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»Unsere Verunsicherung hat triftige Gründe«

aus DER SPIEGEL 37/1977

SPIEGEL: Herr Overbeck, während die Zahl der Arbeitslosen steigt und die Wachstumsrate fällt, haben sich die Unternehmer aufs Jammern verlegt. Sie und Ihre Kollegen werden nicht müde zu beteuern, daß ihnen das Vertrauen fehle, daß Sie wegen Ihres Vertrauensdefizits nicht genügend investieren könnten. Ist diese Rolle des Unternehmers nicht arg kläglich?

OVERBECK: Ich weiß nicht, ob man mit einer solchen Qualifizierung der Unternehmerrolle die schwerwiegenden Bedenken abtun soll, die sich nun aus der Situation und aus Handlungen und Einstellung vieler einflußreicher Gruppen ergeben.

SPIEGEL: Was stört Sie, warum ist die Lage so ernst?

OVERBECK: Die Verunsicherung der Unternehmer hat leider triftige Gründe. Nehmen Sie zum Beispiel die Mitbestimmung. Der Deutsche Gewerkschaftsbund vertritt nachhaltig die Forderung nach der absoluten Parität in den Aufsichtsräten der Unternehmen.

In seinem Düsseldorfer Büro.

SPIEGEL: Und das halten Sie für gefährlich?

OVERBECK: Gewiß. Denn bei dieser Parität würden alle Entscheidungsvorgänge sehr viel schwieriger, sehr viel zäher werden. Das Führen der Unternehmen und das Sichern ihrer Wettbewerbsfähigkeit wären kaum zu leisten. Schon heute ist es fast nicht mehr möglich, Mitarbeiter zu entlassen, wenn die schlechte Auftragslage dazu zwingt. Bei voller Parität sind Anpassungen dieser Art wohl fast ausgeschlossen.

SPIEGEL: Rechnen Sie denn damit, daß sich in den nächsten Jahren im Bundestag eine Mehrheit für die von Ihnen gefürchtete volle Mitbestimmung finden würde?

OVERBECK: Ob ich damit rechne, das ist völlig gleichgültig. Sie können genausowenig wie ich die politischen Konstellationen in der Führung unseres Landes voraussagen. Eine rein sozialistische Regierung, glaube ich, würde wohl den Wünschen der Gewerkschaften folgen.

SPIEGEL: Uns überrascht, daß ausgerechnet ein Unternehmer aus der Montanindustrie diese Bedenken gegen die Mitbestimmung geltend macht. Gerade in Ihrer Branche hat sich die Parität auch nach dem Urteil von Skeptikern bewährt.

OVERBECK: Die Montanmitbestimmung war eine gesetzliche Regelung in einem isolierten Bereich unserer Wirtschaft. Die Gewerkschaften waren nach meiner Auffassung klug genug, in diesem Teilbereich ein gutes, kooperatives Verhalten zu zeigen. Aber ob wir ein solches Verhalten auch erwarten könnten, wenn eine paritätische Mitbestimmung ganz generell gelten würde, ist für mich überaus fraglich.

SPIEGEL: Warum eigentlich lassen Sie und Ihre Kollegen sich von bloßen Forderungen verunsichern, von Forderungen, die derzeit keine Aussichten auf Verwirklichung haben? Ist das nicht arg wehleidig?

OVERBECK: Schauen Sie sich doch die Situation in den Ländern an, die uns umgeben, auch die Situation in Amerika. Dort fordern die Gewerkschaften nicht Mitbestimmung.

SPIEGEL: Wünschen Sie englische oder italienische Gewerkschaften?

OVERBECK: Nein, gewiß nicht. Ich weiß wohl, daß unsere Einheitsgewerkschaften ganz entscheidende Vorteile haben. Wenn wir uns mit einer Gewerkschaft verständigt haben, dann gilt diese Verständigung. Aber zurück zu Ihrer Wehleidigkeit. Wir hatten bislang das beste Mitbestimmungsgesetz, das man sich überhaupt vorstellen konnte, das alte Betriebsverfassungsgesetz. Dieses Gesetz hat sich nach meiner Meinung für alle Beteiligten eindeutig bewährt. Dennoch wurde es durch neue Vorschriften ersetzt, die in die falsche Richtung führen.

