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BERLIN / CDU Unsere Mumien

aus DER SPIEGEL 5/1969

In der Parteizentrale der West-Berliner CDU an der Lietzenburger Straße klingelte das Telephon. Aus Kopenhagen fragte Partei-Vize Peter Lorenz, 48: »Gibt's was Neues?«

Es gab, um diese Zeit, nichts Neues. Erst tags darauf, am 17. Januar, kam die Nachricht, die Anwalt Lorenz erwartet hatte: Franz Amrehn, 56, seit neun Jahren Chef der West-Berliner Christdemokraten, kündigte seinen Rücktritt von allen Berliner Parteiämtern und die Hoffnung auf Bonner Karriere an. Er will im nächsten Bundestag Abgeordneter werden.

Amrehn: »Hier in Berlin konnte ich nicht wirklich konstruktiv arbeiten. Und dann wünscht man sich eben, effektiver zu sein.«

Berlins CDU-Parteivolk -- mit rund 8000 Mitgliedern kaum stärker als die SED-West-Berlin (5700 Genossen) -- traf, wie die Springer-»BZ« herausfand, der Amrehn-Entschluß »wie ein Keulenschlag«. Manchen in der Honoratioren-Partei aber kam der Abgang des Chefs keineswegs ungelegen. Denn sie haben nicht vergessen, daß er sie vor sechs Jahren aus Regierungs- und Verwaltungsposten auf die Oppositionsbänke manövrierte.

Damals, 1963, hatte der Unionsvorsitzende und Brandt-Stellvertreter Amrehn seinem Regierenden Bürgermeister den Auszug der CDU aus der traditionellen rot-schwarzen Koalition für den Fall angedroht, daß Willy Brandt zum Tête-à-tête mit Nikita Chruschtschow nach Ost-Berlin fahre.

Brandt verzichtete auf den Ausflug. Vier Wochen später aber, nach den West-Berliner Parlamentswahlen, verzichteten die Sozialdemokraten auf weitere Partnerschaft mit den Brandt-Bremsern. Seither müht sich die CDU in der SPD-beherrschten Stadt vergebens um Profil und Popularität. Noch heute, wie der »Abend« schrieb, lassen die 47 CDU-Männer im Parlament erkennen, »daß ihnen das Regieren eigentlich doch viel besser zu Gesicht stünde«.

Zwar errang die Union bei den Wahlen von 1967 einen Achtungserfolg; sie gewann zu ihren 28,8 Prozent 4,1 Prozent Wählerstimmen hinzu, Doch verdankte sie diesen Zuwachs eher den Fehlern des Brandt-Nachfolgers Heinrich Albertz als der Zugkraft der eigenen politischen Vorstellungen.

Denn das Berlin-Programm der Amrehn-Partei erschöpfte sich im routinierten Bekenntnis zum Brückenkopfmythos der Stadt und verharrte bei Adenauers Gebot: »Keine Experimente.«

Berlins Christdemokraten widersetzten sich allen Versuchen der regierenden Sozialdemokraten, der bedrängten Stadt durch Arrangements mit dem DDR-Nachbarn Erleichterung zu verschaffen. In einem offenen Brief an die SPD beschworen sie die Erinnerung an die Einheitsfront im Kalten Krieg: »Wir haben die Zone früher gemeinsam Zone genannt.«

Sie sträubten sich gegen die erste Passierschein-Übereinkunft ebenso wie gegen die neue Ost-Politik der Großen Koalition in Bonn. Und sie fielen mit ihrem Gequengel schließlich der eigenen Mutterpartei derart auf die Nerven, daß CDU-Bundesgeschäftsführer Bruno Heck letztes Jahr die West-Berliner Parteifreunde allesamt »Neuralgiker« nannte.

Auch die Berliner honorierten die konservative Beharrlichkeit der Amrehn-Partei nicht, wie sie es erhoffen mußte. Die Mitgliederzahl stagniert seit Jahren, und schon vor Jahren mußten die beiden CDU-Blätter »Tag« und »Kurier« trotz erheblicher Bundeszuschüsse liquidieren. Seither artikuliert die CDU ihren Oppositions-Trotz allwöchentlich einmal in einer Gratis-Spalte des liberal-konservativen »Tagesspiegel«,

Ausgiebig zu Wort kamen Berlins Union-Sprecher nur noch im Schöneberger Abgeordnetenhaus. Dort langweilten sie die machtbewußte SPD mit vielen Reden. Rekordhalter im Jahre 1967: Franz Amrehn. Seine Beiträge addierten sich zu insgesamt 151 Schreibmaschinenseiten.

Zumal für die Jüngeren in Amrehns Gefolgschaft aber verdichtete sich im Lauf der letzten sechs Jahre der langen Reden kurzer Sinn zur Erkenntnis, daß die Partei auf diese Weise nicht aufzumöbeln sei. In Rathausgängen und Vereinszimmern betuschelten die Kritiker ihre Pläne, den Christlichen Demokraten mit neuen Führern noch einmal auf die Beine und möglichst wieder in ein Koalitions-Kabinett zu helfen.

Als Datum für den Führungswechsel faßten die Amrehn-Müden den Landesparteitag am 18. April ins Auge. Als Nachfolger wünschten sie sich den Amrehn-Stellvertreter Peter Lorenz, der ihnen ein neues Bündnis mit der SPD bescheren soll: Lorenz ist seit 1945 mit Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Schütz befreundet, mit dem gemeinsam er In der Nachkriegszeit gegen die SED zu Felde zog.

Den rechten Abgang für Amrehn zu finden, fiel den CDU-Leuten schwer; sie wollten dem Mann nicht wehe tun, der ihre Partei fast zehn Jahre lang preußisch-korrekt, rechtschaffen, fleißig und skandalfrei, gleichwohl glanz- und glücklos repräsentiert hatte.

Doch ein Grüppchen der Jungen Union

Schon bei der Auswahl eines Nachfolgeis allerdings kam der Plan ins Stocken. Amrehn-Vize Peter Lorenz lehnte es ab, bei der Vorstandswahl im April gegen seinen Freund Franz zu kandidieren. Immerhin aber unterzog sich der Stellvertreter -- am 5. Januar -- der peinlichen Pflicht, den Vorsitzenden über die Partei-Ränke aufzuklären.

Zwölf Tage dachte Amrehn nach. Dann gab er auf, und der »Abend« verkündete: »Der Chef hat resigniert.« Amrehn: »Es wird der Partei guttun.«

Berlins Palast-Rebellen aber bekamen des Guten nicht genug. Sie nahmen nach Amrehn nun auch Amrehn-Vorgänger und CDU-Mitbegründer Ernst Lemmer, 70, aufs Korn. Lemmer und einige andere altgediente Berliner CDU-Abgeordnete (Parteijargon: »Unsere Mumien in Bonn") sollen zum Herbst ihre Sitze im Bundestag zugunsten erfolgshungriger Nachwuchs-Christen räumen.

Skatspieler Lemmer aber will nicht passen. Der Ex-Minister und Sonderbeauftragte des Bundeskanzlers für West-Berlin: »Das können die ja versuchen. Ich fühle mich noch munter, Ich kandidiere.«

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