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»Unsere Zeit ist gekommen«

Sie werden von Polizisten erschossen, erschlagen, ertränkt, von Weißen benachteiligt, selbst noch von Negern verachtet: Amerikas spanischsprechende »Latinos« oder »Chicanos«. Zwölf Millionen von ihnen leben legal, fast ebenso viele illegal in den USA -- die ärmste aller Minderheiten, aber ein Sprengsatz für Amerika.
aus DER SPIEGEL 37/1978

Der weiße Polizist entlud seinen Revolver und hielt dem Mestizen Arthur Espinoza eine Kugel unter die Nase. »Siehst du das, Artie?«, sagte er. »Auf der steht dein Name.«

Artie hatte zuviel Schnaps getrunken. Gemeinsam mit seinem Saufbruder James Hinojos verließ er die Bar in Denver, Colorado, und ging in den Curtis Park schlafen.

Später fand man die Leichen der beiden Männer. Die Autopsie ergab bei Espinoza einen Bauchschuß und bei Hinojos insgesamt acht Einschüsse -- von Polizeikugeln.

»Wenn Sie Amerikaner mexikanischer Abstammung sind«, schrieb die »New York Times«, »tun Sie gut daran, sich in einigen Teilen dieses Landes von der Polizei fernzuhalten.« Doch diesen Rat zog das Blatt schon wieder aus einem anderen Fall, dem des Vietnam-Veteranen José Campos Torres.

Torres war in Houston, Texas, von drei Polizisten festgenommen, verprügelt und in einen Sumpf geworfen worden. Er ertrank; die Täter wurden zu je einem Jahr Gefängnis verurteilt.

Demonstranten zogen vor das Rathaus. »Schlagt zurück!«, protestierten sie. Es kam zur Straßenschlacht mit der Polizei. Mitglieder einer »Vereinigung zur Bekämpfung der Polizeibrutalität« entrollten Spruchbänder: »Torres ist kein Einzelfall!« Er ist es wahrhaftig nicht.

Larry Ortega Lozano wurde in seiner Zelle im Gefängnis von Odessa« Texas, tot aufgefunden, mit 92 Verletzungen. Der Sheriff erklärte: Der Untersuchungshäftling habe Selbstmord begangen, indem er mit dem Kopf gegen die Zellentür gerannt sei.

Juan Veloz Zuniga, wegen Trunkenheit am Steuer und Fahrens. ohne Führerschein in einem Auto ohne Rücklichter zu drei Tagen Haft verurteilt, randalierte in seiner Zelle im Gefängnis von Sierra Blanca« Texas. Dann beruhigte ihn der Sheriff: Er schlug ihn tot.

Eine Liste mit 30 Fällen von erwiesener Polizeibrutalität legte die Rechtsanwältin Ester Estrada jüngst der amerikanischen Öffentlichkeit vor -- durchweg begangen an US-Bürgern mexikanischer Abstammung, an zumeist illegalen Einwanderern aus Mexiko, an Mittel- und Südamerikanern -- an »Chicanos« und »Latinos«, wie sie sich selbst bezeichnen.

Robert Fernández wurde in der Wohnung seiner geschiedenen Frau erschlagen. Israel Rodriguez in einem Ausguß ertränkt, Ricardo Morales auf einem Transport erschossen. Santos Rodriguez, 12, wurde gar von dem Polizisten Cain durch einen Kopfschuß getötet, als er, in Handschellen, auf dem Rücksitz eines Streifenwagens saß.

»Diese Schüsse treffen uns alle«, schrieb »Nuestro«, englischsprachiges Latino-Magazin aus New York. Die Geschichten über die Brutalitäten von Berittenen und Motorisierten enthielten eine Lehre: »Die Bullen sind die Feinde der Latinos.«

Doch Rassismus gegen die »Hispanics« ist kein Privileg der Polizei, die Diskriminierung der Latinos ist allgegenwärtig, besonders im Südwesten der USA. »Wir sind eine getretene Minderheit«, sagt Vilma Martinez, 34, die den »Mexican-American Legal Defense and Educational Fund« leitet.

In Texas werden Chicanos als »Schmierfinken« beschimpft. In McAllen, Texas, leben Mexikaner mit dem niedrigsten Lohn Amerikas (42,69 Dollar wöchentlich). Ihre texanischen Hochburgen, die Städte El Paso und San Antonio, haben die niedrigsten Familieneinkünfte der 50 größten US-Citys. Ihr ländliches Refugium Starr County, gleichfalls Texas, ist der ärmste Bezirk Amerikas.