SPIEGEL: Ihre Kollegen haben gegen das Gesetz beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Klage eingelegt und damit die Gewerkschaften zu wütenden Protesten herausgefordert. Ist Ihnen schon die jetzt geltende Mitbestimmung so unangenehm, daß Sie es riskieren, das Klima zwischen den Tarifparteien zu gefährden?

OVER BECK: Wenn die Karlsruher Entscheidung festlegt, daß es in Sachen Mitbestimmung keine weitere Verschärfung geben wird, wäre das Vorhaben durchaus lohnend, die unguten Gefühle der Unternehmer würden abgebaut. Und was das Klima betrifft: Natürlich wird aus dem Fenster laut und anders geredet als unter vier Augen. Nicht selten wettert ein maßgeblicher Mann einer Gewerkschaft über die Unternehmer, um zwei Stunden später mit eben diesem Unternehmer in Ruhe zu überlegen, was zu tun ist.

SPIEGEL: Wir können uns nicht vorstellen, daß allein die Mitbestimmung oder die vagen Aussichten über eine verschärfte Mitbestimmung zum Vertrauensschwund der Unternehmer geführt haben. Sie und andere Firmenchefs haben in den letzten Monaten stets geklagt, die hohen Löhne hätten zu unerträglichen Kostenbelastungen geführt und die Flaute mit verursacht. Auch diese Klage erscheint nicht so recht überzeugend. Immerhin wurden die Tarifverträge von Gewerkschaften und Arbeitgebern unterschrieben.

OVERBECK: Sie haben recht. Die Verantwortung für diese Abschlüsse liegt bei beiden Partnern. Wenn wir sagen würden, allein die Gewerkschaften hätten durch zu hohe Tarifabschlüsse eine Fehlentwicklung eingeleitet, wäre das eine falsche Darstellung.

SPIEGEL: Warum haben die Unternehmer dann den Abschlüssen zugestimmt, die Sie selbst offenbar für unverantwortlich halten?

OVERBECK: Es gibt nun einmal zwischen allen Lohn- und Gehaltsabschlüssen eine gewisse Abhängigkeit. Wenn zum Beispiel eine Lohnrunde in einer Branche oder im öffentlichen Dienst mit einem hohen Abschluß angefangen wird, können sich die anderen Branchen davon kaum noch frei machen.

SPIEGEL: Warum nicht? Sie könnten sich doch weigern und einen Streik riskieren.

OVERBECK: Das sagen Sie so leichthin. Als Unternehmer, der sich für das Unternehmen, das er leitet, verantwortlich fühlt, muß man überlegen: Was ist nach dem Streik, wie lange dauert er, und was kostet er? Habe ich eine echte Chance, nach dem Streik zu günstigeren Bedingungen abzuschließen? Am Ende dieser Rechnung kann sich herausstellen, daß die Produktionsausfälle und die Zusatzkosten durch den Streik noch schwerer zu verkraften sind als ein zu hoher Lohnabschluß. Gerade in diesem Punkt sind die Unternehmer nicht so frei, wie das gern angenommen wird.

SPIEGEL: Dennoch scheinen die Klagen nicht plausibel. Wenn Sie zum Beispiel behaupten, daß die Entwicklung der Lohnkosten in der Bundesrepublik sowohl den Export als auch die Inlandskonjunktur gefährden, müßte doch irgendwann der Punkt kommen ...

OVERBECK: ... der ist jetzt da, wir sind soweit, das steht außer jedem Zweifel. Abgesehen von der Autoindustrie und Teilen der Elektroindustrie geht es allen Branchen einigermaßen mies. Sie haben vorhin das Thema Arbeitslosigkeit angeschnitten. Wir sind von 1950 bis 1960 durch die Ausdehnung der Produktion von einer Arbeitslosigkeit um die zehn Prozent auf ein Prozent heruntergekommen. Damals lagen wir im internationalen Arbeitskostenvergleich im unteren Drittel -- heute haben wir mit Schweden und Amerika die Spitze.

SPIEGEL: Genau das ist doch der soziale Fortschritt.

OVERBECK: Dieser Fortschritt hatte seinen Preis. Wenn wir heute die schwierige konjunkturelle und strukturelle Situation überwinden wollen, dürfen die Löhne nur noch im Rahmen des Produktivitätsfortschritts steigen.

SPIEGEL: Werden Sie in der nächsten Lohnrunde härter verhandeln?

