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»Unsere Völker sind verrückt geworden«

Wie Indien vor 40 Jahren seine Unabhängigkeit erhielt und was daraus wurde (II) / Von Siegfried Kogelfranz *
Von Siegfried Kogelfranz
aus DER SPIEGEL 34/1987

Louis Francis Albert Victor Nicholas Mountbatten, Viscount of Burma, war 46 und hatte schon eine glänzende Karriere hinter sich, als ihn der Ruf seines Lebens erreichte.

Der Admiral hatte als Oberkommandierender der alliierten Streitkräfte im August 1945 die Kapitulation der Japaner in Südostasien entgegengenommen und wollte nun weiter bei der Marine Karriere machen.

Da hatte Großbritanniens sozialistischer Premier Clement Attlee eine, wie er meinte, glückliche »Inspiration«.

Er suchte verzweifelt einen Mann, der England aus Indien herausbringen konnte. Das Juwel des Empire drohte vor die Hunde zu gehen. London war endlich bereit, den indischen Subkontinent mit seinen 400 Millionen Menschen in die Unabhängigkeit zu entlassen, doch Indiens Hindus und Moslems fuhren einander bereits haßerfüllt an die Kehle im Streit darüber, wie ein unabhängiges Indien aussehen sollte.

Die Moslems, ein Viertel der Bevölkerung, bestanden auf einem eigenen Staat, Pakistan, als »einzigen Weg zu einer glücklichen Zukunft« des Subkontinents. Sie wollten Indien »entweder teilen oder aber zerstören«, so ihr Führer Dschinnah.

Die Hindus bestanden auf einem Indien. »Auch wenn ganz Indien in Flammen aufgeht, werden wir niemals einem Pakistan zustimmen«, zürnte der Hindu-Prophet Gandhi.

Schon hatten Kämpfe zwischen Hindus und Moslems in Kalkutta Tausende Tote gefordert, drohte der Bürgerkrieg zwischen den beiden Religionsgruppen auf ganz Nordindien überzugreifen.

Die Disziplin in der Verwaltung, der Polizei, selbst der Armee brach zusammen. Hindu-Beamte bevorzugten Hindus, Moslem-Polizisten weigerten sich, gegen Moslem-Unruhestifter vorzugehen.

Englands Vizekönig in Indien, Lord Wavell, verzweifelte: »Ich habe alles versucht, das Problem zu lösen, wie man Indien den Indern übergeben könnte, aber ich bin am Ende.«

Wavell schlug vor, die Briten sollten sich einfach absetzen und Indien sich selber überlassen. Wenn man das nicht wolle, seien fünf zusätzliche britische Divisionen nötig, um die Ordnung im Land aufrechtzuerhalten, bis es, vielleicht in 15 Jahren, reif für die Selbstregierung sei.

Das Kabinett in London verwarf beide Vorschläge als »einer Großmacht unwürdig«. Da Wavell nicht weiter wollte oder konnte, mußte ein anderer Vizekönig her. Attlee hielt »Dickie« Mountbatten für den Retter in der Not.

Der Admiral hatte sich in Burma nicht nur als Feldherr bewährt, sondern auch als liberaler Politiker, der asiatische Unabhängigkeitsbestrebungen unterstützte. Er kannte Indiens führenden Hindu-Politiker Nehru persönlich.

Als Cousin des Königs würde er am ehesten von den schwierigen indischen Prinzen akzeptiert werden, die auch in einem unabhängigen Indien ihre eigenen Souveränitätsrechte behalten wollten.

Jenen Briten, die nach wie vor am Empire hingen, konnte der Adelige und Kriegsheld Mountbatten am ehesten einen Verzicht auf Indien zumuten. Und, so Attlees letztes Argument, von dem er allerdings noch nicht wissen konnte, welche Bedeutung es bald in Indien haben würde: »Er ist mit einer sehr ungewöhnlichen Frau gesegnet.«

Mountbatten fuhr Ski in der Schweiz, als ihn Attlees Ruf ereilte. Er war nicht sehr überrascht. Er wußte, daß er schon mehrmals für den Posten vorgeschlagen worden war, hatte jedoch immer abgewinkt.

An diesem 1. Januar 1947 aber blieb Attlee stur. Seiner Meinung nach gab es niemanden, der diese Aufgabe besser erfüllen könnte. Mountbatten stellte Bedingungen, verlangte praktisch unbegrenzte Vollmachten als Vizekönig, die Freiheit, vor Ort selber zu entscheiden, ohne die Regierung zu fragen.

Nach kurzem Zögern stimmte Attlee zu. Mountbatten hatte keine Ausrede mehr, das Amt abzulehnen - falls er je ernsthaft daran gedacht hatte.

Denn in Wahrheit hatten ihn schon ein Vierteljahrhundert vorher, als er den damaligen Prinzen of Wales und späteren Kurzzeit-König Edward VIII. - der wegen seiner Heirat mit der geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson abdankte - nach Indien begleitete, Macht, Pracht und Pomp am Hof des Vizekönigs in Delhi grenzenlos beeindruckt. »Indien«, so hatte er es 1921 gesehen, »ist das wundervollste Land, und der Vizekönig hat den wundervollsten Job in der Welt.«

Nun erhielt er selber diesen Traumjob - und mochte seinen Triumph darüber nicht verbergen: »Man hat mich zum mächtigsten Mann der Welt gemacht, verantwortlich für Leben und Tod von einem Fünftel der Menschheit«, sagte er, als er am 22. März 1947 sein Amt in Delhi antrat.