Doch nicht länger wollen die Latinos die Unterdrückung durch die weißen Amerikaner, die Anglos. hinnehmen. 130 Jahre nach dem großen Krieg, durch den Mexiko die Territorien Texas, New Mexico, Arizona, Kalifornien, Utah, Nevada und Teile von Colorado an die USA verlor, setzen sich die Latinos zur Wehr.

»Unsere Zeit ist gekommen«, schreibt »Nuestro«. »Für die nächsten 50 Jahre sind wir die Neue Welle.« Denn schließlich: »Wir gehören hierher.«

Und die Anglos »fürchten den schlafenden Riesen«, wie der Schuldirektor Marshall Rangel-Equilera in Wasco, Kalifornien, sagt. Denn niemand weiß genau, wie stark er schon ist.

Offiziell leben etwa zwölf Millionen Latinos in den USA. Doch Nacht für Nacht schleichen sich Tausende über die 3200 Kilometer lange grüne Grenze, schwimmen durch den Rio Grande, sickern über die Grenzstadt Tijuana ein -alle auf der Suche nach Brot.

Die USA, die sich zur Sättigung ihres unermeßlichen Energiebedarfs von Mexiko Öl erhoffen, beziehen von dem südlichen Nachbarn, neben Marihuana, vor allem Menschen. Die Schätzungen über illegale Einwanderer, die sich zur Zeit auf US-Territorium aufhalten, schwanken zwischen weiteren sechs und zwölf Millionen.

Allein im Südwesten der USA leben schon schätzungsweise sieben Millionen Latinos. »Ausländerhorde bedroht Kalifornien«, meldete der »Los Angeles Herald-Examiner«. »Einst überrannten uns die Weißen«, sagt Rechtsanwalt Miguel Garcia, »jetzt ist es umgekehrt.« Und die »Washington Post« hat für die »Nation in der Nation« auch schon den Namen: »MexAmerica«.

Im Urteil der Hauptstadt-Zeitung stellt die schleichende Invasion aus Mexiko für den amerikanischen Schmelztiegel eine »stärkere Bedrohung« dar als alle vorangegangenen Einwanderungswellen von Iren, Polen und Italienern -- einschließlich der einstigen Masseneinfuhr afrikanischer Neger.

Denn während die Schwarzen Sprache und Kultur der US-Gesellschaft annahmen, bewahren die Latinos ihr spanisches und indianisches Erbe -- in Sprache, Brauchtum, Kunst und Kultur.

Sie leben in »barrios«, spielen Fiedel und Marimba, essen Bohnen und Chili und haben ihre eigenen Fernsehprogramme. Auf Kanal 11, in Los Angeles, läuft schon um 6.30 Uhr das Programm »Hola Amigos!« Auf Kanal 6, in Houston, flimmern braune Go-go-Girls, spanische Werbespots und die Sendereihe »Unser Kanal -- unsere Idiome«. 37 spanischsprachige Radiostationen senden heute in Texas, 28 in Kalifornien.

Und die Zahl der Latinos wächst »schneller und schlauer, als es die weißen Amerikaner für möglich halten«, freute sich »Nuestro«. Besorgte Amerikaner fürchten bereits, die Latinos könnten den Staaten eines Tages eine separatistische Bewegung einbringen, wie im Baskenland oder in Quebec.

Schon haben die Latinos in Texas und Colorado, New Mexico und Arizona Schwarze und Gelbe überflügelt -- mit bis zu 36 Prozent. In einigen Sunbelt-Städten zwischen Brownsville und

* Titelgeschichte: »Polizeibrutalität: Die Polizisten werdem vor Gericht gebracht.

San Diego machen sie die Weißen bereits zur Minderheit.

In Los Angeles leben mehr Mexikaner als in jeder anderen Gemeinde außer Mexiko-Stadt: 1,5 Millionen legale und etwa 500 000 illegale. In den Schulen der Stadt sitzen in diesem Jahr erstmals mehr kleine Chicanos als Anglos. In den Kindergärten spricht die Hälfte aller Kinder Spanisch.

Am Broadway von Los Angeles herrscht die Atmosphäre einer mexikanischen Grenzstadt: lateinamerikanische Musik und die Gerüche mexikanischer Küche an allen Ecken, Kioske mit ausschließlich spanischsprachigen Zeitungen auf beiden Seiten der Straßenkreuzungen, unter den Passanten mehr Mestizen als Bleichgesichter.

Die Mexikaner sind auf dem besten Weg, sich durch unkontrollierte Einwanderung und hohe Geburtenrate zurückzuerobern, was ihre Vorväter auf dem Schlachtfeld und am grünen Tisch verloren haben.