OVERBECK: Wir werden es müssen.

SPIEGEL: Vermuten Sie, daß die Gewerkschaften die Zusammenhänge ähnlich beurteilen?

OVERBECK: Davon bin ich überzeugt. Nur: Die Gewerkschaften sind nicht so frei, wie man meint. Sie müssen auf ihre Mitglieder Rücksicht nehmen, die manche Zusammenhänge nicht sehen. Die Repräsentanten, die schließlich bei der nächsten Wahl, sei es zum Betriebsrat, sei es zum Vorstand einer Gewerkschaft wieder gewählt werden wollen, müssen ihrer Basis verkaufen, daß sie sich mit maßvollen Abschlüssen zufriedengeben müssen. Das ist auch für sie nicht einfach.

SPIEGEL: Mit Ihrer Glaubwürdigkeit steht es nicht zum besten. Das Klagelied ist nun einmal des Unternehmers liebstes Lied, das seit Kriegsende alljährlich wieder angestimmt wird. Ist es diesmal ernst gemeint?

OVERBECK: Es war auch in den letzten Jahren ernst gemeint, und wir hatten recht. Nehmen Sie zum Beispiel die Zahl der Insolvenzen, der bankrotten Firmen. Sie stieg von 1970 bis 1976 von 4200 auf 9400 Firmen im Jahr.

SPIEGEL: Und die anderen, die überlebenden Firmen?

OVERBECK: Schauen Sie sich doch die Ergebnisentwicklung an, die ist doch überall schlecht. Das Verheerende an dieser Entwicklung ist, daß die Investition nur noch im Zusammenhang mit der Arbeitslosigkeit erwähnt wird, etwa nach dem Schema, Arbeitslosigkeit wäre am besten durch Investition zu bekämpfen.

SPIEGEL: Was ist an dieser These gefährlich?

OVERBECK: Die These vernachlässigt einen Zusammenhang, den wir nie aus den Augen verlieren dürfen. Die Bundesrepublik Deutschland ist arm an Bodenschätzen und Energiequellen, wir müssen fast alles aus allen Ecken der Erde heranschaffen. Womit können wir das bezahlen? Mit höherer Fingerfertigkeit, mit höherer Intelligenz. Das ist unser Kapital. Deshalb müssen wir, wenn wir überhaupt eine Chance auf Vollbeschäftigung haben wollen, in der

* 1974 in Essen.

technischen Entwicklung weit vorn bleiben.

SPIEGEL: Und die hohen Löhne gefährden diesen Spitzenplatz?

OVERBECK: Ganz ohne Zweifel. Die Lohnkosten sind ein wesentlicher Bestandteil unserer Kosten. Und auf Dauer kann man nur ein Geschäft machen, wenn man Gewinn macht. Diesen Gewinn stecken ja nicht die Unternehmen ein, stecke doch nicht ich persönlich ein. Bei Mannesmann erhalten ihn die 185 000 Aktionäre, die alle kleine Depots haben, so zwischen 5000 und 6000 Mark. Es ist doch nicht so, daß die Unternehmer dem Arbeitnehmer etwas mißgönnten, wie es sich die Öffentlichkeit gelegentlich vorzustellen scheint. Nur wenn wir Gewinne machen, können wir die notwendige Forschung und Entwicklung neuer Produkte und neuer Technologien und die zur Anwendung notwendigen neuen Investitionen bezahlen. Und nur wenn wir in der Technologie vorn sind, können wir unseren Mangel an Ressourcen ausgleichen.

SPIEGEL: Ist denn der westdeutsche Produktionsapparat so alt, daß wir Gefahr laufen, zurückzufallen?

OVERBECK: Genau das, das ist die große Gefahr. Das Ansteigen der Löhne führt dazu, daß die Ergebnisse geringer werden. Die Investitionen richten sich dann nicht mehr nach der Technologie von morgen aus, sondern die Unternehmen konzentrieren sich aufs Überleben: Um die Lohnkosten unter Kontrolle zu halten, wird vor allem in Rationalisierungsvorhaben investiert, Maschinen ersetzen die zu teuer gewordenen Menschen.

SPIEGEL: Ist dieses Bild nicht arg düster? Immerhin ist zumindest die Exportkraft der deutschen Wirtschaft ungebrochen.