Die Inder begrüßten den neuen Vertreter der Krone erwartungsvoll: »Endlich haben wir einen Menschen als Vizekönig«, bemerkte Jawaharlal Nehru, »und nicht ein ausgestopftes Hemd.« Mountbattens Landsleute zu Haus und in Indien waren weit skeptischer. Winston Churchill nahm ihm übel, daß er als Kriegsheld und Mitglied des Königshauses sich für ein so »unseliges Geschäft« wie die Demontage des Empire hergebe.

Englands Oberkommandierender in Indien Feldmarschall Sir Claude Auchinleck ("The Auk"), hielt den rangniedrigeren Mountbatten für die falsche Wahl, wegen seines »unflexiblen germanischen Geistes«, seiner »Marine-Ausbildung«, seines königlichen Geblüts und weil er ohnehin »nichts von Indien versteht« - so erinnert sich Auchinlecks Privatsekretär, der Pakistani General Schahid Hamid, in einem 1986 in England erschienenen Buch.

Hamid gibt auch gleich Beispiele der Intrigen, die damals in Delhi gesponnen wurden. Er, der Moslem, enthüllt, daß ein Hindu-Stenograph am Hof des Vizekönigs für die Kongreßpartei spionierte, bekennt aber gleichzeitig voller Stolz, daß er selber alles, was er durch seine Stellung erfuhr, an den Moslem-Führer Dschinnah weitergab.

Die britische Gemeinde in Indien, die in Indern meist immer noch »dreckige Nigger« sah, denen man keinen Zutritt zu den Klubs der Weißen erlaubte, empfing den neuen Vizekönig, der mit dem Auftrag kam, dieses schöne Indien ausgerechnet den Indern zu übergeben, mit abgrundtiefem Mißtrauen.

Dazu kam noch, daß, wie Richard Hough in seiner Biographie Edwina Mountbattens anmerkte, viele britische Beamte in Indien »Mountbatten als emporgekommenen Ex-Playboy und Edwina als verdorbenes jüdisches Playgirl mit zweifelhafter Moral« betrachteten.

In dieses Hornissennest kam Mountbatten mit einem unmöglichen Auftrag, den sein Biograph Philip Ziegler so formulierte: »Halte Indien zusammen, wenn du das kannst, rette aus dem Chaos, was noch zu retten ist, vor allem aber bringe Großbritannien dort raus was immer auch passiert.«

Der neue Vizekönig fand, wie er in seinem ersten Bericht nach London schrieb, in Indien »eine dumpfe Atmosphäre völliger Hoffnungslosigkeit« vor. Er begann seine Mission, von der er selber meinte, sie werde ihm wahrscheinlich »eine Kugel in den Rücken« eintragen, indem er die Hauptakteure auf der indischen politischen Bühne zum Abtasten nacheinander in den Palast lud. Seine bedeutendsten Partner im Poker um Indiens Zukunft waren: *___Mohandas Karamtschand Gandhi, ein Anwalt aus dem ____Gudscharat, der 1888 nach London und 1893 nach ____Südafrika gegangen war, dort gegen die rassische ____Diskriminierung der Inder gekämpft hatte und 1915 ____bereits _(Vor einem Bild Mahatma Gandhis. )

als gefeierter Freiheitsheld nach Indien zurückgekehrt war. Seither hatte er den Briten mit seinem Feldzug des gewaltlosen Widerstands das Leben schwergemacht und ihnen immer wieder gesagt, daß sie Indien früher oder später verlassen müßten. 2089 Tage hatte der Mahatma dafür in englischen Gefängnissen gebüßt, nun stand der »halbnackte Fakir«, wie Churchill ihn einst beschimpft hatte, vor dem Erfolg seines Lebenswerkes - aber seinem Indien drohte die Spaltung. *___Jawaharlal Nehru, gleichfalls Anwalt, Abkömmling einer ____uralten kaschmirischen Brahmanenfamilie aus Allahabad, ____dessen Vater Motilal sich vom Briten-Freund zum ____Freiheitskämpfer gewandelt hatte. In Harrow und ____Cambridge erzogen, aus England mit marxistischen Ideen ____zurückgekehrt, war Nehru mehr der weiten Welt zugewandt ____als in Indien verwurzelt. Er hatte einen Horror vor den ____rückständigen religiösen Vorstellungen seiner ____Landsleute und war voll Bewunderung für britischen ____Pragmatismus. Nehru kleidete sich indisch - aber nicht ____in ein Hüfttuch wie Gandhi, sondern mit englischer ____Eleganz, stets eine Rose im Knopfloch. *___Mohammed Ali Dschinnah war ebenfalls Anwalt und ein ____Führer der indischen Moslems, wie er unislamischer gar ____nicht sein konnte. Erst sein Großvater, ein Hindu, war ____zum Islam konvertiert. Er kleidete sich stets in feines ____britisches Tuch. Er liebte Champagner und Brandy, war ____Kettenraucher, mied die Moschee, kannte seinen Koran ____nicht und hatte mit 42 ein wunderschönes 18jähriges ____Parsi-Mädchen namens Ruttie geheiratet, das ihn zehn ____Jahre später verließ. Er verfolgte aber sein Ziel eines ____eigenen Moslemstaates auf indischem Boden mit einem ____Fanatismus, dem weder die Hindus noch die Briten ____gewachsen waren: Dschinnah wußte, daß er nicht mehr ____viel Zeit hatte, seine Lebensaufgabe zu erfüllen - er ____litt an offener Tuberkulose.