Mitte der achtziger Jahre, so schockte die »Washington Post« im Frühjahr die amerikanische Öffentlichkeit, wird die Minderheit der Latinos die US-Neger an Zahl übertroffen hahen: mit 30 Millionen. Beide Gruppen zusammen könnten dann im Südwesten der USA die Mehrheit bilden.

Vorsorglich brennen schon jetzt in den Hügeln Kaliforniens Kreuze: Der Ku-Klux-Klan warnt vor drohender »Katholisierung« -- die Mestizen könnten »mit Juden und Schwarzen gemeinsame Sache machen«.

Doch vorläufig sind die Latinos noch in allen Bereichen des US-Lebens neben den Indianern die am deutlichsten benachteiligte Minderheit. Auch die legalen Bürger mexikanischer Abstammung werden oft als »Obstpflücker« und »Wasserträger« diskriminiert.

Im Stadtrat von Los Angeles sitzt beispielsweise seit 15 Jahren kein Mexikaner. Anwälte und Ärzte müssen gelegentlich als Kellner und Busschaffner arbeiten.

Noch spricht Amerika von »zwei getrennten ungleichen Gesellschaften« -- einer weißen und einer schwarzen. Doch Mitte der achtziger Jahre wird es eine dritte gehen: ärmer und schlechter ausgebildet als die beiden anderen und von der politischen Macht ausgeschlossen -- die größte Minderheit.

Sie wohnt schlechter als die anderen. Ihre Schulen sind die schlechtesten. Sie haben die schmutzigsten Jobs und weniger Rechte als die Neger.

»Wenn die Bullen in ein Barrio gerufen werden, sind sie schon sauer«, erzählt ein MexAmerikaner in Texas. »Wenn Sie dunkel sind und auch noch schlecht Englisch sprechen, nimmt sich die Polizei sofort Freiheiten heraus«, klagt Rubén Bonilla von der »Liga Lateinamerikanischer Bürger«.

Die Polizisten sagen: »Die Leute werden so behandelt, wie sie es verdienen.« Ihre Opfer glauben: »Wir heißen Ochoa oder Gonzälez -- und werden entsprechend behandelt.«

Am schlimmsten sind die Illegalen dran. Sie machen die Dreckarbeit« die keiner, auch kein Schwarzer, will -- wie in Deutschland die Türken. Sie arbeiten lange für wenig Lohn, unter schlechten oder gar gefährlichen Bedingungen.

Der Pressephotograph James M. Thresher hielt an einer Straßenecke in San Antonio, Texas. eine Szene wie in einem Film von Bunuel fest: Tagelöhner warten auf einen Lastwagen. Der Fahrer macht ihnen ein Angebot: zwei Dollar die Stunde. Den Männern ist auch das genug: Sie steigen auf. Denn zwei Dollar -- das ist noch immer das Dreifache von dem, was sie in Mexiko bekommen würden.

So arbeiten sie denn als Housekeeper in den Suburbs von Washington, als Geschirrwäscher in New York, als Straßenfeger in Denver, als Gartenarbeiter in Chicago. Im Westen der »Windigen Stadt«, im ehemaligen Tschechenviertel Pilsen, liegt eins ihrer größten Gettos. Dort ist jeder Dritte ein Illegaler. In Chicago mag es 250 000 Illegale geben, mehr als die Hälfte aller illegalen Einwanderer in Chicago überhaupt.

In den Bars an der 18. Straße oder der Blue Irland Avenue werden zu hohen Preisen die lebensnotwendigen Dinge gehandelt: Pässe, Versicherungskarten, Führerscheine, Musterungskarten, Geburtsurkunden -- durchweg gefälscht -- und als begehrtestes Objekt die »Grüne Karte«, die zu ständigem Wohnsitz berechtigt.

In Pilsen tauchen Zehntausende unter -- manchmal gefährlich. »Viele las-

* Gegen einen Poilzisten, der Latinos mißhandelt hatte.

sen nicht mal ihre Kinder impfen«, berichtet der Arzt Dr. Jorge Prieto -- aus Angst, entdeckt zu werden. »Sie kommen nur, wenn sie stark bluten oder ihre Schmerzen einfach nicht mehr ertragen.«

Natürlich bezahlen sie auch nicht mit Schecks oder auf Kreditkarte, sie schleppen ihr Barvermögen mit sich herum -- willkommene Raubopfer -- und rufen nie die Polizei, aus Furcht, entdeckt und nach Mexiko abgeschoben zu werden.

Denn sie sind, in der offiziellen US-Umschreibung, »undocumented aliens« und »undocumented workers«. Und wer aufgegriffen wird, den schickt der »Immigration and Naturalization service« zurück. Mehrmals in der Woche starten in Chicago gecharterte Greyhound-Busse Richtung Rio Grande. Insassen: illegale Latinos.