OVERBECK: Ich glaube nicht, daß ich übertreibe oder, um Ihren Vorwurf aufzugreifen, wehleidig bin. Wenn man nicht versucht, diese Zusammenhänge öffentlich deutlich zu machen, dann hat man gar keine Chance, daß die Öffentlichkeit begreift, was auf dem Spiel steht. Das wird leicht als Klage interpretiert. Aber die Realität ist nun einmal so.

SPIEGEL: Die Unternehmer behaupten, daß Bonn für ihr Mißtrauen mitverantwortlich ist. Hat die Bundesregierung Sie verunsichert?

OVERBECK: Es ist für uns schon ein wenig schwierig zu verstehen, warum laufend neue Vorschläge zur Konjunkturpolitik vorgebracht, aber nicht entschieden werden. Genau das können wir nicht gebrauchen. Wir brauchen Stetigkeit.

SPIEGEL: Und die liefert Bonn nicht?

OVERBECK: Lassen Sie mich mit einem Beispiel antworten. Anfang Mai 1973 hatte die Bundesregierung das Gefühl, sie müsse einen Boom dämpfen. Sie verfügte eine Investitionssteuer von elf Prozent und schränkte die steuerliche Abschreibungsmöglichkeit ein. Das war im Mai. Ein gutes halbes Jahr später wurden beide Maßnahmen wieder aufgehoben, und ein weiteres Jahr später gab es eine Investitionsprämie von 7,5 Prozent, Das ist stop and go, und das geht nicht.

Wir, die Unternehmer, müssen mit so vielen Variablen fertigwerden, mit veränderten Verbrauchsgewohnheiten, Wechselkursen, Konkurrenzverhalten, daß wir einige Dinge brauchen, auf die wir uns verlassen können. Ankündigen und dann nichts tun, Beschließen von Maßnahmen, die wenig später von Gegenmaßnahmen abgelöst werden -- das ist Gift.

SPIEGEL: Man könnte den raschen Wandel in der Konjunkturpolitik auch als Feinsteuerung der Wirtschaft ansehen. Was halten Sie davon?

OVERBECK: Davon halte ich nur dann etwas, wenn diese Steuerung ohne Hektik erfolgt und sich konsequent im Rahmen der Marktwirtschaft vollzieht, die im übrigen große Kräfte der Selbstheilung besitzt.

SPIEGEL: Die aber diesmal lange auf sich warten lassen.

OVERBECK: Ich gebe zu, daß die Zeit der Selbstkorrektur manchem unvertretbar lang erscheint. Dennoch ist das hektische Hantieren in der Konjunkturpolitik gefährlich. Die Daten, auf die sich die Regierung stützt, sind nicht selten veraltet.

SPIEGEL: Haben Sie bessere? OVERBECK: Ich glaube schon. Wir haben unsere Verkäufer im Markt und erfahren so sehr viel schneller, was jeweils läuft. Die Regierung ist dagegen auf amtliche Statistiken angewiesen, die erst nachträglich, häufig viele Monate später, Trend-Wenden registrieren können. Deshalb bin ich gegen das, was Sie Peinsteuerung nennen. Hier besteht die Gefahr, daß aus Feinsteuerung Fehlsteuerung wird.

SPIEGEL: Muß der Glaube in die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft angesichts der anhaltenden Arbeitslosigkeit nicht verfliegen, wird die Unternehmer-Wirtschaft nicht zu Recht von vielen als Unterlasser-Wirtschaft angesehen?

OVERBECK: Ich fürchte, diese Gefahr ist nicht auszuschließen. Deshalb müssen wir uns auf die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit konzentrieren. Aber dafür brauchen wir eben langfristig wirksame Maßnahmen. Wir müssen vermeiden, Hals über Kopf unzweckmäßige, kurzfristige Maßnahmen zu treffen, die von vielen Politikern gefordert werden, weil sie schnell Wirkung sehen wollen. Das mag menschlich verständlich sein, weil die Politiker vom nächsten Wahltermin getrieben werden. Aber das Problem ist zu ernst, als daß man unter diesem Gesichtspunkt Politik machen darf. Die etwas künstlichen Maßnahmen, die jetzt diskutiert werden, wie das Babyjahr oder das zehnte Schuljahr -.- damit kommt man doch der Arbeitslosigkeit nicht bei.