Daß Dschinnah ein todgeweihter Mann war, blieb eines der strengst gehüteten Geheimnisse. Nicht einmal seine engsten Vertrauten wußten davon. Schon gar nicht ahnten es seine Gegenspieler, die Hindus.

Bis heute ist es ein ungelöstes Rätsel des indischen Dramas wie weit die Briten über Dschinnahs Zustand unterrichtet waren. Im Juni 1946, neun Monate vor Mountbattens Ankunft in Indien, hatte der Bombayer Internist Dr. Patel dem Moslemführer offenbart, daß er allenfalls noch zwei, im Höchstfall drei Jahre zu leben hätte.

Englands Geheimdienste führten lückenlose Dossiers über die indischen Führer, denen sie während des Krieges verräterische Konspirationen mit dem japanischen Feind unterstellt hatten. Es wäre mehr als seltsam, sollte ihnen die angegriffene Gesundheit eines der wichtigsten Politiker auf dem Subkontinent entgangen sein, des einzigen Moslem-Führers, der die Teilung durchsetzen konnte, zumal Dschinnah wahrlich nicht gesund aussah: Er war über 1,80 groß, wog aber nur 60 Kilo, seine Haut war grau, das Gesicht eingefallen, die Augen hatten tiefe Höhlen.

»Wenn Mountbatten, Nehru oder Gandhi dieses Geheimnis gekannt hätten, wäre die Teilung Indiens vielleicht vermieden worden«, schreiben die Autoren Collins und Lapierre in ihrem Indien-Buch »Um Mitternacht die Freiheit«.

Mountbatten selbst beteuerte noch Jahrzehnte später, er habe nichts von Dschinnahs Todkrankheit gewußt - »hätte mir jemand erzählt, daß der nur noch Monate zu leben hatte, dann hätte ich vielleicht gesagt, laß uns Indien zusammenhalten, es nicht teilen. Dann hätte ich die Uhr zurückgedreht, den Status quo erhalten«.

Dazu äußerte Mountbatten einen schlimmen Verdacht: »Wie auch immer, klar ist, daß Wavell und andere sehr wohl wußten, daß Dschinnah ernsthaft krank war. Aber sie haben weder mir noch meiner Frau, noch meinem Stab etwas davon gesagt. Und das war schlimm, denn, hätten wir''s gewußt, hätten wir ganz anders verhandelt. Dschinnah war verrückt. Er war absolut und vollkommen unmöglich. Sein Stellvertreter Liakat Ali Khan war ein indischer Gentleman, mit dem man reden konnte. Es ist entsetzlich, geradezu verbrecherisch, daß uns niemand etwas davon erzählt hat!«

Vielleicht war es Wavells Revanche, seinem Nachfolger Dschinnahs Zustand zu verschweigen. Wavell war als Vizekönig unzeremoniell geschaßt worden. Er hatte als letzter von Mountbattens Bestellung erfahren, als der neue Vizekönig faktisch schon vor der Tür stand. Mountbatten behandelte seinen Vorgänger herablassend, lästerte über dessen Gattin: »Die sieht genauso aus wie die Zofe meiner Frau.«

Er hatte seinen eigenen Stab mitgebracht, darunter Lord Ismay, den früheren Generalstabschef Churchills im Zweiten Weltkrieg. Er hatte durchgesetzt, daß in London ein neuer Indien-Minister - der Earl of Listowel - ernannt wurde. Auch seine Beziehungen zum Oberkommandierenden in Indien, Sir Claude Feldmarschall Auchinleck, waren von Anfang an gespannt, kurzum, er stieß jeden vor den Kopf.

Denkbar, daß die Riege der Abgehalfterten und Brüskierten sich rächte, indem sie dem neuen Vizekönig in Delhi eine so entscheidende Information vorenthielt.

Durchaus denkbar aber auch, daß jene Briten, die das Geheimnis kannten, es für sich behielten, weil sie die Moslems favorisierten und ihnen ihr Pakistan gönnten.

Die Briten hatten es in Indien mit den Moslems immer leichter gehabt als mit den störrischen Hindus. Moslems dienten ihnen als treue Soldaten und Polizisten. Es waren die Hindus, die mit Gandhis gewaltlosem Widerstand all die Unordnung schufen, in der Gestalt des Kollaborateurs Subhasch Tschandra Bose sogar mit den deutschen und japanischen Erzfeinden konspiriert hatten.

