Zur Ausgabe
Artikel 1 / 88
Nächster Artikel

HOCHSCHULEN / REFORM Unsere Taten

aus DER SPIEGEL 29/1970

(siehe Titelbild)

In Köln bestellte die Studentenschaft der Pädagogischen Hochschule Rheinland am Montag letzter Woche den DKP-Kommunisten Dirk Krüger zum Asta-Vorsitzenden. In Hamburg eroberten Mitglieder der linken Basis- und Projektgruppen an der Universität am Donnerstag letzter Woche bei einer Wahl zum Studentenparlament 37 von 40 Sitzen.

Keine Universität mehr ohne rote Fahnen und Parolen. Rote Lettern in der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg: »Mao lebt, Mao siegt«. Wandspruch an der Göttinger Georg-August-Universität: »Lenins Worte -- unsere Taten«.

Kaum Glaubliches geschah in Alt-Heidelberg: Der Rektor der Universität, Theologie-Professor Rolf Rendtorff, schlug die Einladung des US-Oberbefehlshabers James H. Polk zu einem Sommerball mit der Begründung aus, er wolle sich -- nach Kambodscha-Invasion und Studenten-Erschiellungen in Amerika -- nicht »bei Cocktails« Tanz, Unterhaltung und kaltem Büfett mit denen vergnügen, die für diese Gewalttaten mit die Verantwortung tragen«.

Am Ende des Sommersemesters 1970 bieten sich westdeutsche Hochschulen in einer Verfassung dar, die manchen Professoren wie ein »Beginn der Sowjetisierung vorkommt« (so ein FU-Jurist).

In Berlin verbündeten sich über 100 Hochschullehrer zu einer »Notgemeinschaft für eine freie Universität« (Memorandum.« FU unter Hammer und Sichel"). In Bonn schlossen sich 100 Professoren zu einem Kampfbund »Freiheit der Wissenschaft« zusammen -- unter ihnen der Politologe Richard Löwenthal, der sich dagegen wendet, »daß die Universitäten ... zu ideologischen Spielwiesen erniedrigt werden« (siehe SPIEGEL-Interview Seite 68).

Und als der Jungsozialist Dr. Thomas von der Vring, 33, in der letzten Woche zum Gründungsrektor der geplanten Universität Bremen bestellt wurde, formulierten verschreckte CDU-Bundestagsabgeordnete eine Parlamentsanfrage, weil sie Gefahr sahen, »daß die Gründung der Universität Bremen dazu benutzt werden soll, einseitige ideologische Konzepte durchzusetzen, die im Widerspruch zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen«.

Rote Universitäten? Freiheit der Wissenschaft ade? Die Alma mater als Hebamme der Revolution?

Ja -- wenn es nach der »Welt« ginge, die in Bremen, wo offenbar ehrbarer hanseatischer Kaufmannsgeist und sonst gar nichts walten soll eine »Hochschule mit sozialistischem Kampfauftrag« emporwachsen sieht.

Nein -- wenn die Entwicklungen an den westdeutschen Hochschulen realistischer gewertet werden: als Symptome eines längst fälligen Wandels, der -- oft ideologisch überbordend, abirrend in Träumereien, Dogmen und Agitation -- im Anspruch mitunter revolutionär, im Erfolg eher reformistisch ist.

Tatsache ist, daß seit der Studentenrebellion an einigen westdeutschen Hochschulen zumindest in Ansätzen möglich ist, was bis dahin undenkbar schien: marxistische Analyse. Daß daraus eine sozialistische Universität erwachsen könnte, ist allenfalls die Hoffnung radikaler Roter Studenten-Zellen. Daß aber die marxistische Komponente sich einfügen könnte in das Konzept wissenschaftlicher Methoden-Vielfalt -- dafür gibt es Indizien, etwa am Otto-Suhr-Institut der FU (siehe SPIEGEL-Report Seite 66).

Tatsache ist, daß die Ordinarien-Herrschaft zu Ende geht und kritische Nachwuchsakademiker an die Spitze der Hochschulen treten: an der Universität Hamburg der Theologe Peter Fischer-Appelt, 37, an der Technischen Universität Berlin der Brennstofftechniker Alexander Wittkowsky, 34, an der Freien Universität Berlin der Diplom-Physiker Rolf Kreibich, 31, und in Bremen der Politologe Thomas von der Vring, 33. Keiner ist ein Revoluzzer, jeder ist ein Reformist.