SPIEGEL: Angenommen, Sie wären Bundeskanzler, ihre Partei hätte die absolute Mehrheit, und Ihre Partei würde beschließen, was Sie vorschlagen. Welches wirtschaftspolitische Konzept würden Sie durchsetzen?

OVERBECK: Als erstes würde ich sagen: Die Mitbestimmung ist jetzt abschließend geregelt, eine Verschärfung gibt es nicht. Zugleich würde ich ein Signal setzen, das von allen verstanden wird.

SPIEGEL: Und wie sähe dieses Signal aus?

OVERDECK: ich würde nach dem Stabikitäts- und Wachstumsgesetz die Lohn- und Einkommensteuer linear für alle Steuerzahler um zehn Prozent senken. Zugleich würde ich gewisse Elemente der Steuerpolitik beseitigen. SPIEGEL Welche Steuern stören Sie? OVERRECK; Die Regierung hat mit der Herabsetzung der Vermögensteuer einen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Aber die Gewerbesteuer, insbesondere die Gewerbelohnsummensteuer, ist doch ein Unding. Der Staat besteuert die Lohnsumme und bestraft damit gerade lene Unternehmen, die viele Menschen beschäftigen. Diese Steuer muß fallen.

SPIEGEL: Würde Ihnen das reichen? OVERBECK: Des weiteren würde ich Innovationen fördern, sei es indirekt durch steuerliche Nachlässe oder mit gezielten Zuschüssen. Die Förderung von Forschung und Entwicklung wird zwar schon heute betrieben, aber man könnte sie wesentlich ausweiten. Und dann gibt es noch eines ...

SPIEGEL: Noch eine Wohltat für die Unternehmen?

OVERBECK: Mich irritiert, daß der Mut, sich als Unternehmer zu betätigen, nachgelassen hat. Die Zahl der Unternehmen in der Industrie ist in den letzten Jahren von 62 000 auf etwa 58 000 zurückgegangen. Ich halte dies für eine fatale Entwicklung. Deshalb muß kleinen Firmen zum Beispiel die Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft, die viel leichter Kredite bekommt, erleichtert werden. Darüber hinaus sollten junge Leute, die sich selbständig machen wollen, mit Staatszuschüssen ermuntert werden. All das wirkt sich erst langfristig aus, hilft langfristig die Innovationsfähigkeit und die Investitionstätigkeit und damit am Ende auch die Beschäftigung zu verbessern. Die kurzfristigen Maßnahmen, die ich nannte, können höchstens als flankierende Maßnahmen gelten. Ist ihre Frage damit beantwortet?

SPIEGEL: Uns wundert, daß Sie den Programmpunkt Abschreibungserleichterung für die Unternehmen nicht erwähnt haben.

OVERB ECK: Das habe ich übersehen, wahrscheinlich, weil ich es für fast selbstverständlich halte. In der Tat sind Abschreibungserleichterungen ein wirksames Instrument. Eine Erhöhung der degressiven Abschreibung hat den Vorteil, daß sie unmittelbar neue Investitionen erleichtert.

SPIEGEL: Im Energiesektor haben Bürgerinitiativen und Gerichte dafür gesorgt, daß Kernkraftwerke kaum noch gebaut werden. Selbst Kohlekraftwerke scheitern an Umweltbestimmungen. Würden Sie den gesetzlichen Umweltschutz entschärfen?

OVERBECK: Auf jeden Fall. Die Unsicherheit über die Investitionsentscheidung zum Beispiel im Kraftwerksbau muß endlich aufhören. Ein Richter, der häufig das entscheidende Wort sprechen muß, ist zwangsläufig gelegentlich überfordert. Deshalb müssen Regierung und Parlament klare Daten setzen. Im übrigen meine ich, daß unsere Umweltgesetze schon heute überzogen sind. Wir können nicht ein Land werden, das einem Naturschutzpark ähnelt.

SPIEGEL: In der Gefahr sind wir wohl noch lange nicht.

OVERBECK: Stellen Sie sich bitte einmal vor, welche Folgen zwangsläufig eintreten würden, wenn wir uns einen Stopp in der Kernkrafttechnik leisten würden. Die Spitzenkräfte, die Spaß an dieser Technologie haben, gingen ins Ausland. Und wenn wir dann eines Tages notgedrungen die Kernkrafttechnik doch anwenden müssen, haben wir einen Rückstand, der geradezu lebensgefährlich sein wird.