So dachten Briten bis hinauf zu Winston Churchill, der Gandhi und die Hindus dafür verantwortlich machte, daß England Indien aufgeben mußte, und der wohl nicht zuletzt deshalb Dschinnah ausdrücklich dazu ermunterte, auf seinem eigenen Staat zu bestehen.

Mohammed Ali Dschinnah ganz allein verkörperte in jenen Schicksalstagen des Frühjahrs und Sommers 1947 den Traum von Pakistan. Allein seine Überzeugung, seine Kompromißlosigkeit, sein »teuflisches Genie«, wie Mountbatten ihn verfluchte, konnten den Traum wahrmachen, dessen Verwirklichung er nur ein Jahr überlebte: Dschinnah erlag seiner Tuberkulose im September 1948.

Es gab damals aber noch ein anderes großes Geheimnis, das zwar bald keines mehr war, aber bis heute als solches behandelt wird und das Indiens Zukunft vielleicht ebenso entscheidend beeinflußte: Jawaharlal Nehrus spezielle Beziehung zu den Mountbattens, besonders die zu Edwina.

»Mountbatten steckt in Nehrus Tasche«, erboste sich der Moslem Dschinnah schon nach seinen ersten Gesprächen mit dem neuen Vizekönig, den er der offenen Parteinahme für die Hindu-Seite bezichtigte. »Mountbatten sorgte für das Sprechen, aber Nehru besorgte das ganze Denken«, spöttelte ein Zeuge nach dem ersten Gespräch der beiden.

»Nehru war ganz Milch und Honig für die Mountbattens«, urteilte General Hamid in seinem Buch - und: »Über Nehrus Beziehung zu Lady Mountbatten rümpften viele die Nase.«

Schlichte Tatsache, die von Zeithistorikern verbrämt wird, ist, daß der gutaussehende, gebildete indische Witwer und die flotte Lady aus der englischen Hocharistokratie sehr bald ein Verhältnis miteinander hatten, das bis zum Tod Edwina Mountbattens 14 Jahre später dauerte. »Es war eine der großen Liebesaffären der Geschichte!« schreibt Richard Hough in seiner 1983 erschienenen Biographie »Edwina, Countess Mountbatten of Burma": »Nehru wurde Edwinas erste und einzige große Liebe.«

Die beiden, er 57, sie 45, hatten einander ein Jahr vorher in Singapur kennengelernt. Der gerade wieder mal aus dem Gefängnis entlassene Nehru wollte indische Soldaten in Südostasien besuchen und wurde vom Oberkommandierenden der Alliierten, Mountbatten, aufs freundlichste empfangen.

Auf dem Weg zu Nehrus Unterkunft hielten die beiden bei einem Wohlfahrts-Institut, in dem Edwina Mountbatten als freiwillige Sozialhelferin tätig war. In dem Gedränge um die Prominenz wurde Edwina umgeschubst, so daß »Lady Mountbatten flach auf dem Boden lag, als mein Vater sie zum erstenmal traf«, erinnerte sich die Nehru-Tochter Indira Gandhi. »Als erstes mußte er ihr wieder auf die Beine helfen.«

Es war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft zwischen beiden Mountbattens und Nehru, zugleich einer Liaison Edwinas, von der Mountbatten wußte und die der gehörnte Ehemann offenkundig so aufrichtig tolerierte, daß Edwina ihm 1952 die Liebesbriefe zur Aufbewahrung anvertraute, die Nehru ihr geschrieben hatte - »mit dem ich mich so gut verstanden habe, wie Menschen einander überhaupt verstehen können«.

Das Verhältnis dauerte an, als die Mountbattens Indien längst verlassen hatten. Nehru besuchte Edwina auf dem Mountbatten-Landsitz Broadlands. Edwina, berichtet ihr Biograph Hough, »richtete ihr Leben so ein, daß sie so oft wie möglich Indien besuchen und Nehru sehen konnte« - und die Besuche dauerten manchmal monatelang.

Als der Bildhauer Jacob Epstein 1952 nach Delhi kam, um eine Nehru-Büste anzufertigen, war Edwina immer dabei, wenn Nehru Modell saß. Sie nervte den Bildhauer mit Fragen wie der, ob denn Nehru nicht der »allerschönste und bemerkenswerteste Mensch« sei, mit dem er je als Skulpteur zu tun gehabt hätte.

Im Februar 1960, wenige Wochen nach ihrem letzten Besuch bei Nehru, starb Edwina während einer Visite auf Borneo. Ihr Leichnam wurde nach England geflogen und dort in einer Marine-Zeremonie auf See bestattet. Dabei war auch die indische Fregatte »Trischul«, von der ein Kranz Nehrus für die Geliebte in die Wellen geworfen wurde - laut dem Witwer Mountbatten »eine wirklich

bezaubernde Geste, die alle tief beeindruckte und unserem Liebling Edwina ganz besondere Freude bereitet hätte«.

