlechten Ruf zusammen:

Unter den haitianischen Einwanderern in Zaire beispielsweise wurden keine

Aidskranken entdeckt. Erst als sich einige von ihnen unter die Million US-Haitianer mischten, tauchten, seit 1978, gelegentlich Seropositive im Exil auf.

Haitianische Blutspenden aus den 70er Jahren, in Puerto Rico aufbewahrt, enthielten keine Aidsviren.

Drei Viertel aller haitianischen Aidskranken wohnen in Port-au-Prince, dem Zentrum der homosexuellen Ferienlust von einst.

Carrefour, Haupthafen der Schwulen-Prostitution, verzeichnet die meisten Aidsfälle.

Papes Institut hatte endlich herausgefunden: Haiti ist weder das Mutterschiff von Aids in der Karibik, noch ist es schwul.

In der Dominikanischen Republik, ebenso heimgesucht von homosexuellen US-Touristen, ist die Lage ähnlich und im amerikanischen Puerto Rico noch viel furchterregender.

Pape hat seine kranke Klientel behutsam vernommen. Noch 1983 gaben 65 Prozent aller männlichen Aidspatienten in Haiti bisexuelle Beziehungen zu: Sie hatten mit amerikanischen Männern geschlafen, und zwar ohne daß sie sich dabei homosexuell fühlten. 1987 waren es nur noch 7 Prozent.

1983: 12 Prozent der Aidskranken waren Frauen. 1987: 40 Prozent.

Pape, vor dessen Institut sich die Obdachlosen an undichten Wasserleitungen waschen, sagt in drohendem Ton: »66 Prozent der weiblichen Prostituierten haben inzwischen Aids.« 80 Prozent aller Aids-kranken Männer waren Bordellkunden. Die Seuche ist nicht mehr aufzuhalten.

Von Haiti, der »Perle der Antillen«, ist übriggeblieben eine baum- und schattenlose Ruine - ein Abfallhaufen. In seinem Gestank kämpfen Ratten, Hunde und Menschen um ein paar Brocken Nahrung. Bettler ohne Aussicht auf Wohltätigkeit betteln an den Straßenecken. Wenn Kinder flüstern »Ich habe Hunger« und dabei eine Hand über ihrem Leib kreisen lassen, dann haben sie Hunger.

Staubgraue Ebenen umklammern Port-au-Prince, die verwesende Hauptstadt eines verfluchten Landes; jeder Regenguß laugt sie tiefer aus.

Jenseits der weißen Berge, die einst dichte Urwälder trugen und nur noch als Steinbrüche taugen, nimmt die Hoffnungslosigkeit noch zu. Schiefe Hütten, menschenleer. Kinder bieten am Straßenrand Tomaten und Avocados an und werfen hartherzigen Fremden Steine nach.

Das Volk empfindet sein Leben als Unsegen und Verdammnis. Sein Zustand ist Erschöpfung. 70 Prozent sind arbeitslos, 80 Prozent landlos, 90 Prozent analphabetisch.

Schlimmer kann es nun nicht mehr kommen.

Bei der Trauung in Port-au-Prince.

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