Ihr Verschulden besteht »ausschließlich in der Tatsache, daß ihnen die richtigen Papiere fehlen«, schreibt die CBS-Korrespondentin Elizabeth Midgle in einem Plädoyer für die Legalisierung der Latinos, das die Zeitschrift »Atlantic« veröffentlichte. Auch das »Wall Street Journal« schrieb unlängst: »Der einfachste, billigste und fairste Weg, den US-Arbeitsmarkt zu schützen, wäre eine Legalisierung der Einwanderer.«

Denn -- das hat die Geschichte gelehrt -- alle Ausweisungen nutzen nichts; die Abgeschobenen, die keinen Ozean, sondern nur einen Fluß zu überqueren haben, kehren immer wieder. manche mehrmals im Jahr.

Mitte der fünfziger Jahre wurden aus dem Südwesten der USA in der Großaktion »Operation Wetback« vier Millionen Mexikaner vertrieben. 1977 wurden etwa eine Million deportiert. Doch mehr als 800 000 sickern in jedem Jahr illegal wieder ein.

Dabei sind aus der gesamten westlichen Hemisphäre überhaupt nur 120 000 legale Einwanderer pro Jahr zugelassen; die Quote für Mexikaner ist verschwindend gering -- im Gegensatz zu Puertoricanern, die ja, als US-Bürger zweiter Klasse, durchweg das Recht zur Einwanderung haben und beispielsweise die South Bronx von New York wie den Westen von Chicago zu Hunderttausenden überschwemmten.

Mexikaner, so haben die Einwanderungsbehörden errechnet, können im Durchschnitt zweieinhalb Jahre untertauchen.

Präsident Carter sieht in ihnen nicht nur Gesetzesbrecher, sondern auch eine Bedrohung der Arbeitsplätze sogenannter ordentlicher Amerikaner und eine finanzielle Belastung. Er bat den Kongreß, die Schwemme zu stoppen und den »Aufenthalt der bereits Anwesenden zu regeln«.

Ein Plan sieht den Zwischenstatus »zeitweilig ansässiger Ausländer« vor. Eine solche Person dürfte insgesamt fünf Jahre in den Staaten arbeiten, könnte aber nicht eingebürgert werden, dürfte weder die Familie mitbringen noch Wohlfahrtszahlungen empfangen.

Das aber, so die Latino-Anwältin Vilma Martinez. würde nicht nur Familien zerreißen, sondern auch die Diskriminierung verewigen: Der Arbeitnehmer zweiter Klasse wäre offiziell eingeführt.

Viele Arbeitgeber haben am grauen und schwarzen Arbeitsmarkt freilich längst Gefallen gefunden: »Amerikaner sind für erniedrigende Arbeiten nicht mehr zu haben«, erklärt einer. »Sie gehen lieber auf Wohlfahrt.« Die Lücken füllen die Illegalen.

Wie unmoralisch die chaotischen Zustände sich sogar dort auswirken, wo Illegale grundsätzlich keine Beschäftigung finden, rechnen Latinologen der Regierung vor.

Die Hosenfabriken von El Paso beispielsweise rühmen sich, keine Illegalen zu beschäftigen. Die meisten Angestellten sind ordnungsgemäß registrierte Frauen, vor allem Mütter kleiner Kinder -- die aber nur deshalb für 130 Dollar in der Woche an den Maschinen stehen können, weil sie ab 25 Dollar illegale Kindermädchen kriegen.

Nicht nur die Ausbeutung der Arbeitskräfte beschäftigt die Führer der Latinos. Auch die Räubereien an ihrem historischen Erbe werden immer fordernder diskutiert.

»Wie sind die Vereinigten Staaten eigentlich zu Texas und Kalifornien gekommen?« fragt Felipe Ayala, Leiter eines »Latin American Youth Center« in Chicago. Er meint: »Ich sehe die Sache nicht so, daß wir hier die Fremden sind.«

Ähnlich dachte wohl Michael Rendon aus Oak Lawn im US-Staat Illinois, als er im vergangenen Jahr an Präsident Carter schrieb: »Vielleicht können Sie als Präsident unseres großen Landes mir bei einem Problem helfen, das auf Zeiten zurückgeht, bevor mich meine Mutter unter dem Herzen trug. Damals wurde meinem Vater Land gestohlen, seine Unterschrift wurde gefälscht auf einem Kaufvertrag für 600 Hektar im Süden von Texas ...«

Die Zeilen blieben unbeantwortet -- wie auch die Anfragen anderer, über die die »Los Angeles Times« unlängst berichtete.