In den Schicksalsmonaten Indiens im Sommer 1947 bereitete das innige Verhältnis Nehrus zur Vizekönigin hingegen nur wenigen Freude. Kolonialbriten waren schockiert. Die Moslems waren voller Mißtrauen gegen den, wie sie nun bewiesen wähnten, Hindu-Konsorten Mountbatten. »Edwinas Beziehung zu Nehru war ein immenser Vorteil für die Kongreßpartei«, so General Hamid.

Um so sturer beharrten die Moslems auf ihrem eigenen Staat - und als sie den hatten, waren dort beide Mountbattens unerwünscht. Sogar als einem Flugzeug mit Mountbatten an Bord mal der Sprit ausging, verweigerte Karatschi die Notlandung - die Maschine schaffte es gerade noch nach Indien.

Auch vielen Hindus war das Turteln ihres politischen Führers mit der prominenten Engländerin suspekt. Sie befürchteten, Nehru sollte so von den Briten beeinflußt werden, die Teilung Indiens zu akzeptieren. »Nehru wurde bei vielen Hindus wegen seiner offenkundig unindischen Lebensanschauung immer unpopulärer«, schrieb sein Mitstreiter Krischna Menon damals.

»Bis heute weiß niemand, wieviel die Affäre zwischen Jawaharlal und Edwina den Subkontinent gekostet hat oder in welchem Ausmaß Mountbatten diese Affäre genutzt hat, um seine Ziele durchzusetzen«, sagte der Sozialist Dschajaprakasch Narajan, ein Kampfgefährte Nehrus, dem SPIEGEL kurz vor seinem Tod. »Es war ein äußerst kritischer Moment in der Geschichte der Nation. Vielleicht wird die Nachwelt einmal beurteilen können, ob es weise von Jawaharlal war, dem Charme der Frau des imperialen Statthalters zu erliegen.«

Möglicherweise wäre Indien nicht geteilt worden, wenn die Verantwortlichen um Dschinnahs Zustand Bescheid gewußt hätten. Möglicherweise hätte Nehru der Teilung mehr Widerstand entgegengesetzt, wenn er Edwina nicht verfallen, »von ihr hypnotisiert worden« wäre, wie General Hamid es ausdrückte.

Historisch nachprüfbare Tatsache ist, daß Mountbatten, der Dschinnah haßte wie die Pest, von Anfang an eindeutig für Nehru und seinen Kongreß, also für die Hindus, Partei ergriff - und das nicht nur gegenüber den Moslems.

Denn der Status eines künftigen unabhängigen Indien war 1947 nicht nur zwischen den verfeindeten Hindus und Moslems umstritten.

Über fast ein Drittel der Gesamtfläche des Subkontinents und ein Viertel seiner Bevölkerung herrschten nominell unabhängige Potentaten - die 565 Maharadschas von Indien.

Sie regierten, wie der Nisam von Haiderabad, Staaten von der Größe Frankreichs mit 16 Millionen Menschen und einer eigenen Armee, zuweilen auch nur ein Dorf mit ein paar hundert Bauern.

Sie waren die bizarren Märchenprinzen des Empire, unvorstellbar reich - der Nisam galt bis Mitte dieses Jahrhunderts als der reichste Mann der Welt - über alle Maßen exzentrisch -, einer von ihnen, Madho Singh von Dschaipur, hatte 7000 Konkubinen in seinem Harem.

Sie waren von vorbildlichem britischen Sportsgeist erfüllt - Inderprinzen waren die besten Polo- und Kricketspieler des Empire -, und sie galten als Britanniens verläßlichste Verbündete: Sie stellten ganze Regimenter, die von Palästina bis Monte Cassino in Englands Kriegen bluteten. Der Nisam schenkte den Briten für die Luftschlacht um London eine Schwadron »Hurricane«-Jäger.

Die Prinzen trugen Titel wie »Erhabene Hoheit« - im Schnitt hatte jeder Maharadscha elf davon -. hatten Anspruch auf bis zu 21 Salutschüsse, die sie zuweilen aus goldenen Kanonen abfeuern ließen. Sie reisten mit roten Pässen, in denen als Beruf »Ruler« eingetragen war, standesgemäß mit einem Gefolge von zuweilen 600 Dienern.

Ihre Paläste waren getreue Kopien von Versailles, wie jener des Maharadschas von Kapurthala, oder dreimal so groß wie der Buckingham Palace - wie der des Gaekwad von Baroda, der einmal einen britischen Vizekönig telegraphisch mit den Worten verabschiedete »Mögen wir nie wieder eine Kreatur wie Sie in Indien sehen.«

Der statistische Durchschnittsmaharadscha hatte 5,8 Frauen, 12,6 Kinder, 9,2 Elefanten. 2,8 private Salonwagen, 3,4 Rolls-Royce und in seinem Leben 22,9 Tiger erlegt.

Aber das war nur der Durchschnitt. Der Fürst von Patiala besaß allein 27 Rolls-Royce. Der Maharadscha von Gwalior schoß allein 1400 Tiger. Beim Herrscher von Bharatpur holte der spätere König Edward VIII. an einem Tag 2211 Enten vom Himmel. Dem Schah von Persien und seiner kinderlosen und deshalb später verstoßenen Frau Soraya ermöglichte der Maharadscha, zu dessen Fürstentum auch der weltberühmte Tadsch Mahal gehörte, ein außergewöhnliches Vergnügen: Sie durften sich in einer Vollmondnacht im Tadsch lieben (geholfen hat''s bekanntlich nicht).