In Moment sind wir in Teilen der Kernkrafttechnologie weiter als die Amerikaner. Es wäre für unsere Volkswirtschaft ein entsetzlicher Verlust, wenn jene, die diesen Vorsprung mit ihrem Kopf und ihren Händen erreicht haben, abwandern würden.

SPIEGEL: Herr Overbeck, Sie beklagten, daß die Regierung eine stopand-go-Politik betrieben habe. Haben die CDU-geführten Regierungen verläßlichere Daten gesetzt?

OVERBECK: In der Aufbauphase war das sicherlich der Fall. Aber da war es einfacher, da ging es immer vorwärts. Da zog alles mit, da war Begeisterung drin, und die Vorwärtsentwicklung des nächsten Jahres heilte Fehler des vergangenen Jahres. Heute sind die Probleme natürlich sehr viel komplexer. Schon deshalb ist ein Vergleich nicht sinnvoll.

SPIEGEL: Angenommen, Ihr Katalog von Empfehlungen an die Wirtschaftspolitiker in Bonn wird nicht realisiert ...

OVERBECK: ... eines habe ich noch vergessen. Wir müssen die Mobilität der Arbeitnehmer erhöhen. Heute ist es schwierig, einen Mann an einen neuen Arbeitsplatz umzusetzen, auch wenn die neue Stelle nur zehn Kilometer weiter entfernt liegt. Die noch verbreitete Mentalität, daß jedermann einen Anspruch darauf habe, seinen Arbeitsplatz vom Ende der Lehrzeit bis zur Pensionierung zu besetzen, ist nicht mehr durchzuhalten. Und das muß der Öffentlichkeit klargemacht werden.

SPIEGEL: Noch einmal gefragt. Dieser Katalog, der den Unternehmern beachtliche Vorteile bietet ...

OVERBECK: ... nicht den Unternehmern, den Unternehmen. Und in den Unternehmen sind die Arbeitnehmer von solchen Maßnahmen am meisten begünstigt. Nehmen Sie zum Beispiel die Ziffern von Mannesmann. Bei uns arbeiten 108 000 Menschen, die im letzten Jahr insgesamt 3,6 Milliarden Mark Lohn, Gehalt und Sozialbeiträge erhalten haben. Die 185 000 Aktionäre haben 131 Millionen Mark bekommen, also nicht einmal den zwanzigsten Teil. Wenn Sie von den Vorteilen sprechen, müssen Sie diese 108 000 Menschen sehen, um ihre Arbeitsplätze geht es.

SPIEGEL: Angenommen, aus Ihren Vorschlägen wird nichts. Würde sich bei konjunkturpolitischer Untätigkeit der Regierung die Arbeitslosigkeit verschärfen, würden wir gar unseren internationalen Spitzenplatz verlieren?

OVERBECK: Ich fürchte ja. Das geht nicht auf einen Schlag. Das geht langsam. Aber leider mit einer schrecklichen Stetigkeit.

SPIEGEL: Steckt hinter den Klagen über das fehlende Vertrauen aber nicht auch ein wenig politische Nostalgie, wehmütige Erinnerungen an die Zeit, als die CDU Bonn regierte? Würde ein Regierungswechsel in Bonn das Vertrauen der Unternehmer wieder herstellen?

OVERBECK: Sicherlich nicht automatisch. Denn die Probleme, die eine neue Regierung vorfindet, sind durch den Regierungswechsel allein nicht vom Tisch. Und was das Vertrauen betrifft: Manche Äußerungen aus den Sozialausschüssen der CDU schmecken mir sehr viel weniger als manches, was maßgebliche Männer der Regierungskoalition sagen.

SPIEGEL: Dann gilt das Mißtrauen doch weniger der Regierung als der Zukunft oder genauer, den schwierigen Problemen, die sich in Zukunft stellen.

OVERBECK: Da kann ich Ihnen nicht folgen. Nach meiner Auffassung kann keine Regierung die Dinge laufen lassen, sondern muß im Interesse des Ganzen verhandeln. Deshalb gehe ich davon aus, daß mindestens wesentliche Teile jenes Maßnahmenkataloges, den ich Ihnen entwickelte, verwirklicht werden.

SPIEGEL: Herr Overbeck, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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