So liegen bei einem Rechtsanwalt in Denver 60000 Akten von MexAmerikanern, die Entschädigung für Unrecht, begangen an ihren Vorfahren, verlangen.

Die Akten sind Dokumente des Terrors: Viele der alten Siedler wurden vertrieben oder ermordet. Die Texas Rangers behandelten mexikanische Siedler kaum anders als mexikanische Banditen, In zahlreichen Gerichtsgebäuden gingen Urkunden durch »mysteriöse Brände« verloren, Land und Bodenschätze waren mittlerweile in den Besitz weißer Rancher übergegangen.

Die Geschichte der MexAmerikaner im Südwesten ist so blutig und elend wie die Leidensgeschichte der Schwarzen im Süden. Anwältin Vilma Martinez sagt denn auch: »Texas ist unser Mississippi.« Dennoch fühlen sich die beiden Minderheiten nicht durch Solidarität verbunden. Weithin herrschen Konkurrenz und Streitigkeiten zwischen Schwarz und Braun.

In Chicago zum Beispiel könnten Schwarze und Latinos bereits eine machtvolle Koalition bilden, denn zusammen machen sie schon über die Hälfte der Bevölkerung aus, und in zehn Jahren werden gar zwei Drittel aller Einwohner Chicagos Schwarze oder Latinos sein.

»Wir könnten«, meint Werbefachmann Marcelino Miyares, »die Anglos ein für allemal entmachten.«

Zwischen den mächtigen Blöcken der Weißen und Schwarzen (über 40 Prozent) sind die legalen Latinos (elf Prozent) in Chicago oft ein Korrektiv, umworben von beiden Seiten.

Die Latinos sind auf dem Weg zur Emanzipation erst dort angekommen, wo die Schwarzen schon vor zehn Jahren waren. Sie wollen »endlich eine Scheibe abkriegen«. Folge: Nun sehen sich auch Schwarze von Latinos bedrängt, die sich um traditionelle Negerjobs bemühen -- wie Kellner, Boten, Schwestern, Wärter.

Diesen Druck bekamen unlängst auch die Bosse der Kosmetikfirma Johnson Products Co. zu spüren, eines der größten Negerunternehmen der Staaten. In ihrer Chefetage erschien eine Delegation von Puertoricanern« protestierte gegen angebliche Diskriminierung durch die Schwarzen und forderte Arbeitsplätze für Latinos. Andernfalls, so drohte Carlos Castro, der Präsident der »Puerto Rican United Front«, werde er einen Boykott aller Johnson-Produkte organisieren -- gerade so, wie Schwarze während der sechziger Jahre weiße Gesellschaften boykottiert hätten.

Jesse Jackson, der schwarze Chef einer Chicagoer Bürgerrechtsorganisation, mußte sich von Castro sagen lassen: »Das habt ihr mit den Weißen gemacht, und jetzt machen wir es mit euch.«

»Indem die Schwarzen in bessere Positionen aufrückten, haben sie sich in vielen Fällen den Latinos entfremdet«, schrieb die »Chicago Tribune«. Für einen Latino seien Schwarze oft schon das Establishment.

Der Soziologe Samuel Betances sieht das Dilemma der Latinos so: »Schwarze sehen in ihnen bessere Weiße, und Weiße betrachten sie als bessere Schwarze. Latinos befinden sich in einem rassischen Niemandsland.«

Am schlimmsten seien die dunklen Latinos dran, meint Carlos Castro. Besonders in Puerto Rico haben Generationen von Mischehen zwischen Spaniern und Afrikanern eine breite Palette von Hauttönen geschaffen -- und mit ihr entstand Toleranz gegenüber rassischer Vielfalt.

Aber in Chicago, sagt er, machten seine braune Haut und sein krauses Haar ihn zur Zielscheibe für Rassisten sogar innerhalb der lateinischen Gemeinden. Castro: »Wir sind die neuen Nigger in der Stadt.«

Einig sind sich Blacks und Latinos nur in ihrer Solidarität gegen Polizeiwillkür. »Wirklich zusammen stehen wir nur gegen diesen gemeinsamen Feind«, sagt Héctor Franco von den »Allies for a Better Community«. »Wenn das getan ist, kehren wir in unsere eigenen Welten zurück.«

Doch Latino-Sprecher Felipe Ayala ist zuversichtlich: »Wozu die Schwarzen 20 Jahre brauchten, das schaffen wir in zehn Jahren. Wir können von ihren Fehlern lernen und haben den Vorteil starker Familien und eigener Kultur.«

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