Die Maharadschas waren maßlos in ihren erotischen Phantasien: Bhupinder Singh von Patiala, fast zwei Meter groß, Besitzer von 350 Frauen und 500 Polopferden, vertraute einmal seiner englischen Gastgeberin Lady Chetwode an, er brauche jeden Tag eine Jungfrau. Seine Vorfahren waren noch, einmal jährlich, nackt, bloß mit einem Brustharnisch aus Brillanten bekleidet, mit erigiertem Penis durch die Straßen ihrer Hauptstadt paradiert, um ihre Virilität zu demonstrieren.

Der Herrscher von Bharatpur wählte sich die Schöne der Nacht aus dem Harem, indem er seine 40 Konkubinen nackt in einem mit Lotosblüten übersäten flachen Pool tanzen ließ, eine brennende Kerze in der Vagina. Als erwählt galt jene, bei der das Licht am längsten brannte.

Ein anderer Prinz, um die Treue seiner Maharani besorgt, ließ ihr einen Keuschheitsgürtel aus Diamanten anfertigen. Manche holten sich Huren aus Europa und überschütteten sie mit Edelsteinen - die sie allerdings zuweilen auch zu Staub zerreiben ließen, um sie dann aufgelöst, als Aphrodisiaca einzunehmen. Besonders beliebt waren Perlen und Diamanten.

Einige waren wohl schlicht verrückt, wie der Nawab von Dschunagadh, der 800 Hunde in ebenso vielen Zimmern seines Palastes hielt. In jedem gab es Telephon, jeder Hund wurde von einem eigenen Diener versorgt. Starb ein Vierbeiner, wurde er unter den Klängen von Chopins Trauermarsch in einer Marmorgruft beigesetzt.

Seiner Lieblingshündin Roschanara richtete er für 60000 Pfund eine rauschende Hochzeit vor Hunderten geladenen Gästen aus - der Vizekönig sagte ab.

Es gab unter ihnen grausame Despoten wie den Herrscher von Alwar (siehe Seite 126), aber auch beispielhafte Reformer: Der Maharadscha von Mysore machte in den 30er Jahren sein südindisches Lehen zum Modellstaat mit kostenloser Erziehung, Krankenfürsorge und Frauenwahlrecht.

Ihre Verschwendungssucht war maßlos: Der Maharadscha von Bharatpur fühlte sich in einem Londoner Autosalon in Mayfair vom Verkäufer schlecht bedient, als er sich nach dem Preis eines Rolls-Royce Phantom II erkundigte. Darauf kaufte er alle vorrätigen Rolls'' - unter der Bedingung, daß besagter Verkäufer sie persönlich nach Indien bringe.

Der ließ sie, vor Ort angekommen, aufs feinste polieren und in Reih und Glied vor dem Palast aufstellen. Der Maharadscha kam kurz heraus, nickte herablassend und befahl seinem Adjutanten, die Luxuskarossen der Müllabfuhr zu überstellen.

Die Maharani von Dschodhpur konnte sich zuweilen unter der Last ihrer Juwelen nicht mehr bewegen, sie wogen fast soviel wie sie selber.

Im Besitz der Maharadschas befanden sich die größten Diamanten der Welt - der 262-Karäter »Stern des Südens«, der »Jacob« (162 Karat), ursprünglich auch der berühmte Koh-i-nur ("Berg des Lichts"), den der Sikh-Maharadscha Dhulip Singh allerdings auftragsgemäß Königin Victoria schenken mußte. Heute ziert er die britische Krone.

108 dieser fabulösen Fürsten waren 1947 Mitglieder in der sogenannten

Kammer der Prinzen in Delhi. 127 kleinere wurden von zwölf Delegierten vertreten. Die Maharadschas waren im Empire Garanten der britischen Herrschaft über Indien gewesen. Sie betrachteten sich als treue Verbündete der Krone, der allein sie Loyalität schuldeten. Wenn Indien frei werden würde - was sie mitnichten wollten -, so müßten auch sie ihre Unabhängigkeit erhalten.

Etliche Prinzen bestürmten den Vizekönig, die Briten sollten doch in Indien bleiben, da sonst »Chaos, Blutvergießen, wenn nicht gar Bürgerkrieg« ausbrechen würden, so der Maharadscha von Patiala.

Der Kongreßpartei, die als sozialistisch galt, standen die meisten Prinzen »mit Haß und Angst« gegenüber, so die US-Botschaft in einem Bericht nach Washington. Einer wird mit dem Spruch zitiert: »Nach der Unabhängigkeit wird es keine Rupie und keine Jungfrau mehr geben.«

Die Politiker, die um Indiens Unabhängigkeit kämpften, sahen das ganz anders. Die Prinzen, so Gandhi, seien von den Briten als Statthalter aufgebaut worden, um den indischen Widerstand gegen das Empire zu schwächen. Sie müßten mit den Briten verschwinden.