Tatsache ist schließlich, daß zumal in sozialdemokratisch regierten Ländern Universitätsgesetze gelten oder vorbereitet werden, die von einem neuen, zeitgemäßen Konzept für Forschung und Lehre ausgehen -- statt Professoren-Präponderanz abgestufte Mitbestimmung von Professoren, Assistenten und Studenten. Keines dieser Mitbestimmungsmodelle muß funktionieren, keines braucht zu versagen -- sicher ist jahrelanges Experimentieren nötig.

Sämtliche neuen Hochschulgesetze reservieren den staatlichen Instanzen wichtige »Einwirkungsmöglichkeiten«, wie die regierende SPD in ihren »Vorschlägen zur Reform der Hochschulen« es gefordert hat. Und selbst in Bremen, dessen Universität laut »Welt« schon »ideologisch festgenagelt« ist, »ehe der erste Hochschullehrer ... ans Katheder treten darf«, kann die Hochschule nicht so rot werden, wie sie es vielleicht einmal möchte.

Das bremische »Gesetz für die Errichtung einer Universität« -- ein allgemeines Hochschulgesetz gibt es noch nicht -- sichert dem Land Rechtsaufsicht, Personal -- wie Finanzhoheit. Die Landesregierung »prüft« den Haushaltsentwurf der Universität, der Landtag »beschließt« über den staatlichen Zuschuß. Die Landesregierung »ernennt« die Beamten der Universität, kann damit also auch Einfluß auf die Berufung der Hochschullehrer nehmen.

Daß Gründungsrektor von der Vring in der gelegentlich schizophren anmutenden Chiffren-Sprache der Politologie von einer »kritischen Universität« spricht, die den »Zusammenhang zwischen Kritik und Revolution« für die Gesellschaft ahnen lasse, kann nach Ansicht von Bremens Regierungschef Hans Koschnick, 41, nicht mehr bedeuten, als die Polizei erlaubt. »Wenn der Verfechter dieser Ziele«, so Koschnick zum SPIEGEL, »mit Revolution Gewalt meint, dann werde ich ihm mit Mitteln der Polizei und des Gerichts auf die Finger klopfen.«

»Wenn er jedoch«, so der Sozialdemokrat, »Revolution im Sinne hegelscher Dialektik versteht, dann helfen gegen Gefahren und Vorstellungen weder Polizei noch Gerichte, sondern nur bessere Ideen. Denn es wäre frevelhaft« wollte man das Denken den Jusos überlassen.«

Weder die Jusos, geschweige denn die ultraradikalen Roten Studenten-Zellen, die »Rotzöks« und »Rotzmeds«, haben bislang eine plausible Antwort auf die Frage gegeben, wie denn überhaupt sozialistische Universitäten -selbst wenn sie zustande kämen -- in einer kapitalistischen Gesellschaft funktionieren könnten. In der bürgerlichen Gesellschaft wird es kaum Nachfrage nach Akademikern geben, die eigens dafür ausgebildet wurden, diese Gesellschaft zu sprengen.

Und auch die »revolutionäre Berufspraxis«, die sozialistischen Ökonomie-Studenten ebenso vorschwebt wie marxistischen Philologen oder Physikern, setzt Akkumulation verwertbarer Fachkenntnisse, also genau das voraus, was radikale Jungakademiker gern als »Herrschaftswissen« ignorieren und durch ein Solo-Studium des Marxismus ersetzen wollen.

»Marxistische Universitäten«, erkannte FU-Präsident Kreibich, »müßten an Auszehrung sterben.« Und Bremens Gründungsrektor Thomas von der Vring hält solche Universitäten gar für »sinnlos": Dort »würde man alle Diskussionen ersticken, und so kämen zum Schluß nur Dogmatiker heraus«

Was bleibt, auch für Bremens Universität, ist die Chance, den Horizont der herkömmlichen Hochschulen zu erweitern und sozialistische Ideen wie marxistische Methoden in das Curriculum aufzunehmen. Das mag für Sozialisten, die sich mehr erhoffen« enttäuschend sein.

»Und ich sehe schon«, sagt von der Vring »den Tag kommen, an dem alle, die sich heute eine sozialistische Universität erhoffen oder die sich vor ihr fürchten, gemeinsam vor der Universität Bremen stehen und sagen: Und das soll nun eine sozialistische Universität sein« (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 61).

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 1 / 88
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.