Alle indischen Führer, ob Hindus, ob Moslems, sahen in Plänen, die den Prinzen Souveränität überlassen wollten, eine unannehmbare Zersplitterung des

Landes, eine »Balkanisierung« des Subkontinents.

Mountbatten, obgleich mit einigen der Maharadschas persönlich befreundet, war ebenfalls davon überzeugt, daß sie nicht souverän bleiben konnten. Er schloß einen Kuhhandel mit den Kongreßführern: Er selbst würde die Prinzen überzeugen, daß sie sich einem unabhängigen Indien anschließen müßten - wenn die Politiker dafür garantierten, daß die Maharadschas ihren Titel, ihre Paläste, eine Art diplomatischer Immunität und private Reichtümer behalten dürften.

Der Kongreß sagte dies zu - fürs erste. Später verloren die Prinzen all ihre Privilegien und fühlten sich zweifach betrogen, von den Briten und von ihren eigenen Landsleuten.

Mountbatten hatte zwar Bauchgrimmen - in einem seiner Reports an die Regierung teilte er mit, er litte an »Delhi tummy« (Dünnschiß) -, habe aber gar keine andere Wahl, als die Prinzen fallenzulassen, wollte er seine Aufgabe erfüllen und England von Indien lösen.

Schon nach seinen ersten Treffen mit den indischen Führern war er zu der Erkenntnis gekommen, daß eine Teilung Indiens unabwendbar sei. Massaker unter den verfeindeten Religionsgemeinschaften, die sich häuften, bestärkten ihn in seiner Meinung.

Im April 1947 beauftragte der Vizekönig Lord Ismay, einen Teilungsplan zu entwerfen. Der sah einen Staat der Hindus vor, einen der Moslems, ein unabhängiges oder aber aufgeteiltes Bengalen, einen geteilten Pandschab, aber auch noch ein halbes Dutzend unabhängige Prinzenstaaten, wie etwa Kaschmir und Haiderabad. Mountbatten schickte Ismay persönlich mit dem Plan nach London und schob die Verantwortung für diese »verrückte Entscheidung« allein auf die Inder.

Kaum war Ismay abgeflogen, zeigte der Vizekönig den Teilungsplan Nehru. Der war zutiefst geschockt. »Übriggeblieben war ein zerrissenes Indien, das nur noch weiter auseinanderbrechen würde. Die Briten, so klagte er bitter, hätten drei Jahrhunderte Indien nach dem Motto »Teilen und herrschen« regiert. Nun wollten sie es nach einem anderen Motto aufgeben: »Zerstückeln und abhauen«.

Bei Mountbatten schlug diese Reaktion seines Freundes »wie eine Bombe« ein. Seine Mission in Indien schien gescheitert. Doch er reagierte blitzschnell. Er befahl seinem fähigsten indischen Berater im Kabinett des Vizekönigs, V. P. Menon, den Teilungsplan noch am selben Tag so abzuändern, daß er für den Kongreß annehmbar sei. Binnen sechs Stunden verschwand die Idee eines unabhängigen Bengalen, es verschwanden auch die unabhängigen Fürstenstaaten. Indien, versprach Nehru als Gegenleistung für die Korrektur des Teilungsplans in seinem Sinn, würde Mitglied des Commonwealth bleiben.

Mit dem neuen Dokument flog der Vizekönig selbst nach London, wo er eine Menge zu erklären hatte. »Die wissen nicht, was Sie tun«, warnte Ismay seinen Chef bei der Ankunft über die Stimmung der Regierung, »und die sind sich nicht sicher, ob Sie selbst es wissen.«

Doch Mountbatten überzeugte die Regierung, daß jetzt sofortiges Handeln nötig sei, bevor Indien im Chaos versinke. Die Gewalttaten der verfeindeten Volksgruppen Indiens nähmen, so der Vizekönig, schon »Züge sadistischer Gewalt« _(Die englische Schauspielerin ) _(Virginia Keiley )

an. Feldmarschall Auchinleck hatte unmißverständlich klargemacht, daß die Armee nicht länger in der Lage sei, die Ordnung im Land zu garantieren. Das überrumpelte Kabinett gab dem Vizekönig freie Hand.

Am 2. Juni versammelte der zurückgekehrte Statthalter Indiens Führer in seiner Residenz, erstmals alle auf einmal. Er zeigte ihnen den von der Regierung gebilligten Teilungsplan und verlangte ihre Antwort bis Mitternacht.

Der Kongreß stimmte für die Hindus zu, der Sikh-Führer Sadar Baldew Singh für seine Sekte. Nur einer legte sich wieder einmal quer - gerade der Mann, dessen Lebenstraum durch diesen Plan erfüllt wurde: Mohammed Ali Dschinnah, dem die Teilung sein Pakistan brachte. Er, der absolut unbestrittener Führer seiner Partei war, beharrte darauf, er könne nicht zustimmen, bevor der Rat der Moslem-Liga den Plan gebilligt habe. Das könnte frühestens in einer Woche geschehen.

Mountbatten wurde wild. Er hatte sich in London persönlich verpflichtet, daß der geänderte Plan von den Indern akzeptiert würde. In 24 Stunden wollte Attlee der Welt verkünden, daß England nunmehr seine größte Kolonie in die Freiheit entlasse. Nun drohte dieser Egomane, den Edwina schon mal mit Hitler verglichen hatte, alles platzen zu lassen.

»Mr. Dschinnah, Sie sind verrückt«, fuhr er den Moslemführer an. »Sie haben Ihr Pakistan, von dem niemand geglaubt hat, daß Sie es je kriegen werden. Alles hängt jetzt nur noch von Ihrer Zustimmung ab!«

Dschinnah blieb dabei, er müsse erst den Rat seiner Liga einberufen. Da explodierte der Vizekönig. Er werde beim morgigen Treffen verkünden, daß der Kongreß zugestimmt habe, daß auch die Sikhs zugestimmt hätten und daß er auch mit Dschinnah und der Moslem-Liga im reinen sei: »Und dann, Mr. Dschinnah, werden Sie mit Ihrem Kopf nicken. Und wenn Sie das in dem Augenblick nicht tun, dann ist alles aus, dann habe ich meine Aufgabe hier beendet, und Sie haben Ihr Pakistan verloren und können meinetwegen zur Hölle fahren!«

Am anderen Morgen, dem 3. Juni 1947, bewegte Dschinnah im entscheidenden Moment seinen Kopf, kaum merkbar, vielleicht um einen Zentimeter, aber er nickte.

Danach verkündeten die indischen Führer ihren Völkern die Entscheidung übers Radio. Nehru schloß mit »Dschaj Hind!« - es lebe Indien. Dschinnahs Ansprache, die mit »Pakistan sindabad!« - lang lebe Pakistan - schloß, mußte auf Urdu verlesen werden - er selbst, der nur Englisch einwandfrei beherrschte, konnte die Bürger seines künftigen Staates nicht in deren Sprache ansprechen.

Mountbatten erläuterte die News in einer Pressekonferenz, zu der 300 Journalisten aus aller Welt eingeflogen waren. Ein Reporter fragte ihn, wann genau denn Indien und Pakistan ihre Unabhängigkeit erhalten sollten.

Der Vizekönig hatte keine Ahnung. Es mußte, darüber war er sich klar, lange vor dem Termin vom Juni 1948 sein, den Attlee im Februar 1947 genannt hatte. Da fiel ihm ein Datum ein, das ihm viel bedeutete: die Kapitulation der Japaner am 15. August 1945.

Warum nicht am zweiten Jahrestag dieses Ereignisses, schoß es ihm durch den Kopf, und er antwortete, so als sei dies längst beschlossene Sache: »Die endgültige Übergabe der Macht in indische Hände wird am 15. August 1947 erfolgen.«

Die Sensation wurde um die Welt gefunkt - und überraschte alle. Manche Inder witterten eine Falle. Niemand hatte damit gerechnet, daß der Vizekönig es so eilig haben könnte. »Binnen 77 Tagen sollten zwei Staaten geschaffen werden So etwas hat es in der Geschichte noch nicht gegeben«, schrieb General Hamid. Sein Chef Auchinleck hielt es für völlig unmöglich, in diesen zweieinhalb Monaten Indiens Millionenarmee auseinanderzudividieren. Auch die Regierung in London war völlig verwirrt. Niemand hatte dem Vizekönig Vollmacht erteilt ein so frühes Datum zu nennen. Nur der alte Indien-Freund Sir Stafford Cripps war begeistert. »Wunderbar«, telegraphierte er an Mountbatten.

Mit schierem Horror reagierten Indiens Astrologen. Der 15. August würde ein Freitag sein, ein Unglückstag an sich. Noch mehr: Die Konstellation von Saturn, Jupiter und Venus konnte gar nicht unheilvoller sein als an diesem Tag.

Der Sterndeuter Swami Madananand aus Kalkutta beschwor Mountbatten, Indien um Gottes willen auf keinen Fall am 15. August in die Unabhängigkeit zu entlassen - denn dieser Tag »steht unter dem Fluch der Sterne«.

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Ergebnis der Teilung im Safe versteckt - Im Pandschab beben Himmel und Erde - Krieg um Kaschmir, Einmarsch in Haiderabad _(Hinten: Nehru, Lord Ismay, Mountbatten, ) _(Dschinnah, Liakat Ali Khan, vorn links: ) _(Baldew Singh. )

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INDIENS MAHARADSCHA-STAATEN Maharadscha-Staaten (vor 1947) Britisch Indien AFGHANISTAN CHINA KASCHMIR KAPURTHALA Lahore Simla Patiala TIBET NEPAL BHUTAN BENGALEN BURMA Kalkutta Golf von Bengalen Arabisches Meer Mysore HAIDERABAD INDIEN BHOPAL Benares DHOLPUR DSCHAIPUR Neu-Delhi BIKANER ALWAR DSCHODHPUR UDAIPUR BARODA Karatschi Dschunagadh

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Vor einem Bild Mahatma Gandhis.Die englische Schauspielerin Virginia KeileyHinten: Nehru, Lord Ismay, Mountbatten, Dschinnah, Liakat Ali Khan,vorn links: Baldew Singh.

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